Vor dem Konfliktpotential der Religion (nicht) die Augen schließen

Religion ist nicht harmlos – und darf nicht aus dem öffentlichen Leben verbannt werden. Stefan Gärtner (Tilburg) sieht die aktuelle Diskussion über Religion und Gewalt auch als Anfrage an die Religionsgemeinschaften selbst.

Wenn kleine Kinder beim Spielen die Augen schließen, dann meinen sie, dass die Welt in diesem Moment verschwunden ist. Gefahr gebannt! Dieselbe infantile Strategie benutzen Länder des Westens, wenn es um das Konfliktpotential der Religion geht. Was man nicht sieht, das gibt es nicht.

Versuchte Neutralisierung der Religion

Eine Möglichkeit des Augenschließens ist die weltanschauliche Neutralisierung des Zusammenlebens, um religiöse Konflikte zu entschärfen. Wenn jemand dieses Jahr in der Weihnachtszeit in den USA bei Starbucks einen Kaffee bestellt, dann wird er einem oder einer in einem weihnachtsmannmantelroten Becher serviert. Konservative Christen in Amerika haben sich darüber bei der Firma beschwert. Denn in den Jahren davor waren jeweils Weihnachtsmotive auf den Bechern zu sehen. Das hat Starbucks nun vermieden, um die religiösen Gefühle von nichtchristlichen Kaffeetrinkern nicht zu verletzen. Schon seit längerem wünscht man sich vor den Feiertagen in Amerika nicht mehr das traditionelle Merry Christmas, sondern einen Happy Holiday.

Eine britische Kinokette hat aus dem gleichen Grund einen Werbefilm der Anglikanischen Kirche abgelehnt. Darin zitieren bekannte und weniger bekannte Christinnen und Christen jeweils einen Bitte des Vaterunsers. Dies könne Kinobesuchern eines anderen Glaubens sauer aufstoßen, so die Argumentation der Betreiber. In den Niederlanden gab es Streit darüber, ob ein Straßenbahnfahrer in Rotterdam über seiner Uniform ein Kreuz tragen darf oder ob die Stadt Amsterdam mit Blick auf das Neutralitätsgebot des Staates die Diakonie der Heilsarmee im Rotlichtviertel bezuschussen sollte. Und in Frankreich hängt in allen Schulen die so genannte Charta der Laizität. Sie symbolisiert ein Grundprinzip der Republik. Nach den Attentaten Anfang 2015 investierte man nicht in religiöse Bildung, sondern brachte mit einer Grande mobilisation pour les valeurs de la République Maßnahmen in den Schulen auf den Weg, die unter anderem den Laizismus fördern sollen.

Was diese Entwicklungen bei allen Unterschieden verbindet ist, dass Religion aus dem öffentlichen Raum verbannt werden soll, um so Konflikte zu vermeiden. Es geht um eine schwache Form der Toleranz, bei der religiöse Gegensätze nebeneinander bestehen können, ohne ausgetragen zu werden. Religion ist aber mitnichten zur Privatsache geworden – den Platz im eigenen Wohnzimmer gestehen ihr schließlich selbst abgehärtete Säkularisierungstheoretiker zu. Doch nicht zuletzt durch den immer selbstbewusster auftretenden Islam bleibt Religion auch in der Spätmoderne eine öffentliche Angelegenheit. Das kann sogar zu gewalttätigen Konflikten führen. Darum wählen Gesellschaften den Weg einer vermeintlichen Neutralisierung dieser Macht in der Öffentlichkeit.

Institutionalisierung des religiösen Konfliktpotentials?

In Deutschland ist die Lage anders als in den genannten Ländern. Hier wird Religion weitgehend mit dem verkirchlichten Christentum (F.-X. Kaufmann) verbunden. Das System der Kirchensteuer und die Koalition mit dem Staat zum beiderseitigen Vorteil ermöglicht den großen Konfessionsgemeinschaften als Körperschaften öffentlichen Rechts eine Monopolstellung auf dem religiösen Feld. Damit steht Religion als Quelle für das Sozialkapital einer Zivilgesellschaft auch Nichtchristen immer vor Augen. In meinem Geburtsort Bielefeld nehmen zum Beispiel die Bodelschwinghschen Anstalten Bethel mit ihren diakonischen Einrichtungen gleich einen ganzen Stadtteil ein. Zum anderen kann das Konfliktpotential der Religion mit ihrer Institutionalisierung als Kirche kanalisiert werden. Wenn es einen Konflikt gibt wie bei den Fällen sexueller Gewalt in katholischen Einrichtungen, benutzt die Kirche über Präventionsschulungen, wissenschaftliche Untersuchungen, die finanzielle Kompensierung der Opfer, innerkirchliche Strafverfolgung und ein Meldesystem für Verdachtsfälle die typischen Verfahren einer bürokratischen Organisation, um das Problem zu bearbeiten. Das ist natürlich bitter nötig. Fraglich ist allein, ob das Thema damit nicht gleichzeitig auch zugedeckt wird.

Religion ist nicht harmlos

Religion ist nach innen (sexuelle Gewalt) nicht immer harmlos noch ist sie nach außen (religiöser Pluralismus) immer friedlich. Der Umgang mit ihren Schattenseiten ist kein Kinderspiel. Die Säuberung der Öffentlichkeit von allen religiösen Verweisungen und die Verkirchlichung des Christentums sind zwei Wege, wie spätmoderne Gesellschaften mit diesen Schattenseiten umgehen. Die gemeinsame Gefahr beider Strategien ist, dass man damit das Konfliktpotential der Religion gebannt zu haben meint. Dieses Potential besteht aber weiter, auch wenn im Zusammenleben die Augen davor oft verschlossen werden. Es ist bedrohlicher, als wir uns eingestehen mögen.

Am Ende stellt das Konfliktpotential jeder Religion nicht nur eine Herausforderung für das spätmoderne Zusammenleben dar. Es ist zuerst eine Anfrage an die Religionsgemeinschaften selbst.

(Stefan Gärtner, Tilburg)

 

 

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