Wendepunkt(e): Maria von Magdala und ihre Begegnung mit dem Auferstandenen (Joh 20,11–18)

Gartengrab Jerusalem Gartengrab Jerusalem

Das Grab ist leer. Maria aber stand draußen und weinte. Volker Niggemeier blickt auf Marias Wendepunkt(e) in der Begegnung mit dem Auferstandenen.

11 Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein. 12 Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, den einen dort, wo der Kopf, den anderen dort, wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten. 13 Diese sagten zu ihr: Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben. 14 Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war. 15 Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast! Dann will ich ihn holen. 16 Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich ihm zu und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister. 17 Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. 18 Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte. [Neue Einheitsübersetzung (2016)]

Der Textabschnitt Joh 20,11–18 gehört in der Reihe der Texte, die von Erscheinungen des Auferstandenen erzählen, zu den prominentesten. Innerhalb der exegetischen Auslegungen ist er Musterbeispiel für unterschiedliche methodische und hermeneutische Zugänge: Während frühere Untersuchungen stärker nach vorliegenden und vom Verfasser verarbeiteten möglichen Quellen und Traditionen fragten, betonen neuere Studien stärker den ganzheitlichen narrativen Entwurf des Textes, der speziell Glaubenswege für die Leserinnen und Leser abbilde.[1] Die folgenden Ausführungen fokussieren die Erzählfigur der Maria von Magdala und ihre Begegnung mit dem Auferstandenen, deren Glaubensweg sich anhand von „Wendepunkten“ vollzieht.

Anders als die synoptischen Evangelien, die mehrere galiläische Frauen am leeren Grab wissen, spricht das JohEv ausschließlich von Maria Magdalena. Aus dem Kontext geht hervor, dass sie ein zweites Mal am leeren Grab steht. Bereits am frühen Morgen des Ostertages ist sie dorthin gekommen und sieht, „dass der Stein vom Grab weggenommen war.“ (Joh 20,1). Maria läuft daraufhin zurück nach Jerusalem und berichtet Petrus und dem namenlosen Lieblingsjünger, dass man den Herrn aus dem Grab weggenommen habe. Damit löst sie einen regelrechten Wettlauf zwischen beiden Jüngern zum Grab Jesu aus (Vgl. V.3–10).[2]

Maria will Gewissheit über das Schicksal ihres Herrn, ihn zurückholen und an ihm festhalten.

Hier setzt die Szene um Maria mit V.11 wieder ein: Sie steht am Grab und weint. Ihre Tränen sind einerseits zweifellos Ausdruck ihrer Emotionen und ihrer Trauer, andererseits zeigen sie auch die Fassungslosigkeit angesichts des fälschlich angenommenen Leichenraubes. Die innere Bewegtheit Marias findet sodann Ausdruck in der äußerlichen Bewegung in die Grabkammer hinein[3], welche nun jedoch nicht länger leer, sondern von zwei Engeln besetzt ist, die sie nach dem Grund ihres Weinens fragen. Die Frage „Frau, warum weinst du?“ (V.13) führt Maria jedoch nicht zu einer Erkenntnis des Ostergeschehens und die Gottesboten treten hier (anders als sonst in den neutestamentlichen Erzählungen) auch nicht als Hermeneuten oder Verkündiger eines göttlichen Ereignisses auf.[4]

In einer Wendung aus dem Grab hinaus dreht sich Maria nun Jesus zu, der unvermittelt vor ihr steht, jedoch noch nicht von ihr erkannt wird. Sie hält ihn für den Gärtner und antwortet auch ihm auf dessen Frage, warum sie weine (Vgl. V.15). Maria will Gewissheit über das Schicksal ihres Herrn, ihn zurückholen und an ihm festhalten. Ihre Emotionen stehen ihrer Erkenntnis im Weg.

Das Wiedererkennen Jesu wird zur Erkenntnis des Ostergeschehens.

Nun aber, mit V. 16, ändert sich die Situation: Jesus nennt Marias Namen und ruft sie so in ihrer Identität. Das Wiedererkennen Jesu wird so für sie zur Erkenntnis des Ostergeschehens. Jetzt weiß sie, wen sie vor sich hat, und auch wenn sie Jesus nicht festhalten kann, kann sie nun zur Verkünderin der Osterbotschaft werden. Dazu beauftragt sie Jesus (Vgl. V. 18).

Dieses zweite Sich-Umwenden ist auffällig …

Einem letzten Detail sei Beachtung geschenkt: Nachdem der Auferstandene Maria beim Namen genannt hat, wendet sich diese um (Vgl. V.16). Dieses zweite Sich-Umwenden ist auffällig, denn Leserinnen und Leser müssen mit V.14 davon ausgehen, dass Maria Jesus schon zugewandt steht. Die Tatsache, dass Maria sich nun wieder abwenden würde, ist immer schon als Problem gesehen und als Spannung im Text betont worden. Eine m. E. angemessene Erklärung liefert der deutsche Schriftsteller Patrick Roth in seiner Erzählung Magdalena am Grab (engl. Mulholland Drive).

Er macht darauf aufmerksam, dass der Text hier eine Leerstelle beinhaltet. Er verschweige, dass Maria während ihrer Antwort auf Jesu Frage nach dem Grund ihres Weinens an ihm vorübergegangen sei. Nur so ergäbe das zweite Sich-Umwenden Sinn, das als Wendepunkt im Glaubens- und Erkenntnisweg der Maria zu gelten habe. Denn: Erst bei der Namensnennung ist es das „entscheidende Mal, daß sie sich wendet und in diesem Sich-Wenden: verwandelt wird […] in eine, die ihn erkennt.“[5]

Erst in einem zweifachen Sich-Umwenden führt der Glaubensweg zur Erkenntnis.

Das leere Grab wahrnehmen, davor stehen bleiben, Traurigkeit zulassen und hinsehen ist ein erster Schritt auf dem Glaubensweg der Maria, der jedoch erst in einem zweifachen Sich-Umwenden zur Erkenntnis führt, dass Jesus der Auferstandene ist. „Aber auch er hat sich in diesem Moment des Wiedererkennens verwandelt: [J]etzt ist er der Erkannte. Und Magdalena ist er erst darin – durch diesen Moment des Erkanntseins – auch auferstanden.“[6]

___

Volker Niggemeier ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Exegese des Neuen Testaments an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

Bild: feinschwarz.net

___

[1] Vgl. hierzu Johannes Beutler: Das Johannesevangelium. Kommentar, Freiburg i. Br. 2013, 514–516 sowie Jean Zumstein: Das Johannesevangelium (KEK 2), Göttingen 2016, 740.

[2] Zur Interpretation dieser in die Erzählung eingeschobene Szene vgl. z.B. Udo Schnelle: Das Evangelium nach Johannes (ThHK 4), Leipzig 31998, 326f.

[3] Insgesamt dominieren in der Szene die Verben der Bewegung. Vgl. Schnelle, 327.

[4] Auch ist Maria noch zu sehr in ihre „Trauer eingeschlossen“ (Ludger Schenke: Johannes. Kommentar, Düsseldorf 1998, 375.) und kann so das göttliche Zeichen der Engelserscheinung nicht richtig deuten (Vgl. ebd.).

[5] Patrick Roth: Magdalena am Grab (Insel-Bücherei 1234), Frankfurt a. M. 2002, 48 [Hervorhebung V.N.]. Diese mögliche Interpretation im Sinne einer übertragenen und geistlichen Wendung benennt auch (wenngleich vorsichtiger) Beutler, 522.

[6] Roth, 48.

Print Friendly