„Wenn Fremde bei dir in eurem Land leben…“ (Lev 19,33-34)

„Beschenkte Menschen sind beseelte Menschen, die Beseelendes geben können“, so Ottmar Fuchs in seiner Ansprache am „Tag des Judentums 2016“ in der Herz-Jesu-Kirche Graz. Wir dokumentieren die Ansprache hier und ergänzen das Thema morgen um einen Kommentar des Autors zur aktuellen Situation.

1. Aus dem Geschenk der Liebe heraus ist vieles, manchmal alles möglich!

Aus Liebe und Freundschaft heraus können Menschen fast alles geben. Menschen, die sich gerne haben, die aufeinander vertrauen, können zueinander sagen und auch entsprechend handeln: „Für dich tue ich viel, für dich würde ich viel riskieren.“ Eltern krebskranker Kinder, so erzählt eine Krankenschwester aus der Kinderabteilung eines Krankenhauses, können aus ihrem Herzen heraus sagen: „Ich würde mein Leben für mein Kind geben, damit es wieder gesund wird.“ Dass jemand so etwas sagen kann, könnte niemals gefordert werden oder könnte auch nie ein Gebot sein, das von außen auferlegt wird, sondern ist deswegen möglich, weil es aus dem Herzen der Beziehung kommt und von daher seine Kraft bezieht. Aus dem Geschenk der Liebe heraus, nämlich zu lieben und geliebt zu werden, wächst dieser Drang, für den anderen Menschen einzustehen.

Die Zehn Gebote ereignen sich in jener Beziehung, in der Gott sein Volk liebt.

Aus dieser Einsicht heraus möchte ich auf die, für uns heute höchst brisante Textpassage aus Lev 19,33-34 zugehen: „Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.“ Was zunächst als eine Forderung „von außen“ klingt, wendet sich am Schluss dieses Textes, der an das erinnert, was Gott im Auszug aus Ägypten dem Volk bereits Gutes getan und geschenkt hat. „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten, aus dem Sklavenhaus, herausgeführt hat“. Und erst danach erfolgen in Ex 20,1ff die Zehn Gebote. Letztere hängen nicht ressourcenlos in der Luft, sondern ereignen sich in einer ganz bestimmten Beziehung, nämlich in jener Beziehung, in der Gott sein Volk liebt, in der Gott Mitleid mit ihm hat, in der er die Not hört, in der er die Freiheit schenkt und sie dabei durch Dick und Dünn begleitet. Und genau das, was das Volk in dieser Beziehung von Gott an Gutem erlebt und geschenkt bekommt, kann es dann auch entsprechend an die Menschen und an die Gestaltung der Gemeinschaft nach innen und nach außen weitergeben.
Israel darf nicht selbst in die Gefahr kommen, für andere zu Ägypten zu werden. Gott lässt sich nicht durch falsche Grenzziehungen täuschen. Die Würde „seines“ Volkes hängt daran, mit welcher Würde dieses Volk andere Menschen und Völker betrachtet und behandelt. Wenn die Landbesitzenden nicht das Klagegeschrei der Fremden und Flüchtlinge hören, befinden sie sich außerhalb der Heiligkeit Gottes, jenes Gottes, der das Geschrei und das Jammern seines Volkes gehört hat (vgl. Ex 2,24).

2. Heiligkeit: zuerst Gabe, darin ermöglichte Aufgabe

Das Gebot der Nächsten- und Fremdenliebe ereignet sich im Heiligkeitsgesetz: „Ihr sollt heilig sein, denn ich, heilig bin ich, der Herr Euer Gott.“ (Lev 19,1-2). Die Begründung ist hier nicht nur eine argumentative, sondern eine Grundlegung und Verwurzelung der Aufgabe in der Gabe Gottes selbst. Heilig ist Gott, indem er das Elend seines Volkes hört und es befreit. Darin zeigt er seinen Mitschmerz mit den Bedrängten, mit den Unerwünschten und Versklavten. Alles also, was Gott fordert, hat er selbst erst einmal schon gegeben. Er fordert nichts, was er nicht schon geschenkt hätte. Die Gnade geht dem Auftrag voraus.
Die Heiligkeit schützt das Geforderte davor, zum nackten Befehl von außen und damit zur Entfremdung der eigenen Identität zu werden. Heilig ist sein Bund mit Israel. Seine Autorität gäbe es nicht, wäre sie nicht verankert in seiner barmherzigen und rettenden Beziehung zu seinem Volk. Die Heiligkeit Gottes bespricht zuerst die Beziehung Gottes zu den Menschen und befähigt und motiviert die Menschen zu dem, was zu tun ist. Der Anspruch gründet im Zuspruch, die Aufgabe in der Gabe. Die Heiligkeit Gottes entzieht dem Gesetz das Gesetzliche. Im Johannesbrief wird es heißen, dass Gott die Menschen immer zuerst geliebt hat und liebt (vgl. 1 Joh 4, 9-10.18-19), und bei Paulus wird es im Zusammenhang der Rechtfertigungsgnade heißen, dass Gott die Menschen als Sünder und Sünderinnen, noch bevor sie sich verändert haben, in die bedingungslos liebende Anerkennung ihrer Existenz aufgenommen hat (vgl. Röm 5,18).

… von Gottes unendlicher Unantastbarkeit her auch die Unantastbarkeit der Menschenwürde zu betreiben.

Die Erfüllung des Gesetzes ist möglich aus dem Geschenk der Heiligkeit Gottes heraus. Denn Gottes Heiligkeit erweist sich darin, dass er sein Volk achtet, liebt, hört und rettet, dass er in einem Bund mit den Menschen leben will, dass er diesen Bund haben und halten will. Ein solcher Gottesbezug ist eine schier „unendliche“ Ressource, um Menschen „von der Egozentrik zur Allozentrik“ zu befreien.1 Heilig wie Gott werden heißt also nicht, Gott gleich zu werden, sondern aus seiner Heiligkeit heraus selbst die Kraft zu bekommen, sein Wesen unter den Menschen erfahrbar werden zu lassen, wie etwa darin, von Gottes unendlicher Unantastbarkeit her auch die Unantastbarkeit der Menschenwürde zu betreiben.2
Oder: Wie er auf die Klagen seiner Volkes hört, wie er Mitleid empfindet und darin seine ganze Empathie mit den bedrängten Menschen offenbart, sich auch selbst auf die Spur der Empathie, des Nachfühlens zu begeben, indem man sich erinnert, wie man selbst fremd und Sklave im anderen Land war, und von dieser Erinnerung dann auch die Fähigkeit aufbringen kann, sich jetzt in die Fremden hineinzufühlen und nachzuerleben, was sie erleben, um von daher die emotionale Kraft zu gewinnen, mit ihnen so umzugehen, wie Gott mit dem eigenen Volk umgegangen ist.

3. Erinnerung

Doch dass alles zunächst einmal Gnade ist, ist leicht zu übersehen und zu vergessen, wenn man nicht mehr in der Not ist, wenn man selbst einheimisch das Land souverän besitzt. Deswegen ist diese Erinnerung so wichtig, die Erinnerung daran: Gott hat euch beschenkt, mit der Befreiung, mit dem Land. Und dieses Land ist, weil es selber ein Geschenk Gottes ist, auch mit dieser Intention zu gebrauchen und damit weiter zu schenken. Das Eigene ist immer verdankt. Genau daran erinnert die Sozialgesetzgebung Israels, vor allem im Zusammenhang des Jobeljahrs, in dem nach sieben mal sieben Jahren aller Besitz wieder an Gott zurückgeht und von ihm so verschenkt wird, dass entstandene Ungerechtigkeit zurückgenommen wird. Denn nach Lev 25,23 steht das Land unter Gottes Vorbehalt: Mein ist das Land, und Fremde und Beisassen seid ihr bei mir.3 Wir alle sind die willkommenen Fremden, die in Gottes Land leben.
Es gilt, mit dem Land so umzugehen, als hätte man es nicht, wie Paulus es später sagen wird (vgl. 1 Kor 7,29-32). Es immer wieder freizugeben aus dem Tausch in die Gabe, aus der Leistung in das Geschenk. Die Erinnerung ist der Vorgang, in dem dies immer wieder bewusst wird: Alles ist zunächst einmal Geschenk, unverdient, unerleistet, der Bund Gottes für die Menschen und darin die ganze Schöpfung und das Leben überhaupt.

von der Mentalität, immer nur zu kurz gekommen zu sein, zur Einsicht, in Vielem völlig unverdient beschenkt zu sein

Erinnert euch: Dies gilt auch für heute: Gott hat uns beschenkt, mit dem Leben, mit dieser Schöpfung, mit Liebe und Freundschaft, die niemand herstellen kann, mit mancher Rettung, mit Wohlergehen, damit, dass wir in einem Land leben dürfen, wo wir vergleichsweise viel Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlergehen erleben dürfen. Mit den Flüchtlingen wie mit den Einheimischen umzugehen ist die Weitergabe dieses Geschenks.
Dieses Erinnern bringt einen Mentalitätswechsel, von der Mentalität, immer nur zu kurz gekommen zu sein, von der Mentalität permanenter Unzufriedenheit, zur Einsicht, in Vielem völlig unverdient beschenkt zu sein, und das beginnt bereits mit dem Leben selbst. Beschenkte Menschen sind beseelte Menschen, die Beseelendes geben können. Bei zu kurz gekommenen Menschen oder solchen, die immer dieses Gefühl aufrecht erhalten, das die anderen bevorteilt und sie selbst benachteiligt seien, kann keine Zufriedenheit und Dankbarkeit aufkommen. Es kann also kein Schatz anwachsen, an dem man andere teilhaben lassen kann. Vielmehr wird auf solche Herausforderungen dann nur noch mit Abwehr und Ausschluss reagiert. Wahrscheinlich sind wir bislang noch zu wenig aus einer solchen Haltung herausgekommen. Von vielen, vor allem aus dem sozialen Bereich, wird immer wieder beklagt, dass nicht selten eher die Ellenbogen als offene Arme erfahrbar seien.

4. Selbstentdeckung als Geliebte

Worauf die ganze Bibel hinausläuft, ist: sich selbst als geliebt zu entdecken. Die Selbstentdeckung als von Gott Geliebte, dies ist der biblische Glaube. Dies ist das Herz der Frohen Botschaft. Nämlich daran glauben zu dürfen und zu können, dass die Menschen von Geburt, von Empfängnis an, von Gott geliebt und ersehnt sind, unendlich erwünscht, unendlich über den Tod hinaus. Denn Liebe kann nicht hinsichtlich eines geliebten Menschen dessen Leid oder Tod wollen, sie will sein Leben. Unendliche Liebe will unendliches Leben. So sind die Menschen Geliebte und Gerettete. Und dies gilt auch kontrafaktisch, dies gilt auch gegen den Augenschein der Erfahrung von Leid und Tod. Dagegen steht der Augenschein der biblischen Texte. Gottes Liebe ist gegeben, nicht weil sie immer erfahrbar wird, sondern weil sie so geschrieben steht.

Geliebtsein öffnet für Verletzbarkeit!

Gott schenkt Leben und wird Leben schenken. Dies ist in Gott längst beschlossen und garantiert. In diesem Wort sind die Menschen bereits jetzt geborgen und damit über alles hinaus beschenkt. Aus solchem Bund, aus solcher Gottesbeziehung heraus können wir sagen: Für die Fremden tun wir viel, riskieren wir eigene Nachteile, denn in der Heiligkeit Gottes kommt niemand zu kurz. In der Kraft Gottes verwurzelt wird die Angst zum Vertrauen. Ein solcher Gottesbund ist der Fluss, der uns von Egoismus und der Angst zu einer verwundbaren Solidarität trägt. Denn Geliebtsein öffnet für Verletzbarkeit! Gibt Kraft für das Teilen, auch wenn es etwas kostet.
Hauen wir uns also nicht mit nackten Forderungen gegenseitig in die Pfanne. Diese machen nur defensiv. Sich nur mit Forderungen unter Druck zu setzen, spiegelt die Kälte, die die Forderungen bekämpfen wollen. Suchen wir nach den Ressourcen, auch den religiösen, die ein Teilen ermöglichen. Dies ist nicht nur von spiritueller und glaubensvertiefender, sondern auch von sozialpolitischer Bedeutung. Damit nicht wahr werden muss: Wer nicht teilen will, tötet jetzt schon und muss später noch mehr töten.4 Horst Eberhard Richters Einsicht bekommt hier eine neue Brisanz: Wer nicht leiden will, muss hassen.5

Religion und Glaube als Räume unverweigerter Liebes- und Achtungserfahrung

Ungeliebte Menschen hecheln ein Leben lang der Liebe nach, im Festhalten von Besessenem und im Klammern von Menschen, in der Angst um das Erworbene, in der unstillbaren Sehnsucht nach Anerkennung, Sicherung und Wertschätzung. Es gibt nur ein Kraut, das dagegen gewachsen ist, nämlich die Erfahrung und das darin ermöglichte Vertrauen, beschenkt und geliebt und nicht zu kurz gekommen zu sein.
Dies ist die Chance der Religion: dass auch Menschen, die zwischenmenschlich wenig Liebe erfahren haben, dann doch in einer solchen Gottesbeziehung Anerkennung und Beschenktsein erleben, was dann wieder Kraft geben kann, mit Menschen entsprechend umzugehen. Denn die Unendlichkeit der Liebe, dieser ewige Bund, diese Heiligkeit Gottes gilt auch gegen den Augenschein und ist von zwischenmenschlicher Erfahrbarkeit nicht abhängig, zwar darauf angewiesen, aber darüber hinaus gegeben. So ist es nicht nur eine Frage der christlichen Identität, sondern auch eine Frage der sozialen Verantwortung, inwiefern Religion und Glaube als Räume unverweigerter Liebes- und Achtungserfahrung erlebt werden dürfen.

… bis hin zu einer nachteilfähigen Solidarität

Heilig ist, was Gott heiligspricht, und das sind alle Menschen. Gott will sie geschätzt und geschützt haben. Deshalb hört er das Elend aller. Und die Aufgabe seines Volkes ist es, allen Menschen Anteil zu geben an dieser Qualität, Gottes Volk zu sein und in seinem Bund zu stehen. Besonders im Verhalten zum Fremden zeigt sich, ob und wie wir mit dem, was wir „haben“, was wir letztlich geschenkt bekommen haben, umgehen, bis hin zu einer nachteilfähigen Solidarität. Und nicht zuletzt ist auch daran zu denken, dass solche Begegnungen nachteiloffener Spiritualität und Solidarität zwar auf dem ersten Blick asymmetrisch ausschauen, aber es durchaus in sich haben können, dass man darin selbst viel geschenkt bekommt. Man kann viel bekommen, indem man viel gibt.

5. Gott immer größer und weiter sein lassen: Deus semper maior.

Eine biblisch herausragende Form, sich der Heiligkeit Gottes innezuwerden, ist der Lobpreis Gottes, der Höhepunkt des Betens überhaupt. Gottes Heiligkeit, also Gottes Liebe und Barmherzigkeit sind immer größer als all unsere Ängste, Verengungen, unser Scheitern, unser Nicht-aus-der Haut-Können, unser Zweifeln und Verzweifeln, all unser Glück und unser Elend. Dieses Gebet begibt sich in die unerschöpfliche Heiligkeit des Bundes Gottes mit den Menschen und traut ihr Unermessliches zu, unendliche Gnade über alle Hoffnungslosigkeit hinaus. Es ist die Doxologie der heiligen Unerschöpflichkeit einer Liebe, die Gott ist:
Kadosch Kadosch Kadosch Elohim Adonai Zebaoth.
Heilig Heilig Heilig Gott Zebaoth.

Ottmar Fuchs / Bild: by_knipseline / pixelio.de

  1.  Vgl. Daniel Kochmalnik, Kadosch. Das Heilige im Buch Levitikus und in der jüdischen Tradition, in: Bibel und Kirche 69 (2014) 2, 80-85, 84.
  2. Vgl. ebd. 85.
  3.  Vgl. Rainer Kessler, Utopie und Grenzen. Schabbatjahr und Jobeljahr in Lev 25, in: Bibel und Kirche 69 (2014) 2, 86-91, 87.
  4.  Vgl. Ottmar Fuchs, Wohin mit der „Angst im Abendland“?, in: Adrian Loretan, Franco Luzatto (Hg.), Gesellschaftliche Ängste als theologische Herausforderung. Kontext Europa, Münster 2004, 119-135.
  5. Vgl. Horst Eberhard Richter, Wer nicht leiden will, muss hassen. Zur Epidemie der Gewalt, Hamburg 1993.
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