Wo ist die Null-Linie? Von der nötigen Demut im Kontakt mit dem Unendlichen

Die Diskussion um die Entwicklung der katholischen Kirche hat ausgehend von Pfarrer Frings eine große Resonanz ausgelöst. Hans Joachim Sander (Salzburg) reagiert auf die Beiträge von Frings, Hennecke, Weß und Schießler – und tut dies anhand der Metapher der Null-Linie.

Der Münsteraner Priester Thomas Frings hat in seiner „?Kurskorrektur!“ auf die enttäuschend absinkende Zahl von Eintritten in die Priesterseminarien hingewiesen und davon gesprochen, dass sie „mancherorts auf eine Null-Linie“ zusteuern. Ähnliche Phänomene identifiziert er in seiner früheren Pfarrei. Seine persönliche Konsequenz, „der Kirche und der Welt weiter als Priester dienen, dies aber an einem anderen Ort“ zu tun, hat ihn bekannt gemacht und eine weitere Debatte ausgelöst. Seine Entscheidung geht mit der Einsicht einher: „Wir sind Teil einer gesellschaftlichen Entwicklung, auf die wir nur einen marginalen Einfluss haben.“ Trotz vieler Versuche und großer Anstrengungen ist die Null-Linie eine immer häufigere pastorale Entmächtigung.

Christian Hennecke hat darauf mit radikalisierten Fragen geantwortet. Das, was Frings anspricht, berühre „die zugrunde liegende Vision von Kirche“. Hennecke warnt vor Re-Visionen, also Rückbeugen über vergangene Fluchtlinien, die heute nur mehr eine Flucht darstellen, um bloß nicht anders sehen lernen zu müssen. Bei Hennecke mutiert die Null-Linie dahin, „ein Sterben zu erleben, dass uns von einer geliebten Vergangenheit löst“, also zum Umschlagpunkt für eine andere Zukunft. Er plädiert entschieden, „Schritt für Schritt an anderen oder gleichen Orten das Neue zu entdecken, das schon da ist.“

Paul Weß hat diese Kurskorrektur nun mit der überschaubaren Größe verstärkt, die seelsorglichen Einheiten um des Glaubens willen nicht überschreiten dürften, also eine (Basis-)Vergemeinschaftung eingefordert. Dort ließe sich erfahren, „dass die einzelnen Sakramente eigentlich eine Kirche in Gemeinden als das nötige Grundsakrament voraussetzen, um glaubwürdig gespendet und mitvollzogen werden zu können.“

Anders argumentiert Rainer Schießlers Wertschätzung von Frings. Ihm bereiten nicht allein Null-Linien, sondern auch eine zunehmende Neu-Klerikalisierung Sorgen. „Es entsteht eine große Kluft zwischen Klerikalismus einerseits und den wenigen noch aufbrechenden Gemeinden andererseits.“ Darum verwahrt er sich gegen bischöfliche Demütigungen von engagierten entklerikalisierten Priestern, denen ein Kardinal Meisner so gar nicht demütig vorhält, sie würden bloß „Mätzchen vollführen“ statt den Glauben zu verkünden. Auch die Glorifizierung einer mystifizierten Sonderexistenz des Priesters wie bei Bischof Oster wird vergiftet, wenn das die Demütigung anderer freisetzt, weil ihnen Lebenswende fehlt oder Partnerschaft wichtiger ist. Dem hält Schießler gleichsam die Müh-Seligkeit einer pastoralen Präsenz in den kirchlichen Normalvollzügen entgegen, die sich weder von Resignation noch Ressentiment den Schneid abkaufen lässt. „Und wenn ich bis zum Schluss dem Verfall beiwohnen werde, ich werde nicht weichen. Und selbst wenn ich zum berühmten Tropfen auf den heißen Stein werde.“

Diese Linie dient als Metapher für das, was immer stärker in der Normalpastoral zu Ende geht und Neuaufbrüche nötig macht.

Ich bin nicht dagegen, angesichts der Null-Linien auf Neues zu setzen, aber ich möchte auf einen unvermeidlichen Zwischenschritt hinweisen, den Frings, Hennecke und Weß auslassen, den Schießler dagegen markiert. Die drei gehen direkt von der Zumutung zur Ermutigung über, die sie in alternativen Orten, jetzt schon vorhandenen Aufbrüchen und überschaubaren (Basis-)Gemeinden lokalisieren. Aber im Wechsel von den Zumutungen zur Ermutigung schiebt sich eine dritte Größe ein, die Schießler im ‚Tropfen auf den heißen Stein‘ erreicht. Sie entgeht jedoch bereits der Sprachform, mit der die Null-Linie von Frings eingeführt und von Hennecke und Weß weitergeführt wurde. Diese Linie dient als Metapher für das, was immer stärker in der Normalpastoral zu Ende geht und Neuaufbrüche nötig macht. Damit verweist sie auf eine andere, größere Realität, die im Vergleich zu ihr ermutigende Perspektiven aufweist. Schießlers Tropfen auf den heißen Stein verspritzt sich demgegenüber in einer zerkleinernden Realität.

Der Münsteraner Regens Hartmut Niehues hat sich kürzlich in einem sehr bemerkenswerten Interview mit Kirche+Leben ebenfalls auf die Nulllinie bezogen, sie aber zugleich nicht metaphorisch gebraucht: „Im März dieses Jahres ist ein einziger Kandidat ins Gemeindejahr gestartet. Was bedeutet das für ein Bistum mit 1,9 Millionen Katholiken? Natürlich kommt es auf jeden Einzelnen an, aber realistisch betrachtet muss man sagen, wir sind quasi an der Nulllinie. Das wird tiefgreifende Konsequenzen haben. Der Rückgang der Priesterzahlen ist im Übrigen kein deutsches oder europäisches Phänomen. Überall dort, wo das Priesterwerden nicht mit sozialem Aufstieg verbunden ist, gehen die Zahlen zurück.“ Hier macht die Null-Linie das Problem sichtbar, wie sehr früher der Eintritt ins Priesteramt Aufstieg bedeutete, während das heute von der Kirche nicht mehr garantiert werden kann.

Der Respekt vor der Demütigung der Null-Linie macht die Hoffnung auf Hoffnung resistent gegen die Versuchung von Utopie.

Natürlich geht es auch Niehues wie allen anderen um die Transformation der Zumutung in eine Ermutigung. Auf die Frage, ob man eben keine Priester mehr benötige, sagt er sehr entschieden: „Doch! Unbedingt. Der Priester ist im besten Sinn des Wortes ein Hoffnungsträger. Hoffnung, die nicht von uns selbst, sondern von Gott kommt. Der Priester steht dafür ein, dass Gott der Handelnde ist.“ Aber Niehues belässt es nicht mit dem Wechsel von der Zu- zur Ermutigung, sondern respektiert etwas Drittes dazwischen. Es ist die Demut, präziser noch die Demütigung, die eine Konfrontation mit der Null-Linie für die Verantwortlichen der Priesterausbildung wie Regenten und Bischöfe, aber eben nicht nur für sie, sondern auch für theologische Fakultäten, möglicherweise für der Gemeinschaft der Gläubigen insgesamt auslöst: „Der Machtmissbrauch mancher ‚Pfarr-Herren‘, der sexuelle Missbrauch und der Umgang damit, der manchmal fragwürdige Umgang mit Finanzen, all das hat zu einem tiefgreifenden Verlust von Glaubwürdigkeit geführt. Es braucht meiner Meinung nach ein bescheidenes, ja demütiges Auftreten der Kirche in der Gesellschaft und einen tiefgreifenden Machtverzicht seitens der Priester. Vielleicht fassen die Menschen dann wieder Vertrauen zur Botschaft der Hoffnung, die wir verkünden.“ Dieser Respekt vor der Demütigung der Null-Linie macht Niehues‘ Hoffnung auf Hoffnung resistent gegen die Versuchung von Utopie. Sie demütigt nicht andere, sondern konfrontiert sich selbst mit dem, was schlichtweg falsch ist.

Die Null-Linie und der Tropfen sind Metonymien für Probleme, welche die Kirche selbst erzeugt hat.

Sein Hinweis geht nicht erst in einer übergeordneten Realität auf, sondern zeigt einen Vorgang, der gerade in dem, worauf er wie auch Schießler verweisen – die drohende Null-Zahl sowie der Tropfen auf dem heißen Stein – einen anderen Raum öffnet. Man geht nicht von dem weg, was sich einstellt, sondern tiefer in es hinein. Die Null-Linie und der Tropfen sind Metonymien für Probleme, welche die Kirche selbst erzeugt hat.

Nach der klassischen Analyse von Roman Jakobson werden Metaphern eher in poetischen Texten verwendet, während in der Prosa Metonymien vorherrschen. Gelangt Poesie mit metaphorischer Sprache auf eine andere Ebene, so erreicht die metonymisch geführte Prosa eine Augenhöhe mit Größen, die im Raum stehen und für den Hinweis unausweichlich sind.

Der katholische Klassiker dafür ist ‚Roma locuta causa finita‘. Das verweist auf einen Entscheidungsvorgang, in dem nicht Rom spricht, sondern ein Bischof, der aber tatsächlich in Rom lokalisiert ist. Dieses Sprechen ist ein komplexer Vorgang, in dem Rom aber tatsächlich einen Platz hat.

Die konkrete Erfahrung der Null-Linie ist kein poetischer Hinweis für Neuaufbrüche, sondern eine sehr prosaische Erfahrung von Ohnmacht.

Die Null-Linie und der Tropfen würden unterschätzt, wenn man darin nur die Metaphorik von Veränderung sieht. Sie sind vielmehr die Metonymie einer heterotopen Erfahrung, die sich genau hier, an den sich weiter leerenden Priesterseminarien und in der pastoralen Alltagsmühsal vor Ort, einstellen. Ich bleibe im Folgenden bei der Null-Linie, weil der dort unmittelbare Handlungsbedarf auch den Tropfen auf den heißen Stein einschließt. Es gibt diese Null-Linie und hier und dort wird sie bereits getroffen. Das ist kein poetischer Hinweis für Neuaufbrüche, sondern eine sehr prosaische Erfahrung von Ohnmacht. Das führt in das komplexe Transformationsproblem der gegenwärtigen Kirche hinein, das Niehues mit dem Hinweis auf die Null-Linie doppelt getroffen hat. Er legt einerseits das Problem frei, ob kirchliche Seelsorgeberufe überhaupt noch Aufstieg anbieten können, und zeigt andererseits die Not einer Demütigung auf, die von der ganzen Kirche – einschließlich ihrer Bischöfe – erst durchlaufen werden muss, ehe sich überhaupt Ermutigung einstellt. Man kann von einer Zumutung nicht unmittelbar zur Ermutigung übergehen, ohne die Demut vor dem, was sich dort aufdrängt, anzunehmen.

Aber die Ermutigung stellt sich an der Null-Linie auch wirklich ein. Mathematisch bringt die Null im System der natürlichen Zahlen nicht einfach mit einem Nichts in Kontakt. Ihre Kardinalität der leeren Menge hat einen ganz anderen Wert; denn sie bedeutet eine Kontaktzone mit dem Unendlichen. Führt die Teilung zweier natürlicher Zahlen zu einer Verkleinerung, bedeutet die Teilung durch Null unendlich, also unbeschränkte Vergrößerung. Geht ein Graph, der sich asymptotisch der Null-Linie nähert, in jedem anderen Punkt durch klar definierbare Werte, so trifft er auf die Null im Unendlichen. Man verstehe diese Metonymie der Null nicht falsch – sie ist nicht der Unendliche, also Gott, sondern erzwingt die Notwendigkeit, die Regeln zu ändern, um mit ihr mathematisch hantieren zu können. Dieser Kontakt mit dem Unendlichen führt zu einem anderen Diskurs; das macht die Null so heterotop valide. Sie öffnet eine andere Mathematik.

Wer die Demut hat, andere Regeln aus dem geradezu unendlichen Angebot an Möglichkeiten zu suchen, hat wenigstens die Chance auf Ermutigung und im Grunde sogar viel mehr.

Das gilt auch von der Null-Linie, die Niehues vor Augen steht. Sie ist die Kontaktzone mit einer Unendlichkeit, die nicht zu fassen ist, wenn man lediglich dieselben Regeln anwendet, die für die kirchlichen Zahlenverhältnisse vor der Null-Linie gelten. Regeländerungen sind nötig und dafür stehen zunächst einmal unbegrenzte diskursive Möglichkeiten. Was vor der Null gegolten hat und dort ausgeschlossen ist, ist hier nicht mehr valide. Wo man kirchlich auf Augenhöhe mit der Null-Linie in den Priesterseminarien gerät, kommt man nicht mehr ohne die Demut aus, Regeländerungen ins Auge zu fassen und Ausschließungen zu relativieren. Das ist keine souveräne Entscheidung, sondern eine unausweichliche Not. Wer aber die Demut hat, andere Regeln aus dem geradezu unendlichen Angebot an Möglichkeiten zu suchen, hat wenigstens die Chance auf Ermutigung und im Grunde sogar viel mehr. Das ist ja nun keine so neue oder gar überraschende Idee, aber in der Kontaktzone der Null-Linie, verliert die herkömmliche Kritik an Zölibat und Zulassungsbedingungen insgesamt ihren utopischen Gehalt. Sie spricht hier mit der Schwerkraft einer heterotopen Realität.

Auch hier muss man sich vor Utopien hüten. Mit der Abschaffung von Pflichtzölibat, mit veränderten Zugangsbedingungen, mit Widerstand gegen Re-Visionen längst falsifizierter societas-perfecta-Sehnsüchte ist eine funktionierende alternative Regel nicht schon da. Aber es ist zugleich klar, dass ohne diese Debatten und dann fälligen Entscheidungen keine zu finden sein wird, die nicht erneut an der Null-Linie scheitert und aus dem Unendlichkeitspool gläubiger Lebensformen eine andere Seelsorgemathematik generieren kann.

Wenn man bei kirchlichen Entscheidungsträgern in der drohenden Erfahrung der Null-Linie der Priesterseminarien nicht wenigstens die Metaphorik der sog. schwarzen Null halten will, dann wird man alternative Regeln offen diskutieren müssen. Das würde zeigen, wie nahe Kirche der Unendlichkeit tatsächlich sein kann, wenn sie gerade an diesem Ort ihrem Charakter entspricht, in der Menschheit herausgerufen zu sein, eine Hoffnung auch bei allen ernst zu nehmenden Schwierigkeiten zu glauben, die Menschen über ihre Grenzen hinaus beseelen kann. Diese metonymische Erfahrung macht sie sogar in ihrem innersten Kern aus.

(Als Reaktion auf diesen Beitrag: ein Leserbrief von Stephan Schmid-Keiser vom 29.4.2016)

(Bildquelle: http://matheplanet.com/matheplanet/nuke/html/uploads/6/7723_1_2.jpg)

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