Wunder Roms: literarische Blicke auf die Ewige Stadt

„Wunder Roms im Blick des Nordens“, so lautet eine Ausstellung im Diözesanmuseum Paderborn. Noch nie wurde versucht, die Romwahrnehmung im Überblick vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart im Rahmen einer Ausstellung zu behandeln. Christoph Stiegemann, der Leiter des Museums, hat das „Unmögliche“ nach vielen anderen bemerkenswerten Ausstellungen erneut realisiert. Erich Garhammer stellt am Pfingstsonntag und Pfingstmontag einige Positionen vor.

Christoph Stiegemann beendet seinen Beitrag zum Ausstellungskatalog „Roma refloret. Zum Konzept der Ausstellung“ mit dem Hinweis, dass es noch immer das Faszinosum Roms als Quellpunkt europäischer Kultur gebe.

Rom als Faszinosum

Er verweist als Beispiel auf die Literatin Marie Luise Kaschnitz. Sie schrieb kurz nach dem 2. Weltkrieg, dass von diesem Rom noch ein Licht ausgehe, „ähnlich jenem diaphanen und wunderbaren Leuchten, das manche Gegenstände nach Sonnenuntergang ausstrahlen und das die Wehmut des Abschieds in sich schließt, aber auch die Hoffnung auf einen neuen Tag.“ (Stiegemann 45). Den Blicken von Literaten auf Rom soll hier näher nachgegangen werden.

Der Blick von Marie Luise Kaschnitz

Kaschnitz hat sich in einem Tagebuch 1955 erneut der Ewigen Stadt zugewandt. Es sollte „Zehn Jahre nach dem großen Krieg“ heißen. Doch Kaschnitz verwarf den Titel –er war ihr zu rückwärtsgewandt. So nannte sie den Text „Engelsbrücke. Römische Betrachtungen.“ Ihre Beobachtung, dass der Engel auf der Engelsburg sein Schwert in die Scheide steckt, so nachdrücklich, als gelte es nicht nur der Pest des Mittelalters, sondern auch allen Kriegen und Schrecken ein Ende zu setzen, stimmte sie um. Das Tagebuch wollte wieder den Alltag in den Blick nehmen, den römischen Alltag. Marie Luise Kaschnitz lebte dort mit ihrem Mann, Guido Kaschnitz von Weinberg, dem Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts. Es sei schwer in Rom zu leben, das eigene Leben zu finden, so hält sie fest.

Römischer Alltag

Formeln helfen hier nicht weiter. Von einem dauernden Freudenrausch könne nicht die Rede sein, nur für Ferienreisende sei Rom Museum oder historisches Seminar, in Wirklichkeit aber moderne Großstadt, brüllende und ratternde Verkehrshölle. Das Tagebuch endet mit dem Satz: „Im Grunde war alles nach Hause geschrieben, in das Nebelland, für Menschen, die von Rom und vom sonnigen Süden überhaupt, eine ganz bestimmte Vorstellung haben.“ (Kaschnitz GW 2, 269)

Also ein Buch für Nordlichter, die nur Orangen phantasieren, wenn sie Rom hören. Aber von Orangen wird niemand satt und Ferien von der Zeit gibt es auch hier nicht auf ewig. Wenn man in Rom etwas lernen kann, dann ist es die Bescheidung, die uralte Geduld des römischen Volkes. Marie Luise Kaschnitz entwirft ein bestimmtes Bild von Rom, sie hat den römischen Alltag vor Augen, kleine Alltagsszenen will sie einfangen.

Arnold Stadler verliert hier seinen Kinderglauben

Als Arnold Stadler 1998 von der Evangelischen Akademie in Tutzing den Marie- Luise- Kaschnitz-Preis verliehen bekam, überschrieb er seine Preisrede: „Im Grunde war alles nach Hause geschrieben.“ Also eine Reminiszenz an diesen Satz von Kaschnitz aus ihren römischen Tagebüchern. Und er bekräftigt in seiner Rede: „Ich sage das auch.“ (Reinacher 119) Aber es war ein ganz anderes Rombild als das von Marie Luise Kaschnitz: der Theologiestudent und Priesteramtskandidat Stadler, der durch das Ministrieren und das Stufengebet „Introibo ad altare Dei“, „Ad Deum qui laetificat iuventuten meam“ die Schönheit des Glaubens kennengelernt hatte, verliert diesen Glauben in Rom und kehrt- wie er in seinem Roman „Mein Hund, meine Sau, mein Leben“ schreibt, desillusioniert zurück.

In Rom den Glauben verloren

„Ich hatte verloren, was am Anfang der Reise stand. Sagt man dafür den Glauben? Nein, nicht den Glauben, nicht in Rom…Es war nur ein Kinderglaube.“ (Stadler 2009, 353)

Ort der Krise und der Auferstehung: Hanns-Josef Ortheil

Zu nennen ist ferner Hanns-Josef Ortheil. Im Jahr 1970 kommt Ortheil als Student nach Rom und studiert dort am Konservatorium: eine Pianistenkarriere winkt- doch dann plötzlich der Verlust, der Einschnitt. Eine Sehnenscheidenentzündung an der Hand- er muss das Klavierspielen beenden. In einer dramatischen Krisenerfahrung findet er schließlich den Weg in die Literaturwissenschaft und ins eigene Schreiben, ein Weg, der ihn zu einem der erfolgreichsten Literaten der Gegenwartsliteratur, ausgezeichnet mit vielen Preisen, gemacht hat. Er wurde zum Inhaber des Lehrstuhls für kreatives Schreiben an der Universität Hildesheim.

Villa Massimo

In Rom ist ein Ort für Ortheil besonders wichtig: die Villa Massimo. Im Jahre 1993 tritt er den zweiten Teil seines Studienaufenthalts an, zusammen mit seiner eben geborenen Tochter Lotta. Das Leben ordnet sich neu. Manchmal wird er von einem solchen Freudenanfall heimgesucht, dass er sich beherrschen muss; alles um ihn herum lebt so auf ihn zu, dass er Angst bekommt, darin ganz zu verschwinden.

Er ist den Tag über mit dem Kind zusammen. Wenn er das Kind aus dem Bett nimmt, küsst er es sofort. Das Kind lächelt, nachsichtig, als wüsste es mehr. Freude pur ist hier zu spüren, und doch ist auch Angst in diese Freude gemischt. Das Kind weiß mehr. Es weiß etwas von der Bedrohung des Lebens, von der die Ortheilfamilie geprägt ist. Vier Kinder waren gestorben, bevor das fünfte überlebt. (Garhammer 42) Längst meint man die Biographie Ortheils in allen Facetten zu kennen. Seine Bücher scheinen nichts anderes zu sein als Variationen, ein Umkreisen der eigenen Biographie.

Und doch kommen immer wieder ganz neue Facetten hinzu: Seine Aufzeichnungen „Blauer Weg“ aus dem Jahr 1996, die er 2014 neu ediert und mit einem aktuellen Vorwort versehen hat, beweisen das. Das Vorwort ist eine Selbstvergewisserung für den eigenen literarischen Weg; Zusammenhänge, die er früher so nicht gesehen hatte, werden für ihn erst jetzt evident. Die Textgestalt des „Blauen Wegs“ besteht aus tagebuchartigen Einträgen und Erzählungen. In ihnen fließen das Gartenhaus in Stuttgart, sein neues Zuhause seit 1983 mit seiner Familie, Anschrift Blauer Weg, die weltpolitischen Ereignisse und der Aufenthalt in der „Villa Massimo“ zusammen.

Ortheil hat in Rom zu seinem Schreibton gefunden.

Ein neues Lebens- und Schreibgefühl tut sich auf, das den Schriftsteller Ortheil nunmehr ausmacht. Der Villa Massimo hat er den Roman „Rom. Villa Massimo“ gewidmet. Rom ist für ihn zu einem entscheidenden Ort geworden, zu dem er immer wieder zurückkehrt- in je unterschiedlicher Form. Sein Nachwort zu Émil Zolas „Meine Reise nach Rom“, ebenfalls 2014 erschienen zeigt es. Ortheil hat in Rom zu seinem Schreibton gefunden: man könnte ihn sapiential nennen im Sinne von Schmecken und Verkosten der Dinge, ja geradezu ignatianisch: Schmecken und Verkosten der Dinge von innen her.

Teil 2 zu „Wunder Roms“ folgt am morgigen Pfingstmontag auf feinschwarz.net.

Die Ausstellung „Wunder Roms“ in Paderborn wird noch bis zum 13. August 2017 gezeigt.


Prof. Dr. Erich Garhammer, Lehrstuhlinhaber für Pastoraltheologie an der Universität Würzburg seit 2000, vorher von 1991 bis 2000 in Paderborn. Schriftleiter der Zeitschrift „Lebendige Seelsorge“ und Herausgeber der Reihe „Studien zur Theologie und Praxis der Seelsorge“.

Bild: wikipedia / Haupthaus Deutsche Akademie Villa Massimo

Print Friendly, PDF & Email