„Man muss etwas anderes sehen können als das Kanonisierte“: Zu Peter Handkes 75. Geburtstag

Peter Handke feiert heute seinen 75. Geburtstag. Christoph Gellner wirft einen Blick auf diesen modernen Klassiker und seine Rezeption im Raum der Theologie.

Seine Stücke veränderten wie seine Prosa die Wahrnehmung. Ein Anhänger des landläufigen Storytelling ist Peter Handke nicht. Dem zurückgezogen bei Paris lebenden Solitär der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur geht es nicht um spannende Handlungsabläufe, ungewöhnliche Figurenkonstellationen oder überraschende Begebenheiten. Vielmehr geht es ihm um Wirklichkeitsevokation und -verdichtung mittels Sprache.

Im Filmporträt von Corinna Belz „Peter Handke: Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte“ (2016) bringt er selber sein Schreibprogramm in Anlehnung an den Schweizer Schriftsteller Ludwig Hohl auf den Punkt: „Phantasie ist nicht irgendeine Gaukelei, sondern herzliche Erwärmung des Vorhandenen.“

Handke zielt auf eine Entautomatisierung von eingeschliffenen Mustern.

„Verwandlung“ ist das Schlüsselwort dieses epiphanisch-evozierenden Erzählens. Handke versteht es als ein „kontemplatives Bei-den-Dingen-Sein“. Es zielt auf eine Entautomatisierung von eingeschliffenen Mustern nicht nur der Sprache, sondern auch der Wahrnehmung. Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff spricht von einer „Blickschule“: „Es ist eine sehr geduldige, scharfe Beobachtung in seinen Texten, die zu erstaunlichen Ergebnissen führt. Und Epiphanie meint in dem Fall wirklich etwas, das man so noch nie gesehen hat.“[1]

Nicht untypisch sind die z. T. gereizten literaturkritischen Reaktionen auf sein soeben erschienenes neues Buch Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere (2017). Die Titelfigur steht für „eine selbstverständliche, schelmenhafte Leichtigkeit“, „eine Virtuosität des spontanen, planlosen Lebens, von der Hand in den Mund“ (WELT), „eine besonders anmutige Form von Weltaufmerksamkeit“ (ZEIT).

Nicht untypisch: gereizte literaturkritische Reaktionen

Uneingeschränkt positive Zustimmung erfährt der „Meister der Prosa des Augenblicks“ (SZ), „der grandiose Beobachter und Berichterstatter von Vogeltreiben, Fliegentod, Rauchfangschwaden, Maisblätterrascheln, Momentfreuden, Waldesruh oder Wolkenhimmel“ (profil). „Ist das nun grotesk oder erhaben?“, fragt Ijoma Mangold in der ZEIT. „Muss man sich in ein Kloster zurückziehen, um Peter Handke lesen zu können?“ „Wenn Peter Handkes Verneigung vor der Schöpfung schon immer auch Versenkung war, und sei es nur in die Notizbücher beim Schreiben, dann ist dieser ausufernd lange Roman ein weiterer Anwendungsfall von theologischer Poetologie“ , so Paul Jandl (NZZ), der Handke religiös-erbauliche Positivität vorhält: „Nicht jeder muss gleich Rettung darin suchen, dass er sich die Welt metaphysisch schöntrinkt.“

Sein Sprach- und Weltvertrauen musste sich Peter Handke im Lauf der Jahre buchstäblich erst erschreiben. Standen seine avantgardistischen Anfänge doch ganz im Zeichen aufklärerisch-desillusionierender Sprach- und Gesellschaftskritik: „In Sätzen steckt Obrigkeit“[2]. Wie eine kritische Sprachanalyse schildert Handkes meistgelesenes Buch, Wunschloses Unglück (1972), die Lebens- und Sterbensgeschichte seiner Mutter: wunschlos geworden nahm sie ihr Leben erst in die Hand, als sie 51-jährig Hand an sich legte. Die Destruktion gängiger Schemata macht sichtbar, wie ein Individuum am erstarrten „Formelvorrat für die Biographie eines Frauenlebens“ regelrecht zerbricht.

»Die Fragen waren alle zu Floskeln geworden, und die Antworten darauf waren so stereotyp, dass man dazu keine Menschen mehr brauchte (…)«

Tief geprägt von seiner bäuerlich-katholischen Herkunft aus einer kärntner-slowenischen Kleinhäuslerfamilie unterzieht Handke den Wirklichkeitsverlust kirchlich-religiöser Sprache einer hellsichtigen Kritik: „Es gab nichts von einem selber zu erzählen; in der Kirche bei der Osterbeichte, wo wenigstens einmal im Jahr etwas von einem selbst zu Wort kommen konnte, wurden nur die Stichworte aus dem Katechismus hingemurmelt, in denen das Ich einem wahrhaftig fremder als ein Stück vom Mond erschien […] Das persönliche Schicksal, wenn es sich überhaupt jemals als etwas Eigenes entwickelt hatte, wurde bis auf Traumreste entpersönlicht und ausgezehrt in den Riten der Religion, des Brauchtums und der guten Sitten, so dass von den Individuen kaum etwas übrigblieb; ‚Individuum‘ war auch nur bekannt als Schimpfwort […] Die Fragen waren alle zu Floskeln geworden, und die Antworten darauf waren so stereotyp, dass man dazu keine Menschen mehr brauchte, Gegenstände genügten: das süße Grab, das süße Herz Jesu, die süße schmerzensreiche Madonna verklärten sich zu Fetischen für die eigene, die täglichen Nöte versüßende Todessehnsucht.“

Immerhin eröffneten die wenigen Glücksmomente der Lektüre großer Romane der Weltliteratur zusammen mit dem Sohn der Mutter die Möglichkeit, „von sich zu reden; mit jedem Buch fiel ihr mehr dazu ein.“ Erzogen in den Tugenden der Bedürfnislosigkeit, der Ordnung und des Duldens verstärkten sie für die Mutter am Ende jedoch nur die Gewissheit des Verfehlten, Versäumten und Uneinholbaren: „Das Begräbnisritual entpersönlichte sie endgültig und erleichterte alle. In den religiösen Formeln brauchte nur ihr Name eingesetzt zu werden. ‚Unsere Mitschwester …‘“

Handke ist bei der Sprach-, Religions- und Kirchenkritik nicht stehen geblieben.

Handke ist bei dieser Sprach-, Religions- und Kirchenkritik nicht stehen geblieben. Seit seiner literarischen Neuorientierung im Umkreis der Tetralogie Langsame Heimkehr (1979–1981) bemüht er sich wie kein anderer, Wörtern aus dem religiösen Bereich eine poetische Bedeutung zu geben. Dem Überhandnehmen medial vermittelter Bilder und Meinungen setzt er eine Sprache des Heiligen, die Beschwörung von Zusammenhang und Ganzheit entgegen.

Vorbild für eine solchermaßen Weltvertrauen schaffende Literatur, ja, einer diesseits- und alltagsbezogenen Weltfrömmigkeit ist ihm Goethe in seinem ganz auf Anschauung und Betrachtung der sichtbaren Welt gerichteten Denken und Schreiben. Nahezu allen Buchhelden Handkes erwächst seither Heil „aus der Erfahrung jener ewigen Gegengeschichte, die in der Zeitung und in den Medien nie vorkommt“, zeichnet Peter Hamm seinen Weg von Kafka zu Goethe nach. Es ist „das Ewige im Alltäglichen. Und dieses Ewige ist, wie Peter Handke einmal geschrieben hat, immer ‚das Unscheinbare; oder: das Unscheinbare im täglichen Ablauf […] das beiläufig Metaphysische, in der Alltäglichkeit.‘“[3]

Und wie reagierte darauf die Theologenzunft?

Und wie reagierte darauf die Theologenzunft? Neben verstreut erschienenen kleineren Beiträgen sind drei umfangreichere Publikationen zu nennen. In seiner Grazer Dissertation von 1989 arbeitet Harald Baloch textnah die Kritik des tief im Katholizismus verwurzelten Priesterinternatszöglings an Religion und Ritus sowie Handkes „religiöse Kehre“ bis zur Erzählung Der Chinese des Schmerzes (1983) heraus[4]. Darüber hinausgehend analysiert Jan Bauke-Rüegg in seiner Zürcher Habilitationsschrift anhand der drei Versuche (1989–1991) Handkes Sakramentalisierung des Alltags[5]. Sie setzt entschieden auf „das Glücken je meiner Hiesigkeit, auf die einzelne geglückte Lebenszeit“[6].

Der 2014 von Jan-Heiner Tück und Andreas Bieringer herausgegebene Tagungsband „Verwandeln allein durch Erzählen“ ist der bislang thematisch breiteste Versuch, die religiös-theologische Herausforderung seines formal wie stilistisch vielfältigen Riesenwerks zu vermessen. Nicht von ungefähr lassen die literaturwissenschaftlichen und theologischen Lesarten am Ende offen, wieweit sich Handkes Schreiben „auf eine vernünftige Diesseitigkeit und Weltlichkeit beschränken lässt […] oder ob es in seinen Werken nicht doch Spuren einer produktiven Anverwandlung von religiösen, biblischen, liturgischen Bezügen gibt, die neue, andere Zugänge zum ganz anderen erschließen“[7].

»To tell a story is revelation, ist Offenbarung«

„Erzählen ist nicht Nacherzählen. To tell a story is revelation, ist Offenbarung“, wird Handke programmatisch zitiert. „Man muss etwas anderes sehen können als das Kanonisierte.“[8] Diesen verwandelnden Offenbarungsanspruch des Ästhetischen parallelisiert Tück mit der eucharistischen Wandlung als Ur-Form der performativen Kraft der Sprache. Während Bieringer Handkes liturgische Poesie thematisiert, liegt für Elmar Salmann die stärkste Wirkung des Formenschatzes des Katholischen in Handkes alltagsbezogener Lebens- und Aufmerksamkeitskunst, die Weltlichstes und Allerheiligstes zusammenbringt.

Von literaturwissenschaftlicher Seite bringt Hans Höller Handkes „Wendung zum Klassischen“ mit seiner Wiederentdeckung der Weltlichkeit der Bibel in Zusammenhang. Handkes diesseitsbetonte Sakralisierung des Irdischen ziele darauf, anstelle der Fixierung auf Erbsünde und Schuld den Glanz der Weltdinge und unserer Freude in der Welt zu erhöhen. Nicht von ungefähr gehören neben Goethe, Stifter und Spinoza christliche Mystiker und Mystikerinnen zu den Gewährsleuten des Dichters. Helmuth Kiesel rückt Handkes „Artistenevangelium“ mit seinem emphatischen Drang zur Verklärung, Sinnstiftung und Heilszuversicht in eine Linie mit Hölderlin und Rilke, für die Dichtung wesentlich „Rühmung“ ist. Anna Estermann konkretisiert dies hinsichtlich Handkes ganz weltlicher „Religion“ des „Verbunden“-, „Ganz“- und „Mit-Seins“.

Damit sind wichtige Ansatzpunkte für eine weiterführende literaturtheologische Beschäftigung mit diesem poetisch wie gelegentlich auch politisch eigensinnig-umstrittenen Gegenwartsautor benannt.

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Christoph Gellner, Dr. theol., ist Leiter des Theologisch-pastoralen Bildungsinstituts in Zürich und freier Mitarbeiter des Ökumenischen Instituts der Universität Luzern.

Bild: © Lillian Birnbaum, Suhrkamp.de

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[1]Handke Lesen. Sybille Lewitscharoff und Ulrich Greiner im Gespräch mit Jan Bürger, in: Anna Kinder (Hrsg.), Peter Handke. Stationen, Orte, Positionen, Berlin/Boston 2017, 175–186, hier 185 u. 177.

[2]Zit. n. Herwig Gottwald/Andreas Freinschlag, Peter Handke. Wien/Köln/Weimar 2009, 17.

[3]Peter Hamm, Peter Handke und kein Ende. Stationen einer Annäherung, Göttingen 2017, 91.

[4]Gekürzt und sprachlich überarbeitet publiziert Harry Baloch, Ob Gott oder Nicht-Gott. Peter Handke und die Religion, Klagenfurt/Celovec 2010.

[5]Jan-Bauke Rüegg, Theologische Poetik und literarische Theologie? Systematisch-theologische Streifzüge, Zürich 2004, 467–555.

[6]Peter Handke, Versuch über den geglückten Tag, Frankfurt/M. 1991, 13.

[7] Jan-Heiner Tück/Andreas Bieringer (Hrsg.), „Verwandeln allein durch Erzählen“. Peter Handke im Spannungsfeld von Theologie und Literaturwissenschaft, Freiburg/Basel/Wien 2014, 14.

[8] Ebd., 9f. (Peter Handke im Gespräch mit Ulrich Greiner, DIE ZEIT vom 1. Dezember 2010).

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