Zum gestörten Verhältnis von Staat und Religion

Säkularisierung und Islam

Säkularisierung einerseits und die Einwanderung religiöser Minderheiten, besonders aus dem Islam, andererseits verändern die Sichtweise auf Religionsgemeinschaften. Stephan Schmid-Keiser geht den wichtigsten Bruchlinien nach.

In vielen Ländern ist eine zunehmende Verhärtung gegenüber Menschen anderen Glaubens zu beobachten. Jüdische Gemeinden müssen erhöht Sicherheitsmassnahmen in Anspruch nehmen. Muslimischen Gemeinschaften wird nicht über den Weg getraut. Säkulare Staaten halten sich vornehm in Distanz zu freier Glaubensäusserung oder sie verdrängen Gräueltaten.

Verhärtungen gegenüber Menschen anderen Glaubens

Dass in Europa der Staat nach der Häufung von Gewalttaten, die auf das Konto radikalisierter Gruppen gehen, ohnmächtig ist, macht die Sache nicht leichter.[1] Dennoch tragen in weiten Teilen der Welt ältere und jüngere Religionsgemeinschaften dazu bei, sich lebensdienlich einzubringen. Vom integrierenden Potenzial hiesiger Migrationsgemeinden bis zur Entwicklungszusammenarbeit von Nichtregierungsorganisationen zehrt der Staat von Beiträgen religiöser Gemeinschaften. Gestärkt werden damit kulturelle Übereinkünfte wie Respekt, Hilfsbereitschaft in Notlagen, Zusammenarbeit durch internationale Vereinbarungen. Daran anzuknüpfen, würde der Zivilgesellschaft zu jenem ‚Spielraum für menschliche Entfaltung‘ verhelfen, den Gerhard Kaiser als Neuformulierung des Toleranz-Begriffs vorgeschlagen hat.[2]

Toleranz: «Spielraum für menschliche Entfaltung»

Sich zu religiösen und kulturellen Veranstaltungen treffen, ist jeder Religionsgemeinschaft eigen. Dabei kann sich ein Individuum als akzeptiert erfahren. Er oder sie wird zum Beten und Tun des Gerechten angeleitet.[3] Dies kann und darf aufgrund der Religionsfreiheit nicht verwehrt werden.

Im säkularen Kontext ist nun aber die Vereinzelung von Menschen geradezu ein typisches Merkmal. Formen religiöser Gemeinschaftsbildung sind hier nicht einfach selbstverständlich. Daher passiert es, dass in säkularen Gesellschaften Menschen aus anderen Kontexten und mit stärkerem ‚Wir-Gefühl‘ – sprich Migranten verschieden religiöser Herkunft – eher als befremdlich taxiert werden.

Das in den säkularen Staaten ins Zentrum gerückte ICH ist jedoch das Ergebnis einer langen Entwicklung. Auch die christliche Tradition hat dazu beigetragen. Wenn die Gottheit als Ich-bin-da die Grundantwort ist auf die Grundfrage Wer bist du für mich? kommt die Frage Luthers Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? ergänzend dazu. Der Jesus-Ruf am Kreuz Mein Gott, warum hast du mich verlassen? hallt durch alle Not der Jahrhunderte und lässt erahnen, dass jedem Individuum vor einem anderen Angesicht ein Zugriff auf das unverfügbare Geheimnis verwehrt bleibt. Das Ringen des Paulus markiert ebenso die Modellierung des Einzelnen in der Gemeinschaft, der anzugehören nicht zu einer Sofa-Spiritualität führt als vielmehr zur nüchternen Einsicht des Völkerapostels: Denn nicht das Gute, das ich will, tue ich, sondern das Böse, das ich nicht will, das treibe ich voran.[4] In der christlichen Tradition kommt dem Individuum eine starke Position zu – inklusive aller Risiken.

Jedem Individuum bleibt vor einem anderen Angesicht ein Zugriff auf das unverfügbare Geheimnis verwehrt.

Dennoch findet auch im Christentum – wie im Judentum – das ICH einen Weg zum Wir. Das Wir-Gefühl als Merkmal der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft und die Ich-Behauptung als Kern der Einzelidentität finden sich nämlich in der Entwicklung der Teilhabe. Neugeborene werden aufgenommen und ihre Entwicklung bis zur reifen Person vollzieht sich nicht unabhängig vom DU-Sagen-Können. Der jüdische Denker Martin Buber prägte die Erkenntnis: Ich werde am Du. Ich werdend spreche ich Du.[5]

Auf diesem anthropologischen Hintergrund ist es bemerkenswert, wie sich das Verhältnis vom ICH zum DU, zum WIR zum Beispiel in der islamischen Welt aktuell markant anders akzentuiert. Wie sich beobachten lässt, stützt sich das kulturelle Selbstverständnis des Islams aktuell oftmals auf die Reihenfolge WIR, ICH, DU, die zudem die Verehrung der Gottheit dominiert. Die Verehrung Gottes ist Gemeinschaftswerk und sie schafft Gemeinschaft. Diese Beobachtung kann freilich nicht übersehen, dass weite Teile des Islams gerade durch den Druck einer jahrhundertelangen und in vielen Bereichen (Ökonomie, Weltordnung) herrschenden christliche Vorherrschaft zum (Gegen)Kollektiv geworden sind.

Verkehrung der Wir-Logik

In einer Zuspitzung und Verkehrung dieser Wir-Logik durch gewalttätige Gruppen lautet aber die Devise: Entweder wir oder ihr. So verkehrt die mörderische Tat sich selbst auslöschend jede menschliche Beziehung. So kommt aus Hass kein Erbarmen, keine Sehnsucht danach, aufgehoben zu sein in einer Welt gegenseitiger Anerkennung. Nicht nur geht hier eine jahrhundertealte Vielfalt wie zum Beispiel im Nahen Osten verloren, die immerhin daran erinnert, dass religiöse Gemeinschaften durchaus als Wir der verschiedenen Gemeinschaften kooperieren oder zumindest koexistieren können. Auch die Akzeptanz von Religion und der sie tragenden Religionsgemeinschaft im Kontext säkularer Gesellschaften leidet ganz generell unter Vereinnahmung des religiösen Wir durch gewalttätige Gruppen.

Es gehört zu unserer religiösen Vielfalt, dass viele mit Berufung auf Abraham zur barmherzigen Gottheit ihre Zuflucht nehmen. Auch im heiss diskutierten Islam tun dies die Betenden in starker Verbundenheit mit ihren Geschwistern im Glauben. Dies wird einem als Reisendem unterwegs klar, wenn ähnlich dem Kirchenglocken-Schlag der Muezzinruf den Alltag markant unterbricht. Im Slow-Tempo verwandelt sich die Umgebung zu einer Art offenem Kloster.

Religiöse und säkulare Umgebungen

In einer säkular gesättigten Umgebung jedoch erfahren muslimische Gemeinden spätestens seit den Tagen der iranischen Revolution, dass sie unter Verdacht stehen, in ihren Reihen radikale Tendenzen zu fördern.[6] Gegen diese Verdächtigungen und pauschalen Vorurteile steht allerdings das gute Recht von Menschen jeden Glaubens, sich auf religiöse Toleranz zu berufen, die ihnen Spielraum für menschliche Entfaltung lässt.

Kein solches Recht, über ihre Religion zu befinden, haben aber Radikalisierte.

Kein solches Recht, über ihre Religion zu befinden, haben aber Radikalisierte. Es stellt sich sogar die Frage, ob diese «ihre» Religion überhaupt für sich in Anspruch nehmen können. Der Politologe Dominique Moïsi jedenfalls verwies darauf, „dass die jungen Dschihadisten den Islam kaum kennen“. Sie interessiere einzig die Gewalt, welche sich vom Gefühl der Entfremdung, der Zurückweisung und der Erniedrigung in den europäischen Vorstädten nährt.[7] Dies alles wird zur grossen Herausforderung in Europa und für das europäische Engagement für die Existenzsicherung vieler Menschen ausserhalb seiner Grenzen.

Die islamische Welt ist im Zuge der Golfkriege zu einem Grossraum von Machtkämpfen geworden, der faktisch am implodieren ist. Warum es dazu kam, steht auf einem anderen Blatt. Was bleibt zu tun? Die säkularen Staaten werden Auswege finden und dabei auch ihr oft gestörtes Verhältnis zu den Religionsgemeinschaften klären müssen.

Stephan Schmid-Keiser, Dr. theol., St. Niklausen/LU, Schweiz
Bild: Stephan Schmid-Keiser

[1] So Eric Gujer, Der ohnmächtige Staat, in: NZZ Nr. 12, Sa/So 16./17. Januar 2016

[2] Ders. Toleranz. Der historische und aktuelle Spielraum einer Idee, in: Stimmen der Zeit, August 2010, 541-555

[3] Im Mai 1944 schreibt Dietrich Bonhoeffer seinem Patenkind Dietrich Wilhelm Rüdiger Gedanken zum Tauftag u. a.: „…unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muß neugeboren werden aus diesem Beten und aus diesem Tun.“ (WEN 327f)

[4] Röm 7, 19

[5] Ders. Ich und Du, Köln (Nachdruck mit Nachwort 1957) 1966, 18. Siehe auch Auszüge auf www.celtoslavica.de/sophia/Buber.html

[6] Die weltweite Renaissance des radikalen Islam kam 1979 mit der Revolution im Iran in Gang. Es sammelten sich die ‚Kämpfer für eine bessere Welt‘, so die Analyse des Ökonomen und Journalisten Oliver Fahrni im TA-Magazin Nr. 14/1990, 55-64. Der Mordbefehl Ayatollah Kohmeinis gegen Salman Rushdie habe „den tausendjährigen Mechanismus wieder in Gang gesetzt, der unser Denken lähmt und dem Okzident den Blick auf die explosive Wirklichkeit am südlichen Rande des Mittelmeers verschleiert“. Fahrni warnte davor, sich dem Phänomen des ‘Fanatismus’ und ‘Integrismus’ mit religiösem Analysebesteck zu nähern. So entgehe einem die eigentliche Substanz des radikalen Islams. Dieser sei vor allem anderen ein Aufstand der armen Bevölkerung, die mit dem krachenden Bankrott der Entwicklungshoffnungen jede Aussicht auf eine baldige Existenzsicherung verloren habe.

[7] Vgl. ders. In: Neue Luzerner Zeitung Nr. 3/6. Januar 2016, 3

 

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