Der Synodale Weg: Ein neuer Anstrich reicht nicht.

Die katholische Kirche in Deutschland befindet sich seit etwas mehr als zwei Jahren auf dem Synodalen Weg. Paulina Pieper hat als Theologin und junges, interessiertes Kirchenmitglied Eindrücke und Auffälligkeiten notiert.

Wer geht den Synodalen Weg für wen? In der Synodalverfassung ist zumindest der erste Teil der Frage recht klar beantwortet: Den Weg geht „Die katholische Kirche in Deutschland“, die durch 230 ausgewählte (!) Synodale in repräsentiert wird. Bei der Besetzung des Gremiums wollte man sich laut eigener Aussagen der Initiator:innen um Geschlechter- und Generationengerechtigkeit bemühen.[1]

Ich möchte hier einmal die Frage der Geschlechtergerechtigkeit ausnahmsweise außenvorlassen und mich auf die Generationengerechtigkeit konzentrieren, welche die „Jungen Synodalen“ in den Fokus rückt: eine Gruppe von unter Dreißigjährigen, die wohl das größte Potential, aber auch die größte Sprengkraft für den Synodalen Weg besitzt. Die jungen Synodalen wuchsen mit Themen wie Digitalisierung und Geschlechtergerechtigkeit auf. Sie wurden in diese Kirche, vor allem aber in das 21. Jahrhundert hineinsozialisiert, und wuchsen so mit einer Welt auf, in der Mitbestimmung, Vielfalt und Ambiguitätstoleranz keine optionalen Konzepte sind. Daher tragen sie immer wieder gesamtgesellschaftlich relevante Themen und eine „weltliche“[2] Perspektive in die Debatten des Synodalen Weges hinein.

Die jungen Synodalen sind als Kollektiv und als Einzelne breit und dabei durchaus anders vernetzt als andere Synodale – sie sind in besonderer Weise auch für solche Menschen Multiplikator:innen, die keine binnenkirchlichen Medien verfolgen. Last but not least sind sie wichtig, weil sie die Zukunft der Kirche sind. Sie repräsentieren diejenigen, die in den kommenden 60 Jahren Kirche gestalten und tragen müssen. Dem letzten Punkt wohnt jedoch eine gewisse Tragik inne. Die Initiator:innen des Synodalen Wegs, also die „katholische Kirche in Deutschland“, hat 15 von 230 Plätzen an diese jungen Synodalen verteilt – und das, obwohl eines ihrer größten Probleme der Mangel an Nachwuchs auf allen Ebenen ist. Anders gewendet: Die Gestalter:innen der Kirche von morgen und übermorgen machen nur 6,5% der Synodalversammlung aus. In welcher Welt hat dieser Prozentsatz etwas mit Generationengerechtigkeit zu tun? Klingt das nicht nach Youth Washing?[3]

Die 230 Synodalen sind Vertreter:innen, aber wen vertreten sie – oder anders gefragt: Für wen geht die deutsche katholische Kirche den Synodalen Weg? Auch hier lautet die offizielle Antwort „für die katholische Kirche in Deutschland“, also für deutsche katholische Menschen und Organisationen. Vielleicht könnte man ehrlicher sagen: Der Synodale Weg ist ein Prozess für betroffene Katholik:innen.

Diese schwer zu umreißende Menge an Menschen und Organisationen lässt sich grob in zwei Gruppen einteilen: Die erste Gruppe bilden die Synodalen selbst, denn sie sind nicht nur Vertretende, Repräsentierende und Beratende. Sie sind als Angehörige der jeweiligen katholischen Organe und Verbände einerseits und als einzelne Kirchenmitglieder andererseits von der Gegenwart und Zukunft der Kirche betroffen – und damit gehen sie diesen Weg zumindest in Teilen auch für sich selbst, für ihren eigenen Glauben und für ihre eigene kirchliche Zugehörigkeit. Für viele Synodale geht es unmittelbar um ihre private und berufliche Zukunft, eine explosive Mischung, die deutlich macht, warum man oft das Gefühl hat, es brauche nur einen kleinen Funken, damit der Prozess implodiert.

Als weiterer Kreis der vom Synodalen Weg Betroffenen werden oft „die Menschen an der Basis“ bemüht: Doch wissen diese Menschen überhaupt um ihre Betroffenheit? Und interessiert sie das, was da oben passiert? Meine Erfahrung ist: Fragt man eben jene Menschen an der Basis, also die, die nicht Teil des Prozesses und nicht Teil der Amtskirche sind, zeigt sich, dass der Relevanzverlust kirchlichen Handelns, den wir Theolog:innen gerne in einem wie auch immer gearteten Außen beklagen, sich auch in den inneren Kreisen längst bemerkbar macht. Einige unbeteiligte Katholik:innen sind interessiert, wenige informiert, und für viele kommt der Synodale Weg schlicht zu spät oder der Prozess geht ihnen nicht weit genug. Das hängt unter anderem wohl damit zusammen, dass die existentiellen Fragen, die in den Synodalforen diskutiert werden, sich für viele Christ:innen eben nicht erst seit der MHG-Studie, sondern bereits seit Jahrzehnten stellen. Doch selbst jetzt, in einer Zeit, in der die Kirche bereits unterwegs ist, verlieren wir noch engagierte Mitglieder, weil Menschen mit kirchlicher Handlungskompetenz den Synodalen Prozess als „Beteiligungsillusion“ und „Partizipationsattrappe“ (Norbert Lüdecke) markieren.

Symptomatisch dafür sind zum Beispiel Äußerungen wie die vom Aachener Bischof Helmut Dieser, der im vergangenen Jahr auf katholisch.de die Sorge äußerte, dass die katholische Kirche, wenn der Synodale Weg scheitere und man den Menschen nicht auf Augenhöhe begegne, zu einer Sekte werde.[4] Derart formulierte Sorgen gleichen Freud’schen Verspreche(r)n, denn auf den ersten Blick klingen sie gut: Ein Amtsträger will das Interesse für menschliche Lebenswelten fördern und sorgt sich um Anschlussfähigkeit. Doch auf den zweiten Blick ent-täuscht diese Sorge, denn sie gilt, so wie er sie formuliert, nicht den Menschen, sondern in erster Linie der Kirche als existierendem System. Damit karikiert sie das Anliegen derjenigen, die von dieser Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen tatsächlich noch etwas wollen.

Zudem steht er mit seiner Sorge um das zu erhaltende System nicht allein da, denn auch Papst Franziskus schlägt in diese Kerbe, wenn er den Sinn und die Möglichkeiten von Synodalität in der katholischen Kirche als Feinabstimmung der Anwendung des Evangeliums im Lichte der Zeichen der Zeit bestimmt.[5] Das klingt als müsse man Details klären, nachjustieren, Ausbesserungen vornehmen. Sofern Synodalität nicht bereits die Reform ist, gesteht er synodalen Prozessen eine gewisse Reformkraft zu. Mit Hilfe der so entstandenen Reformen könnte man dann kleine Mängel beheben und der Kirche einen neuen Anstrich verleihen, man könnte die Kirche renovieren.

Doch die Fragen, die beim Synodalen Weg verhandelt werden, betreffen existentielle Dimensionen des Mensch-Seins. Nicht zuletzt an der Betroffenheit und Involviertheit der Synodalen selbst zeigt sich, dass es beim Synodalen Weg um ein gutes Leben für alle Menschen mit und in dieser katholischen Kirche geht – und damit geht es um die Existenz der Institution, die davon abhängt, ob die Kirche es schafft, einen Raum zu eröffnen für gelingendes menschliches Leben in allen Farben und Facetten.

Das sind, bei aller Liebe, keine Details. Die katholische Kirche braucht keine Renovierung. Sie braucht eine Kernsanierung. Das heißt, alles, was nicht zu den tragenden Elementen des Evangeliums Jesu Christi gehört, muss weg. Der Synodalen Weg ist wichtig, er ist ein Versuch, er ist ein Anfang. Aber der Punkt, an dem der Versuch einer Renovierung sinnvoll gewesen wäre und ausgereicht hätte, ist längst überschritten. Das kirchliche System ist so marode, dass nur eine Sanierung im Sinne einer Erneuerung helfen kann. Doch wer sanieren will, muss Mauern einreißen – und dafür braucht es keine Reformen, dafür braucht es mehr, viel mehr.
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Paulina Pieper ist Stipendiatin des Cusanuswerks und Doktorandin im Fach Pastoraltheologie an der Universität Innsbruck.

[1] Vgl. ‚Wie ist die Synodalversammlung des Synodalen Weges zusammengesetzt?‘, FAQ auf der Website zum Synodalen Weg, zu finden unter: https://www.synodalerweg.de/faq (zuletzt überprüft am: 29.11.2021).
[2] Die Kirche-Welt-Dichotomie wird von der Verfasserin nicht befürwortet, aber sie existiert für viele Menschen gerade deshalb, weil
[3] Der Begriff ist aus der Klimadebatte entlehnt und bezeichnet eine Marketing-Strategie, bei der junge Menschen nicht auf Grund ihrer Kompetenz oder ihrer Betroffenheit, sondern allein auf Grund ihres Alters eingesetzt werden, um bestimmte Zielgruppen besser zu erreichen und die Illusion von Beteiligungsgerechtigkeit zu produzieren.
[4] „Dieser: Wenn der Synodale Weg scheitert, werden wir zu einer Sekte“, www.katholisch.de (11.06.2020), zu finden unter: https://www.katholisch.de/artikel/25801-dieser-wenn-der-synodale-weg-scheitert-werden-wir-zu-einer-sekte (zuletzt überprüft am: 29.11.2021).
[5] Vgl. „Nicht nur, weil der Papst es will – der Synodale Weg muss weitergehen“, www.katholisch.de (28.06.2021), zu finden unter: https://www.katholisch.de/artikel/30365-nicht-nur-weil-der-papst-es-will-der-synodale-weg-muss-weitergehen (zuletzt überprüft am: 29.11.2021).

 

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