Auf den Hund gekommen?

"Patchwork of Eyes" by IEric Isselee/Shutterstock

Tierwohl ist zu einer kritischen Frage in der Nutztierhaltung geworden. Christoph J. Amor berichtet vom 39. Fachkongress der Internationalen Vereinigung für Moraltheologie und Sozialethik, der zum Thema „Christliche Tierethik“ an der Philosophisch-Theologischen Hochschule (PTH) in Brixen (Südtirol) stattgefunden hat.

Und sie bewegt sich doch. Nicht nur die Erde, sondern auch die Theologie. Bis vor kurzem waren Tiere weitgehend ein weißer Fleck auf der Landkarte der Theologie. Inzwischen ist die einstige terra incognita stärker erkundet und vermessen worden. Die Reaktionen auf die in Theologie und Kirche gestiegene Sensibilität für die Tierthematik fallen jedoch ambivalent aus. Während einige von einer längst überfälligen Bringschuld gegenüber den nichtmenschlichen Tieren sprechen, sehen andere das Proprium des christlichen Glaubens in Gefahr. Die theologische Beschäftigung mit den Tieren drohe aus dem Ruder zu laufen und das rechte Maß zu verlieren. Aus Tiervergessenheit sei Tierversessenheit geworden. Anstatt sich dem Zeitgeist anzubiedern, solle die Theologie bei ihren Leisten bleiben und das Gott-Mensch-Verhältnis bedenken. Andernfalls laufe sie Gefahr, Gott und Mensch aus dem Blick zu verlieren und sprichwörtlich auf den Hund zu kommen.

Tiervergessenheit gegen Tierversessenheit

Allen Unkenrufen zum Trotz war der 39. Fachkongress der Internationalen Vereinigung für Moraltheologie und Sozialethik dem Thema der christlichen Tierethik gewidmet. Im Eröffnungsreferat skizzierte der Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal die veränderte Sichtweise auf Tiere durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse. Er machte deutlich, dass „die arrogante Sonderstellung des Menschen“ angesichts der neuesten Ergebnisse der Biologie auf tönernen Füßen steht. Denn vieles von dem, was landläufig als Proprium und Spezifikum des Menschen angesehen werde, komme graduell abgestuft auch im restlichen Tierreich vor.

Einer zentralen Grundlagenproblematik im Tier-Diskurs stellte sich Markus Wild. Können wir überhaupt etwas über das geheime Innenleben von Tieren wissen? Überzeugend argumentierte der Basler Professor für Theoretische Philosophie, dass die Zuschreibung kognitiver und bewusster Zustände im Blick auf Tiere sehr wohl berechtigt ist. Er warnte jedoch zugleich vor überzogenen Erwartungen. Trotz Verhaltensbeobachtung, Analogieschlüssen etc. sei auch in Zukunft nicht mit einer vollständigen epistemologischen Durchdringung des subjektiven Erlebens und der intentionalen Inhalte von Tieren zu rechnen.

Auf einen Parforceritt zum Status quo in der Tierethik nahm Herwig Grimm die Hörer_innen mit. Neben aktuellen Begründungsansätzen machte der am Messerli Forschungsinstitut in Wien lehrende Philosoph auch auf die Ambivalenzen der akademischen Institutionalisierung der Tierethik aufmerksam. Die stärkere Präsenz von Tierethiker_innen in staatlichen Kommissionen und Gremien sei einerseits zu begrüßen. Andererseits müsse man aber auch nüchtern konstatieren, dass tierethische Anregungen oft ungehört verhallen. Tierethik habe daher manchmal eine problematische Alibi- und Feigenblattfunktion und könne auch zur Rechtfertigung moralischer Übel missbraucht werden.

Arrogante Sonderstellung des Menschen

Nach den philosophischen Grundlagen lag es an Ute Neumann-Gorsolke, zum dezidiert theologischen Teil der Tagung überzuleiten. Die in Flensburg lehrende Exegetin skizzierte ethische Aspekte des Mensch-Tier-Verhältnisses im Alten Testament. Aufhören ließ Julia Enxing. Die in Dresden wirkende Fundamentaltheologin sprach sich für eine grundlegende Neuformatierung der christlichen Schöpfungslehre und Anthropologie aus. Angesichts des gegenwärtigen Ausmaßes der ökologischen Krise sei die stiefmütterliche Behandlung der Tiere in der Theologie, insbesondere der Dogmatik, skandalös und ruinös. Die Anthropozentrik der christlichen Tradition müsse endlich zugunsten einer planetarischen Solidarität überwunden werden.

Zu einer theologischen Würdigung der Tiere rief auch Birgit Hegewald von der Universität Osnabrück auf. Im Mittelpunkt ihrer Ausführungen stand der Begriff der Mitgeschöpflichkeit, den sie in enger Anbindung an die Enzyklika Laudato Sí von Papst Franziskus entfaltete. Auf die größeren, systemischen Zusammenhänge, die in der Tierethik zu berücksichtigen sind, machten die Vorträge von Markus Vogt und Anita Idel aufmerksam. Vogt, Sozialethiker in München, beleuchtete agrarökonomische und -politische, die Tierärztin Idel agrarökologische Aspekte der Nutztierhaltung. Anschaulich wurden die katastrophalen Auswirkungen der modernen Hochleistungslandwirtschaft skizziert: die Sachzwänge, unter denen Landwirt_innen stehen, die mit einer internationalen Agrarindustrie konkurrieren müssen; der hohe Erwartungsdruck, der auf Veterinärmediziner_innen lastet, die allzu oft zum verlängerten Arm der Milch- und Fleischindustrie ausgebildet und herangezogen werden; der europäische Ökokolonialismus mit der Ausbeutung der Regenwaldregionen für die Produktion von Futtermitteln etc.

Planetarische Solidarität

Nachdenklich stimmten die Ausführungen von Kurt Remele. Unter dem Titel „Verschiedene Grade der Obszönität“ präsentierte der Grazer Professor für Ethik und Gesellschaftslehre aufrüttelnde Beispiele des Konsums von tierlichen Produkten außerhalb der Ernährung. Remele problematisierte das vielfach unreflektierte Konsumverhalten in Bezug auf Leder, Wolle, Seide, Daunen, Felle und Pelze. Für einen maßvollen Konsum von tierlichen Produkten in der Ernährung sprach sich Michael Rosenberger aus. Seinem Plädoyer für eine extensive Tierhaltung legte der Linzer Moraltheologe einen Begründungsdiskurs im Anschluss an die Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls zugrunde.

Zwei exemplarische Konkretisierungen zum Umgang mit Tieren waren Gegenstand der Schlussreferate von Martin M. Lintner und Claudia Paganini. Die Ausführungen des Brixner Moraltheologen Lintner galten den Tieren in der Liturgie. Da die Liturgie einen wichtigen locus theologicus darstelle, müsse sie wesentlich stärker als Bezugspunkt der Tiertheologie und Quelle der christlichen (Tier-)Ethik berücksichtigt werden. Die in den biblischen Texten bezeugte Schicksalsgemeinschaft von Mensch und Tier solle auch in der Liturgie zum Ausdruck kommen. Lintner sprach sich daher für eine stärkere Betonung schöpfungs- und tiertheologischer Schwerpunkte in der Liturgie sowie neue liturgische Formate (z.B. Tierbestattungen) aus.

Einblicke in Sinn und Irrsinn der biomedizinischen Nutzung von Tieren gewährte die Innsbrucker Philosophin Paganini. Paganini, Mitglied der Kommission für Tierversuchsangelegenheiten des österreichischen Bundesministeriums, unterzog die verschiedenen Aspekte und Phasen der Tierversuche einer kritischen Würdigung. Nicht nur die Verwendung von Tieren im Versuch, sondern auch die Züchtung, Bereitstellung, Unterbringung und Entsorgung der Tiere stelle eine große ethische Herausforderung dar.

Tiertheologische Schwerpunkte in der Liturgie

Neben den Hauptreferaten bot die Tagung mit einem Call for Papers und einer Postersession zwei weitere wissenschaftliche Formate. Vor allem Jung- und Nachwuchswissenschaftler_innen, aber auch arrivierte Forscher_innen wie Thomas Ruster kamen hier zu Wort. Die behandelte Themenpalette war beachtlich. Um nur einige Schlagworte zu nennen: das Gewissen als Grundlage der Tierethik, Einblicke in die tierethische Diskussion in der evangelischen Theologie, Segen oder Fluch von Roboter-Tieren mit künstlicher Intelligenz, Tiere in der Transplantationsforschung etc.

Mit einer Podiumsdiskussion, bei der auch Vertreter_innen der Südtiroler Politik und Wissenschaft anwesend waren, klang die gelungene Tagung aus. Dem Vorbereitungsteam unter der Federführung von Prof. Lintner ist es gelungen, für die Anliegen einer Tierethik zu sensibilisieren und zum Handeln zu motivieren. Gekonnt wurden auf der Tagung Internationales und Lokales, Theorie und Praxis, Istzustand und Visionen miteinander ins Gespräch gebracht und in Balance gehalten. Es wäre wünschenswert, wenn die Vorträge, Paper und Poster rasch publiziert und einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Die neuralgischen Punkte einer christlichen Tierethik wurden auf dem Kongress benannt. Nun gilt es, sie engagiert und sachlich auf unterschiedlichen Ebenen in Kirche und Gesellschaft zu thematisieren, diskutieren und einzubringen. Unverzichtbar ist dabei der fortlaufende Dialog mit Gegenpositionen und skeptischen Stimmen. Nur wenn sich die Tierethik dem Wettstreit um das bessere Argument und somit dem wissenschaftlichen Diskurs stellt, kann der latente Verdacht zerstreut werden, sie sei ein Refugium für idealistische Tierliebhaber_innen und weltferne Gutmenschen. Dass die Tierethik wichtig und ernst zu nehmen ist, hat die Tagung in Brixen eindrücklich unter Beweis gestellt.

Autor: Prof. Dr. habil. Christoph J. Amor lehrt Dogmatik und ökumenische Theologie an der PTH Brixen.

Bild: „Patchwork of Eyes“ by IEric Isselee/Shutterstock

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