Aufbruch und Weitergehen

Tania Oldenhage über Pionierinnnen der evangelischen Frauenbewegung in der Schweiz.

Im Herbst 2003 lud die Ökumenische Frauenbewegung Zürich zu einer Abendveranstaltung ein zum Thema «Was geschieht mit dem Erbe von Marga Bührig und Reinhild Traitler?» Zu dieser Zeit machten sich einige Frauen Sorgen darüber, ob die feministisch-theologische Arbeit, die Marga Bührig, Else Kähler zusammen mit ihren Kolleginnen und Nachfolgerinnen im Ev. Tagungs- und Studienzentrum Boldern zum Blühen gebracht hatten, jetzt zu Ende gehen würde. Grund für die Sorge waren Umstrukturierungen auf Boldern und die Pensionierung von Reinhild Traitler, die zwei Jahrzehnte in der Nachfolge von Marga Bührig auf Boldern gewirkt hatte. Man hatte eine neue Studienleiterin angestellt, die aber niemand kannte, weil sie direkt aus den USA kam. Das war ich. Kaum hatte ich meine Stelle angetreten, rief mich eine der damaligen Vorstandsfrauen an und lud mich freundlich ein, an jener Abendveranstaltung zu sprechen. Bis heute erinnere ich mich an den altehrwürdigen Saal der Helferei beim Zürcher Grossmünster und an die Frauen, die dort sassen – alle deutlich älter als ich. Bis heute sehe ich ihre Gesichter vor mir: selbstbewusst und zugleich sehr besorgt.

Was geschieht mit dem Erbe von Marga Bührig und Reinhild Traitler?

Ich habe an diesem Abend mein Bestes gegeben, die Sorgen zu verscheuchen, denn ich hatte nicht vor, die feministisch-theologische Arbeit abreissen zu lassen. Im Nachhinein und fast zwei Jahrzehnte später muss ich aber sagen, dass die Sorgen der Frauen von damals berechtigt waren. Das Ev. Tagungs- und Studienzentrum Boldern ist heute ein Seminarhotel. Das Boldernhaus an der Voltastrasse in Zürich, in dem Jahrzehnte lang feministische Anlässe stattfanden, ist verkauft. Die Ökumenische Frauenbewegung Zürich hat sich vor 8 Jahren aufgelöst.

Umso wichtiger ist das Buch, das Dolores Zoé Bertschinger und Evelyne Zinsstag im vergangenen Jahr im eFeF-Verlag veröffentlicht haben. Der Titel des Buches ist ein Zitat von Marga Bührig: «Aufbruch ist eines und Weitergehen etwas anderes». Der Untertitel lautet: «Frauenräume: von der Saffa 58 über das Tagungszentrum Boldern zum Frauen*Zentrum Zürich.» Das Buch würdigt ein wichtiges Stück Frauengeschichte in der Schweiz und schreibt es auf überraschende und engagierte Weise weiter. Die beiden Autorinnen, Evelyne und Dolores, sind heute Anfang 30, das heisst, deutlich jünger als ich. Die Auseinandersetzung mit ihrem Buch hat mich ins Nachdenken gebracht über die bis heute prekäre Situation feministisch-theologischer Arbeit in der Schweiz.

Ein wichtiges Stück Frauengeschichte in der Schweiz

Ich habe das Buch allein schon deswegen gern gelesen, weil es an eine Vielzahl feministischer Biographien erinnert, an Freundschaften, Netzwerke und Projekte in Zürich, Basel und an anderen Orten. Gleichzeitig beschreiben die Autorinnen gesellschaftliche Zustände, die inzwischen weit zurückliegen. Beispielsweise führt Evelyne Zinsstag ihre Leser*innen ins Jahr 1958 auf die Landiwiese am linken Seeufer in Zürich, wo über mehrere Wochen die Saffa 58, die Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit, stattfand. Im Rahmen dieser Ausstellung hatte sich Marga Bührig zu den verschiedenen Stadien im Leben einer Frau geäussert. Besonders engagiert sprach Bührig damals über die Situation alleinstehender berufstätiger Frauen: «Die alleinstehende Frau versäumt Lebenswichtiges, wenn sie versucht, sich dem Manne gleichzuschalten, statt mit ihm zusammenzuarbeiten.» (S.49)

Die Situation alleinstehender berufstätiger Frauen, 1958

Äusserungen wie diese klingen für unsere Ohren konservativ, besonders dann, wenn sie sich auf eine angeblich göttliche Schöpfungsordnung beziehen. In der Tat kommen die Publikationen von Marga Bührig, Else Kähler und Ruth Epting im Vergleich zu anderen feministischen Autorinnen aus derselben Ära eher brav, angepasst und erstaunlich wenig aufmüpfig daher. Doch statt Bührigs Ausführungen auseinanderzunehmen oder zu belächeln schlägt Evelyne Zinsstag vor, Bührigs Engagement nicht zuletzt auch als seelsorgerlichen Zuspruch für die betroffenen Frauen zu verstehen, denen in den 1950er Jahren gesellschaftliche Anerkennung und Förderung fehlte.

Im zweiten Teil des Buches führt Dolores Zoé Bertschinger den Weg von der Saffa 1958 in die 70er und 80er Jahre, ins Tagungszentrum Boldern und von dort zum Frauen*Zentrum in Zürich und damit mitten hinein in unsere eigene Zeit. Auf bewegende Weise schildert Bertschinger den intergenerationellen Dialog zwischen jungen Frauen des Frauen*Zentrums und Frauen, die ehemals in der Zürcher Frauenbewegung engagiert waren und heute um die 80 Jahre alt sind. Bertschingers Schilderungen haben mich bewegt, weil sie etwas beschreiben, was ich selbst eher selten erlebt habe: junge Frauen, die wissen wollen, was vor ihnen war, und die sich wirklich dafür interessieren, was alte Frauen zu erzählen haben. Alte Frauen, die Gelegenheit bekommen, über ihr Engagement zu erzählen und ihre Geschichten an eine junge Generation weiterzugeben.

Frauenbewegungen, lebendig in einem möglichst freien offenen Raum

Ähnlich wie Zinsstag ermöglicht auch Bertschinger einen Perspektivenwechsel. Denn ihr Beitrag führt nicht zur Klage über die verloren gegangenen Institutionen und Stellenprozente, sondern zur Überlegung, dass Frauenbewegungen lebendig werden, wenn sie sich in einem möglichst freien offenen Raum bewegen können. Bertschinger schreibt: «Die Vermittlung zwischen dem, was war, und dem, was sein kann, funktioniert in feministischen Kontexten anscheinend nicht unbedingt über die Beständigkeit von Organisationsstrukturen.» (S. 182) Das ist ein schöner Gedanke. Und trotzdem würde ich an dieser Stelle auch Einspruch erheben.

Mir scheint die fehlende, gestrichene oder viel zu langsam realisierte Institutionalisierung feministisch-theologischer Arbeit an den Fakultäten und in den Kirchen der Schweiz nach wie vor ein grosses Problem zu sein. Ohne Frauen-Fachstellen, Genderstellen, Publikationsorgane, Lehrstühle und langfristig finanzierte Projekte bleibt die Wirkmacht jahrzehntelanger Arbeit eingeschränkt. Organisationsstrukturen ermöglichen nachhaltige Weiterentwicklungen von Themen, Veröffentlichungen und öffentliche Auseinandersetzungen. Der Mangel an institutionellem Rückhalt führt hingegen dazu, dass sich die thematischen Fäden leicht verlieren und dass die Protagonistinnen feministisch-theologischer Arbeit in öffentlichen Diskursen zu oft unsichtbar gemacht werden.

Mehr Essays, Podcasts, Sendungen und Blogs zur Geschichte der feministischen Theologie

Ich wünsche dem Buch von Dolores und Evelyne viele Leser*innen. Und ich wünschte, es gäbe noch viele andere Bücher zum selben Thema. Ich wünsche mir Essays, Podcasts, Sendungen und Blogs zur Geschichte der feministischen Theologie in der Schweiz. Denn dann wäre ein Diskurs möglich über die verschiedenen Haltungen, Meinungen, Erfahrungen, politischen Anliegen und theoretischen Standpunkte, mit denen Theolog*innen ihren Beitrag leisteten. Die fehlende Institutionalisierung führt letztlich auch dazu, dass die grosse Vielfalt und Widersprüchlichkeit feministisch-theologischer Arbeit vergessen geht. Aufbruch ist eines und Weitergehen findet auf vielen verschiedenen Wegen statt.

Zwischen Differenzfeminismus und feministischem Poststrukturalismus.

Ich denke an all die Auseinandersetzungen, die ich in meiner Zeit auf Boldern erlebt habe: Meine Kolleg*innen und ich haben Debatten geführt zum Differenzfeminismus und zum feministischen Poststrukturalismus. Wir haben uns in die interreligiösen und interkulturellen Netzwerke unserer Vorgängerinnen auf Boldern eingearbeitet und so gut wir es konnten die Fäden aufgenommen. Im Dialog mit der Männertheologie haben wir unsere Rhetorik geschärft und kirchenpolitische Prozesse angeregt. Manchmal kleinräumig und manchmal international vernetzt haben wir als feministische Theolog*innen dafür gekämpft, dass diese Arbeit nicht als Nischenphänomen abgetan werden konnte, sondern Einzug hielt in Ausbildungsprogramme und in die Traktandenlisten von Kirchengremien.

Wie schmerzhaft ist das Gefühl, dass die eigene Arbeit eventuell einmal in Vergessenheit geraten könnte!

Im vergangenen September leitete ich im Forum für Zeitfragen in Basel die Vernissage des Buches von Dolores Zoé Bertschinger und Evelyne Zinsstag. Bevor es los ging, hatten die beiden Autorinnen den Saal liebevoll geschmückt. An den Wänden hingen Fotos von der Saffa 58 und vom Tagungszentrum Boldern. Auf den Tischen lagen unveröffentlichte Werkstattberichte, alte Broschüren, Bücher und Tagungsflyer. Ich stand im Saal und war überwältigt von widersprüchlichen Emotionen. Ich erinnerte mich an den Abend, den ich vor vielen Jahren in der Helferei in Zürich erlebt hatte. «Was geschieht mit dem Erbe von Marga Bührig und Reinhild Traitler?» Wie naiv war ich, als ich damals dachte, ich könnte auf eine so grosse Frage antworten! Wie viel Glück hatte ich, dass die feministisch-theologischen Traditionen von Boldern zu diesem Zeitpunkt noch nicht archiviert, sondern immer noch lebendig gewesen waren! Wie viel Glück haben wir, dass zwei junge Autorinnen einen Teil dieser Geschichte so sorgfältig und klug rekonstruiert haben! Wie schmerzhaft ist das Gefühl, dass die eigene Arbeit eventuell einmal in Vergessenheit geraten könnte! Wie viele Namen, Taten, Themen und Texte gälte es heute in Erinnerung zu rufen, damit wir daran feministisch-theologisch anknüpfen können!

Buchhinweis:

Evelyne Zinsstag und Dolores Zoé Bertschinger, “Aufbruch ist eines, und Weitergehen ist etwas anderes.” Frauenräume von der Saffa 58 über das Tagungszentrum Boldern zum Frauen*Zentrum Zürich, Wettingen, 2020.

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Tania Oldenhage ist Privatdozentin am Fachbereich Neues Testament der Theologischen Fakultät Basel.

Bild: Eva Sidler

 

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