Crossroads – eine Leseerfahrung

Jonathan Franzen

Seine Leseerfahrungen und Lesefrüchte mit dem Roman ‚Crossroads‘ von Jonathan Franzen teilt hier Thomas Markus Meier mit.

«Der Traum, in den man mit einem Roman eintauchte, war robuster als andere Arten von Träumen. Man konnte ihn mitten im Satz unterbrechen und später im Handumdrehen wieder in ihn eintauchen.» (S.737) Eine Leseerfahrung vieler. Und (m)eine Leseerfahrung für den Roman Crossroads von Jonathan Franzen.

Mitten im Satz unterbrechen und später weiterfahren, weiterlesen. Sich seine eigenen Bilder machen. Crossroads habe ich sehr filmisch wahrgenommen, im Kopf entstehen Bilder, Landschaften, und am Kapitelende wartet oft ein Cliffhanger. Die Versuchung ist gross, die Lektüre nicht zu unterbrechen. Allein, der Faden wird anderswo wieder aufgenommen, die Spannung nicht eigentlich gelöst, sondern weiter aufgebaut. Mitten im Satz unterbrochen werden wir jedoch eher durch Störungen von aussen. Weglegen kann ich die Geschichte nach einem Abschnitt, einem Kapitel. Ausser eben, siehe oben, Cliffhanger heisst’s im Film, Pageturner im Buch.

Pageturner

In Crossroads allerdings muss dann und wann die Lektüre beinahe zwangsläufig unterbrochen werden: Wenn nämlich das Kapitel nicht enden will, immer tiefer hinabsteigt in die Vergangenheit, und die Leserschaft zwischendurch das Gelesene verdauen muss. So ging es mir mit der Beschreibung Marions, einer der fünf Hauptfiguren in Crossroads, dem im letzten Jahr erschienenen über 800 Seiten starken Roman. Jonathan Franzen erzählt aus fünf Perspektiven: Die jeweils gewählte Sichtweise lädt ein zur Identifikation, lässt die Situation nachvollziehen, mitfiebern – während die Aussensicht auf die anderen Hauptpersonen diese von uns wegrücken lassen kann. Marion, Pfarrfrau und Mutter, die im obigen Zitat Lesen mit Träumen vergleicht (S. 737), tritt erst nicht sehr liebenswert auf, allenfalls bemitleidenswert, bis der Faden der Geschichte aus ihrer Sicht wiederaufgenommen wird, und, wer weiss, aus einem gefühlten Luder eine verkannte Heilige wird…

fünf Perspektiven

Formal ist dies eine der grossen Stärken des Romans: In jedem Kapitel tauchen wir ein in eine bestimmte Perspektive, und nehmen in dieser die andern vier Hauptfiguren wahr. Bis es wechselt und die Geschichte aus anderer Warte weitergesponnen wird – und ich meine Anschauungen revidieren muss, auch der gegenteiligen Sichtweise recht geben will. Grossartige Remedur gegen die menschliche Versuchung zu werten, zu beurteilen, zu schubladisieren. Aus der Sichtweise des/der andern sieht alles anders aus.

Sätze, die funkeln

Formales zum zweiten: Sind Liebesgeschichten heute noch ohne Kitsch zu erzählen? Oder lassen sich Sexszenen weder mit Scham, Voyeurismus oder billigem sex-sells beschreiben? Franzen gelingt beides; auch streut er dann und wann, eingebettet in die Handlung, Sätze ein, die funkeln – auch wenn sie manchmal, losgelöst zitiert, kaum mehr als eine kleine Alltagsweisheit als Sentenz verpacken. «Man konnte ihn mitten im Satz unterbrechen und später im Handumdrehen wieder in ihn eintauchen.» Gegen Ende des Romans gelingt das kaum mehr: Es nimmt einen so mit, dass fast schon weiter gelesen werden muss. Der Cliffhanger kann sich dabei in einer einfachen Seitenbemerkung (eben aus anderer Erzählperspektive) auflösen, dieweil ein neuer Spannungsbogen in Atem hält. Wenn der Roman schliesslich so endet, dass der Bruder zur Schwester sagt, lass mich darüber nachdenken, «obwohl er schon wusste, was er tun würde» (S. 826), lädt dies zum mitfiebern ein, es kann auf zwei Seiten kippen, und bleibt so offen wie ein Münzwurf. Manche Leserin, sicher ich als Leser, weiss, was ich tun würde: Warten auf Band zwei der geplanten Trilogie.

theologisch-spirituelle Fragen

Warten – Haltung des Advents. Mit Advent ist die erste Romanhälfte überschrieben, alles steuert auf Weihnachten zu. Aber nicht als Heilige Nacht, sondern als grosser Crash. Es wird auf der Kreuzung klöpfen (mundartlich für crashen), der Countdown läuft. Erzählt allerdings wird der Heilige Abend nicht mehr, sondern es folgt sogleich die Überschrift des zweiten Hauptteils: Ostern. Dieser Bogen durchs Kirchenjahr ist nicht einfach nur jahreszeitlich zu verstehen, sondern zeichnet einen theologischen Spannungsbogen nach. Im evangelischen Pfarrhaus, aber auch in der namengebenden kirchlichen Jugendgruppe «Crossroads», werden theologisch-spirituelle Fragen verhandelt, ausgelotet. Dabei begleiten wir Gottsuchende, himmlisches Bodenpersonal, Skeptiker oder Atheisten, gar Gottkranke.

Überlegungen zu Gott und Welt wachsen aus der Erzählung.

Jonathan FranzenWie heute von Gott sprechen? Ungekünstelt, unsentimental, weder missionarisch noch abgeklärt? Durch den Schauplatz Pfarrersfamilie, und erweitert durch eine kirchliche Jugendgruppe, ist Raum gegeben für das Sprechen über Gott. Oft auch gebrochen und mehrfach gespiegelt. Wie nimmt der jüngste Sohn die Predigten seines Vaters wahr? Wie tragen Geistliche ihre Konflikte aus? Wie find ich meine Rolle und meinen Platz nicht in der Pfarrersfamilie, sondern der Pfarrfamilie, der christlichen Gemeinde (hier sehr amerikanisch, und vom Äusserlichen her weniger übertragbar auf Katholisches; aber von den Inneren Gefühlen, Prozessen, Suchbewegungen, Unschärfen durchaus schon). Die Überlegungen zu Gott und Welt begegnen uns nicht traktathaft, sondern wachsen aus der Erzählung, dem Innenleben der Figuren. Einmal schauen wir der Tochter zu, wie sie im Kirchenraum über das aufgehängte Kreuz sinniert. Ob es sowas wie Kreuzmacher gäbe? Als Handwerk? Und ohne dass es explizit gemacht wird, vielleicht auch nicht beabsichtigt, kann die Szene als relecture handfester biblischer Götzenpolemik gelesen werden. Aus Holzabfall bastelt sich der Mensch noch ein Töggeli. Ein andermal wird junges Liebesglück explizit kleines Eden, ein irdisches Paradies bezeichnet, aber gewissermassen andersrum: «Er hatte in einem umgekehrten Eden gelebt, in dem Eva den Apfel gegessen und ihre köstliche Weisheit mit ihm geteilt hatte.» (S. 158). Ich muss schon nachstudieren, dass hier also nicht die Frucht gekostet und dann geteilt wird, sondern der Mythos anders geht. Neuerdings wird damit geworben, dass Franzen seine Trilogie einen «Schlüssel zu allen Mythologien» genannt hat…

dass Gott spürbar wird im Alltag, im Zwischenmenschlichen

Wie heute von Gott sprechen? Franzen macht es vor. Nämlich so, dass Gott spürbar wird im Alltag, im Zwischenmenschlichen. Engel zum Beispiel sähen aus wie normale Menschen, aber sind sie weg, «wird dir klar, sie waren Engel des Herrn» – Widerspruch des einen Sohns: «Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich kein Engel bin.» «Aber so macht Gott das. Er kümmert sich um uns – indem Er dafür sorgt, dass wir uns umeinander kümmern…» geht ein Dialog (S. 815). Über Gott reden die Familienmitglieder ganz unterschiedlich, zu Gott reden, beten, auch. Bis zur Frage, wozu Worte formulieren, da Gott doch alles weiss – und doch: Vielleicht kann dieses Gespräch ohne Antwort helfen (so die Mutter). Vielleicht am schwierigsten ist der Lebensweg des Jüngsten, der regelrecht abstürzt, und wo die Fortsetzung in alle Richtungen offen bleibt. Er fragt sich: «Wie konnte Gott all die Schläge ertragen, die Er verteilen musste? Unendliche Macht ging mit unendlichem Mitleid einher.» (S. 698)

narrativ, einfühlsam, reflektierend, ohne aber eine Mission oder Dogmatik zu vertreten

Fast könnte formuliert werden, Franzen tastet sich in unendliche Richtungen zur Gottesfrage vor, narrativ, einfühlsam, reflektierend, ohne aber eine Mission oder Dogmatik zu vertreten. Es könnte, was er beschreibt, auf auch ihn bezogen werden: «Noch seltsamer: Die anderen Erwachsenen … , moderne Menschen von hoher Intelligenz, sprachen über Gott, als bezöge sich das auf etwas Reales.» – nicht aber, ohne danach just die Gegenposition zu markieren: «Der Nichgläubige unter den Gläubigen zu sein, machte noch einsamer» (S. 817), und der Leser, die Leserin, geht innerlich mit allen Positionen mit…

«Er machte den Mund auf und war selbst gespannt, was er sagen würde.» wird mal über den Pfarrer gesagt (S. 468). Es würde mich nicht überraschen, wär auch Franzen selber gwundrig, wie es weitergehen wird. Ein inspiriertes und inspirierendes Buch!

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Thomas Markus Meier, Pastoralraumleiter der Pfarrei St. Anna, Frauenfeld, Schweiz. Bloggt regelmässig über biblische Themen, derzeit vor allem die Revision der Einheitsübersetzung und die Vulgata deutsch (Biblioblog auf facebook).

Bild:
Aus dem Buchcover von: Jonathan Franzen, Crossroads. Roman, Rowohlt 2021, bearbeitet von Thomas Markus Meier.

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