Das letzte Aufgebot

Gerade eben – am 13. Jänner 2020 – ist im Patmos Verlag das Buch „Frauen machen Kirche“ erschienen. Herausgeberinnen sind die Initiatorinnen des Blogs „bleiben.erheben.wandeln“, in dem 50 engagierte Katholikinnen aus Österreich ihr Votum für einen Wandel der katholischen Kirche abgegeben haben. Tausende Unterstützungserklärungen aus aller Welt folgten. Anlässlich der Neuerscheinung mit nunmehr 80 Frauen aus verschiedenen Ländern und aller Generationen warnt Angelika Walser vor genügsamer Selbstzufriedenheit und meint: Die Zeit der katholischen Kirche in Österreich läuft ab; es ist das letzte Aufgebot. Ein engagierter Aufruf zum Handeln.

Nachdem unser Blog von Ostern bis Pfingsten 2019 online gegangen ist, habe  ich Hunderte Zuschriften erhalten. Bis heute wenden sich Frauen und Männer an mich, die ihrem Unmut über die Zustände in der katholischen Kirche Ausdruck verleihen. Es sind durchwegs ehren- oder hauptamtlich hoch engagierte Katholikinnen und Katholiken, der harte Kern, das letzte Aufgebot sozusagen. Einige Zuschriften oder auch persönliche Gespräche seien hier stellvertretend zitiert, weil sie mich besonders berührt haben:

„Glaube an Integrität der Kirche in den Grundfesten erschüttert“

1.) Eine betagte Witwe aus Deutschland hat mir erzählt, dass sie seit dem plötzlichen Herztod ihres unlängst verstorbenen 85jährigen Mannes überall sein Gotteslob suche. Es hatte einen Ehrenplatz im Zimmer ihres Mannes, doch nun ist es verschwunden. Seine Witwe berichtete mir, dass ihr Mann seit der Veröffentlichung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche völlig erschüttert gewesen sei. In mehreren Gesprächen habe er zum Ausdruck gebracht, dass er dieser Institution sein Leben lang vertraut habe und dass sein Glaube an ihre Integrität in ihren Grundfesten erschüttert sei. Er habe sogar seinen Austritt erwogen und erhebliche Glaubenszweifel insgesamt geäußert. Sie müsse damit rechnen, dass ihr Mann kurz vor seinem Tod das Gotteslob von seinem Ehrenplatz entfernt und möglicherweise sogar weggeworfen habe.

2.) Ein junger Ordensmann aus den Niederlanden hat mir geschrieben, dass er persönlich versuche, mit ehrenamtlich arbeitenden Frauen einen guten und anderen Umgang zu pflegen – auf Augenhöhe, wie er schrieb. Doch sei er in seinem Umfeld, das größtenteils aus Angehörigen des Klerus bestehe, völlig allein mit diesem Anliegen und werde sogar belächelt dafür. Er habe keinerlei Mitstreiter in dieser Causa und wünsche uns alles Gute.

3.) Mehrere junge Frauen aus der Schweiz und aus Österreich haben mir berichtet, dass sie die Kirche verlassen und sich als Ritualbegleiterin selbstständig gemacht hätten. Sie taufen Kinder, begleiten Sterbende und nehmen Segnungen für Paare mit allen sexuellen Orientierungen vor, die einander lieben und einander lebenslang treu sein wollen. Die katholische Kirche verweigere ja offiziell ihren Segen.

4.) Eine junge Frau aus Österreich hat mir berichtet, dass ihr Pfarrer neuerdings Sterbenden seinen Beistand verweigere, wenn sie Kinder hätten, die aus der Kirche ausgetreten seien. Seine Begründung: Sie hätten als Eltern versagt. Ich kann diese Gerüchte natürlich nicht beweisen, es kann sich um Missverständnisse handeln. Es ist aber nicht zum ersten Mal, dass ich neuerdings höre, dass die Wegbegleitung beim Sterben und die Sterbesakramente nun offensichtlich von der Einhaltung katholischer Normen abhängig gemacht werden. Sind Sakramente neuerdings moralpädagogische Disziplinierungsmaßnahmen? Wer hat das Recht, einem sterbenden Menschen aus moralischen Gründen den Beistand zu verweigern?

Mittlerweile haben unendliche Krisensitzungen allerorten das notwendige Handeln ersetzt.

Unter dem Eindruck dieser und Hunderter weitere Zuschriften wächst meine Besorgnis über den Zustand dieser meiner katholischen Kirche ins Grenzenlose. Frauen und Männer haben seit Jahrzehnten meine Kirche verlassen und damit ihre Abstimmung mit den Füßen vollzogen. Ihr Engagement und ihr Intellekt fehlen der Kirche bis heute überall. Angemessene Reaktionen der Verantwortlichen bleiben bis heute aus. Von strukturellen Reformen, die meine eigenen Lehrer der Theologie bereits in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts unter Berufung auf das Zweite Vatikanum gefordert haben, ist wenig bis gar nichts umgesetzt worden.

Mittlerweile haben unendliche Krisensitzungen allerorten das notwendige Handeln ersetzt. Der Pflichtzölibat wird derzeit wieder neu verteidigt, die Weiheämter sind Frauen grundsätzlich nach wie vor verschlossen. Anstatt endlich die seit Jahrzehnten anstehenden Reformen mutig anzugehen und neue Schritte zu riskieren, verweigert ein Großteil der hauptamtlich Verantwortlichen der katholischen Kirche in Österreich, Konsequenzen aus der Realität zu ziehen. Stattdessen bestärkt man sich gegenseitig in schweigender Lethargie, ohnmächtiger und lähmender Depression sowie Angst vor jeder Bewegung in gleich welche Richtung.

Bei weiterer Handlungsverweigerung wird die katholische Kirche in Österreich von der Bildfläche der Gesellschaft verschwinden.

Gegen diese Grundhaltung gilt es, Einspruch einzulegen, sich zu „erheben“. Mit ihr ist nicht nur die Zukunft der katholischen Kirche in Österreich substanziell bereits eingebrochen. Auch die Weitergabe des Christentums an die kommende Generation insgesamt steht längst auf dem Spiel. Ich wage an dieser Stelle die Prognose, dass bei weiterer Resignation bzw. Entscheidungs- und Handlungsverweigerung die katholische Kirche in Österreich in nur wenigen Jahrzehnten von der Bildfläche der Gesellschaft verschwunden sein wird und nur mehr einige „linientreue“ Randgruppen übrig sein werden.

Sie werden dem Auftrag der Kirche für diese Gesellschaft allein aus Ressourcengründen nicht mehr nachkommen können. Die übrigen christlichen Kirchen werden diesen Verlust aufgrund der spezifischen Situation in Österreich nicht abfangen können. Die katholische Kirche wird gesamtgesellschaftlich bald genauso viel Relevanz haben wie meine allwöchentliche Yogagruppe – nämlich keine.

Meine Pflicht, (vor allem die Bischöfe) an die Verantwortung für den Glauben und an alle Menschen zu erinnern.

Das Konzept des „Heiligen Rests“, das landauf landab nun beschworen wird, übersieht, dass diese Kirche zum Dienst an dieser Gesellschaft und an Menschen gerade in Grenzsituationen ihres Lebens verpflichtet ist. Jenseits aller moralischen Normen, die sich bekanntlich im Laufe der Zeit oft auch binnenkirchlich verändert haben, gilt Gottes Zusage und Beistand vorbehaltlos jedem Menschen. Jesus hat nicht den Katechismus verkündet. Er hat Menschen in ihrer Not berührt und geheilt und angenommen. So wie sie sind.

Ich möchte die Verantwortlichen der katholischen Kirche Österreichs, Priester wie Laien, aber vor allem die Bischöfe, an diese Verantwortung für den Glauben und an alle Menschen erinnern. Dies tun zu müssen, ist mir unangenehm und peinlich, aber ich halte es für meine Pflicht als Theologin und als gläubige Katholikin. Ich möchte mir nicht eines Tages vorwerfen lassen, zu all dem einfach geschwiegen haben. Unter Berufung auf Mt 25, 31-46 und die Verpflichtung christlichen Handelns für Menschen fordere ich daher:

1.) Einen öffentlichen, strukturierten und für alle Interessierten transparenten Dialog auf Augenhöhe mit uns Frauen der katholischen Kirche, ähnlich dem deutschen synodalen Weg. Ich fordere weiter, die Ergebnisses dieses Dialogs nach einem genau definierten Zeitplan unmittelbar in die Tat umzusetzen.

2.) Eine gründliche und strukturelle Einbindung der gesamten Bandbreite theologischer Erkenntnisse und Forschung in diesen Dialog. Die Expertise und die Einschätzung katholischer WissenschafterInnen, die als „zu liberal“ gelten, wurde und wird seit Jahrzehnten sträflich missachtet. Die Vernachlässigung dieser Expertise ist eine der tieferen Ursachen für die derzeitige Krise der katholischen Kirche.

3.) Eine Einführung und Umsetzung einer Frauenquote für Leitungsfunktionen in Diözesen und Gemeinden sowie die sofortige Zulassung von Frauen zu Diakoninnen. Es bedarf hier keiner weiteren Diskussionen mehr, außer des klaren Blicks auf die pastorale Situation. Ich fordere in diesem Zusammenhang ebenfalls eine sofortige Zulassung der Viri Probati, auch hierzulande, nicht nur in Amazonien.

4.) Die Ausbildung des Klerus in Österreich umgehend auf neue Füße zu stellen und junge Männer aus den verlassenen Elfenbeintürmen der Priesterseminare hinaus zum Dienst an dieser Welt zu entsenden – in der Nachfolge Jesu, wie alle christlich getauften Menschen.

5.) Ihren Einsatz für eine dringend notwendige Überarbeitung und Reformulierung der katholischen Sexualmoral und Geschlechterordnung in Rom auf der Basis humanwissenschaftlicher Erkenntnisse.

Ich fordere alle, die in irgendeiner Weise ehrenamtlich oder hauptamtlich in der katholischen Kirche tätig sind, auf, mutig zu handeln. Wenn es sein muss, in Eigeninitiative und unter Berufung auf das eigene Gewissen. Die Zeit ist abgelaufen, es wurde lange genug diskutiert. Tun wir jetzt endlich etwas. Damit der Wandel endlich Gestalt annimmt.

Autorin: Angelika Walser ist Professorin für Moraltheologie an der Paris Lodron Universität Salzburg.

Coverbild: Cover des im Patmos-Verlag erschienen Buchs „Frauen machen Kirche“

 

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