Der Synodale Weg: Einige evangelische Ernüchterungen und Ermutigungen

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Der Synodale Weg in evangelischer Perspektive – ein Außenblick von Jan Hermelink. Teil 3 unserer Reihe zum Synodalen Weg.

In seiner kurzen Geschichte hat der „Synodale Weg“ bereits eine Vielzahl von Vorlagen, Satzungen, Statements und Wortmeldungen hervorgebracht, dazu päpstliche Mahnungen und Artikel in weltlichen, kirchlichen wie akademischen Zeitschriften. Wer sich als evangelischer Theologe in diese Texte einliest, ist vor allem beeindruckt von der hohen Energie, mit der man sich hier auf einen gemeinsamen Weg begeben hat, und von dem dahinter liegenden Bewusstsein, es (spätestens seit den Missbrauchsskandalen) mit einer fundamentalen Krise der katholischen Kirche: ihrer Strukturen wie ihrer Überzeugungen zu tun zu haben.

Auch die evangelischen Kirchen in Deutschland leben, und zwar schon länger, mit einem solchen radikalen Krisenbewusstsein – man kann sogar die These vertreten, dass die evangelische Praktische Theologie, wie sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden ist, sich genau diesem tiefen Krisenbewusstsein verdankt. Aus der praktisch-theologischen Reflexion jener Krisen, die sich nach dem Ersten Weltkrieg, in den späten 1960er Jahren und zuletzt nach 1989 jeweils noch verschärft haben, möchte ich hier einige Überlegungen zum Synodalen Weg der Schwesterkirche beisteuern.

Viele Ähnlichkeiten

Meine Hinweise speisen sich einerseits aus dem Eindruck, dass nicht nur die Krisen der beiden Großkirchen viele Ähnlichkeiten aufweisen, sondern auch der organisatorische Umgang mit dieser – man muss es so nennen – elementaren Bedrohung. Gerade dort, wo die evangelische Kirche in ihren Reformbemühungen schon etwas weiter ist, können solche Parallelen vielleicht zu einer gewissen Ernüchterung der vielen Erwartungen beitragen, die sich – hoffnungs- oder sorgenvoll – an den Synodalen Weg richten.

Andererseits hat der evangelische Theologe, der sich mit dem Synodalen Weg befasst, natürlich auch allerhand Fremdheitserfahrungen. Das betrifft etwa die Fixierung auf hochgestellte Persönlichkeiten in Rom, in Köln oder in München, und mehr noch gewisse elementare, offenbar katholische Selbstverständlichkeiten, vor allem die Bedeutung des Gegenübers von Klerus und Laien, oder die Rede vom „pilgernden Gottesvolk“. Auch hier, bezüglich der Mitarbeitenden wie der Mitglieder der Kirche, hat sich die evangelische Praktische Theologie einen eher nüchternen Blick erarbeitet – und dieser sei hier für die Ermutigung genutzt, bestimmte Grundannahmen des Synodalen Weges zu prüfen.

Erste Ernüchterung: Die Beharrungskraft der pastoralen Hierarchie

Zahlreiche Diskussionen des Synodalen Weges – wie seiner Vorläufer in den Diözesen oder in der Würzburger Synode – betreffen die Eigenart des geweihten Amtes: seine zölibatäre Lebensform, seine exklusiv männliche Besetzung, die prekäre Kombination von sakramentaler, seelsorglicher und juristischer Macht. Jedenfalls diese Ambivalenz priesterlicher Macht, das lehrt die Geschichte des evangelischen Pfarramts, wird jedoch durch eine Öffnung für Priesterehe und -familie keineswegs überwunden: Auch die protestantische Kirche ist über Jahrhunderte eine ‚Pastorenkirche‘ gewesen, in der der Ortsgeistliche nicht weniger ‚Pastoralmacht‘ über seine Gemeinde – und über seine Familie! – ausgeübt hat als sein katholisches Pendant.

Nicht zu viel erwarten bzw. befürchten

Die Ordination von Frauen, seit den 1960er/70er Jahren, hat an der pas­toren­zentrierten Haltung der meisten, gerade der distanzierten evangelischen Mitglieder bisher kaum etwas geändert. Und auch die evangelische Kirche, in der der Weg ins Pfarramt inzwischen Männern wie Frauen, Hetero- wie Homosexuellen (fast) gleichermaßen offen­steht, hat seit einigen Jahren mit massiven Nachwuchsproblemen zu kämpfen. Von einer ‚Protestantisierung‘ des katholischen Priesteramtes sollten die Synodalen Weggenossen also besser nicht zu viel erwarten (bzw. befürchten).

Zweite Ernüchterung:
Kirchlicher Konservativismus braucht kein zentrales Lehr- und Leitungsamt

Viele Hoffnungen des Synodalen Weges knüpfen sich an die Frage, ob seine Verfahren die exklusive Leitungs- und Lehrvollmacht relativieren könnten, die dem bischöflichen (bzw. dem päpstlichen) Amt sowie der römischen Kurie zukommen. Geschichte wie Gegenwart der evangelischen Kirchen in Deutschland zeigen allerdings: Der Verzicht auf eine geistliche Zentralgewalt muss keineswegs zu erhöhter struktureller oder gar theologischer Beweglichkeit führen. Im Gegenteil: Schon früher – und damit tiefgreifender – als die katholischen Diözesen sind die evangelischen Landeskirchen ausgesprochene Amtskirchen gewesen, mit einer staatsförmigen Konsistorialverfassung, mit obrigkeitlicher Finanz- und Personalverwaltung und einem strikten Parochialsystem. Fast alle Versuche, diesen „morphologischen Fundamentalismus“, wie es in den 1960er Jahren hieß, in der evangelischen Kirche zu überwinden, sind gescheitert – und zwar nicht an autoritären Bischöfen, sondern an gut geschulten Juristen sowie an einem mehrheitlich traditionsorientierten Kirchenvolk.

Eigenlogik großkirchlicher Organisation

Auch der Konflikt zwischen (aufgeklärter?) Theologie und (konservativem?) kirch­lichen Lehramt, wie er den Synodalen Weg bis in die Besetzung einzelner Foren bestimmt, kommt dem evangelischen Theologen bekannt vor. Spätestens seit Karl Barth dem Berliner Bischof Dibelius 1930 ein heftiges „Quousque tandem?“ (Wie lange noch?) entgegenschleuderte, stellt die Kritik an der selbstzufriedenen Kirchenleitung eine ebenso verbreitete wie erfolglose Attitüde der akademischen Theologie dar. Anders gesagt: Dass die Theologie in den letzten Jahrzehnten wenig kirchenleitende Kraft entwickelt hat, das liegt jedenfalls in der evangelischen Kirche nicht an einem autoritativen Lehramt, sondern – so scheint es – an der Eigenlogik der großkirchlichen Organisation. Wird daran ein Synodaler Weg, auf dem vor allem (bischöfliche wie hauptamtliche) Funktionäre unterwegs sind, etwas ändern können?

Dritte Ernüchterung: Synodale Partizipation führt nicht zu kirchlicher Erneuerung

Die Hochschätzung einer Synodalität „von unten nach oben“, unter Einbeziehung des Kirchenvolks, und „von oben nach unten“, durch die bischöfliche Kollegialität, wie dies Papst Franziskus in seinem Brief zum Synodalen Weg entfaltet hat (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles, Nr. 220, Juni 2019, S. 8f): Dies kann ein evangelischer Theologe erst einmal nur begrüßen – gehört doch die „presbyterial-synodale Leitung“ namentlich der reformierten und unierten Landeskirchen zu den Heiligen Kühen des Protestantismus, die gegen Übergriffe „von oben“ gerne verteidigt werden.

Nur selten eine Quelle der Innovation

Allerdings gehört zur Praxis der evangelischen Synoden und Gemeindekirchenräte auch die Einsicht: Diese geordnete, auf Wahl beruhende Mitwirkung von Laien an der Kirchenleitung ist nur selten eine Quelle religiöser oder struktureller Innovation. Im Gegenteil: Seit den ersten Kirchenvorstandswahlen, je nach Landeskirche seit dem 16. oder seit dem 19. Jahrhundert, wurden – zum Entsetzen der liberalen Theologen – in diese Gremien stets konservative oder erweckliche Mehrheiten gewählt. Die Kirchenmitglieder, erst recht die wählenden Mitglieder sind bis heute keineswegs pro­gres­siv gestimmt – das kann man etwa an den Pfarrwahlen gut erkennen. Eine verstärkte Par­ti­zi­pation der Basis, wie sie der Synodale Weg mit großer Energie verfolgt – diese Synodalität wird nicht eo ipso zu einer offeneren, moderneren oder gar liberaleren Kirche führen.

Eine evangelische Ermutigung: Es gibt nicht nur Kleriker und Laien

Angesichts der ‚protestantischen‘ Dimensionen des Synodalen Weges – die Kritik am Weihepriestertum, am zentralen Lehramt, an fehlender Partizipation – neigt der evangelische Theologe zu nüchterner Skepsis. Dort jedoch, wo ihm der Synodale Weg ziemlich katholisch vorkommt, möchte er zu etwas mehr evangelischer Vielfalt ermutigen.

So sehe ich mit Befremden, wie stark der Synodale Weg sich auf die klassischen katholischen Binaritäten fixiert: das Gegenüber von Mann und Frau sowie das Gegenüber von (v.a. bischöflichem) Klerus und ‚den Laien‘. In den evangelischen Kirchen sind es dagegen ganz andere Oppositionen, die derzeit die Diskussion bestimmen. So fragen vermehrt andere Berufs­gruppen – Diakone und Gemeindepädagoginnen, Kirchenmusiker und Verwaltungskräfte – nach ihrem spezifischen Beitrag zum kirchlichen Handeln, das eben nicht allein durch Pfarrer*innen verantwortet wird. Ebenso findet in den letzten Jahrzehnten der ehrenamtliche Dienst in Seelsorge, Gottesdienst und Gemeindeleitung mehr Aufmerksamkeit, auch mehr organisatorische Unterstützung. Die – auch bei uns gängige! – Unterscheidung ‚ordiniert/nicht-ordiniert‘ blendet diese Vielfalt der Akteure tendenziell aus.

Nicht alle sind engagierte, sprachfähige Christen

Noch befremdlicher scheint mir das Vertrauen, das päpstliche wie progressive Kräfte auf das Engagement des ‚ganzen Gottesvolkes‘ setzen. Das Volk der Volkskirche besteht nicht allein aus (potenziell) engagierten Gläubigen; auch in der katholischen Kirche gibt es doch die Weihnachts- und Bestattungschristen, die allen Debatten um „Evangelisation“ (im evangelischen Raum: „Mission“) mit großer Zurückhaltung begegnen. Auf der Basis empirischer Studien wie der Erfahrung ‚vor Ort‘ ermuntere ich dazu, nicht alle Kirchenmitglieder (von den Konfessionslosen ganz abgesehen) zu engagierten, sprachfähigen Gemeindechristen machen zu wollen. Das „diskrete Christentum“ (Kristian Fechtner) hat sein eigenes kirchliches Recht.

Eine zweite Ermutigung: Die Gemeinden und Regionen vor Ort hören

Recht katholisch mutet mir sodann der Ansatz an, die vielen, oft verheißungsvollen diözesanen Reformprozesse nicht allein landesweit zu koordinieren oder zu ergänzen, sondern durch eine zentrale Struktur allererst zur Wirkung bringen zu wollen. Nachdem die Evangelische Kirche in Deutschland Ähnliches mit dem Reformprozess „Kirche der Freiheit“ (seit 2006) versucht hat, ist den Meisten klar geworden, dass die entscheidenden Reformen der Kirche nicht auf nationaler Ebene stattfinden werden, sondern in den einzelnen, ganz unterschiedlichen Landeskirchen – und mehr noch: in den Gemeinden und Dekanaten ‚vor Ort‘, die theologisch wie strukturell oft schon viel offener, experimentierfreudiger sind als die Synoden in Hannover, München oder Berlin.

Vielfalt der Pastoral- und Gemeindetheologie

Wirksam, ja erfolgreich sind die EKD-Initiativen gerade dort, wo sie solche regionalen Lernprozesse miteinander vernetzen, sie publizieren und praktisch-theologisch (!) reflektieren. Insofern ermuntere ich dazu, auf dem Synodalen Weg nicht nur einzelne Betroffene, sondern noch stärker Vertreter*innen aus Regionen und Ortsgemeinden zu hören – und nicht zuletzt die Vielfalt der Pastoral- und Gemeindetheologie.

Eine dritte Ermutigung: Verkündigung und Leitung als Prozess

Noch mehr an die katholische DNA geht schließlich eine Beobachtung dazu, wie die meisten Beiträge von „Verkündigung“ sprechen. Konservative Stimmen sehen ein zentrales Reformanliegen darin, den „Glauben der Kirche“ neu in die Gegenwart zu übersetzen; und progressive Texte, etwa das theologisch sehr ausgereifte Vorbereitungsdokument zum Synodal­fo­rum „Macht und Gewaltenteilung“ (Januar 2020) ermuntern dazu, die „Rhetorik der Macht … in der Verkündigung und der Katechese“ zu reflektieren. Allen gemeinsam bleibt die Vorstellung, es gäbe einen Glauben, ein Evangelium oder eine biblische Wahrheit, die nur zeitgemäßer ‚verkündigt‘ oder gelehrt werden müsse.

Die evangelische Praktische Theologie dagegen hat sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend vom Paradigma der ‚Verkündigung‘ verabschiedet. An die Stelle dieses tendenziell asymmetrisch-autoritativen Bildes ist der ökumenisch inspirierte, von Ernst Lange und neuerdings von Christian Grethlein entfaltete Begriff der ‚Kommunikation des Evangeliums‘ getreten. Er will betonen, dass das Evangelium eben nicht vorab, auch nicht biblisch feststeht, sondern sich erst in konkreten, wechselseitigen Begegnungen bildet und zur Wirkung kommt.

Kommunikation des Evangeliums

Das kirchliche Handeln, in Predigt, Unterricht und Seelsorge hat dann nicht mit feststehenden Sätzen oder tradierten ‚deposita‘ zu tun, sondern es stellt einen vielfältigen und vielstimmigen Prozess dar, in dem das jetzt und hier befreiende Evangelium gesucht und – für alle Beteiligten unverfügbar – gefunden wird. Wer in welcher Weise an der Predigt, an der Bildung – und an der Leitung – der Kirche teilhat, das lässt sich dann weniger mit definierten Ämtern oder Funktionen beschreiben, sondern eher mit den Bildern des Netzwerks, der Begegnung oder des Weges (!). Aus der evangelischen Außenperspektive ermuntere ich die Synodalen Weggefährten, ihre Suche nach einem neuen Verständnis der Kirche selbst als eine zentrale – und wirkungsvolle – Form der Kommunikation des Evangeliums zu sehen.


Jan Hermelink ist Professor für Praktische Theologie in Göttingen.

Bildquelle: DBK

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