Der Weiße Faden: Utopischer Ort im öffentlichen Raum

Wie können Porträts den Raum zum Interreligiösen Dialog öffnen? Ein Interview von Ursula Mühlberger mit Elena Kaufmann, Antje-Maria Lochthofen und Martin Kaufmann zu einer Kunstaktion in Erfurt.

Meine Absicht, eine Rückfahrkarte nach einer Woche Urlaub in Erfurt, im Bahnhof zu erstehen, wird unterbrochen, aufgehalten durch einen Kokon auf dem Vorplatz. Neugierig betrete ich einen offenen Raum, großformatige Porträtfotos hängen an den Wänden, offensichtlich eine Ausstellung. Die Frauen auf den Fotos sehen mich an, nehmen mich gefangen, gehen mit mir in Kontakt, berühren mich. Ihre Gewänder sind zeitlos, ihre Gesichter ungeschminkt, aus verschiedensten Lebensphasen, divers, aus der Zeit oder in die Zeit gefallen.

Foto: Juliana Socher

Gegenüber den Porträts und ohne herstellbare Verbindung lese ich Antworten zu folgenden Fragen: Wie sieht Gott aus? Ist es ein gütiger Gott? Wie straft Gott? Zweifeln Sie mitunter? Was ist das Besondere an Ihrem Gott? Haben Sie IHN schon einmal verflucht? Warum glauben Sie?

 20 Frauen, porträtiert von der Fotografin Elena Kaufmann, haben aus 20 verschiedenen Glaubenszusammenhängen diese Fragen beantwortet. 20 Religionen, verpackt in 20 biographischen Fragmenten, aufgeschrieben von der Autorin Antje-Maria Lochthofen. Präsentiert und geschützt, ohne klare Zuordnung in einem gemeinsamen Raum, einem Kokon mit durchsichtiger Textur in weißem Licht, konstruiert von Martin Kaufmann.

Überzeugen ist unfruchtbar, (Walter Benjamin)

Meine Empfindung in diesem Raum: Hier bin ich zu Hause, hier habe ich Heimat. Und mein utopischer Wunsch: Dieser Raum gehört in die ganze Welt, vielleicht zunächst in meine Heimatstadt Frankfurt am Main. Elena Kaufmann lud mich am 25. März 2022 zu einem Gespräch mit ihr, Antje-Maria Lochthofen und Martin Kaufmann über den Weißen Faden an den Küchentisch in Erfurt ein.

Foto: Juliana Socher

Ursula Mühlberger: Wann ist die Idee zum „Weißen Faden“ entstanden? Sie schrieben mir in Ihrer Einladung, am Küchentisch, an dem wir jetzt auch sitzen?

Elena Kaufmann: Angefangen hat es, so muss ich ausholen, auf der Suche nach einem geeigneten Thema zum Erwerb des Diploms in Dokumentarphotographie. Eines Tages fiel mir im jüdischen Bezirk von St. Petersburg ein Mann mit einem interessanten Hut auf, so einen Hut kannte ich bis dahin nicht. Meine Neugier öffnete mir eine Tür zu einer jüdischen Schule für Jungen. Sie haben mich mit in ihr Leben genommen und ich begann, sie zu fotografieren und damit ihre Geschichten zu erzählen, Geschichten über ihre Tradition, über ihr Leben, über die Schule. Einer der Jungen hat mir im Laufe der Zeit Geschichten erzählt, die im Gegensatz zu seiner Tradition, seiner Familie und dem Narrativ der jüdischen Schule, standen. Er hat mir viel anvertraut. Um ihn nicht bloßzustellen, habe ich mich entschieden, das Wesentliche nicht zu erzählen.

Antje-M. Lochthofen: Und das war und ist großartig, auch wenn der Preis hoch war.

Elena Kaufmann: Der Preis bestand darin, dass mein Professor und Kurator von mir enttäuscht war, da ich seiner Erwartung nicht entsprochen hatte. Und ich war auch enttäuscht, denn eigentlich wollte ich immer zu den Großen gehören.

Antje-M. Lochthofen: Gerade so gehörst Du zu den Großen… schauen Sie das Photo an. Was es zeigt und was es verschweigt…

Sei a Mensch. (jiddischer Ausspruch)

Ursula Mühlberger: Das war der Anfang des Weißen Fadens. Wie ging Ihre Geschichte weiter?

Elena Kaufmann: Nachdem ich aus Sankt Petersburg nach Erfurt umgesiedelt war, begann auf der persönlichen Ebene eine andere Konfrontation mit mir selbst, dem Ausländer-Sein, mit dem Gefühl von Fremd-Sein und der Frage: “Ist nicht das Wichtigste, dass ein Mensch gut ist?“, jenseits von Identität und (Religions)Zugehörigkeit. Und als Photographin stellte ich mir die Frage: Wie kann ich darüber erzählen, nicht nur mit Photos, sondern auch mit Worten?

Mit großer Ehrlichkeit und Demut.

Ursula Mühlberger: Mit den Worten kommen Sie ins Spiel, Frau Lochthofen. Wie sind Sie sich begegnet?

Antje-M. Lochthofen: Durch meinen Mann, Sergej Lochthofen, zufälligerweise wie Elena auch in Wokuta geboren. Er hat mich Elena weiterempfohlen: „Wenn es für Sie das Wesentliche ist, wie Sie den Menschen mit Texten berühren können, so sollten Sie mit meiner Frau sprechen.“

Elena Kaufmann: Und das hat wirklich zugetroffen. Sie umarmt Dich mit einer warmen Decke und bleibt bei Dir.

Antje-M. Lochthofen: Anders kann man so ein Projekt nicht machen, das geht nur mit Menschen, denen man vertraut, mit einer großen Ehrlichkeit und Demut.

Dich und dein Herz zeigen.

Ursula Mühlberger: Frau Lochthofen, Sie haben alle porträtierten Frauen eingeladen, die kurz beantworteten Fragen zu kommentieren, indem sie erzählen. Wie haben Sie die Frauen vorbereitet und ermöglicht, ähnlich wie bei den Portraits, sich auch zu öffnen?

Antje-M. Lochthofen: Ich weiß es nicht. Ich kann sehr gut spüren, wie ich die Menschen mitnehmen kann. Je mehr du dich selbst nackig machst, ich auch meine Nervosität zeige, die Angst und den Respekt, die ich auch immer habe, desto unmittelbarer ist die Begegnung möglich. Wir, Elena und ich, hatten ein Ziel: Ich möchte dich und dein Herz zeigen, wir werden dich zeigen. Komm, gib mir deine Hand. Wir öffnen uns, wenn wir anfangen, Masken auszuziehen und über Wichtigstes zu reden.

Elena Kaufmann: Ich hatte immer Schwierigkeiten, Menschen so zu fotografieren, wie sie sich selbst sehen wollen. Ich suche nach dem Verborgenen im Menschen. Dieser Moment ist bedeutend. Sie mussten keine Rolle spielen. Es ging nicht darum: wie sehe ich aus, wir wirke ich, bin ich schön? Sondern: wer bin ich? Wenn ich sie so auf dem Foto abbilden kann, hinter dem „Nach-außen-wirken-zu-müssen“, dann bekomme ich oft Tränen zu sehen und höre: Ja, das bin ich. Sie haben geweint, als sie sich selbst gesehen haben. Die Grundlage meines Fotografierens liegt im Ermöglichen von Beziehung, mit den Protagonisten und mit den Betrachtenden. Das gelingt nicht, ohne im Prozess des Fotografierens viel von sich selbst zu geben.

Gerade die Jugendlichen wollten nicht mehr gehen.

Ursula Mühlberger: Was hat Sie im Projekt „Der Weiße Faden“ überrascht, was hatten Sie nicht erwartet?

Elena KaufmannMich haben die Jugendlichen überrascht, die den Kokon aufgesucht haben. Als sich die ersten Schulklassen angemeldet haben, hatte ich zunächst Angst vor der Reaktion der Jugendlichen. Aber gerade die Jugendlichen wollten gar nicht mehr gehen, den Raum nicht mehr verlassen und vor allem: Sie hatten Fragen, Fragen, Fragen. Schließlich haben sich immer mehr Klassen angemeldet. Für mich wurde deutlich, Jugendliche brauchen das Thema, Kindern wird von uns Erwachsenen wenig Erfahrung angeboten, interkulturell zu sein, Grundsteine, auf denen die Gesellschaft gebaut wird. Wenn wir nur über Differenzen sprechen, ermöglicht das selten Dialog. Stattdessen sollten wir versuchen, herauszufinden, was uns verbindet.

Ein begehbarer Kokon im öffentlichen Raum.

Ursula Mühlberger:  Herr Kaufmann, Sie haben den Kokon als Schutzraum für die Porträts und Texte konstruiert. Wie beschreiben Sie seine Wirkung auf dem Erfurter Bahnhofsvorplatz?

Martin Kaufmann: Wir haben die verschiedensten Menschen erreicht, was wir nie erwartet haben. Der Kokon im öffentlichen Raum ist ein wesentlicher Aussage-Bestandteil: Er ist anders als eine Ausstellung für alle Menschen begehbar und erreichbar. In Erfurt hatte er innerhalb der sechswöchigen Präsenzphase 20.000 Besucher*innen.

Foto: Juliana Socher

Ursula Mühlberger: Was geschieht jetzt mit dem Kokon?

Martin Kaufmann: Zur Zeit hat er Heimat im Erfurter Museum gefunden. Es gibt Verhandlungen mit anderen Städten und öffentlichen Räumen.

Ursula Mühlberger: Gerade jetzt wünsche ich mir diese Utopie möglichst auf allen Bahnhofsplätzen unserer Welt. Herzlichen Dank für das Gespräch am Erfurter Küchentisch.

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Das Gespräch führte Ursula Mühlberger, Theologin und Musikerin

Die Gesprächspartner*innen: Elena Kaufmann, Fotografin; Antje-Maria Lochthofen, Journalistin; Martin Kaufmann, Dipl. Ingenieur und Geschäftsführer einer Medienproduktionsfirma.

Fotos: Juliana Socher

 

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