Die Liebe zum Nächsten als oberster Grundsatz. Vor 50 Jahren starb Camilo Torres

Wie weit muss Kirche gehen, um ihren Auftrag in der Welt zu erfüllen? Eine Figur der kirchlichen Zeitgeschichte offenbart die Spannungen von „kämpfender Religion“. Relecture mit Margit Eckholt.

„Vielgesichtige Ikone: Priester, Soziologe, sozialer und politischer Führer“[1]

Am 15. Februar 2016 jährt sich der 50. Todestag von Camilo Torres, kolumbianischer Priester und Soziologe, seit Rückkehr von seinen Studien in Löwen im Einsatz für die Armen, Arbeiter und Bauern, im Kampf um ihre sozialen und politischen Rechte, 1965 in die „Nationale Befreiungsarmee“ (ELN – Ejército de liberación nacional) eingetreten und am 15. Februar 1966 bei einem Feuergefecht ums Leben gekommen. In den letzten beiden Jahrzehnten, vor allem nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch staatssozialistischer Regime in Osteuropa und der ehemaligen UdSSR, war Camilo Torres im europäischen Kontext eher in Vergessenheit geraten, In den 70er und 80er Jahren letzten Jahrhunderts wurde er auch hier als „Ikone“ des Befreiungskampfes verehrt, ähnlich wie Che Guevara, der argentinische Arzt und Guerilla-Kämpfer, der sich Fidel Castro und der kuba­nischen Revolution angeschlossen hatte. [2]

Der Hintergrund: ein gespaltenes Land

Eine „Ikone“, an der sich jedoch die Geister schieden im Blick auf den Einsatz von Gewalt im Zuge der notwendigen Änderung von feudalen gesell­schaft­lichen und politischen Strukturen, die die lateinamerikanischen Länder bis in die 1970er Jahre prägten und auch in Kolumbien in der Folge des über 300.000 Tote kostenden Bürgerkriegs in den Jahren 1948 bis 1957 revolutionäre Bewegungen wachsen ließen. Der linksliberale Rechtsanwalt Jorge Eliecer Gaïtan hatte Ende der 1940er Jahre versucht, das zwischen Liberalen und Konservativen immens gespaltene Land zu einen; die „violencia“ des Bürgerkriegs, die nach seiner Ermordung 1948 ausbrach, vertiefte Gräben und riss neue auf. Die revolutionären Bewegungen, die Ende der 1950er Jahre auch auf dem Hintergrund der kubanischen Revolution in Kolumbien entstanden, die die Rechte der Landbevöl­kerung und der Armen in den Städten einforderten – damals bewirteten 3,6 % der Landeigentümer 64,2 % der Anbauflächen, nur 50 % der Kinder besuchten die Grundschule – , stürzten das Land weiter in Gewalt – ausgeübt von Guerrillas, Militärs und Paramilitärs, den bewaffneten Brigaden der Landbesitzer oder der Drogenbarone, mit der Konsequenz, dass Kolumbien zu den lateinamerika­nischen Ländern mit der größten Binnenmigration gehört.

Über vier Millionen Menschen haben in den letzten Jahrzehnten ihre Hei­mat verlassen müssen und sich meist in den armen Randzonen der größeren Städte angesiedelt. Große Hoffnung setzt die Bevölkerung auf die Regierung Juan Manuel Santos, die nach dreijährigen Friedensgesprächen und Verhandlungen und in einem Projekt nationaler Einung – ähnlich wie Anfang der 1960er Jahre Camilo Torres – versucht, die verschiedenen Parteien und revolutionären Bewegungen zu einem Friedensschluss zu führen, der – so die Hoffnung vieler – wahrscheinlich am 23. März diesen Jahres in Havanna geschlossen werden soll.

Die Leute sind verzweifelt und daher entschlossen, ihr Leben hinzugeben

An Camilo Torres scheiden sich insofern die Geister, als er mit seinem Projekt des „Frente unido“ die verschiedenen liberalen und revolutionären Kräfte des Landes einen wollte, aber angesichts des Scheiterns sich der Nationalen Befreiungsarmee anschloss und Gewalt im Kampf um soziale und politische Partizipation nicht ausschloss. Das Volk, so Torres, in seinem letzten Aufruf im Januar 1966 an die Kolumbianer, „weiß, daß die gesetzlichen Mittel, demokratische Zustände herbeizuführen, erschöpft sind. Es bleibt mithin nur noch die Gewalt. Die Leute sind verzweifelt und daher ent­schlossen, ihr Leben hinzugeben, damit die nächste Generation der Kolumbianer von einem Sklavendasein bewahrt wird. Sie wollen, daß ihre Kinder eine gute Ausbildung, Wohnung, Kleidung und genug zu essen haben.

Vor allem möchten sie gesichert sehen, daß ihre Kinder als vollwertige Menschen geachtet werden. Sie wollen, daß ihre Kinder in einem unabhängigen Kolumbien leben… Ich habe mich denen angeschlossen, die mit der Waffe kämpfen. In den kolumbianischen Bergen will ich den Kampf mit dem Gewehr in der Hand fortsetzen, bis das Volk die Macht übernommen hat. Ich bin in die Nationale Befreiungsarmee eingetreten, weil in ihr die Ideale der Vereinigten Volkfront vertreten werden. Hier habe ich nicht nur den Wunsch, sondern die Verwirklichung einer Einigung bis ins letzte Glied gefunden. Dieser bäuerliche Block kennt keine religiösen Unterschiede und keinen traditionellen Parteienzank… Kolumbianer, verschließen wir unsere Ohren nicht. Hören wir den Ruf des Volkes, hören wir die Stimme der Revolution!“[3]

Gewalt als Mittel der Nachfolge?

An Camilo Torres scheiden sich die Geister gerade auch von Christen und Christinnen: Wenn das Evangelium „revolu­tionäre Macht“ hat, wie die Friedensaktivistin Hildegard Goss-Mayr formuliert[4], und menschliche Maßstäbe umwertet, wie steht es dann mit dem Einsatz von Christen und Christinnen in Befreiungsbewegungen? Wo und wie ist genau die Grenze zu markieren, die Frieden – das Ziel menschlicher Entwicklung, so Johannes XXIII. in seiner Enzyklika „Pacem in terris“ (1963) – verunmöglicht? Friede kann nicht das Resultat von Gewalt sein; er kann nur durch ´Werke des Friedens´ aufgebaut werden“[5], so hat es auch das Generalsekretariat der Zeitschrift „Concilium“ in den Hochzeiten der Debatten um den Einsatz von Christen und Christinnen in Befreiungsbewegungen in seiner Dokumentation „Friede durch Revolution“ aus dem Jahr 1968 formuliert.

Bürgerliche Bildung, theologische Sensibilisierung, praktische Solidarität

Camilo Torres Restrepo wurde am 3. Februar 1929 in Bogotá geboren; sein Vater war Kinderarzt, Dekan der Medizinischen Fakultät, die Mutter, Isabel Restrepo Gaviria stammt aus einer angese­he­nen Familie, deren Vorfahr José Felix de Restrepo zu den Kämpfern um die Unabhängigkeit gehört hat. In seiner Kindheit hat Camilo Torres in Belgien und Spanien gelebt, als Jugendlicher hat er in Bogotá die Schule besucht, dann an der Nationalen Universität Jura studiert. Er war Redakteur der angesehenen Zeitschrift „La Razón“ und kam über den Führer der konservativen Partei, José Antonio Montalvo, in Kontakt mit französischen Dominikanern, die auf dem Weg seiner religiösen Berufung von Bedeutung wurden.

1954 wurde er zum Priester der Erzdiözese von Bogotá geweiht, konnte im unmittelbaren Anschluss daran an der Katholischen Universität in Löwen Soziologie studieren. Es waren die bewegten Jahre der Vorkonzilszeit; er studierte bei Charles Moeller, Jean Ladrière, Jacques Leclercq und François Houtart, der in diesen Jahren umfangreiche Forschungen zur sozio-religiösen Situation des Katholizismus in Lateinamerika vorlegte. In seiner Examensarbeit setzte sich Camilo Torres mit Fragen der Stadtsoziologie, der sozio-ökonomischen Situation und „Proletarisierung“ in seiner Stadt Bogotá auseinander. Auf verschiedenen Reisen in Europa hatte er Einsicht in neue Formen der Sozialarbeit gewonnen, in Paris lernte er die Arbeit von Abbé Pierre im Einsatz für die Ärmsten kennen.

Zwei Jahre nach Ende der „violencia“ kehrte er nach Bogotá zurück, er wird Studentenpfarrer, gleichzeitig lehrt er an der soziologischen Fakultät der Universidad Nacional. Hier setzt er sich mit Armut, Agrarreform, den Herausforderungen der Urbanisierung und den wachsenden Armenvierteln auseinander und versteht es in seiner Lehre, die Studierenden für die sozialen Herausforderungen ihres Landes zu sensibilisieren. 1962 muss er nach einem Studentenprotest auf Veranlassung des Kardinals von Bogotá seine Ämter an der Universität niederlegen. Er wird Vikar in der Pfarrei Veracruz in Bogotá und Dekan des kirchlichen „Instituto de Administración social“, ein Amt, das es ihm ermöglicht, neue Formen kirchlicher Sozialarbeit einzuführen. Das Institut bietet Ausbildungskurse an, in denen sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen mit der Agrarreform auseinandersetzen, es gibt Impulse für die Gründung von Genossenschaften in den Armenvierteln; Torres ist der Vertreter der Kirche in der Leitung des „Instituto Colombiano de la Reforma Agraria“ (INCORA).

„Wirksame Maßnahmen“ für das Wohl der Menschheit

In kirchlichen und konservativen politischen Kreisen wird er immer mehr als „Kommunist“ und „Revolutionär“ verschrieen, gleichzeitig wächst sein Ansehen bei den Bauern und Arbeitern und seine eigene Überzeugung vertieft sich in diesen Jahren, dass Kirche eine konkrete „Option“ an der Seite der Armen treffen muss. Die Caritas der Kirche kann nicht „Nothilfe“ sein, sondern es ist notwendig, so formuliert er in seinem „Aufruf an die Christen“ vom 3. August 1965, „daß wir Christen in diesem entscheidenden Augenblick unserer Geschichte festhalten an den Grundwahrheiten unserer Religion. Das entscheidende Element am katholischen Glauben ist die Liebe zum Nächsten. ´Wer den Nächsten liebt, der erfüllt das Gesetz´ (Röm 13,8). Damit diese Liebe wahr und echt sei, muß sie wirksam werden. Wenn Wohltätigkeit, Almosen, wenige Schulen für Kinder aller Schichten, ein paar Wohlfahrtsprogramme, kurz all das, was man ‚Mildtätigkeit‘ nennt, nicht ausreicht, den meisten Hungernden zu essen zu geben, die meisten Nackten zu kleiden, die meisten Unwissenden zu unterrichten, dann müssten wir wirksamere Maßnahmen einleiten, um das Wohl der Mehrheit sicherzustellen.“[6]

In der gegenwärtigen Struktur der Kirche kann ich mein Priestertum nicht verwirklichen.

Angesichts der zunehmenden sozialen und politischen Gewalt wird Ende 1964 die Plattform der Einheitsfront des kolumbianischen Volkes des Frente Unido gegründet, zu der sich die christlich-sozialdemokratische Partei und die liberale revolutionäre Bewegung mit den Bewegungen der Arbeiter und Bauern und den Kommunisten vereinen, ein Projekt, das Camilo Torres entscheidend vorantreibt; seine Zusammenstellung der Ziele der Plattform[7] (17.3.1965) und die Zeitschrift „Frente Unido“ haben auch weit über Kolumbien hinaus Einfluss auf revolutionäre Bewegungen in ganz Lateinamerika. Eine höchst spannungsreiche Zeit beginnt, das Projekt der Plattform bricht auseinander, der Kardinal entpflichtet ihn von seinen Aufgaben am „Instituto de Administración social“, er soll einen Forschungsauftrag über die Neuordnung des Hirtenamtes in der Erzdiözese übernehmen, lehnt dies aber ab und bittet um Versetzung in den Laienstand. Der Kardinal veranlasst dies am 26.7.1965. „Ich meine, daß der revolutionäre Kampf ein christlicher und ein priesterlicher Kampf ist“; aber „in der gegenwärtigen Struktur der Kirche hat man es mir unmöglich gemacht, mein Priestertum zu verwirk­lichen“.[8]

Entscheidung für die Revolution

Der „Aufruf an die Christen“[9] ist ein Schlüsseltext, in dem er seine Entscheidung, sich dem revolutionären Kampf anzuschließen, auf dem Hintergrund seiner Auseinandersetzung mit den biblischen Texten begründet. Was Revolution ist, ist für ihn im Evangelium begründet, sie ist Ausdruck der „Liebe“ den Armen gegenüber: „Deshalb ist es unumgänglich, der privilegierten Minderheit die Macht zu entreißen und sie den vielen Armen zu übertragen. Dies schnell zu tun, ist die Aufgabe einer echten Revolution. Die Revolution kann friedlich sein, wenn die wenigen Mächtigen keinen bewaffneten Widerstand leisten. Revolution heißt: eine Regierung einsetzen, die den Hungernden zu essen gibt, die Nackten kleidet und die Unwissenden unterrichtet, kurz, Liebe übt, dies aber nicht nur gelegentlich oder vorübergehend tut und nicht nur einige wenige befriedigt, sondern sich um die große Masse unserer Brüder und Schwestern kümmert. Aus diesem Grunde ist die Revolution dem Christen nicht nur gestattet, sondern sie ist seine Pflicht, wenn sie die einzige wirksame und hinreichende Möglichkeit ist, die Liebe zu allen durchzusetzen. Es ist sicher, dass ‚alle Macht von Gott kommt‘ (Röm 13,1), aber der heilige Thomas sagt, daß in der konkreten Geschichte das Volk bestimmt, wer die Macht ausüben soll.“

Als Priester kann er keine Messe feiern, solange die Armen Gewalt erleiden.

Ein solcher Einsatz bedeutet für ihn dann auch Stärkung der Kirche: „Die Mängel der Kirche dürfen uns nicht entsetzen. Die Kirche ist Menschenwerk, aber wir müssen auch glauben, daß sie göttlich ist, und in dem Maße, in dem wir Christen unsere Liebespflicht dem Nächsten gegenüber erfüllen, in demselben Maße stärken wir die Kirche.“ Und doch bittet er um Laisierung, denn er kann als Priester keine Messe feiern, solange die Armen Gewalt erleiden, aber es wird vielleicht eine Zeit geben, wo dies wieder für ihn möglich sein kann. „Ich habe die Vorrechte und Pflichten eines Priesters aufgegeben, aber ich habe deshalb nicht aufgehört, ein Priester zu sein. Ich glaube, aus Nächstenliebe habe ich mich der Revolution verschworen. Ich habe es aufgegeben, die Messe zu lesen, um in der Lage zu sein, den Nächsten zu lieben auf dem irdischen Feld der Wirtschaft und der sozialen Spannungen. Wenn mein Nächster nichts mehr gegen mich hat, wenn die Revolution durchgekämpft ist, dann will ich wieder die Messe lesen, falls Gott es so haben will. Ich glaube, so erfülle ich das Gebot des Herrn, welches lautet: ‚Wenn du daher deine Gabe zum Altare bringst und dich dort erinnerst, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, so laß deine Gabe dort vor dem Altar und gehe zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder und dann komm und opfere deine Gabe‘ (Mt 5,23f). Nach der Revolution werden wir Christen sagen können, daß wir ein System errichtet haben, in dem die Liebe zum Nächsten oberster Grundsatz ist. – Der Kampf wird lang sein, lasst uns heute schon beginnen…“

Der Weg in den Kampf; Politkommissar und Verbindungsmann

Am 18.10.1965 schließt Camillo Torres sich dem Ejército de Liberación Nacio­nal von Fabio Vásquez und Victor Medina an, einer der Guerillaorganisationen, die den bewaffneten Kampf führen zur Durchsetzung der Ziele der Plattform. Im Departamento Santander ist er Polit­kommissar und Verbindungsmann zu den Bauern, aber er wird nur knapp vier Monate Guerillero sein; am 15. Februar 1966 wird er in San Vicente de Chucurí (Santander) in einem Gefecht zwischen Armee und ELN, in das er zufällig gerät, erschossen. Sein letzter Aufruf vom 7. Januar 1966 ermahnt das Volk nochmals, sich auf dem Weg des bewaffneten Kampfes für die Ziele des Frente Unido einzusetzen. Camilo Torres Ideen und Vorbild machen Schule auch in anderen Ländern Lateinamerikas, zu den „Camilistas“ gehören in Argentinien Juan García Elorrio, der die Zeitschrift „Cristianismo y revolución“ gründet, in Uruguay der Jesuit Juan Carlos Zaffaroni, in Kolumbien Camilo Torres Freund und Wegbegleiter Germán Guzman Campos, wie er Priester und Soziologe, und seine Mutter Isabel Restrepo. Die 1967 in Argentinien gegründete Bewegung der „Priester für die Dritte Welt“ ist von seinen Ideen beeinflusst, angesichts der zunehmenden Gewalt in Argentinien wird sie 1976 jedoch aufgelöst.

Wir diskutierten eine ganze Nacht über den Beitrag des Evangeliums zur Revolution.

Sein „Aufruf an die Christen“ gehört sicher zu den Schlüsseltexten in der Entstehungszeit der Theologie der Befreiung, an der sich die Geister scheiden werden und die auch ein Scheidepunkt ist, dass die „Theologie der Befreiung“ unterschiedliche Entwicklungen in den verschiedenen Ländern Lateinamerikas durchlaufen wird. Gustavo Gutiérrez, der Camilo Torres noch aus den Studienzeitein in Löwen kannte, diskutiert die Gewaltfrage mit ihm. Hildegard Goss-Mayr, eine der großen Frauen der europäischen Friedensbewegung, die zusammen mit ihrem Ehemann Jean Goss seit den 1960er Jahren in Lateinamerika Kurse zur gewaltfreien Friedenserziehung geben wird, berichtet von ihrer Begegnung mit Camilo Torres, in der sie das Dilemma, in dem Camilo Torres steckte und auch ihre persönliche gewaltfreie Option, auf eine beeindruckende Weise auf den Punkt bringt:

„Ich lernte Camilo Torres 1962, wenige Tage, nachdem ich das erste Mal nach Lateinamerika kam, kennen. Wir diskutierten nahezu eine ganze Nacht über den Beitrag des Evangeliums zur Revolution. Gegen Ende des Gespräches erklärte uns Camilo Torres, wie tief er sich bewusst war, dass sich unter seien Händen als Priester das vollkommene Opfer der göttlichen Liebe vollzieht, das Vorbild der Umgestaltung der Welt sei. Bisher habe er diese Liebe Christi nur begrenzt, nur den Armen gegenüber verwirklicht, die Reichen aber abgeschrieben. Die Revolution des Evangeliums aber müsse auf die totale Liebe des Herrn aufbauen und den Kampf mit den von ihm gezeigten Mitteln führen. Niemand habe ihn jedoch während seiner theologischen Studien den Kampf mit diesen Mitteln gelehrt, auch gebe es in Kolumbien keine praktische Erfahrung darin. ‚Kommt doch zurück und arbeitet mit uns; gemeinsam wird es vielleicht ein Weg der Hoffnung des Lebens für unser werden.‘ Wir konnten damals als Neuangekommene und in der Situation Unerfahrene nicht annehmen. Hätten wir es doch tun sollen? – Camilo Torres, ein gläubiger und zum Führen begabter Mensch, ging konsequent den ihn gelehrten und bekannten Weg des bellum iustum bis zum Tod als Guerillero. Theologie und Kirche haben ihm nicht geholfen, Zeuge gerade jener revolutionären Macht zu werden, die zum Wesentlichen der evangelischen Botschaft gehört.“[10]

Erinnerungspolitik als Element des aktuellen Friedensprozesses

An Camilo Torres 50 Jahre nach seinem Tod zu erinnern, ist gerade im Blick auf den fragilen Friedensprozess in Kolumbien von Bedeutung. So sollen seine sterblichen Überreste auch auf Bitten des Erzbischofs von Cali, Darío de Jesús Monsalve von Präsident Juan Manuel Santos an die Familie zurückgegeben werden – als „symbolische Geste“, so Präsident Santos, „damit wir vorangehen können in diesem Prozess, um den Krieg zu beenden, um uns Kolumbianer alle miteinander zu versöhnen“[11]. Camilo Torres bleibt eine „Ikone“ für die revolutionäre Bewegung, und die Erinnerung an ihn macht auch deutlich, dass die „revolutionäre Macht des Evangeliums“[12] in post-sozialistischen, post-kapitalistischen und postindustriellen Zeiten auch heute noch trägt. Es sind, wie Gustavo Gutiérrez im Mai 2015 in einem Interview in Rom sagte, nämlich nicht Zeiten einer „Post-Armut“ angebrochen.[13]

Er war ein guter Priester, ein guter Politiker, ein guter Akademiker.

Die Erinnerung an Camilo Torres muss aber auch bedeuten, in Zeiten, in denen revolutionäre Bewegungen in den arabischen Ländern Religion und Gewalt auf eine neue, grausame Weise verbinden, die Friedenskraft der „revolutionären Macht des Evangeliums“ herauszustellen. „Friede kann nicht das Resultat von Gewalt sein; er kann nur durch ‚Werke des Friedens‘ aufgebaut werden.“[14] Heute tun Friedenstheologien not und gerade auch die Befreiungstheologien sind im interkulturellen und interreligiösen Gespräch als solche Friedenstheologien weiter zu entwickeln. Pater Darío Echeverry, Sekretär der Comisión de Conciliación Nacional de la Iglesia hatte in einem Gespräch mit der kolumbianischen Zeitung El Tiempo am 18. Januar 2016 gesagt: „Die Figur von Camilo ist einfach auf die des Guerrillero reduziert worden und man hat sehr wichtige Dinge vergessen: Er war ein guter Priester, ein guter Politiker, ein guter Akademiker; er war mit beteiligt an der Gründung der Fakultät für Soziologie der Universidad Nacional (…); es ist wert, dies bekannt zu geben.“[15]

Siehe auch den Beitrag von Norbert Arntz zur Frage nach dem Umgang mit Camilo Torres in Kolumbiens Gesellschaft und Kirche heute.

[1] Die Formulierung bezieht sich auf eine Aussage von Juan Camilo Biermann (Universidad Nacional de Colombia) in einem Interview mit DW: “un ícono polifacético: sacerdote, sociólogo, líder social y político”: http://www.dw.com/es/camilo-torres-una-figura-inc%C3%B3moda-para-la-derecha-y-la-izquierda/a-18990318 (7.2.2016)

[2] Die biographischen Angaben zu Camilo Torres beziehen sich auf: Traugott König, Vorbemerkung, in: Camilo Torres, Vom Apostolat zum Partisanenkampf. Artikel und Proklamationen, Hamburg 1969, 5-14.

[3] Camilo Torres, Revolution als Aufgabe des Christen. Mit einem Vorwort von Dorothee Sölle, Mainz 41981, 83-86.

[4] Dokumentation Concilium unter der Verantwortung des Generalsekretariats, „Friede durch Revolution“, in: Concilium 4 (1968) 388-401, hier: 398.

[5] Dokumentation Concilium, „Friede durch Revolution“,390.

[6] Torres, Aufruf an die Christen, in: ders., Revolution, 27-29, hier: 27.

[7] Torres, Die Plattform der Volksfrontbewegung, in: ders., Revolution, 15-23.

[8] Zitiert nach: Angelika Löw, „Was wird aus uns, wenn keine sich wehrt?“. Kolumbien: Die alltäglichen Kämpfe der Frauen, Reinbek bei Hamburg 1982, 68.

[9] Die folgenden Zitate sind dem in FN 5 zitierten Text entnommen.

[10] Dokumentation Concilium, „Friede durch Revolution“, 396/397.

[11] Vgl. http://www.eltiempo.com/politica/justicia/camilo-torres-santos-ordeno-buscar-sus-restos/16483086 (8.2.2016) Zur Kirche im Friedensprozess in Kolumbien: Héctor Fabio Henao Gaviria, The Colombian Church and Peacebuilding, in: Virginia M. Bouvier (Hg.), Building peace in a time of war, Washington D.C. 2009 (United States Institute of Peace), 173-190.

[12] Dokumentation Concilium, „Friede durch Revolution“, 398.

[13] Zitiert in: Bernardo Barranco V., Francisco ante la teología de la liberación, in: La Jornada 27. Januar 2016: http://www.jornada.unam.mx/2016/01/27/politica/016a1pol.

[14] Dokumentation Concilium, „Friede durch Revolution“, 390.

[15] Vgl. http://www.eltiempo.com/politica/justicia/camilo-torres-misterio-de-sus-restos/16483973

Margit Eckholt ist Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Universität Osnabrück.

Foto: Fabricio Ojeda / circulobolivarianoblogspot.com / 15-02-2010

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