Die drei Tage der Ostergeschichte. Für Reisende aus einer fernen Galaxie II

Eine Rekonstruktion von Rainer Bucher und Hans-Joachim Sander.

Der am Kreuz wurde brutal und öffentlich ums Leben gebracht, damit niemand auf den Gedanken kommt, ihm weiter zu folgen und weiter zu verfolgen, worum es in seiner Predigt ging. Das gelingt und ist erfolgreich. Die Postpassionsgeschichten der Bibel lassen daran keinen Zweifel. Das ist eine elementare Wahrheit menschlicher Brutalität: Sie ist erfolgreich unter den Menschen.

Karsamstag

Wer dies nicht einsieht, wird sich Illusionen machen, was geschehen wird, wenn dieser Brutalität ständig neue Räume geöffnet werden: Sie hört niemals auf, gleich wie mächtig sie schon ist. Sie ruft immer die totale Herrschaft auf den Plan, die sich niemals mit weniger als der Beherrschung und Zerstörung aller zufriedengeben kann, insbesondere ihrer eigenen Akteure.

Kein ach so großer Erfolg kann die Erbärmlichkeit der Täter unsichtbar machen. Aber ans Kreuz genagelt sind wir alle, solange die Verlorenheit unter uns Menschen nagt. Und diese Verlorenheit hat scharfe Zähne, die nicht stumpf werden durch langes Leben, gutes Leben, erwähltes Leben. Das tut uns der Karsamstag an.

Wir haben das Kreuz hinter uns, bei uns und vor uns. Nichts anderes ist zu erwarten, als ständig Wiederholungen. Jeder Staffel in dieser Serie von Kreuzigungen folgt die nächste und die erbärmlichen Brutalitäten sind nur Variationen der immer gleichen Story. Dieser Depression entgeht niemand. So weit weg ist das Opfer, das am Karfreitag gebracht wurde, also nicht. Es droht um jede Ecke. Was soll daran gut sein? Was soll daran lebensförderlich sein? Was soll daran weltverändernd sein?

Nichts ist daran gut, lebensförderlich, weltverändernd – außer der Selbstrelativierung, die sich im Blick auf das Opfer des Karfreitags eröffnet, notwendig eröffnet, aufdringlich eröffnet. Diese Selbstrelativierung demütigt die eigene Herrlichkeit. Die Zumutung des ersten und die Demütigung des zweiten Tages lassen nicht erwarten, dass mit einem Mal alles neu werden würde und wir uns nicht wirklich fürchten müssten vor dem Sturm der Geschichte und seinen Schädelstätten. Aber sie relativieren uns.

Lange haben wir hierzulande glauben dürfen, dass es doch nicht so schlimm kommen würde. Lange blieb es friedlich, wenn man nicht ganz so genau hingeschaut hat in die Ecken der Welt und selbst des Kontinents, die uns so weit weg erschienen, aber eigentlich nur voraus waren in den Krisen und Katastrophen, die bevorstanden. Jetzt sind sie da. Und wir suchen händeringend nach Lösungen für Krisen und Konflikte, von denen wir glaubten, sie würden uns erspart und ersparten uns, anders zu werden.

Es kann nicht alles neu werden.

Es kann nach dem Karfreitag und Karsamstag nicht alles neu werden, zu realistisch und naheliegend sind beide. Aber es kann anders werden. Das wird es nicht, weil wir Menschen mit einem Male andere wären. Die Außerirdischen, denen wir ja predigen, werden uns das vor Augen führen. Die sind anders, wir sind die immer Gleichen. Sie wissen es und wir wissen es.

Diese Einsicht tut der Karsamstag uns an. Er ist der zweite Tag und er ist gut, erbarmungslos gut.

 Der Tag nach dem Karsamstag

Wir kommen nicht davon, weil wir selbst mitten drin stecken. Wir stecken fest in dem, was wir tun und was wir uns antun. Darum ist die Osterbotschaft am Morgen ja auch: „Was sucht Ihr denn hier? Er ist nicht hier!“

Der, den man sucht, weil er uns erinnert, dass es doch eigentlich ganz anders gehen könnte mit dem Leben und in unserem Leben, dass es also gehen könnte mit Liebe statt Hass, mit Glauben statt Misstrauen, mit Hoffnung statt Verzweiflung, der ist nicht hier. Er kann gar nicht hier sein, weil sein Grab ein Grab war und ist und bleibt für die Menschlichkeit.

Dort wo das Grab ist, dort herrscht der Tod und der lacht sich in die Faust, weil er am Ende alle bekommt. Wer den wirklich sucht, der daran erinnert, wie es anders und wie anders es gehen könnte, der muss weg von diesem Grab. Im Grab ist er nicht zu finden und deshalb ist es leer.

Der Tag nach dem Karsamstag beginnt mit einem Bilderverbot des Erlösers und nicht mit einem Happy-End-Triumph des Helden von Golgotha. Wer sich sagen lässt, dass der, der es anders macht mit uns als Individuen, als Gemeinschaft, als Gesellschaft, als Menschheit, als Spezies, wer sich sagen lässt, dass der nicht dort ist, wo wir ihn vermuten, der bekommt eine Chance zu erkennen, dass die Welt anders ist. Diese Ansage „er ist nicht hier“ ist so wichtig, dass sie nur ungern in den Auferstehungs­zelebrationen unserer Ritualge­meinschaft bepredigt wird. Denn sie klärt so viel.

Die Außerirdischen werden hier einhalten und fragen, wo kann er denn sonst sein, wenn er nicht da ist, im Grab, am Tatort des verlorenen Lebens. Es ist wichtig, dass er nicht im Grab ist, der, auf den wir unser Leben setzen, wenn wir anders glauben, hoffen, lieben wollen, als wir es eigentlich selbst vermögen. Er kann nicht dort sein, wo uns nichts Besseres einfällt, als an der Macht des Todes zu hängen, weil wir damit andere bedrohen können und sie beherrschen können, oder weil wir uns vor dieser Macht so sehr fürchten, dass wir nicht bereit sind, uns für andere zu opfern, auch wenn es eigentlich nicht zu vermeiden ist.

Angst herrscht aus dem Grab heraus

Angst herrscht aus dem Grab heraus, von dem die Engel am Ostermorgen so lapidar sagen, dass der, den wir suchen, dort eben nicht ist. Aber wenn wir uns das sagen lassen, dann öffnet sich der Raum, anders zu leben, anders zu lieben, anders zu glauben, anders zu hoffen. Es ist der Raum der Auferstehung, die nicht einfach geschieht, es sei denn sie wird zur Lebensform. Wir finden ihre Elemente nicht aus uns selbst heraus, weil wir sie dann nur bei den Todgeweihten suchen würden. Wir finden diese Lebensform bei den Lebenden. Sie ermutigt uns, zu ihnen zu gehen. Dort verliert sich die Melancholie der verlorenen Sehnsucht des eigenen Lebens.

… es sei denn sie wird zur Lebensform.

Besseres wird uns wohl nicht geschehen als das. Wir werden ermutigt, uns selbst zu relativieren, weil wir das Leben mit denen teilen, die leben. Das teilt nicht auf, das teilt nicht ab, was das Leben zu bieten hat: Es teilt mit, was am Leben ist und woran das Leben ist. Und darum teilt es untereinander, was so alles wächst im Leben, sobald es erlöst ist. Das ist der dritte Tag. Er ist eine Ermutigung und sie ist gut, sie ist sehr gut.

Mehr hätten wir den Außerirdischen nicht zu erzählen. Mehr ist auch gar nicht nötig. Wir hätten übertragen, was unübertragbar ist, weil es eben nur selbst gelebt und erlebt werden kann.

Noch einmal: aus einer fernen Galaxie

In seinem Briefwechsel mit Carlo Kardinal Martini bittet Umberto Eco, „wenigstens für einen Augenblick die Hypothese zu akzeptieren, daß es Gott nicht gebe. Daß der Mensch durch einen Irrtum des täppischen Zufalls auf der Erde erschienen sei, nicht nur seiner Sterblichkeit ausgeliefert, sondern auch dazu verurteilt, ein Bewußtsein zu haben, mithin als das unvollkommenste aller Wesen (…)

Dieser Mensch würde nun, um den Mut zu finden, auf den Tod zu warten, notgedrungen ein religiöses Wesen werden, er würde sich bemühen, Erzählungen zu ersinnen, die ihm eine Erklärung und ein Modell liefern könnten, ein exemplarisches Bild. Und unter den vielen, die er sich ausdenken könnte … hätte er in einem bestimmten Moment, wenn er zur Erfüllung der Zeit gelangt ist, die religiöse, moralische und poetische Kraft, das Modell des Christus zu konzipieren, das Modell der universalen Liebe, der Vergebung für die Feinde und des zur Rettung der anderen geopferten Lebens.

Wenn ich ein Reisender aus einer fernen Galaxie wäre und vor einer Spezies stünde, die sich dieses Modell zu geben gewußt hat, würde ich überwältigt ihre enorme theogone Energie bewundern und würde diese jämmerliche und niederträchtige Spezies, die so viele Greuel begangen hat, allein dadurch als erlöst betrachten, daß sie es geschafft hat, sich zu wünschen und zu glauben, dies alles sei Wahrheit.“[1]

Wünschen wir uns doch wahrhaftig, was wir glauben. Frohe Ostern.
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Hans-Joachim Sander ist Professor für Dogmatik an der Universität Salzburg, Rainer Bucher Professor für Pastoraltheologie an der Universität Graz.

[1] Carlo Maria Martini/Umberto Eco, Woran glaubt, wer nicht glaubt?, Wien 1998, 92.

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