Die drei Tage der Ostergeschichte. Für Reisende aus einer fernen Galaxie I

Eine Rekonstruktion in zwei Teilen von Rainer Bucher und Hans-Joachim Sander.

Die Dankesrede des Büchnerpreisträgers des Jahres 2021, Clemens J. Setz aus Graz, enthält einen bemerkenswerten Hinweis. „Das ist für mich das geheime Herz aller Erzählkunst. Jeder Mensch, der Geschichten erzählen will, muss auch an Außerirdische predigen können. Er muss sich, trotz aller von ihm selbst zufällig mitgebrachten Universalität, eine kompetente und furchtlose Vertrauensperson außerhalb unserer Zeit oder unserer Spezies ersinnen können, eine Art Muse, eine in unserem Namen in ein aphasisches, menschenfeindliches Jenseits ausgeschickte sprachfähige Sonde, die möglicherweise irgendwann, randvoll mit Erkenntnis, zu uns zurückkehren darf.“[1]

Der außerirdische Blick

Was geschieht mit dem Glauben, wenn seine Geschichte der Heiligen Drei Tage an Außerirdische gepredigt wird? Was ist in Erfahrung zu bringen, wenn die Oster-Sonde aus dem menschenfeindlichen Jenseits des Weltalls zurückgekehrt sein wird? Was bringt sie mit, womit wir nie und nimmer gerechnet hätten, hier in dieser unseren so bedrängend gewordenen Welt?

Oder zeigt sich am Ende doch bloß nur, wie leicht christliches Glauben gegen seine eigentliche Aussage verdreht werden kann, wie damals, als Missionare das Evangeliums den angeblich Wilden und Unzivilisierten, also den Aliens ihrer kolonialen Welt, auf den Kopf zusagten? Das faszinierende Moment dieses Gedankens hat auch eine erschreckende Seite. „Also erklär dich. Verwalte das Unübertragbare gut. Es ist dein einziger Besitz“, so schreibt Setz den Geschichtenerzähler:innen dieser Welt ins literarische Stammbuch.

Wagen wir doch einmal dieses Experiment mit unserem einzigen gegenüber Außerirdischen unübertragbaren Besitz, dem österlichen Glauben. Die können ihn schließlich nur kopfschüttelnd – sofern sie so etwas haben – verstehen, weil sie, wenn sie dann kommen, uns derart überlegen sind, dass der kirchliche Universalitätsanspruch ihnen sicherlich ziemlich merkwürdig erscheint. Ohne diese Einsicht braucht man das Experiment gar nicht erst beginnen.

Am Ende dieser Karwoche steht Ostern und wird die Auferstehung behauptet, also die Verwandlung einer von der Macht des Todes geknechteten Welt. Wir haben von dieser Verwandlung bislang nur drei Dinge sicher: die Erzählung von ihr, wenige Stunden ihrer wahren Empfindung und den Glauben an ihre Realität am Ende unserer und der Welt Zeiten. Dagegen steht die blutüberlaufene Grausamkeitsgeschichte der Menschheit, fortgeschrieben immer und immer wieder.

Karfreitag

Man darf nur darüber nachdenken, warum, wie und wo wir uns als erlöst betrachten dürfen, wenn wir darüber nachdenken, wo, wie und warum wir uns als unerlöst einschätzen müssen. Gar nicht so weit weg von uns, in der Ukraine, ist jetzt wieder einmal sichtbar geworden, wie weit wir von aller Erlösung, vom Triduum universaler Liebe entfernt sind. Dort jaulen die Unwahrheiten auf, die gerade von den klerikalen Selbstgerechten vom Schlag des Moskauer Patriarchen verbreitet werden.

In seiner Unglaubwürdigkeit hallt nach, warum auch unsere eigene Kirche so nachhaltig den klerikalen Tätern des sexuellen Missbrauchs nähergestanden ist als ihren Opfern. Es sind immer schon die eigenen Leute gewesen, die die größten Zerstörungen in den mühsam gehegten Kulturen des österlichen Glaubens angerichtet haben.

Das Böse ist nicht abstrakt, es hat Täter und Opfer. Es ist real, greifbar und schrecklich. Eine junge Frau wird von ihrem Partner geschlagen, ein alter Mann auf der Straße ausgeraubt, ein kleines Kind von einem Verwandten missbraucht, ein religiöser Terrorist und dann noch einer rasen Flugzeuge in die Türme eines weltbekannten Hochhauses, eine schwer umschmeichelte Großmacht wirft Bomben auf die Zivilbevölkerung eines Nachbarlandes. Wer immer sich einen Rest an Humanität bewahrt hat, reagiert auf solche Handlungen mit Empörung und Abwehr, Wut und Zorn.

Das Böse

Das Böse wurzelt darin, die Ambivalenz der Welt nicht aushalten zu können und sie gewaltsam zu beseitigen. Menschliches Leben ist ambivalent und kontingent. Wenn man das nicht wahrhaben und vor allem, wenn man es beseitigen will, wird man böse. Man kürzt den Weg in die stimmige, mit einem selbst übereinstimmende, nicht-ambivalente, durchschaubare, positiv resonante Welt ab. Das Böse lockt mit der Abkürzung ins selbst entworfene Paradies des Lebens, wie man es selbst ersehnt, vorbei an der Welt, wie sie ist. Theologisch gesprochen: Es ist der Weg am Kreuz vorbei.

Womöglich gibt es die Humanität und den Einsatz für sie überhaupt nur, weil die eigene Spezies so brutal, rabiat, unverschämt unmenschlich mit ihres Gleichen umzugehen bereit und fähig ist. Schließlich kann das Leid derer, die dabei geopfert werden, so groß werden, dass es bloß verdoppelt würde, wollte man es vor allem denen heimzahlen, die solches anderen antun und veranstalten. Sie sind erbärmlich und bleiben es. Es dabei zu belassen und sich nicht von ihnen aufhalten zu lassen, es anders zu machen, ist ein ganz entscheidender Schritt in der Menschheitsgeschichte. Für diese Schritte gibt es keine Helden, aber viele Heilige und die allermeisten sind anonym geblieben.

Einer wird geopfert.

Von dieser Anonymität kann man den Außerirdischen erzählen. Die Geschichte von den Heiligen Drei Tagen ist von dieser Art Erzählung, denn sie verzichtet auf den und die Helden. Sie erzählt von dem, der geopfert wurde, und denen, die ihm beistanden, was vor allem Frauen waren – wie in der Menschheitsgeschichte üblich und in der Kirchengeschichte verschämt vergessen.

Slavoj Žižek hat festgehalten, dass an diesem Karfreitag Jesus „die zirkuläre Logik der Rache oder Bestrafung“ durchbricht und mit Feindesliebe radikale Deeskalation propagiert.[2] Nietzsche hat freilich ziemlich klar gemacht: Das galt von Jesus, das gilt nicht automatisch für das Christentum. Das war ihm eine Religion der Rache. Der schiefe Blick des Ressentiments, das ist für Nietzsche das Charakteristische am Christentum. Er nahm von diesem Verdikt nur einen aus, „und der starb am Kreuz“.[3] Das ist natürlich polemisch. Aber in einem hatte er Recht. Es gibt tatsächlich kaum etwas Schlimmeres, als aus Rache und Ressentiment eine Religion zu machen. Es als Christinnen und Christen zu tun, ist erbärmlich und diese Erbärmlichkeit durchzieht die Geschichte der Menschheit bis heute.

Die erbärmlichen Täter

Die Täter des Karfreitags sind erbärmlich, das österliche Geheimnis ist es nicht. Es erbarmt sich derer, denen Unbarmherziges angetan wird. Wer immer voll der Rache gegenüber den Tätern ist, wird erinnert, welche Gräuel daraus für die angeblichen Gottesmörder folgten. Das, was die Tat auslöst, kann nicht erlösen. Das Erlösen schüttelt ab, was die verdrehte Gewalt auslöst, und stellt das Opfer der Gewalt ins Zentrum.

„Tut dies zu meinem Gedächtnis“ wurden schon die engsten Vertrauten von Jesus ermahnt und werden wir bis heute ermahnt, weil ihnen damals wie uns heute nicht zu trauen ist, dass wir es nicht doch lieber mit einem „Tun wir es zum Gedächtnis der Täter“ versuchen würden. Wer versucht, die Ohnmacht loszubekommen, die von der erbärmlichen Hinrichtung Jesu und dem Justizmord dahinter ausgeht, stellt die Täter auf ewige Wiedervorlage und damit das Opfern auf unendliche Steigerung. Der Blick auf den, der das tatsächliche Opfer ist und nicht das eingebildete, verhindert dies. Das mutet der Karfreitag zu. Er ist der erste der drei Tage und er ist deshalb gut, ganz und gar.

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Hans-Joachim Sander ist Professor für Dogmatik an der Universität Salzburg, Rainer Bucher Professor für Pastoraltheologie an der Universität Graz.

Bild: Creative commons.

[1] https://www.deutscheakademie.de/en/awards/georg-buechner-preis/clemens-j-setz/dankrede [abgerufen am 20.03.2022].
[2] S. Žižek, Das fragile Absolute. Warum es sich lohnt, das
christliche Erbe zu verteidigen, Berlin 2000, 134.
[3] Friedrich Nietzsche, Der Antichrist, Nr. 39 (Kritische Studienausgabe, hrsg. v. G. Colli/M. Montinari, Bd. 6, 2. Aufl., München 1988, 211).

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