Der Synodale Weg und die Erneuerung (?) der Sexualmoral

Von einem „konstruktiven Ringen“ ist oft die Rede, wenn die Arbeit des Synodalen Weges in Deutschland charakterisiert werden soll. Paradigmatisch spiegelt sich dieses Ringen im Grundtext des Synodalforums Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft wider. Anmerkungen von Thomas Laubach.

Wenn vom 8. bis 10.09.2022 der Synodale Weg auf seine vierte Etappe geht, dann wird dieser Grundtext Leben in gelingenden Beziehungen – Grundlinien einer erneuerten Sexualethik erneut zur Debatte stehen. Jetzt liegt das Dokument für die zweite Lesung vor mitsamt der Handlungstexte Grundordnung des kirchlichen Dienstes und Lehramtliche Neubewertung von Homosexualität. Darüber hinaus wurden in erster Lesung die Handlungstexte Segensfeiern für Paare, die sich lieben und Lehramtliche Aussagen zu ehelicher Liebe verabschiedet.

Selbstkritische Positionsbestimmung

Alle Texte folgen einer Absicht: der „selbstkritischen Positionsbestimmung zur Lehre der Kirche zu den Fragen von Liebe, Sexualität und Partnerschaft“, wie es der Grundtext formuliert. Ein derzeit wirklich katholisches Unterfangen: Weltweit werden synodale Prozesse vorangetrieben – wie etwa in Irland, Australien oder einigen südamerikanischen Ländern. Angezielt sind hier wie dort „Neuakzentuierungen“ der kirchlichen Sexuallehre.

Schon diese vorsichtige Formulierung zeigt: Der Synodale Weg hat sich für eine moderate Position entschieden – auch wenn radikalere Forderungen vertretbar wären gerade angesichts des Skandals sexualisierter Gewalt, von dem der Synodale Weg seinen Ausgang genommen hat. Hier hat die Katholische Kirche für viele ihre moralische Restautorität völlig verspielt. Gerade deshalb hätte auch ein Abschied von der Sexualmoral insgesamt durchaus zur Debatte stehen können. So aber haben es nur punktuelle Änderungsforderungen in die vorgelegten Papiere geschafft.

Dabei werden – etwas pauschal formuliert – zwei Adressatenkreise in den Blick genommen. So fordert die Synodalversammlung die deutschen Bischöfe auf, Segensfeiern von Paaren jenseits der Ehe zu ermöglichen und die bereits angekündigte Veränderung der Grundordnung des kirchlichen Dienstes so schnell wie möglich durchzuführen. Dem Papst wiederum empfiehlt die Versammlung zwei Themen. Zum einen die lehramtliche Präzisierung der ehelichen Liebe, genauer: eine Revision der Lehre zu Empfängnisverhütung und verantworteter Elternschaft. Zum zweiten die Neubewertung der Homosexualität. Das läuft darauf hinaus, dass homosexuelle und heterosexuelle Orientierung in gleicher Weise wahrgenommen werden sollen. Angezielt ist dabei vor allem eine Änderung der jeweils einschlägigen Passagen des Katechismus der Katholischen Kirche.

Ein Befreiungsschlag sieht anders aus.

Ein Befreiungsschlag sieht anders aus. Was die Versammlung fordert, sind aus theologisch-ethischer Perspektive alte Hüte. Bekannte Reformvorschläge werden auf den synodalen Weg gebracht. Mehr noch, eine Vielzahl von Studien zeigt: Die Mehrheit der Glaubenden hat sich schon weit von den Konfliktlinien entfernt, an denen die Synodalversammlung noch kämpft.

Beispielhaft zeigt das eine Online-Umfrage im Frühjahr 2022 unter Studierenden der Katholischen Theologie an allen bayerischen Universitätsstandorten. Die ausführlichen Ergebnisse werden im Herbst publiziert. So viel aber schon vorab: Es haben sich fast 230 Studierende daran beteiligt. Die meisten von ihnen werden einmal katholische Religionslehre unterrichten oder im kirchlichen Dienst arbeiten. Die Ergebnisse zeigen: Die Studierenden sind gut informiert. Sie kennen mehrheitlich die wesentlichen lehramtlichen Texte – und kennen genauso gut die aktuellen Diskurse von sexualisierter Gewalt bis hin zu #OutInChurch.

Konfrontiert mit Auszügen aus lehramtlichen Texten urteilen sie differenziert. Sie stimmen mehrheitlich lehramtlichen Aussagen zu, wie: „Partner haben die Freiheit, die Ehe einzugehen“, oder dass die Ehe vor allem eine „innige Gemeinschaft des Lebens und der Liebe“ ist. Zugleich lehnen durchgängig etwa dreiviertel aller Befragten Vorstellungen ab, die von einer autonomen, personalen Vorstellung von Liebe, Partnerschaft, Sexualität und Ehe entfernt sind. Dazu gehören Sätze wie etwa: die sexuelle „Hingabe [sei] in ihrer ganzen Wahrheit einzig und allein im Raum der Ehe möglich“. Genauso wird die Vorstellung abgelehnt, dass es keine Analogien „zwischen den homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie“ gebe. Eine ähnlich große Gruppe hält es zudem für richtig, „stabilen Partnerschaften einen Segen zu erteilen, die eine sexuelle Praxis außerhalb der Ehe“ einschließen.

Beziehungsethik statt Sexualmoral

Die Antworten der Studierenden entsprechen modernen Konzepten einer Beziehungsethik. Sie tritt an die Stelle einer kirchlichen Sexualmoral, die naturrechtsethisch argumentiert, konkrete Handlungsnormen erstellt und bestimmte Verhaltensweisen als sündhaft klassifiziert. Plausibel ist für die Studierenden all das, was dem Recht auf personale, freie, sexuelle Selbstbestimmung entspricht.

Die Ergebnisse müssten innerkirchlich in besonderer Weise aufschrecken. Denn sie zeigen die tiefe Distanz zur lehramtlichen Sexualmoral selbst bei den Glaubenden, die in Zukunft zum inner circle der Institution Kirche gehören werden. Und sie machen die mangelnde Plausibilität naturrechtlicher Grenzziehungen deutlich, wie sie im Katechismus weiterhin verankert sind.

Konsequenz: Moderate Veränderung?

Vor diesem Hintergrund sind viele Passagen der Texte des Synodalforums IV in zweierlei Hinsicht überraschend. Zum einen liest sich der Grundtext immer wieder als vorsichtig argumentierendes Dokument. So werden bei einer Vielzahl von Themen scheinbar gleichrangige, widerstreitende Positionen vorgestellt. Mit Formulierungen wie „Die einen verstehen“ und „Andere betonen stärker“ markiert der Text unterschiedliche Freiheitskonzepte: Die Freiheit von der Sünde vs. die Freiheit zur Liebe (B.1.4). „Strittig“ sei, ob und wie das Zueinander von Sexualität und Fortpflanzung gedacht werden kann (B.4.3.-4.4.). Und als „strittig“ gilt auch, wie homosexuelle Handlungen und Beziehungen zu bewerten sind (B.5.4.). Schließlich seien Segenshandlungen für gleichgeschlechtliche Paare, so der Grundtext, in der Kirche umstritten (B.8.9.).

Damit spiegelt der Text korrekterweise die theologischen Spannungen zwischen fundamentalen Positionen wider: hier die vor allem schöpfungs- und freiheitstheologisch fundierte Berufung auf Würde und Rechte des Menschen, dort die Überzeugung einer naturrechtlich begründeten Wahrheit über die Sexualität, die konkrete Normen impliziert. Allerdings bleibt der Grundtext bei diesen Positionsbeschreibungen nicht stehen. In den sogenannten Grundlinien, die bestimmte Themen abschließend zusammenfassen, nimmt der Text eine dezidiert verantwortungs- und freiheitsethische Position ein. Eine normativ fokussierte Sexualethik wird hingegen deutlich zurückgewiesen.

Damit schließen sich die Texte der weit überwiegenden Mehrheitsmeinung der Theologinnen und Theologen mindestens im deutschsprachigen Bereich an. Hier kann eine klare Positionierung ausgemacht werden: Der naturrechtlichen und sündenethischen, normativ fokussierten Argumentation mangelt es in Blick auf konkrete Fragen der Sexualität, der Intimität und Partnerschaft an Plausibilität. Das kann als weitenteils unstrittig festgehalten werden. Insofern bewegen sich die zentralen Grundlinien der synodalen Texte auf der Höhe der theologisch-ethischen Debatte, wie etwa die jüngste Stellungnahme des Fakultätentages zeigt.

Konsequenz: Abschaffung der Sexualmoral?

Zum anderen aber spricht die Synode zwar von einem „Weg der Umkehr und der Erneuerung“. Dabei buchstabiert der Grundtext vor allem die leitenden Prinzipien gelingender Beziehung aus: Liebe, Gerechtigkeit, Selbstbestimmung, Partnerschaftlichkeit, Achtung, Nicht-Schaden und Anerkennung von Vielfalt. Doch fehlt schlussendlich die einzig folgerichtige Konsequenz aus dieser Prinzipienorientierung: die Abschaffung der sünden- und normorientierten Sexualmoral der Kirche.

Letztlich verbleiben die vorgelegten Texte des Synodalen Wegs in der Debatte um Handlungen und die Normierung bestimmter Formen von Sexualität und Beziehung gefangen. Es fehlt im letzten – sicher auch aus innerkirchlich-strategischen Gründen – der Mut, Beziehung jenseits der Norm zu denken. Er könnte dazu beitragen, dass die Kirche wieder als Begleiterin ernst genommen wird, die Menschen in ihrer Suche nach gelingender Beziehung und Partnerschaft wertschätzend unterstützen kann.

Das könnte – wenn nicht beim Synodalen Weg, dann vielleicht später – einmal die Frucht der Forderungen sein, die die Synodalen für ihre vierte Versammlung vorgelegt haben.
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Thomas Weißer (Laubach) ist Professor für Theologische Ethik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.

Bild: AJ jaanko from Pixabay

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