Ein Jahr „Erzählen als Widerstand“. Ein Buch und seine Wirkung

Gewalt an Frauen in der Kirche ist noch nicht lange im Fokus der Öffentlichkeit. Dass dieses Thema mittlerweile breiter wahrgenommen wird, liegt unter anderem an einem Buch, das vor genau einem Jahr erschienen ist: „Erzählen als Widerstand“. Ein Jahr, in dem sich zum Thema spiritueller und sexueller Missbrauch an erwachsenen Frauen in der katholischen Kirche einiges getan hat. Barbara Haslbeck und Ute Leimgruber geben Einblick in die Erkenntnisse dieses Jahres.

23 Frauen berichten in dem von der Theologischen Kommission des Katholischen Deutschen Frauenbundes KDFB e.V. angestoßenen Buch unter einem Pseudonym von ihren Erfahrungen mit spirituellem und sexuellem Missbrauch. Wissenschaftliche Essays vertiefen die Schilderungen der Betroffenen für kirchliche Praxis und theologische Reflexion.

Was waren die Wirkungen des Buches seit seinem Erscheinen? Auf dem Buch ist ein Ausrufezeichen zu sehen. Es hebt den Inhalt auf eine besondere Weise hervor und zeigt auf, dass das, was zwischen zwei Buchdeckeln steht, weit über diese Buchdeckel hinausweist. Und tatsächlich: Die Resonanz war enorm. Die Veröffentlichung von „Erzählen als Widerstand“ führte zu einer regelrechten Welle, was die Thematisierung von Missbrauch an erwachsenen Frauen in der Kirche angeht. Zahlreiche (auch nicht-kirchliche) Medien, Bildungseinrichtungen, einige (Erz-)Diözesen reagierten, vor allem aber: Viele weitere Betroffene meldeten sich. Sie begannen, ermutigt von den Frauen im Buch, von ihren eigenen Erfahrungen zu sprechen. Es wurde rasch klar: Es handelt sich nicht um Einzelfälle.

Es gibt Missbrauch an erwachsenen Frauen in der Kirche

Unhintergehbar steht nun fest, dass es Missbrauch an erwachsenen Frauen in der Kirche gibt. Wenn Frauen bisher über den als Erwachsene erlebten Missbrauch sprachen, wurden sie in verschiedenen Varianten abgewimmelt und zum Verstummen gebracht. Da war die Rede davon, dass sie als Erwachsene ja hätten nein sagen können, oder dass es zwischen Erwachsenen wechselseitige Anziehungen gäbe. Betroffene erlebten, dass sie als vulnerable Persönlichkeiten diffamiert und als Frauen nicht ernst genommen wurden. Oft wurde ihre Glaubwürdigkeit generell in Frage gestellt.

Die diözesanen Ansprechpersonen für Missbrauchsangelegenheiten sahen sich als nicht zuständig für im Erwachsenenalter Geschädigte. All das erleben Betroffene bis heute. Doch mit der zunehmenden Zahl aussagebereiter Frauen kommen Verantwortliche in den Bistümern nicht mehr vorbei an der Tatsache, dass es eine echte Anerkenntnis des Missbrauchsphänomens auch an erwachsenen Personen und in Folge dessen Konsequenzen und Regelungen für diese Situationen braucht.

Nach der MHG-Studie, in der in Bezug auf Archive und Dateien der (Erz-)Diözesen vor allem männliche Minderjährige als Opfer von Missbrauch in der Kirche ermittelt wurden, ist nun eine weitere, bisher wenig berücksichtigte Opfergruppe bekannt: erwachsene Frauen. Denn die Berichte der Frauen machen auch klar: Nur weil etwas nicht in Personal- oder Strafakten zu finden ist, kann man nicht davon ausgehen, dass es das nicht gibt. Der diesbezüglich zynisch klingende Satz „Quid non est in actis, non est in mundo“ enthält eine tiefere Dimension des Bisher-Verschwiegenen. Bis in Diskussionen des Synodalen Weges hatte diese Erkenntnis Auswirkungen.

Bilanz auf ein Jahr „Erzählen als Widerstand“

Das Buch wurde bereits zwei Mal nachgedruckt und mehr als 3000 Mal verkauft. Viele Medien berichteten (mehr als 30 Berichte). Die Herausgeberinnen waren mit zahlreichen Vorträgen und Veranstaltungen direkt zum Buch tätig. Spannender aber als die Zahlen sind die Wirkungen des Buches auf die verschiedenen Beteiligten, etwa die 23 Autorinnen der Berichte. So wie jeder der 23 Berichte ein individuelles Zeugnis darstellt, sind auch die Wege der Autorinnen rund um die Veröffentlichung ihres Beitrages unterschiedlich. Viele Autorinnen sehen ihren Bericht im Buch als hilfreich für die Verarbeitung ihrer Erlebnisse. Sie erleben sich als aktiv Handelnde im Umgang mit dem Missbrauch und gewinnen mit der Teilhabe am Buch die Deutungshoheit für ihre Geschichte zurück. Sie nehmen es als entlastend wahr, in eine Gemeinschaft von Frauen eingebunden zu sein, die Ähnliches erfahren haben.

Mehrere schildern, dass ihnen wichtig ist, andere Frauen durch die Offenlegung zu warnen und zu schützen. Die Herausgeberinnen des Buches wissen von drei Frauen, die mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen sind. Das Erzählen der Betroffenen motivierte zahlreiche andere betroffene Frauen, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Manche kontaktierten die Herausgeberinnen und suchten nach einem ersten Resonanzraum zur Klärung ihrer Erfahrungen, andere lieferten einen fertigen Erfahrungsbericht ab. Wieder andere hatten sehr spezifische kirchenrechtliche und beschwerdetechnische Fragen.

Anlässlich der Berichterstattung über den Fall „Ellen Adler“ hat der Betroffenenbeirat bei der Deutschen Bischofskonferenz eine Stellungnahme zur Frage sexualisierter Übergriffe gegen erwachsene Schutzbefohlene verfasst und ausdrücklich auf die auswertenden Beiträge in „Erzählen als Widerstand“ hingewiesen. Die Kommission „Frauen in Kirche und Gesellschaft“ (Unterkommission der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz) begleitete die Geschehnisse um das Buch aufmerksam und lud die Herausgeberinnen zu einem Reflexionsgespräch ein.

Die Verleihung des Marga Bührig-Förderpreises im Oktober 2021 zeigt die über Deutschland hinausgehende Wahrnehmung der Thematik. Es trafen Anfragen nach Übersetzungen ins Englische und Französische ein. Betroffene aus verschiedenen Ländern und Kontinenten nahmen mit den Herausgeberinnen Kontakt auf und waren an einem Zusammenwirken interessiert.

Wie es nun weitergeht

Die Forschung zum Thema Missbrauch an erwachsenen Frauen in der Kirche ist im letzten Jahr intensiviert worden, es sind bereits mehrere wissenschaftliche Publikationen zu spezifischen Aspekten des Themas erschienen. An der Professur für Pastoraltheologie und Homiletik der Universität Regensburg wurde dazu ein Forschungsschwerpunkt verankert. Dazu gehört auch ein größeres Forschungsprojekt zum Thema „Missbrauch an Ordensfrauen“, gefördert durch die Fidel Götz Stiftung. Internationale Vernetzungen mit Forscherinnen zeigen, dass das Thema hochaktuell und brisant ist. Interdisziplinäre Fachtagungen erweitern das Wissen zum Thema. Dass dabei Wissenschaftlerinnen beteiligt sind, die selbst von Missbrauch betroffen sind, sei hier ausdrücklich angesprochen. Eine Dichotomie zwischen Forschenden und Betroffenen darf es nicht geben, weil sie nicht der Wirklichkeit entspricht.

Die durch das Buch angestoßenen Themen werden mit verschiedenen Projekten weitergeführt. Beispielsweise sind mehrere Veranstaltungen für den Katholikentag im Jahr 2022 in Planung. Damit verbunden ist auch ein Filmprojekt mit Zeugnissen Betroffener. Um Menschen für das Thema zu öffnen, ist nichts überzeugender als die Geschichten der Betroffenen. Die zur Erscheinung des Buches neu geschaltete Homepage www.erzaehlen-als-widerstand.de wird laufend aktualisiert. Eine Möglichkeit, weitere Berichte Betroffener auf der Homepage einzustellen, ist angedacht.

Herausforderungen, die das Thema Missbrauch an Erwachsenen angestoßen hat

Wir beobachten mehrere Themen, die Kirchenverantwortliche und Theologie herausfordern und an denen bereits gearbeitet wird.

Auseinandersetzung mit spirituellem Missbrauch

Die Diözesen sind dabei, Ansprechpersonen für spirituellen Missbrauch zu benennen und Personal zu schulen. In Arbeitsgruppen finden Diskussionsprozesse zur Definition von spirituellem bzw. geistlichem Missbrauch und Machtmissbrauch statt. In Ordensgemeinschaften ist kreative Unruhe entstanden, wie mit Gehorsam und Abhängigkeitssituationen umzugehen ist. Formationsverantwortliche setzen sich mit einem verantwortungsbewussten Umgang mit den Gelübden auseinander. Auf breiter Ebene wurde klar: Selbstbestimmung in spirituellen Dingen ist elementar, um Menschen vor Manipulation zu schützen.

Kirchenrechtliche Regelungen

Betroffene erleben, dass der erlebte Missbrauch von kirchlichen Institutionen nicht als Missbrauch anerkannt wird. Die kirchenrechtlichen Regelungen sind unzureichend, unklar oder werden uneinheitlich ausgelegt. Das Buch „Erzählen als Widerstand“ hat auf die neuralgischen Punkte im Umgang mit erwachsenen Missbrauchsbetroffenen hingewiesen, u.a. im Blick auf das Konzept der Schutz- und Hilfebedürftigkeit. Kirchenrechtler*innen sind dazu im Austausch und erweitern das Wissen um die Begründung und Anwendung der bestehenden Normen. In mehreren Bistümern laufen Verfahren bezüglich des spirituellen und sexuellen Missbrauchs an erwachsenen Frauen, die Pionierarbeit darstellen.

Seelsorge und ihr Vulneranzpotential

Die Berichte der Betroffenen zeigen auf, dass Seelsorgesettings zu den Haupttatorten gehören. Wenn Geistliche sexuellen Missbrauch begehen, stehen die einzelnen Schritte, von der Anbahnung bis hin zu den konkreten Tatorten, fast immer in Verbindung mit Seelsorgskontexten. Da geht es um Geistliche Begleitung, um Beichte, um Exerzitien, um Tür-und-Angel-Gespräche, um Anvertrauen von sehr persönlichen Angelegenheiten. Es geht um die enge Verwobenheit von spirituellem und sexuellem Missbrauch. Die Berichte beschreiben u.a. Situationen, in denen Kleriker, Begleiter*innen und Obere ihre Macht ausnutzen und Menschen zu ihren Marionetten machen. Situationen, denen a priori gravierende Asymmetrien zwischen den Beteiligten eingeschrieben sind.

Es ist klar: Verletzlichkeit (Vulnerabilität) und Verletzungsmacht (Vulneranz) müssen Schlüsselkategorien in der Konzeption von Seelsorge sein. Es kann nicht mehr naiv von „Augenhöhe“ gesprochen werden. Seelsorge hat intensiver als bisher auf ihre Gefährdungen und komplexen Machtverstrickungen hin sensibilisiert zu werden.

Auf der Homepage www.erzaehlen-als-widerstand.de ist ein ausführlicher Rückblick auf ein Jahr „Erzählen als Widerstand“ einsehbar.
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Dr. Barbara Haslbeck ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Pastoraltheologie und Homiletik an der Universität Regensburg. Sie arbeitet an einem Forschungsprojekt zum Thema „Missbrauch an Ordensfrauen“.
Prof.in Dr. Ute Leimgruber ist Professorin für Pastoraltheologie und Homiletik an der Universität Regensburg. Sie ist Initiatorin des Forschungsschwerpunktes „Missbrauch an erwachsenen Frauen in der katholischen Kirche“.

Bild: Ausschnitt Buchcover

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