Bischof und Professorin für Gleichberechtigung in der Kirche

Ehrendoktorate 2019 Theologische Fakultät Luzern Rektor Prof. Dr. Bruno Staffelbach und der Dekan der Theologischen Fakultät, Prof. Dr. Robert Vorholt, gratulieren Prof. Dr. Margit Eckholt und Bischof Dr. Franz-Josef Hermann Bode.

Die Verleihung des Ehrendoktorates an Bischof Franz-Josef Bode und Professorin Margit Eckholt durch die Theologische Fakultät der Universität Luzern am 6. November 2019 veranlasste feinschwarz.net, den beiden fünf Fragen zu ihrem Engagement für Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche und zum Synodalen Weg der Katholischen Kirche in Deutschland zu stellen.

feinschwarz.net: Das Engagement für die Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche verbindet Sie beide (vgl. Osnabrücker Tagung). Am Abend Ihrer Ehrenpromotionen hielten Sie gemeinsam einen Vortrag zum Thema: «Frauen in kirchlichen Diensten und Ämtern. Theologin und Bischof auf der Suche nach einer Kirche im Aufbruch».

Herr Bischof Bode: Sie wiesen unter anderem auf das Verhältnis von Pastoral und Dogmatik hin, das Sie als entscheidende Frage für die Zukunft der Kirche bezeichneten. Könnten Sie dies gerade im Blick auf die Frauenfrage verdeutlichen?

Bischof Bode: Das Zweite Vatikanische Konzil hat durch die Gleichrangigkeit der Dogmatischen Konstitution und der Pastoralen Konstitution deutlich gemacht, dass die Pastoral nicht nur die „Anwendung“ der Dogmatik ist, sondern selbst wieder auf die Dogmatik zurückwirken muss. „Es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren (der Jünger Christi) Herzen seinen Widerhall fände (resonet)“ (GS 1). Kirchliche Lehre sucht nicht nur die Resonanz bei den Menschen, sondern das Menschliche muss auch Resonanz in der Lehre finden. Die Lebenswirklichkeit der Menschen ist eine Quelle theologischer Erkenntnis. Die Wahrheit gibt es nur als Weg und als Leben (vgl. Joh 14,6).

Die Lebenswirklichkeit der Menschen ist eine Quelle theologischer Erkenntnis.

Frau Prof. Eckholt: Die dritte der Osnabrücker Thesen lautet: «Nicht der Zugang von Frauen zu den kirchlichen Diensten und Ämtern ist begründungspflichtig, sondern deren Ausschluss.» Wie können der in lehramtlichen Texten den Frauen zugewiesene Status der Unterordnung und das alte kultisch-sacerdotale Amtsverständnis endlich aufgebrochen werden?

Margit Eckholt: Der Weg wird ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren sein: Der Beitrag der wissenschaftlichen Theologie muss begleitet sein von weiteren nüchternen Bestandsaufnahmen der Realität von Kirche und Gemeinde. Wo und aus welchen Gründen engagieren sich Menschen aus Glaubensüberzeugung und einer Bindung an Kirche? Dabei wird es auch darum gehen, viel mehr die Lebensrealitäten junger Frauen und ihr Selbstbewusstsein ernst zu nehmen wie auch den radikalen Traditionsabbruch, der eine weiter gehende Verweigerung der Anerkennung der Frauen in ihren vielfältigen Diensten und Ämtern in der Kirche bedeuten wird. Die wissenschaftliche Theologie muss die Argumente immer wieder neu einspeisen, die vom 2. Vatikanischen Konzil vorbereitet und seit den 1970er Jahren von der feministischen Theologie erarbeitet worden sind: die in der Gottebenbildlichkeit grundgelegte gleiche und gemeinsame Würde, die Frauen und Männern zukommt, jeglicher Diskriminierung den Riegel vorlegt und die Berufung aller – auch zu einem Dienst in Gestalt eines sakramentalen Amtes – begründet.

Die wissenschaftliche Theologie muss die Argumente immer wieder neu einspeisen.

Das gemeinsame Priestertum aller Getauften und die Vielfalt der Charismen, deren Förderung Aufgabe des Amtes ist, ist wieder ins Bewusstsein gerückt worden. Das ist kein kultisch-sacerdotales Amtsverständnis, sondern ein Amt im Dienst des Evangeliums und auf die Gemeinde bezogen. Das ist die Vision des 2. Vatikanischen Konzils, die es auch heute noch weiter zu erschliessen gilt. Die Dokumente des Konzils sind der Schlüssel, die Türen zu öffnen, die sich besonders seit dem Schreiben „Ordinatio sacerdotalis“ von Johannes Paul II. verschlossen haben, was die Frage nach der Weihe von Frauen angeht. Papst Franziskus bezieht sich auf diese Argumentation; das männliche Geschlecht gehöre zur „unaufgebbaren Substanz“ des Sakraments der Weihe. Diese Engführung der Argumentation auf die Geschlechtlichkeit des Menschen als Ausschlusskriterium im Blick auf das Sakrament der Weihe führt dazu, dass die kirchliche Argumentation immer weniger Plausibilität und Akzeptanz im Volk Gottes hat, und das betrifft nicht nur die Kirchen in Deutschland, Österreich oder der Schweiz, sondern auch die Kirchen des Südens. Es gilt die vielfältigen neuen Bewegungen – wie Maria 2.0 in Deutschland oder die Junia-Initiative in der Schweiz – zu stärken, die zusammen mit den katholischen Frauenverbänden deutlich Position beziehen gegen Diskriminierung und für die Förderung von Frauen in kirchlichen Leitungspositionen und die mit Selbstbewusstsein sichtbar machen, dass Kirche ohne Frauen keine Zukunft hat. Von Beginn der Kirche an standen Frauen als Auferstehungszeuginnen im Dienst der Evangelisierung, sie haben zusammen mit den Aposteln die Gemeinden aufgebaut.

Das Zutagetreten des Ausmasses an von Priestern verübtem und von Bischöfen vertuschtem se­xuellem Missbrauch in der Kirche bildete einen wichtigen Auslöser für den am 1. Dezember offi­ziell eröffneten Synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland. Was muss auf diesem Synodalen Weg geschehen, dass die Katholische Kirche wieder glaubwürdig wird?

Bischof Bode: Der Synodale Weg in Deutschland muss in gemeinsamer Suche von Bischöfen und vielen Getauften, Gefirmten, Beauftragten, Gesendeten und Geweihten, aber auch mit Betroffenen und Experten und Expertinnen von außen Antworten geben auf systemische Hintergründe des Missbrauchs. Dazu gehören die Fragen nach dem Umgang mit Macht in der Kirche, nach der priesterlichen Existenz und Lebensform, nach dem Miteinander von Frauen und Männern und nach einem gelingenden Leben durch eine Beziehungsethik in Sexualität und Partnerschaft. All diese Fragen betreffen die Glaubwürdigkeit der Kirche, die eine Voraussetzung ist für die Evangelisierung. In der Haltung der Synodalität allein kann die Kirche in die Zukunft hineingehen.

Der Synodale Weg in Deutschland muss … Antworten geben auf systemische Hintergründe des Missbrauchs.

Margit Eckholt: Der Synodale Weg ist ein offener Prozess; das ist zum einen sehr positiv; Offenheit sollte die Arbeit in den verschiedenen Foren zu Fragen von Macht und Partizipation, Sexualität, priesterlicher Existenz und Ämtern und Diensten von Frauen in der Kirche prägen. Papst Franziskus hat in seinem Brief an das „pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ vom 29. Juni kein Redeverbot erteilt, sondern nur die Rückbindung aller Themen an den grundlegenden Dienst der Evangelisierung benannt. Die Kommunikation der Diskussionen in den Foren in eine breitere Öffentlichkeit, hinein in die Gemeinden, religiöse Gemeinschaften, in die Kontexte von Katechese und Schule wird von Bedeutung sein. Es muss deutlich werden, dass es ein gemeinsamer Weg der ganzen Kirche ist und nicht ein bloss interner Diskussionsprozess einer kleinen Gruppe. Die geistliche Dimension muss herausgearbeitet und die Debatten um Strukturreformen müssen in den Horizont der von Papst Franziskus genannten „pastoralen Umkehr“ gestellt werden. Die Themen sollten punktuell auch mit Experten und Expertinnen aus anderen Weltkontexten diskutiert werden, denn der Synodale Weg hat auch Relevanz für die Weltkirche. Ich hoffe, dass dieser Weg Mut macht für weitergehende Aufbrüche in anderen Ortskirchen der Welt.

Der Synodale Weg steht unter dem Druck Reformen zu ermöglichen, für die Kirche in Deutsch­land und darüber hinaus.Wie realistisch schätzen Sie beide es ein, dass dieser Synodale Weg nicht ebenso letztlich wirkungslos verläuft wie seine Vorgängerprozesse?

Margit Eckholt: So wirkungslos waren die Vorgängerprozesse nicht; sie haben z.B. zu einer stärkeren Präsenz von Laien mit entsprechenden Qualifikationen in kirchlichen Leitungspositionen geführt; die deutsche Bischofskonferenz hat den Hildegardis-Verein beauftragt, ein Mentoring-Programm für Frauen in kirchlichen Diensten durchzuführen; Frauen sind mittlerweile in leitender Funktion in Seelsorgeämtern oder als Justitiarinnen (leitend in Rechtsabteilungen von Diözesen etc.) tätig. Wichtig wird es auf dem Synodalen Weg sicher sein, konkrete Vereinbarungen zu treffen und Voten zu erarbeiten, die dann der Bischofskonferenz und den Ortsbischöfen vorgelegt, aber auch zu den verschiedenen Behörden in Rom und an den Papst gesandt werden. Eine der großen Herausforderungen wird sein, die Vielfalt an Themen gut zu fokussieren und einige zentrale Punkte herauszustellen, die für den Weg der deutschen Ortskirche in die Zukunft von Relevanz sind. Dabei sollte erstes Kriterium die Orientierung am befreienden und heilenden Evangelium Jesu Christi sein. Ich wünsche den am Synodalen Weg Beteiligten Mut, die sperrigen und kontrovers diskutierten Fragen nicht aussen vor zu lassen, sondern beherzt anzugehen und die Arbeit in den Foren durch begleitende Impulse auf Ebene der Gemeinden, der Dekanate, aber auch in Kreisen von Caritas, Katechese, Religionsunterricht zu vermitteln, um so einen grossen Teil des „pilgernden Volkes Gottes in Deutschland“ auf diesem Synodalen Weg „mitzunehmen“.

Ich erwarte, dass wir zu echten Veränderungen in unserer Kirche in Deutschland kommen.

Bischof Bode: Ich erwarte von diesem geistlich durchdrungenen und gut vorbereiteten Weg, dass wir zu echten Veränderungen in unserer Kirche in Deutschland kommen, besonders bezüglich einer Kirche der Beteiligung und möglichst neuer Formen für Frauen in Diensten und Ämtern, bezüglich verschiedener Fragen des priesterlichen Dienstes und der unterschiedlichen Lebensformen der Menschen. Für Beschlüsse, die als Voten nach Rom vermittelt werden, erhoffe ich mir von dort eine geschwisterliche Antwort, etwa die Einladung zu einer regionalen Synode.

Schliesslich eine eher persönlich-spirituelle Frage: Wie schaffen Sie es, trotz all der Anfechtungen und Rückschläge, Hoffnungen und Enttäuschungen in Ihrem Engagement nicht aufzugeben?

Bischof Bode: Mir helfen ein bodenständiges Gottvertrauen, meine nüchterne Leidenschaft, die Freude an meiner Berufung und viele ganz tüchtige Frauen und Männer in meiner Umgebung. Ich habe in den vergangenen 24 Jahren den Weg mit dem Bistum Osnabrück sehr positiv erlebt und erfahre von dort guten Rückenwind. Auch meine Familie und viele gute Freunde stehen zu und hinter mir.

Margit Eckholt: Die Anstrengung um den „intellectus fidei“ und die wissenschaftlich-theologische Arbeit stärken auch meinen Glauben und haben geholfen, in die intellektuelle und geistliche Überzeugung hineinzuwachsen, dass Frauen in gleicher Weise wie Männer ein kirchliches Leitungsamt, auch ein sakramentales Amt wahrnehmen können und dass jegliche Form von Ausgrenzung intellektuell und geistlich nicht zu verantworten ist. Und sie ist auch nicht zu verantworten im Blick auf die nachwachsenden Generationen, junge Frauen, die selbstbewusst eine geistliche Berufung – in einem weiten Sinn – leben, aber sich nicht mehr kirchlich binden.

… aus der tiefen Glaubensüberzeugung, dass es einfach nicht sein kann, dass Gottes Ruf an von Menschen gemachte Grenzen stösst.

Darum gehe ich weiter meinen Weg in der Theologie – bestärkt von den vielen Frauen, denen ich begegnen kann, die auf wunderbare Weise in der Kirche wirken, die ihren Dienst in Pastoral, Caritas und Schule, in den Verbänden usw. in einer überzeugenden, ehrlichen und charismatisch-prophetischen Weise wahrnehmen. Sie zu fördern und ihnen die kirchlich-amtliche Anerkennung ihres Dienstes zu ermöglichen, ist für mich ein zentraler Impuls, erwachsen aus der tiefen Glaubensüberzeugung, dass es einfach nicht sein kann, dass Gottes Ruf an von Menschen gemachte Grenzen stösst.

Bischof Franz-Josef Bode, Dr. DDr. h.c., ist Bischof von Osnabrück, Vorsitzender der Pastoralkommission und stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.
Margit Eckholt, Dr. Dr.h.c., ist Professorin für Dogmatik mit Fundamentaltheologie am Institut für Katholische Theologie der Universität Osnabrück. Sie war 1. Vorsitzende von AGENDA – Forum katholischer Theologinnen e.V. von 2015-2019.

Die Fragen stellte Franziska Loretan-Saladin, Redaktionsmitglied feinschwarz.net.

Foto: Universität Luzern / Roberto Conciatori

Print Friendly, PDF & Email