„Ich und mein Selfie – (n)ever changing story“

Über ein jugendpastorales Medienprojekt im Vorfeld der von Papst Franziskus für den Oktober einberufenen Jugendsynode berichten Simone Birkel und Kathrin S. Kürzinger.

Im Herbst 2018 findet in Rom die Bischofssynode statt, die Jugendliche und junge Menschen in den Blick nimmt. Die Lebenswirklichkeit junger Menschen, die insbesondere durch die neuen Medien beeinflusst wird, soll zum Ausgangspunkt der Überlegung werden, wie junge Menschen ihren Platz in der Welt finden. Papst Franziskus lädt die jungen Menschen ein, den Plan Gottes in ihrem Leben zu entdecken[1] und zu überlegen, in welchem Bereich die eigenen Talente fruchtbar gemacht werden können.[2] Dazu ist nach Franziskus eine Begleitung erforderlich, die jenseits  vorgefertigter Schemata den Jugendlichen dort begegnet, wo sie sind: „Es bedeutet auch, sie ernst zu nehmen in ihrer Schwierigkeit, die Realität, in der sie leben, zu verstehen und die empfangene Verkündigung in Gesten und Worte zu übersetzen, im täglichen Bemühen, an der eigenen Lebensgeschichte zu bauen und der mehr oder weniger bewussten Suche nach einem Sinn in ihrem Leben.“[3]

Begleitung jenseits vorgefertigter Schemata

Eine solche Begleitung setzt voraus, einzelne Facetten der digitalen Lebenswirklichkeit Jugendlicher zu analysieren, um Rückschlüsse für die  jugendpastorale Arbeit gewinnen zu können. Dieser Herausforderung stellen sich Studierende im Bachelorstudiengang Religionspädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. In dem auf zwei Semester angelegten Schwerpunktbereich Jugend- und Schulpastoral soll ausgelotet werden, welche Chancen und Risiken sich der jugend- und schulpastoralen Arbeit durch digitale Selbstinszenierungen in den neuen Medien bieten. Dabei ging es den Studierenden darum, Jugendliche nicht nur zu einem (selbst)bewussten und ethisch verantwortungsvollen Umgang mit den digitalen Medien zu sensibilisieren, sondern auch eine konstruktive Identitätsarbeit mit Selfies anzustoßen sowie zu begleiten.

Spiegeln Selfies Glück?

Dazu haben sich die Studierenden im Seminar „Generation Selfie – Identitätsentwicklung Jugendlicher durch digitale Selbstinszenierungen in den neuen Medien“ unter der Leitung von Dr. Simone Birkel zunächst mit verschiedenen Fragen auseinandergesetzt, wie z.B.: Welche Bedeutung hat das Selfie als Genre des digitalen Zeitalters? Welche unterschiedlichen Arten von Selfies gibt es überhaupt? Spiegeln Selfies Glück? Welche Risiken sind mit der Veröffentlichung von Selfies verbunden? Lässt die Häufigkeit von geposteten Selfies einen Rückschluss auf Narzissmus zu? Wie sehen die Identitätskonstrukte von Jugendlichen in den neuen Medien überhaupt aus?[4]

Die Bedeutung von Öffentlichkeit

Aus ihrer eigenen jugendlichen Lebenswirklichkeit heraus analysierten die Studierenden existentielle Fragen, die sich jungen Menschen von heute stellen: Wer bin ich? Wo komme ich her? Was zeichnet mich aus? Wo will ich hin? Wie zeige ich mich? Was zeige ich von mir? Wie werde ich von anderen wahrgenommen? Daraufhin haben die Studierenden Kriterien entworfen, welche identitätsstiftenden Merkmale für Jugendliche wichtig sein könnten. Unter den Stichworten #roots, #outfit, #hobbies, #dreams wurden Jugendliche aufgefordert, je ein Selfie zu diesen Stichworten anzufertigen und es mit einem eigenen Stichwort zu versehen. Um herauszufinden, ob dieses Unterfangen auch praktikabel ist, haben die Studierenden zunächst eigene Selfies in diesen Kategorien angefertigt. Diese wurden als Beispielselfies auf eine eigens kreierte Homepage gestellt. Um zu überprüfen, welche identitätsstiftende Aspekte sich bei 14-15-jährigen Jugendlichen zeigen, wurden Schüler*innen einer 9. Klasse eingeladen, bei dem Projekt mitzumachen. Um ggf. Vorbehalten gegen eine digitale Veröffentlichung entgegenzuwirken, wurde diese auch als reale Ausstellung konzipiert, die für alle zugänglich ist. Auf diese Art und Weise wird die Bedeutung von Öffentlichkeit konkretisiert und die Frage nach Selbstinszenierung nochmal neu gestellt gemäß der Überlegung: Wie fotografiere ich mich bzw. wie stelle ich mich dar, wenn auch meine Oma das Bild sehen kann? Die vier Hashtags #roots, #outfit, #hobby und #dreams, die jeweils mit einer individuellen Bildunterschrift versehen wurden, bilden dabei die chronologische Identitätsentwicklung über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ab. Mit den jeweils vier Selfies wurde im Sommersemester 2018 eine Ausstellung in der KHG Eichstätt kuratiert.

Rechtliche Aspekte und ästhetisch ansprechende Präsentation

Wichtig war für die Studierenden dabei, auch den sachgerechten Umgang von neuen Medien in der kirchlichen Jugendarbeit und schulpastoraler Praxis zu lernen und angemessen zu vermitteln. Rechtliche Aspekte mussten ebenso berücksichtigt werden wie eine ästhetisch ansprechende Präsentation und Dokumentation der Seminarergebnisse. Die Aufbereitung für die interessierte Öffentlichkeit [5] ist von hoher Bedeutung, zeigt sie doch, dass die jugendpastorale Arbeit wichtige Impulse für die Begleitung junger Menschen auf ihren Weg ins Leben zu leisten vermag. Für die beteiligten Schüler*innen stand vor allem das Wahrnehmen der eigenen Person in verschiedenen identitätsstiftenden Kontexten sowie die Reflexion ästhetisch ansprechender Inszenierung der eigenen Person im öffentlichen Raum im Vordergrund.

Spiel zwischen sich zeigen und sich verbergen

Besonders positiv hervorzuheben ist der von den Studierenden gewählte kreative Zugang zur Identitätsarbeit der Schülerinnen und Schüler anhand von Selfies. Analysiert man die ausgestellten Selfies, fällt auf, wie es den Jugendlichen gelingt, selbstbestimmt zu präsentieren, was ihre eigene Persönlichkeit ihrer Ansicht nach auszeichnet (#outfit und #hobby) sowie sich selbst hinsichtlich des Heimatortes oder innerhalb des eigenen Beziehungsnetzwerks zu positionieren (#roots). Gleichzeitig lassen die Selfies das Spiel, zwischen sich zeigen – gegenüber einem unsichtbaren Publikum – und/oder verbergen, erkennen. Damit stellen alle teilnehmenden Schülerinnen und Schüler ein Gespür für die eigene Persönlichkeit und die eigene Identität unter Beweis, sie können mithilfe von Selfies ausdrücken, woher sie kommen, was sie als Personen auszeichnet und was sie sich für ihre Zukunft erhoffen.

Das Kooperationsprojekt von Universität und Schule erweist sich nicht nur für die Schülerinnen und Schüler, deren Eltern und die beteiligten Lehrkräfte als bedeutsam. Die Ausstellung vor Ort sowie auf der Homepage führt auch einer interessierten Öffentlichkeit vor Augen, dass man angesichts digitaler Selbstinszenierungen auf Social Network Sites nicht in eine kulturpessimistische Attitüde verfallen muss, um in den allgemeinen Abgesang auf die narzisstische Jugendgeneration einzustimmen. Stattdessen heben die Studierenden mit ihrem ästhetisch-kreativen Zugang die Vielfältigkeit wie Vielschichtigkeit des Selfie-Phänomens hervor und ermöglichen den Schülerinnen und Schülern einen konstruktiven Einstieg in die eigene Identitätsarbeit, die zum Reflektieren über folgende Fragen anregt: Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Wie sehe ich mich? Wie sehen mich die anderen? Wohin gehöre ich? Wäre ich eine andere, wenn ich anders aussähe? Gleichzeitig lädt der Charakter der öffentlichen Ausstellung der Selfies zu einer Auseinandersetzung darüber ein, wie ich mich in der (digitalen) Öffentlichkeit selbst präsentiere und auch inszeniere. So bieten Selfies die Möglichkeit, sich kritisch mit dem Schönheitsideal und Perfektionsstreben der Gesellschaft auseinanderzusetzen – und diese auch bewusst kreativ zu durchbrechen. Eine kritisch-konstruktive Arbeit mit Selfies regt darüber hinaus zur Diskussion ethischer Fragestellungen an wie z.B.: Gibt es Orte oder Anlässe, an denen ich besser keine Selfies aufnehme?

Sich kritisch mit dem Schönheitsideal und Perfektionsstreben der Gesellschaft auseinandersetzen

Für alle, die mit jungen Menschen arbeiten, kann dieses studentische Projekt Einblick in die Facetten von Identitätsbildung junger Menschen geben und andere dazu anregen, sich mit der eigenen Identität auseinanderzusetzen und damit die Frage nach dem eigenen Platz in der Welt zu stellen. Ob dieser als „Plan Gottes“ entdeckt werden kann, hängt von verschiedenen Bedingungen ab. Passgenaue Angebote der Jugendpastoral für digitale Lebenswelten Jugendlicher, spielen dabei eine wichtige Rolle.

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Text: Simone Birkel und Kathrin S. Kürzinger
Fotos: Petra Hemmelmann

[1] Aus dem Brief von Papst Franziskus an die Jugendlichen im Vorfeld der Synode 2017.

[2] Aus dem Text zur Jugendsynode auf den Seiten des Vatikans http://press.vatican.va/content/salastampa/it/bollettino/pubblico/2017/01/13/0021/00050.html#TED

[3] Aus dem Text zur Jugendsynode auf den Seiten des Vatikans http://press.vatican.va/content/salastampa/it/bollettino/pubblico/2017/01/13/0021/00050.html#TED

[4] Theoretische Grundlagen dazu waren u.a. Beiträge von Gojny, Tanja / Kürzinger, Kathrin S. / Schwarz, Susanne: (Hrsg): Selfie – I like it. Anthropologische und ethische Implikationen digitaler Selbstinszenierung (Religionspädagogik innovative, Bd. 16), Stuttgart 2016 sowie Viera Pirker: inst@nt identity? Aspekte einer fragilitätssensiblen Pastoralanthropologie, Vortrag 2017, https://ucris.univie.ac.at/portal/en/activities/instnt-identity-aspekte-einer-fragilitatssensiblen-pastoralanthropologie(e8755e18-185a-4ceb-8574-10ce26322b5b).html.

[5] Unter der Adresse https://ich-und-mein-selfie.jimdo.com/ ist diese Projekt dokumentiert. Ein Kurzvideo ist unter https://www.youtube.com/watch?v=n5V-hN_eAxg verfügbar.

Von Simone Birkel ebenfalls auf feinschwarz.net erschienen:

Was hat der Fidget-Spinner mit Gott zu tun?

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