Kirche unter dem Machtanspruch Jesu

Die Kirche hat ein Problem mit der Macht, soviel scheint klar. Woher aber die Ressourcen nehmen, um dieses Problem zu lösen? Bettina Eltrop stellt sich einer nahe liegenden Möglichkeit: Sie liest die Bibel.

Macht ist in Verruf gekommen – gerade auch in der Katholischen Kirche. Doch tun wir dem Phänomen der Macht damit nicht Unrecht? Kürzlich erschien in der ZEIT (19.6.2019) ein Dossier zur „Ehrenrettung der Macht“. Und schon in den 1980er und -90er Jahren hat die feministische Theologie differenziert vorgedacht. Sie unterscheidet auf Basis der neutestamentlichen Texte zwischen Macht und Herrschaft – und besetzt ersteren Begriff positiv als Leben stiftend (Stichwort: Ermächtigung von Menschen), letzteren als Unterdrückungssystem.

Es scheint höchste Zeit zu sein, sich auf diese Erkenntnisse und auf die biblischen Traditionen zurückzubesinnen und neue Perspektiven auf die verschiedenen Gesichter der Macht und ihren Gebrauch in der Kirche zurückzugewinnen.

Macht oder Herrschaft?

Macht wurde in den Texten des Markusevangeliums von der US-Theologin Carter Heyward und der evangelischen Neutestamentlerin Ulrike Metternich als ‚Macht in Beziehung‘ entdeckt. Die Macht Jesu, die dynamis, ist die lebendige, funkelnd wirksame Gottesmacht, welche Umkehr, Heilung, ja Rettung von Menschen bewirken kann. Die dynamis-Macht Jesu wird in vielen Heilungserzählungen (z.B. Mk 5,25-34) erzählerisch als wirksame, verlebendigende Macht Gottes sichtbar, die in Worten, Berührungen und Gesten zwischen Menschen wirkt – immer dann, wenn sich Menschen ihr öffnen. Wo die Gotteskraft jedoch nicht auf empfangsbereite Menschen trifft, kann sie auch nicht wirken (Mk 6,1-6).

Herrschaft dagegen wird aus den biblischen Texten als Unterdrückungssystem identifiziert. Es bildet sich ab im Imperium Romanum, in der Machtstruktur der übergeordneten Gesellschaftsform, wie Mk 10,42ff. zeigt: „Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und ihre Großen ihre Macht gegen sie gebrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein.“

Kyriarchat – das ist „die Herrschaft der Herren“

Elisabeth Schüssler Fiorenza prägte für das von Jesus beschriebene Herrschaftssystem, das es in der Jesusnachfolge auf keinen Fall geben soll, den Begriff „Kyriarchat“ – „Herrschaft der Herren“: Ein pyramidales Herrschaftssystem mit wenigen Einzelnen (meist Männern/Herren) an der Spitze der Macht und vielen Machtlosen (Frauen wie Männern) an der Basis, die klein gehalten werden, weil die „Großen ihre Macht gegen sie“ gebrauchen.

Feministische Theologie und die Frauenbewegung waren sich einig: Die großen Kirchen, egal welcher Konfession, sind entgegen der Weisung Jesu kyriarchal als Herrschaftspyramide strukturiert. Demgegenüber versuchte die Frauenbewegung Macht als ein Netzwerk von Menschen in Beziehung zu organisieren und hat hier z.B. durchaus erfolgreich für die Besetzung von Lehrstühlen mit Frauen gekämpft. Aktuell organisiert sich die Bewegung Maria 2.0 netzwerkartig sehr erfolgreich über soziale Medien und zeigt in den Medien ein Bild von einer anderen Kirche, das für viele Menschen belebend und anschlussfähig wirkt.

Heute werden die Differenzierungen in der Forschung wieder aufgegriffen. So liest der Neutestamentler Heinz Blatz das Markusevangelium als Schrift, die „versteckten Widerstand“ gegenüber der öffentlichen römischen Herrschaft übt. Die Machtausübung römischer Herrscher werde im Markusevangelium als „Herunterherrschen“ kritisiert, die heilende und dienende Macht Jesu dagegen als wahre Macht vorgestellt, auf die Menschen in der Nachfolge Jesu verpflichtet werden (zuletzt in Bibel und Kirche 2/2019).

Macht im Sinne Jesu wiederentdecken

Wie kann Kirche heute Macht im Sinne Jesu wiederentdecken? Dazu, so der Neutestamentler, Priester und Träger des Würzburger Friedenspreises Burkhard Hose ( Bibel und Kirche 2/2019) müsse zuallererst einmal Schluss sein mit dem herrschaftlichen Gebaren und der Verschleierung von hierarchisch- unterdrückerischen Machtstrukturen. Um ein neues, positives Konzept von Macht zu entwickeln, müsse sich Kirche wieder stärker an der Bibel, an Jesus von Nazaret orientieren und Macht mit seinem Anspruch aufladen. Wie kann das gehen?

Schritt 1: Nur Macht in Beziehung schafft wirkliche Autorität

Im Markusevangelium wird nach Burkhard Hose gleich zu Beginn deutlich, dass Jesu heilsame Wort-Macht im Gegensatz zu den Schriftgelehrten auf exousia, auf echter Autorität, gründet (Mk 1,22). Jesu Worte wirken auf die zuhörenden Menschen. Sie glauben ihm, was er sagt. Der vielzitierte Satz von Kardinal Marx „Die Menschen glauben uns nicht mehr“ zeige entsprechend: Es genügt nicht mehr, die Legitimität von Machtausübung allein an das Vorhandensein einer Weihe oder einer formalen Beauftragung zu binden. Wem nicht geglaubt wird, wessen Worte zu leeren Formeln verkommen sind, die keine heilende und bestärkende Wirkung für die Menschen mehr haben, dem wird das Volk die Macht entziehen – mag er noch so sehr die formale Beauftragung für sich beanspruchen können.

Das Markusevangeliums zeigt, wie wahre Macht wirkt: Jesus ist bekleidet mit einer Macht, die in wirklicher Autorität gründet, weil ihm die Menschen glauben, weil er im intensiven Kontakt zu den Menschen steht, so dass seine Worte in ihnen Heilung, Befreiung und eine neue Nachdenklichkeit bewirken. Diese Form von Macht muss in der Kirche wiederentdeckt und gelebt werden.

Schritt 2: Der Ermächtigung von Menschen dienen

Das kirchliche Machtsystem hat sich in einer Struktur von Über- und Unterordnungen verfestigt, das wenige Menschen privilegiert und vor allem Frauen Machtpositionen verwehrt. Paulus als ältester Schriftsteller des Neuen Testaments legt hingegen ein alternatives Konzept von Macht vor: die Ermächtigung gesellschaftlich benachteiligter Menschen durch die Taufe. Über- und Unterordnungen, die die Machtverteilung in der Gesellschaft definierten, sollen in der christlichen Gemeinde keine Rolle mehr spielen: „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.“ (Gal 3,28) Die Taufe bewirkt in der christlichen Gemeinde die Ermächtigung von Menschen, die in der antiken Umwelt in Abhängigkeit gehalten wurden: Sklaven, Frauen, und Menschen verschiedener ethnischer Herkunft werden in der Gemeinde gleichgestellt. Sie alles sind „einer/eins“ in Christus.

Macht ist nach den vorhandenen Gaben zu verteilen, nicht nach gesellschaftlichem Anspruch! (Paulus)

Paulus legt weiter der Gemeinde in Korinth ans Herz, dass Macht in der Gemeinde nach vorhandenen Gaben zu verteilen ist und nicht nach dem herkömmlichen gesellschaftlichen Anspruch (1 Kor 12,1-11). Es ist der Geist, der die Menschen dazu befähigt, ihre verschiedenen Gaben in der Gemeinde zu entfalten. Es ist deshalb folgerichtig, dass zu den Mitarbeiterteams des Paulus selbstverständlich auch Frauen zählten, die unterschiedliche Aufgaben in den Gemeinden übernahmen (Röm 16,1-16). Gal 3,28 schreibt also der Kirche ins Stammbuch: Kein Mensch muss sich aufgrund seiner Herkunft, seines Geschlechtes oder seines sozialen Ansehens wegen beschämen lassen. Macht in der Kirche sollte wieder vor allem der Ermächtigung von benachteiligten Menschen dienen.

Schritt 3: Frauen in Amt und Leitung?

Die sich auf das Apostelamt gründende kirchliche (männliche) Amtsnachfolge in der Katholischen Kirche bewertet der renommierte Tübinger Professor und Neutestamentler Michael Theobald ebenfalls in „Bibel und Kirche“ aus exegetischer Sicht als ein „dogmatisch interessiertes Konstrukt“: „Die behauptete Kette männlicher Leitungsvollmacht gab es nicht.“ Frauen spielten beim Aufbau der Gemeinden und ihrer Leitung eine wichtige Rolle. Ein gutes Beispiel dafür ist die Apostelin Junia, die von Paulus in Röm 16,7 zu den herausragenden Aposteln in der Jesusnachfolge gezählt wird, was nun in der revidierten Einheitsübersetzung 2016 und in der revidierten Lutherübersetzung 2017 aufgrund textkritischer Argumente auch so zu lesen ist.

Eine sprachliche Beobachtung kommt hinzu: „apostolos ist ein Verbaladjektiv ohne weibliche Form und von daher inklusiv zu verstehen.“ Das heißt, „die Apostel“ als männliches Substantiv „gab es noch nicht“ im griechischen Text. Das Modell der über das Bischofskollegium auf die Apostel zurückgehenden legitimen männlichen Amtsnachfolge ist nach Theobald vor allem „ein Bollwerk gegen eine vollgültige Einbeziehung von Frauen in das kirchliche Amt“. Für die Einbeziehung von Frauen spreche biblisch-theologisch betrachtet „alles.“ Weil Rom aber die Debatte darüber viel zu früh als beendet erklärt hat (Inter Insigniores 1976/ Ordinatio Sacerdotalis 1994), sei inzwischen eine Machtfrage daraus geworden.

Wäre die Kirche mit der Öffnung des Priesteramts oder des Diakonats für Frauen also wieder in der Spur? Ich meine, solange die Grundstruktur von Kirche als System von Unter- und Überordnungen bestehen bleibt, ist dieser Schritt zwar gut (er hebt die Beschämung der Frauen auf), – aber nicht endgültig im Sinne Jesu. Erst wenn Kirche der vertikalen Machtschiene entsagt, auch um den Preis des Kontrollverlusts, und die Beziehungsmacht wieder ins Zentrum stellt, kann sie wieder für Menschen glaubwürdig und anziehend wirken (ist das vielleicht auch der Grund, warum die Evangelische Kirche auch nicht viel besser dasteht als die Katholische?).

Schritt 4: Verzicht auf selbstherrliche Macht

Um was es Jesus im Tiefsten ging, zeigt sich für Burkhard Hose im Christuslied des Philipperbriefs, das vom Machtverzicht Jesu Christi handelt: „Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,6-8). Es gibt keine extremere Form, kritisch mit Macht umzugehen als in diesem Hymnus. Christus verzichtet auf eine unvorstellbare Machtfülle: „Für viele Menschen in den ersten christlichen Gemeinden muss das eine revolutionäre Aussage gewesen sein. Ähnlich wie im lukanischen Protestlied Mariens … (Lk 1,52) besingt dieser uralte Christushymnus die Umkehrung der Verhältnisse – diesmal auf dem Weg des freiwilligen Verzichts auf Machtausübung. Und genau darin hat Gott den Weg Jesu bestätigt.“

Biblische Machtkritik bedeutet zu fragen: Was ist echte Autorität? Und wie lässt sich Macht demokratisieren?

Es gibt für Burkhard Hose auch heute in der Kirche die Möglichkeit, „auf Macht zu verzichten, damit andere Menschen größer werden können. Im besten Fall sollte das in jeder Begegnung, in jedem kirchlichen Dienstverhältnis, zwischen Priestern und Laien, zwischen Männern und Frauen und natürlich auch in jedem Gottesdienst erfahrbar sein.“ Christlicher Machtverzicht ist dann ein Alternativmodell zur herkömmlichen Machtverteilung in der Gesellschaft. In der Rückbesinnung auf das biblische Zeugnis geht es in der Kirche derzeit um nichts weniger als um den Bruch mit alten Herrschaftsformen. Kirche muss beginnen, alternative Konzepte lebendiger und Leben spendender Machtausübung nach dem Vorbild der Bibel zu entwickeln und einzuüben. Worum geht es dann? Darum, Macht an echte Autorität zu binden und zu demokratisieren!

Literatur:

Die Beiträge von Heinz Blatz, Burkhard Hose und Michael Theobald finden sich alle in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift „Bibel und Kirche“:

Macht und Kirche. Biblische Impulse (BiKi 2/2019) https://www.bibelwerk.shop/produkte/macht-und-kirche-biblische-impulse-1001902/

Elisabeth Schüssler Fiorenza, Jesus: Miriams Kind. Sophias Prophet. Kritische Anfragen feministischer Christologie, Gütersloh 1997.

Carter Heyward, Und sie rührte sein Kleid an. Eine feministische Theologie der Beziehung, Stuttgart 4. Auflage 1992.

Wunder- Geschichten von Gottes Macht (BiKi 2/2006).

Autorin: Die Neutestamentlerin und feministische Theologin Dr. Bettina Eltrop ist wissenschaftliche Referentin beim Bibelwerk. Sie betreut die Zeitschrift Bibel und Kirche. Deren letztes Heft widmet sich dem Thema Macht und Kirche

Bild: Andreas Hermsdorf / pixelio.de

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