Lebst Du noch oder wohnst Du schon? Ein familiärer Livebericht aus der ‚neuen Normalität’

Die Kolumne für die kommenden Tage 39

Zwangspause mit Pausenzwang – ich habe mich erkältet und beobachte auf Weisung meiner Ärztin nun fleißig die Symptome. Zeit für eine erste Zwischenbilanz in der Coronazeit. Nach Tag 17 des österreichischen Shutdown haben wir beim familiären Tagesrückblick aufgehört zu zählen. Und irgendwann in der letzten Woche haben wir dann auch aufgehört, einen täglichen Tagesrückblick zu machen. Immerhin schauen wir noch gemeinsam Nachrichten (ZDF und ORF sind um Klassen besser als ARD, Logo bleibt der Familienklassiker) und spielen hin und wieder etwas (Wiederentdeckungen: Scharade und Scotland Yard). Wir sind also angekommen im permanenten Ausnahmestand einer ‚neuen Normalität’. Dafür braucht es nicht einmal Carl Schmitt – es reichen schon Homeoffice, Homeschooling, Homefitness, Homecooking…

Zeitungsfund vom Beginn des Shutdown, aufgehängt in unserer Küchenecke mit Corona-Mutmachsätzen

Von der vielbesungenen Corona-Muse war bei uns jedenfalls bisher nicht allzu viel zu spüren. Eher das Gefühl: Es ist alles viel zuviel und ich mache immer nie genug. Kolleginnen und Kollegen ohne (jüngere) Kinder können selten nachvollziehen, was es in dieser Coronazeit heißt, neben der Sorge um die eigenen Eltern und mit einer ebenfalls voll berufstätigen Partnerin zwei wunderbare Pubertiere großzuziehen (Jan Weiler ist pure Realität!), einen für alle möglichst gedeihlichen Alltag zu strukturieren, die Schularbeiten zu unterstützen und tausend Fragen zu beantworten (es gibt engagierte Lehrkräfte und andere), Sporteinheiten mit „Bring Sally up“ durchzusetzen, Netflix-Streit zu schlichten, mit diversen Fuß-, Base-, Volley- und Federbällen in den Garten hinauszulocken (Wikingerschach funktioniert fast immer!), einen Dauerkampf gegen diese verflixten ‚digitalen Endgeräte’ zu führen, die irgendwie mit unseren Kinder verwachsen zu sein scheinen – und, davon permanent unterbrochen, zugleich Schreibschulden abzuarbeiten, Onlinevorlesungen zu halten, Gutachten zu verfassen, Doktorandinnen zu begleiten, Unikram zu erledigen…

Paschamysterium am Küchentisch

Ein spirituelles Highlight war unsere familiäre Osterliturgie – „ecclesia domestica“ (LG 11) jenseits aller Vergartenzwergungstendenzen kirchenamtlicher Familienrhetorik. Miteinander eintauchen in die ‚Zeitrutsche’ der Heiligen Drei Tage: Paschamysterium am Küchentisch, begleitet von Jörg Zinks noch immer großartiger Kinder- und Jugendbibel. Fußwaschung, Abendmahl und Gethsemane. Kreuzweg zum alten jüdischen Friedhof am Judenbühel. Ostermorgen mit Feuer am Innufer. Exsultet, gesungen von einer Freundin auf Facebook. Ausgiebiges Familienfrühstück zum Ende der Fastenzeit. Taufgedächtnis beim Osterwasserholen. Liturgisch vermisst haben wir dabei fast nichts. Zugleich bleibt das schale Gefühl einer digitalen Reklerikalisierung im Internet. Viel Stoff zum pastoraltheologischen Nachdenken ‚danach’…

Blaue Stunde, max. 20 Minuten

Wichtig waren auch die kleinen Unterbrechungen unserer neuen und notwendigen Alltagsroutinen: Immer nur ‚vernünftig’ ist auch keine Lösung… Inspiriert von einem grandiosen Handyvideo aus Italien, in dem sich Nachbarn mit langen Stangen Prosecco-Gläser zum Aperitivo zuprosten, habe ich mit meiner Frau in der letzten Woche begonnen, zumindest hin und wieder die ‚Blaue Stunde’ für uns zu reklamieren (auch wenn sie dann nie länger als 20 Minuten dauerte) und uns in der Abendsonne mit einem Tegernseer Hell oder einem Glas Martini (siehe Beitragsbild oben) auf die Bank vor dem Haus zu setzen – manchmal sogar ergänzt um einen abendlichen Sky(p)e-Whisky mit alten Freunden, bei digitalem Gespräch und analogem Getränk. Viel zu selten gelingt es mir in dieser Coronazeit, mir selbst und anderen im routinierten Bewohnen des eigenen Alltags die umgekehrte IKEA-Frage stellen: Lebst Du noch oder wohnst Du schon…

Die Welt im Rücken

Es bleibt das ungute Gefühl, von der eigenen kleinen Welt gerade so absorbiert zu sein, dass für einen darüber hinausgehenden Einsatz kaum noch Energie bleibt. Immerhin reicht es für gezielte Einkäufe bei lokalen Produzentinnen und Produzenten, nachbarschaftliche Kontakte im Mietshaus, Mundschutzlieferungen zu befreundeten Familien und einen gelegentlichen Anruf bei Helga, einer herrlich unkonventionellen Seniorin aus unserer Pfarrgemeinde („Brauchst Du etwas?“), oder die Nachfrage bei Freundinnen und Freunden in den Niederlanden, den USA, Peru, der Elfenbeinküste, Indien („Wie ist die Lage bei Euch?“).

Es ist gar nicht so leicht, in der Schwerkraft des familiären Alltags die große weite ‚Welt im Rücken’ nicht zu vergessen – und bei allem Corona-Stress nicht zu übersehen: Unsere Probleme sind Luxusprobleme. Wir haben sichere Jobs, eine geräumige Wohnung und mittlerweile genügend Laptops für Homeoffice und Homeschooling. Wir stecken nicht vor den Toren der Festung Europa in irgendeinem Geflüchtetenlager fest und schlagen bei katastrophalen hygienischen Verhältnissen irgendwie die Zeit tot. Wir sitzen vielmehr mittendrin in dieser Festung und haben ein noch immer gut funktionierendes Gesundheitssystem…

Kraft, die Verhältnisse zu verändern

Es bleibt der Vorsatz, nicht nur für den „morgendlichen Gang über die Psalmenbrücke“ einen Text von Wilhelm Bruners zu beherzigen, der mir vor einigen Tagen über Facebook zugefallen ist:

Rat

Verabschiede die Nacht
mit dem Sonnenhymnus
auch bei Nebel

hol dir die ersten
Informationen aus den
Liedern Davids
dann höre die
Nachrichten und lies
die Zeitung

beachte die Reihenfolge
wenn du die Kraft
behalten willst
die Verhältnisse zu ändern

 


Autor: Christian Bauer, Professor für Pastoraltheologie und Homiletik in Innsbruck und Mitglied der Redaktion von Feinschwarz.net.

Bildquellen: Privat

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