Homosexualität_en: Leben, Kunst und Religion

Queeres Leben, Leben jenseits heterosexueller „Normalität“, ist massiven Anfragen und Anfechtungen ausgesetzt – auch seitens Teilen der Religionen. Die Ausstellung Homosexualität_en, die 2015 in Berlin und 2016 in Münster gezeigt wurde, stellt sich der Sichtmarbachung, Aufarbeitung und Würdigung von LGBTQI Menschen. Ulrike E. Auga war als Gutachterin und Mitwirkende an der Ausstellung beteiligt und stellt ihre Gedanken zu Religion und Geschlecht vor.

Mit der Ausstellung Homosexualität_en zeigten das Deutsche Historische Museum (DHM) und das Schwule Museum* Berlin (SMU*) erstmalig eine umfassende Präsentation zur Geschichte von LGBTIQ Menschen. Das SMU* wurde 1985 gegründet und gilt als das weltweit erste Museum zur Aufarbeitung der Geschichte von Homosexualität_en. Derzeit beherbergt es die größte Sammlung zur queeren Geschichte.

Berlin: Schauplatz fluider Geschlechterinszenierungen

Berlin als erster Präsentationsort der Ausstellung bot zahlreiche regionale Anknüpfungspunkte: Die Landeshauptstadt war historisch ein Ort für Menschen mit fluiden Geschlechterinszenierungen. Das Berlin der Gegenwart ist wieder Raum unkonventioneller Lebensentwürfe und neuer Gesten der Solidarität.

Interviews mit Berliner Protagonist_innen boten am Beginn der Ausstellung die Möglichkeit, sehr unterschiedlichen individuellen Erfahrungen mit vielfältigen Perspektiven gerecht zu werden. Durch das Abspielen von Interview-Videos in nebeneinander stehenden Monitoren entstand ein großes, nicht homogenisiertes Spektrum an queerer Geschichte. Die Videos zeigten, dass es um mehr als um rechtliche Gleichstellung mit der Mehrheitsgesellschaft geht, denn rechtliche Gleichstellung allein reißt die Mauer in den Köpfen noch nicht ein. Es geht vielmehr darum, symbolische Gewalt und machtförmige Wissensgewalt zu überwinden.

Mehr als Widerstand: gutes Leben
imaginieren

Blosser Widerstand allein überwindet Gewalt häufig noch nicht. Benötigt werden auch Träume und Vorstellungen von dem, was auch sein könnte. Daher wurden in der Ausstellung auch Kunstobjekte präsentiert, die die Frage nach den zukünftigen Möglichkeiten des Zusammenlebens unterschiedlichster Menschen in den Mittelpunkt stellten. Es sollte nicht vorgeschrieben werden, wie eine solidarischere Gesellschaft aussehen soll. Vielmehr wurde gezeigt, dass eine Gesellschaft nie fertig ist, sondern durch die radikale Einbildungskraft des Menschen immer neu geformt wird. Die Kunstpräsentationen im Rahmen der Ausstellung Homosexualität_en unterstrichen die Bedeutung der Kunst für das radikale soziale Imaginäre und somit das ständige Re-Imaginieren einer diversifizierten Gesellschaft.

Zur Performanz von Geschlecht und Sexualität

Die Ausstellung gab einen Überblick über den gesellschaftlichen Umgang mit Geschlecht und Homosexualität unter Aspekten sozialer, juristischer und wissenschaftlicher Ausgrenzung mit den drei Schwerpunkten: Gewalt, Widerstand und Entwurf.

Der historische Schwerpunkt der Ausstellung lag auf der Entwicklung queeren Lebens seit der Liberalisierung des § 175 im Jahr 1969 in der Bundesrepublik Deutschland. Das Konzept gegenwärtiger Homosexualität wird dabei als eine Erfindung der Moderne verstanden. Dementsprechend zeigte die Schau die Entwicklungen seit dem späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart und Zukunft.

Homosexualität: Erfindung der Moderne und Spiegelbild einer „heterosexuellen Matrix“

Es wird deutlich, dass sich vor ca. 150 Jahren eine Vorstellung einer hierarchischen, „natürlichen“ Heterosexualität und ihrer „unnatürlichen“ Abweichung der Homosexualität etablierte. Der Erfindung dieser Kategorien folgten Pathologisierung und Kriminalisierung. Zwar wurden immer schon Modelle geschlechtlicher Vielfalt gelebt. Dennoch bestimmt die Annahme, es gäbe nur zwei natürliche Geschlechter, die menschliche Gesellschaft bis heute.

Plakat_HomoDie Philosophin Judith Butler spricht in diesem Zusammenhang von einer „heterosexuellen Matrix“, in der die Gesellschaft sich befände, und sie wies nach, dass Geschlecht nicht vorgeordnet existiert, sondern erst durch die kulturelle performative Anrufung entsteht.

Die Kategorie Religion

Die Kategorie Geschlecht wird als diskursiv erzeugt verstanden, das heißt, dass „Geschlecht“ nicht etwas ist, das feststeht. Es existiert nicht vorkulturell, sondern ist eine Kategorie des Wissens. Dieses Wissen ist Teil des in einer Gesellschaft dominanten Diskurses. Es wirkt als Machtwissen über Geschlecht und ruft sogleich Widerstände hervor. Geschlecht wird zudem als eine intersektionale Kategorie verstanden, die sich überkreuzend (interdependent) mit anderen Wissenskategorien wie „Nation“, „Rasse“, „Klasse“, körperliche Befähigung, aber auch „Religion“ verbindet.

Religion: dominantes Wissen und widerständiges Wissen

Im Anschluss an das Konzept von Geschlecht als Wissenskategorie kann auch „Religion“ als Kategorie des Wissens gesehen werden. Auch Religion ist keine vorgeordnete, wesenhafte, natürliche Größe, sondern sie trägt dynamisch zur dominanten Wissenserzeugung aber auch zur Erzeugung widerständigen Wissens bei.

Schimpf und Schande

Welche Formen gesellschaftliche Verfolgung annehmen kann, wurde in der Ausstellung u.a. durch „Hörbereiche“ deutlich. Über Lautsprecher wurde dort eine große Bandbreite von Äußerungen der Alltagsgewalt auf Straßen, Schulhöfen oder in Fußballstadien eingespielt. Es wurden aktuelle homophobe Zitate aus Politik und Kultur vorgeführt. Diese Klanginstallation war auch der Ort, an dem „Religion“ in der Ausstellung zentral zur Sprache kam. So waren biblische Zitate, theologische Traktate, Predigten mit Stimmen von Repräsentant_innen verschiedener Glaubensgemeinschaften zu hören, die ihre Verurteilung religiös begründen. Daneben wurden aufgezeichnete Stimmen von weltweiten Aktivist_innen ausgestrahlt, die auf die homophobe Situation aufmerksam machen.

Zu wenig sichtbar: „positive“ religiöse Widerstände gegen Gewalt

Kritisch möchte ich hier auf die fehlenden „positiven“ religiösen Widerstände gegen Diskriminierung hinweisen. Diese gab es durchaus, sie wurden in der Ausstellung allerdings kaum aufgegriffen. So entstand der (unerwünschte) Eindruck, „Religion“ sei ausschließlich gewaltvoll.

Die Podiumsdiskussion

Die die Ausstellung begleitende Podiumsdiskussion, Religion und Aktivismus, die öffentlichkeitswirksam im Zeughauskino des DHM stattfand, sollte im Rahmenprogramm der Ausstellung Homosexualität_en ein Ort der Gegendiskurse sein. Hier sollte über den tatsächlichen Textbestand zur Homosexualität in Judentum, Christentum und Islam aufgeklärt werden. Zudem sollten liberale Praxen und Theologien der Geschichte und Gegenwart gezeigt werden, nachdem in der Ausstellung Religion vor allem als sehr gewaltvoll repräsentiert worden ist.

„Religion“ als Ort alternativer Handlungsfähigkeit

Als Teilnehmer_innen wurden Expert_innen aus Judentum, Christentum und Islam eingeladen. In der Podiumsdiskussion gelang es einerseits, emanzipatorische Ansätze in Bezug auf Religion und Homosexualität den konservativen dominanten Kräften in den Religionen entgegenzustellen. Andererseits konnte in einer postsäkularen Geste „Religion“ als Ort von Handlungsfähigkeit (säkularistischen) Mainstream-, Gender- und LGBTIQ-Ansätzen entgegengehalten werden.

Seminar Visuelle Diskurse um „queeres Leben“ in Judentum, Christentum und Islam

Um auch unter Studierenden zu einer Ent-Tabuisierung der Berührung von queerem Leben und Religion beizutragen, hatte ich im Sommersemester 2015 im Kontext der Ausstellungsvorbereitung ein Seminar zum Thema der visuellen Diskurse um ‚queeres Leben‘ und Religion durchgeführt. Das Seminar kooperierte direkt mit dem im SMU* und DHM stattfindenden Ausstellungsprojekt. Einige Sitzungen fanden unmittelbar an den Ausstellungsstandorten statt. Das Seminar beinhaltete eine Führung durch das Archiv des SMU*. Die gemeinsamen Sichtungen der audiovisuellen Archivbestände bereicherten die Wissensaneignung auf für spannende Weise.

Verengungen ‚westlichen‘ dominanten Denkens

Das Seminar gab die Möglichkeit, das Zueinander von Homosexualität_en und Religion differenzierter aufzuarbeiten, wie es der Ausstellung insgesamt nicht möglich war. Es fiel auf, dass in Judentum, Christentum und Islam Homosexualität viel weiter diskutiert wird, als es in der öffentlichen Debatte unterstellt wird. Einerseits ist die Textbasis für eine kritische Betrachtung von Homosexualität in den kanonischen Schriften tatsächlich geringer als häufig angenommen. Anderseits gibt es darüber hinaus Quellen, die eine Vielzahl von homoerotischen Liebesbeziehungen herausarbeiten. Vormoderne Gesellschaften und ihre religiösen Gruppierungen besaßen oft eine fluidere Vorstellung von Geschlecht als die Verengungen ‚westlichen‘ dominanten Denkens des späten 18. und 19. Jahrhunderts es sich vorzustellen erlaubten. In der Gegenwart schliesslich finden sich zwar in allen Religionsgemeinschaften neofundamentalistische Strömungen, die jedoch die größere Verbreitung liberaler Auslegungsmethodik mit einer breiteren Tolerierung queerer Lebensweisen – auch im Zuge neuer Medien – nicht unterbinden können.

Queere und postkoloniale Theorie und das Ende des Säkularismus

Die Ausstellung leistete einen unvergleichbar wichtigen Beitrag zur Sichtbarmachung, Archivierung, Erinnerung, Würdigung und Aufarbeitung LGBTIQ Lebens. Die dokumentarischen und künstlerischen Sammlungsbestände des SMU* wurden in diesem Maßstab erstmalig dem erweiterten Publikumskreis zugänglich und fügten die queere Geschichte als unabdingbaren Bestandteil in das Gedächtnis der Gesellschaft der BRD ein.


Ulrike E. Auga ist Professorin an der Humboldt-Universität, Berlin
Bilder: Plakat zur Ausstellung

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