Mehr Begegnung wagen! Religion in Zeiten der Zuwanderung

Religiöse Menschen sind lernfähig und religiöse Identität wandelt sich je nach dem Umfeld, in dem eine Religion gelebt wird. André Munzinger setzt auf die Kraft der Begegnung als Gegenmittel zu totalitären religiösen Ansprüchen.

„Mehr Islam wagen.“ Dies war die vorsichtige Überlegung des Münsteraner Theologen Ahmad Milad Karimi auf die Frage des Journalisten Giovanni Di Lorenzo, wie mit den Gewalterscheinungen und Radikalisierungstendenzen im Islam aus islamischer Sicht umzugehen sei.[i] Für manche mag diese Antwort eine Provokation sein. Muss der Islam nicht in seinen Ansprüchen eingegrenzt und gezähmt werden? Müsste nicht eine Modernisierung im Islam erfolgen, in der religiöse Ansprüche gegenüber dem Staat, der Gesellschaft und der Öffentlichkeit beschränkt werden? Die Überlegung, mehr Islam zu wagen, habe ich so verstanden, dass diese Beschränkung (oder besser: Humanisierung) umfassender, radikalisierter Ansprüche aus der Religion selbst kommen sollte.

„Mehr Islam wagen“ … Beschränkung der Ansprüche der Religion aus der Religion selbst

Das enge Verhältnis mancher Zuwandernden zu ihrer Religion ist der einen oder dem anderen in säkular geprägten Gesellschaften unangenehm, vielleicht auch unheimlich. Haben jene die Grundprinzipien der Aufklärung akzeptiert? Werden sie fremde religiöse Werte und Überzeugungen in die deutsch-europäische Gesellschaft einführen? Wird langfristig eine Dominanz dieser vermeintlich fremden Werte aus demografischen Gründen zu verzeichnen sein? Diese schwierigen Fragen sind heute kaum zu beantworten. Im Folgenden möchte ich aber einige Überlegungen zur religiösen Dimension der Zuwanderung und Migration anstellen.

Setzen wir bei den Fliehenden und Wandernden selbst an. Für manche wird ihre Religion eine wesentliche Stütze sein – angesichts der massiven Unsicherheiten eines Aufbruches in ein anderes Land, in eine ungewisse Zukunft. Wie stark es in solchen Umbruchzeiten,die jede einzelne Person für sich verarbeiten muss, essenziell ist, einen inneren Halt zu haben, aus dem Orientierung und Erklärung für erlebte Katastrophen wachsen kann, versteht sich beinahe von selbst. Traumatische Kriegserfahrung oder auch das Scheitern der Heimatgesellschaft sind existenzielle Erfahrungen, die zur Flucht oder zur Auswanderung bewegen.

Religion: Stütze, Halt, Vertrautheit, Orientierung, Perspektiven, Geborgenheit… kaum eingrenzbar in ihrer Bedeutung

Religiöse Riten, z.B. des regelmäßigen Gebets, geben äußerlich und innerlich einen solchen Halt. Hier kann die heimatliche Vertrautheit in die Fremde übertragen werden, ja, die Vertrautheit kann gleichsam unabhängig vom Ort und von äußeren Bedingungen weiterhin vollzogen und praktiziert werden. Religiöse Praktiken bieten transzendente Perspektiven der Geborgenheit und Sicherheit, durch die sich Trauerverarbeitung und Kontingenzbewältigung individuell gestalten lassen. So können religiöse Riten auf der Flucht und in der Fremde therapeutischen Charakter entfalten, um mit einer veränderten Wirklichkeit umgehen zu können.

Aus diesem Beispiel zeigt sich, dass Religion nicht einfach eine Ebene menschlicher Existenz ist, die sich in eindeutiger Weise isolieren lässt. Vielmehr wird die religiöse Identität oftmals als prägend für andere Aspekte des Menschseins erlebt. Sie kann sogar ein einheitsstiftendes Moment sein, in dem die verschiedenen Dimensionen des Selbstverständnisses verbunden werden. Deshalb mag es manchen Zuwanderern schwer fallen, die (durchaus berechtigten) Unterscheidungen zwischen Flüchtenden und Migrierenden oder zwischen wirtschaftlicher Not, politischer Verfolgung, religiöser Intoleranz und rechtlicher Unsicherheit als Gründe für die Auswanderung zu vollziehen. Solche Gründe zu trennen, wie es in ausdifferenzierten Gesellschaften tagtäglich üblich ist, muss richtig gelernt werden.

Religion ist nicht einfach eine Ebene menschlicher Existenz, die sich in eindeutiger Weise isolieren lässt.

Damit möchte ich herausstellen, dass eine von außen herangetragene Beschränkung religiöser Ansprüche oftmals problematisch ist. Für viele hat Religion einen therapeutischen Effekt – gerade aufgrund ihres integrierenden Charakters. Dann aber werden Eingrenzungsstrategien der religiösen Weltsicht als Affront aufgefasst oder wirken zumindest kontraproduktiv. Jedenfalls bedarf es einfühlsamer Gespräche und achtsamer Integrationsarbeit, um die positiven Erfahrungen mit Religion bei einer solchen Begrenzung nicht in Frage zu stellen. Und umso wesentlicher ist es, dass die islamische Theologie in Deutschland heute dazu anleitet, aus der Religion selbst heraus die Grenzen der Religion zu bestimmen.

Es ist wesentlich, dass die islamische Theologie in Deutschland heute dazu anleitet, aus der Religion selbst heraus die Grenzen der Religion zu bestimmen.

Ein wesentlicher Einwand gegen solch eine theologische Begründung einer sich selbst begrenzenden Religion, ist, dass Religion von Haus aus eine totalitäre Tendenz in sich trage. Sie sei letztlich nicht in der Lage, von sich heraus andere gleichberechtigt anzuerkennen, Vielfalt in Glaubenssachen zuzulassen und eine pluralverfasste Gesellschaft zu befürworten.

Dieser Sorge ist Rechnung zu tragen. Aufgrund unzähliger Erfahrungen religiös begründeter Gewaltakte ist sie sehr ernst zu nehmen. Vielleicht lässt sich die Gefahr der Selbstüberschätzung, die aus der religiösen Transzendenzerfahrung erwachsen kann, nie vollständig bändigen. Aber religiöse Menschen haben sich als lernfähig gezeigt. Sie haben verschiedentlich deutlich gemacht, dass sie den gesellschaftlichen Wandel anerkennen und ihre Traditionen im Lichte dieser Entwicklungen neu deuten können.

Vielleicht lässt sich die Gefahr der Selbstüberschätzung, der totalitären Tendenz von Religion, die aus der religiösen Transzendenzerfahrung erwachsen kann, nie vollständig bändigen. Aber religiöse Menschen haben sich als lernfähig gezeigt.

Ein solcher Wandel vollzieht sich im Moment durch die Aufmerksamkeit für Zuwanderung. Es stehen Begegnungen mit Eingewanderten und Flüchtenden an, die Spuren hinterlassen. Religiöse Identität erhält jedenfalls nicht ihre Kraft alleine durch die Bewahrung des Hergebrachten, sondern sie konstituiert sich auch immer wieder durch andere. Begegnungen mit Flüchtlingen sind eine Chance, diese Veränderung bewusst auf mehr Differenztoleranz hin zu gestalten – und zwar für alle Beteiligten. Insofern kommen die Veränderungsimpulse für eine Religion auch von außen: Sie entstammen Gesprächen mit Menschen anderer Überzeugung. In diesem Sinn lässt sich zu der Aussage vom Anfang hinsichtlich des Wagnisses in Sachen Islam generell ausrufen: Mehr Begegnung wagen!

Begegnungen sind aufregend. Wir verlassen vermeintliche Sicherheiten und Vorurteile und machen uns auf, um anderes kennenzulernen. Manchmal ist Fremdes gar nicht so fremd. Manchmal lernen wir über Fremdes uns selbst besser kennen. Das Wagnis, sich die eigenen Vorurteile genauer anzuschauen, lohnt sich in jedem Fall.

Religiöse Identität konstituiert sich auch immer wieder durch andere. Begegnungen mit Flüchtlingen sind eine Chance.

Indes kommt es auf die Gestaltung des Kennenlernens an. Der genannte Theologe Karimi verweist auf die Möglichkeit, dass Flüchtende eine verwundete Religiosität mitbringen, weil auch deren Gottesbild oder Lebensvertrauen gelitten haben mag. Ich bin mir sicher, dass wir eine Theologie der Begegnung brauchen, die einer solchen verwundeten Religiosität ihren Raum lässt. Interkultureller Dialog ist dann nicht nur ein Abgleich von Differenzen und Gemeinsamkeiten, sondern eine sinnlich-affektive Berührung, die zu neuen Formen des Zusammenlebens einlädt.

[i] Der Theologe äußerte sich am 06. April 2016 beim Symposium ‚Flüchtlinge in Deutschland: Integration ermöglichen – Zusammenhalt stärken’ im Schloss Bellevue. Vgl. https://de.qantara.de/content/islamwissenschaftler-milad-karimi-mehr-islam-wagen.

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