Nietzsche in Brüssel: die emanzipierte Natur am Ende des Christentums

Krieg und Frieden – und wo steht Europa? Wer sind wir in diesem Europa? Wie können wir uns als Europäer selbst verstehen? Der italienisch-deutsche Philosoph und Theologe Gianluca De Candia führt ein philosophisches Schwellengespräch mit Sossio Giametta darüber, ob Nietzsche für diese Fragen ein geeigneter Gesprächspartner sein könnte. 

Er gehört zu den Philosophen, die nie Professoren wurden. Der 92-jährige Sossio Giametta hat mit Giorgio Colli und Mazzino Montinari an der historisch-kritischen Gesamtausgabe von Nietzsches Werken gearbeitet. Als Colli ihn entdeckte, war er Banker und hatte schon aus privatem Interesse Die Ethik von Spinoza in seine Muttersprache übertragen. Was hat Giametta nicht schon alles nebst Spinoza ins Italienische übersetzt: Caesar, Goethe, Hegel, Schopenhauer, Freud, Stirner und das ganze Werk Nietzsches, ganz abgesehen von den tausenden Reden und Dokumenten während seiner 30-jährigen Tätigkeit als Übersetzer im europäischen Ministerrat in Brüssel. Obwohl er in Italien vor allem als Nietzsche-Übersetzer bekannt ist, hat er eine originelle Philosophie in drei Bänden entworfen und damit einen eigenen Zugang zu den großen Fragen der Menschheitsgeschichte eröffnet. Ich habe ihn in Brüssel getroffen, wo er mit seiner deutschen Frau lebt.

Herr Giametta, es herrscht weithin Einigkeit unter Nietzsche-Experten, dass eine Synthese seines Denkens unmöglich wäre…

Es gibt von Nietzsche unzählige Analysen, aber keine Synthese. Analysen sind leicht: man nimmt einige Elemente eines Autors und lässt sie turnieren. Die Synthese ist schwierig: jede Größe ist historisch und um sie zu verstehen, muss man ihre Stellung und Funktion in der Geschichte erkennen. Seit Anfang der 1960er Jahre beschäftige ich mich mit Nietzsche, aber erst sehr spät habe ich das Wesentliche an ihm verstanden. Es gehört dazu, mehr als Scharfsinn, ein langer Metabolismus. Ich habe ihn einen gevierteilten Ochsen genannt, von dem jeder Interpret sich ein Steak abschneidet, indem er den ungeheuren Rest vernachlässigt.

Erzählen Sie uns, zu welchem Ergebnis Sie nach 60 Jahre Forschung gekommen sind.

Nietzsche rühmte sich, der unabhängigste und unzeitgemäßeste Denker seiner Zeit zu sein. Das stimmt in Bezug auf die Kultur seiner Zeit, zum Beispiel in Bezug auf einen David Friedrich Strauss, den er in der ersten Unzeitgemäßen Betrachtung kritisierte; aber Nietzsche ist viel eher der von seiner Zeit abhängigste und damit aktuellste Denker, der unfreiwillig die europäische Krise in ihren drei Aspekten verkörpert: Krise der Philosophie, der Zivilisation und der Religion.

So sehr er Kind seiner Zeit sein mag, hat er aber wohl in genialer Weise der europäischen Krise, die insgeheim in Europa ausstrahlte, eine Gestalt und damit eine Legitimation und Beschleunigung gegeben…

Wir betreiben viel spirituelle Rhetorik über das Genie, aber es ist nichts anderes als die Fähigkeit des Menschen, sich an veränderte historische Gegebenheiten anzupassen. Nietzsches Interpreten – wie er selbst – haben nicht verstanden, dass er ganz und gar Aktualität ist (und deshalb ist er groß), dass seine ureigenen Themen wie die Reprise des archaischen Griechenlands in den Fußstapfen Hölderlins, eine unbewusste Übertragung der Probleme seiner eigenen Zeit sind, Griechenland daher eher Projektionsfläche, Alibi oder, wie Marx sagen würde, ein Überbau war.

Können Sie uns einen augenfälligen philosophischen Fehlgriff von Nietzsche nennen?

Gewiss die Lehre von der ewigen Wiederkehr des Gleichen! Er glaubte, mit dieser Lehre eine Religion geschaffen zu haben, deren Prophet und Lehrer er selber wäre. Wenn man weiß, dachte er, dass das Leben, das man erlebt, sich für die Ewigkeit wiederholen wird, so lebt man auf eine Weise, wofür man immer zufrieden sein kann. Er nahm an, wie der gemeine Mensch, dass die Welt mit ihm beginne. Er dachte an die Zukunft, aber nicht an die Vergangenheit. Wenn die ewige Wiederkunft ewig ist, so ist unser Leben eine unveränderliche Wiederholung. Statt ein moralischer Ansporn wird dann diese Lehre ein deprimierendes Verhängnis, das im Widerspruch zu seinem gesamten Denken und insbesondere zum Willen zur Macht steht: ein Fehler, der auf ein “verzweifeltes” Bedürfnis zurückzuführen ist: die Erschütterungen und Verletzungen zu heilen, die eine auferlegte und angemaßte unerbittliche religiöse Bestimmung in ihm hervorgerufen hatte, die ihn inspirierte – man denke an den Zarathustra – und sein tiefes, verborgenes Genie ausmachte, das bis heute nicht genügend ernst genommen wird.

Um welche Religion handelt es sich genauer?

Gewiss nicht um die Dionysische. Es geht vielmehr um eine säkulare Religion, die von Giordano Bruno großartig initiiert und vor allem von Spinoza und dann von Feuerbach fortgeführt wurde. Nietzsche ist die Mündung dieses jahrhundertalten Prozesses, indem er das vergängliche, von Ewigkeit und Unendlichkeit durchpulste Leben gegen die vom Christentum gepredigte Unsterblichkeit, das empirische Individuum gegen die Substanz, den Körper gegen die Seele, die Erde, die ein goldenes Herz hat, gegen den Himmel, das Diesseits gegen das phantasmagorische Jenseits stellte.

Aber, Herr Giametta, wenn wir vom Christentum die Erweiterung des irdischen Horizontes wegnähmen, könnten wir dann noch vom religiösen Pathos sprechen?

Darüber können wir lang diskutieren. Obwohl ich Atheist bin, war ich irritiert, als beschlossen wurde, in der Europäischen Charta die christliche Zivilisation nicht zu erwähnen. Es ist doch unbestreitbar, dass das Christentum unsere Kultur geprägt hat, indem es die römische Zivilisation verdrängt hat. Ich gehöre also nicht zu denen, die die Kirche beschuldigen, sich nicht an die Lehre Christi zu halten. Die Kirche hat immer versucht, sich Jesus anzunähern, sie hat immer eine reine Seele gehabt, die in ihr mit anderen, weniger gesunden Seiten koexistiert hat. Übrigens war die weltliche Macht der katholischen Kirche eminent wichtig, um eine neue Zivilisation im Gegensatz zur antiken zu gründen. Selbst wenn wir seit einigen Jahrhunderten Zeuge der Agonie der christlich-europäischen Zivilisation sind, wäre ein Hinweis darauf also angebracht gewesen.

Wie würden Sie die Parabel der christlich-europäischen Zivilisation beschreiben? 

Die Kulturen überdauern ein paar Jahrtausende: Sie haben Jugend, Reife und Alter; im Alter werden sie zu Zivilisationen, wie Spengler sagt. So hat das Christentum seinen Höhepunkt im XIII Jh. erreicht, etwa mit Giotto, Dante, Franziskus von Assisi, die höchste Blütezeit Italiens. Mit der Renaissance beginnt eine Rotation von der Sphäre der Moral (des Charakters) zu der Sphäre der Ästhetik, was eine Form der Dekadenz ist.

Und was bleibt von dieser christlich-europäischen Kultur, weshalb ein Hinweis in der Magna Charta von Europa angebracht gewesen wäre?

Das Christentum hat die Werteskala der griechisch-römischen Zivilisation ersetzt. Früher zählten Werte wie Individuum, Mut, Abenteuer, Vaterland und Boden, Wettbewerb, Krieg, Eroberung, Rache. Mit dem Christentum traten “demokratische“ Werte in die Welt: Gleichheit, Würde und Heiligkeit der Person, Solidarität, Frieden, Vergebung, Nächstenliebe auch gegenüber dem Feind, Universalismus. Dann wurde das Mittelalter von der Moderne überwunden, indem das Heilige Römische Reich durch unabhängige europäische Nationen und die Religion durch den Säkularismus, Gott durch die Natur und die Theologie durch die Philosophie ersetzt wurden. Aber die christlichen Werte sind in der Moderne als politische Werte aufgenommen worden, also: Heidentum, These; Christentum (Mittelalter), Antithese; Moderne, Synthese.

Eine sehr fragile Synthese, wenn vom „Untergang des Abendlandes“ weitgehend die Rede ist.

Der Untergang des Abendlandes ist mit zwei entsetzlichen Weltkriegen ans Ende gekommen. Eine Zivilisation wird geboren und stirbt ja nicht friedlich, sondern wehrt sich mit einem letzten Hakenschlag, bevor sie stirbt. Das waren Faschismus und Nazismus: objektiv ein gewaltsamer Versuch, den Weltprimat Europas wiederherzustellen. Dennoch, irgendwann erledigen sich, nach Nietzsche, die großen Dinge des Lebens, nachdem sie ihre Erfüllung erreicht haben. Es ist übrigens das Gesetz des menschlichen Herzens und des Weltalls: Diastole (die Europäer strahlen in die Welt aus) und Systole (die Welt läuft nach Europa zusammen).

Die Ersetzung Gottes durch die Natur ist ja das Hauptthema ihrer Philosophie. Bleibt also für Sie das Christentum trotz seiner kulturellen Größe nur einen Schatz der Vergangenheit?

Das Christentum ist die Verinnerlichung des Menschen. Durch diese Verinnerlichung hat Augustinus das Sein des Parmenides in die Innerlichkeit des Menschen transponiert: redi in te ipsum, in interiore homine habitat veritas. Deshalb ist er der Parmenides und nicht der Platon des Christentums, wie man sagt. In die Innerlichkeit sucht der Mensch die Wahrheit und Gott, in immer intimeren und tieferen Schichten. Dies war das Hauptverdienste von Augustinus und des Christentums. Davon aber auch die Hauptkritik beider. Der Mensch kann nicht nach der Innerlichkeit leben. Alle Lebenden leben nach außen und jedes gesunde Leben ist ein expressives Leben nach außen. Deshalb, glaube man es oder nicht, das Nach-innen-Leben dient eigentlich immer nur dem Nach-außen-Leben, wie die Transzendenz immer nur der Immanenz dient.

Ich würde differenzieren: zur Dialektik der Natur gehört eine Art geistiger Peristaltik von „nach außen“-„nach innen“; das gilt auch für Augustinus und Thomas von Aquin.

Ja gut, das hat aber für mich nichts mit Gott zu tun. Die Innerlichkeit als Abwendung von der Welt, von der Lust, von der Freude und Expressivität war und ist die Sünde des faktischen Christentums.

Zweifellos. Seine Verheißung ist aber der heilvolle Rhythmus von Innerlichkeit und Expressivität, Geben und Nehmen, Zu-Hause-Sein und Offen-zum-Anderen-Sein, Vermenschlichung und Vergöttlichung. Der Mensch strebt nach dieser Einheit der Gegensätze. Und genau diese Spannung zwischen einem Gott in uns und einem Gott jenseits von uns ist von enormer kultureller Fruchtbarkeit gewesen.

Ich gebe zu, dass so etwas einmal fruchtbar war. Man könnte aber im Blick auf heute spaßeshalber behaupten, dass die Religion sich auf ein wohlgefälliges Selfie reduziert, das helfen könnte wie alle Illusionen, wenn es sich nicht um ein verwegenes Kolonisierungswerk, nämlich die Verwandlung der Natur in humane Kultur des Menschen handelte, den gigantischen Bau eines stets wachsenden Brückenkopfes in der Wildnis, mit dem der Mensch versucht, der chaotischen und zerstörerischen Welle des Weltalls zu widerstehen. Aber wer zerstört hier wen, steht gegen wen? Ist nicht die Natur stärker, das Integral? Und kommt die Macht des Menschen nicht daher, dass er selbst Natur und diese selbst der Gott ist, der sich in allem ausdrückt (‚Deus sive natura‘ bei Spinoza), am Ende also das Rätselwort Goethes gilt: nemo contra deum nisi deus ipse.

Sossio Giametta (geb. 1929) lebt seit 1965 in Brüssel, wo er als Übersetzer im europäischen Ministerrat arbeitete. Bei Mursia (Mailand) erschien seine Trilogie: Il bue squartato e altri macelli, 2012; L’oro prezioso dell’essere, 2013; Cortocircuiti 2014. Außerdem Grandi problemi risolti in piccoli spazi, Bompiani, Milano 2017.

Gianluca De Candia (geb. 1983) ist Professor für Philosophie und Dialog mit der Gegenwartskultur an der Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT) und Vermittler zwischen italienischer und deutscher Philosophie. Er hat die erste deutschsprachige Monographie über Massimo Cacciari (Karl Alber 2019) sowie die erste Übersetzung einiger Schriften von Luigi Pareyson veröffentlicht (Aschendorf 2021, vgl. https://www.aschendorff-buchverlag.de/detailview?no=21815). 2022 wird bei Felix Meiner seine Übersetzung von Pareysons Wahrheit und Interpretation erscheinen.

Bild: Tim Reckmann – pixelio.de

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