Wenn die Steppe jubelt und blüht – Pflanzen der Bibel verstehen

Seit nunmehr acht Jahren existiert das Projekt „Pflanzen der Bibel“ am Institut für Katholische Theologie der TU Dresden und in Kooperation mit Schloss & Park Pillnitz. Maria Häusl und fr. Victor Lossau OSB berichten über ein Erfolgsprojekt.

Pflanzen besitzen mitunter eine reiche Symbolik und Metaphorik, dies ist heute nicht anders als vor mehreren tausend Jahren. Doch zugleich ist die Metaphorik von Kultur zu Kultur verschieden oder hat sich über die Jahrhunderte verändert. Als Vegetation sind Pflanzen das Kleid der Erde, typisch für jede Region und Klimazone. Pflanzen und ihre Bedeutung im Alltag zeigen beispielhaft den Lebensraum der Menschen, und die Metaphorik der Pflanzen wird zum Fenster auf die jeweilige Kultur. Die Sprache der Liebe, der Begegnung mit dem Göttlichen oder auch der Bewältigung zentraler Lebenssituationen und -krisen bedient sich einer reichen pflanzlichen Metaphorik, die sich auch in Artefakten und Bildern niederschlägt.

Pflanzen – Kleider der Erde.

Das Projekt „Pflanzen der Bibel“ lenkt den Blick auf die Vegetation des östlichen Mittelmeerraumes, der der mediterranen Klimazone angehört, aber auch semiaride und Wüstenregionen umfasst. Die Verwendung und Nutzung der Pflanzen erschließt den antiken vorderorientalischen Lebensraum der Menschen. Schließlich führt das Projekt anhand der reichhaltigen Symbolik zentrale Momente des Welt-, Menschen- und Gottesverständnisses vor Augen, wie wir sie in den biblischen Texten finden. Vermittelt über die biblischen Texte wirken die Pflanzenmetaphern bis heute auch in Mitteleuropa, innerhalb und außerhalb des jüdisch-christlichen bzw. kirchlich-religiösen Raumes.

Die Verwendung und Nutzung der Pflanzen erschließt den antiken vorderorientalischen Lebensraum der Menschen.

Manche Symbolik erschließt sich sofort, wie die Wiese mit Frühlingsblumen, die schon in der beginnenden Sommerhitze welken, ein Bild für die Hinfälligkeit des Menschen (vgl. Ps 103,15f), die dornig-schmerzhaften Disteln, die mit Wildnis und Mühsal assoziiert werden (Gen 3,17f), oder das Harz des Weihrauchbaumes, das an ferne Länder und feierliche Gottesdienste denken lässt (Jes 60,6; Ex 30,34-36).

Die wehrhafte Mariendistel (Silybum marianum) an einem Feldrand in Israel.

Manche Symbolik blieb über die Jahrhunderte unverändert. So steht Getreide und das daraus gebackene Brot für Nahrung schlechthin (Ps 104,15). Manche Symbolik scheint vertraut, hat sich aber grundlegend verändert. Viele Menschen kennen beispielsweise den Brauch, die Hochzeitstafel mit Myrtenzweigen zu schmücken. Diese Gepflogenheit wurzelt in der griechisch-römischen Antike, wo die Myrte die heilige Pflanze der Aphrodite/Venus war. In der Renaissance wurde die Myrte schließlich deswegen, und weil sie ein immergrüner Baum ist, mit Treue und ewiger Liebe in Verbindung gebracht und in Allegorien der Ehe wiedergegeben. Im Alten Testament symbolisiert die Myrte eher die Schönheit des Landes (Jes 55,13). Und manche Symbolik erschließt sich nicht, ist fremd und bedarf der Erläuterung. Wenn der Prophet Jeremia in einer Vision einen Mandelzweig sieht und dies mit dem Handeln JHWHs in Verbindung bringt, liegt diesem ein hebräisches Wortspiel von šaqed (Mandel) und šaqad (wachen) zugrunde. JHWH wacht über sein Wort und führt es aus (vgl. Jer 1,11f).

Bild der Menora – Die Menora, seit der Antike ein Symbol für den jüdischen Glauben, stellt nach Ex 25,33-35 einen stilisierten Mandelbaum dar. Menora auf dem „Stein von Magdala“, 1. Jh. n. Chr.

Ein Schlüssel zum Verstehen ist auch für die Pflanzenmetaphorik im Hohelied notwendig. Dem modernen Menschen, der eher in Formen und Proportionen „denkt“, muten die bildlichen Vergleiche im besten Fall befremdlich an, erschließen sich aber, wenn man beachtet, dass es bei diesen Bildern eher um eine erzielte Wirkung geht. Wenn die Geliebte beispielsweise mit einer schlanken Palme mit üppigen Datteltrauben verglichen wird (Hld 7,7), spielen Aspekte von Lebenskraft und Sättigung eine Rolle.

Und manche Symbolik erschließt sich nicht, ist fremd und bedarf der Erläuterung.

Die heute noch allseits bekannte Linse (Lens culinaris Medik.) gehört zu den ältesten vom Menschen angebauten Pflanzen. Sie dürfte so alt sein wie der Ackerbau selbst. Ihre Anpflanzung begann wahrscheinlich im Nahen Osten. Bei Ausgrabungen im heutigen Irak wurden verkohlte Linsensamen aus dem 7. Jahrtausend v. Chr. gefunden. In Israel reichen die ältesten Funde in die Zeit von 3000 bis 2500 v. Chr. zurück. Auch im Alten Testament wird der Anbau von Linsen auf einem Feld erwähnt (2Sam 23,11). Die Linse gehört neben dem Getreide zu den Grundnahrungsmitteln in biblischer Zeit. Aus den nahrhaften Samen wurde Brei oder Suppe gekocht. Gemahlen und vermischt mit Getreidemehl wurden Linsen in Brot verbacken (vgl. Ez 4,9). In der Bibel ist von Linsen zum ersten Mal in der Geschichte der Brüder Jakob und Esau die Rede. Als Erstgeborenem steht Esau das Erstgeburtsrecht zu: der besondere Segen des Vaters als Weitergabe der Lebenskraft für das zukünftige Wohl der Familie (Gen 27) und der doppelte Anteil am väterlichen Erbe (Dtn 21,17). So ausgestattet könnte er die Verantwortung für die Großfamilie übernehmen und ihm käme ein Ehrenplatz zu (vgl. Gen 43,33). Esau schätzte aber die verantwortungsvolle Stellung des Erstgeborenen so gering, dass er sie für ein Linsengericht an Jakob abgab: „Einst kochte Jakob ein Gericht. Da kam Esau vom Feld; er war erschöpft. Esau sagte zu Jakob: Lass mich doch schnell essen von dem Roten, von dem Roten da, denn ich bin erschöpft! Deshalb gab man ihm den Namen Edom, Roter. Jakob aber sagte: Verkauf mir zuvor dein Erstgeburtsrecht! Esau sagte: Siehe, ich sterbe vor Hunger. Was soll mir da das Erstgeburtsrecht? Jakob aber sagte: Schwöre mir zuvor! Da schwor er ihm und verkaufte sein Erstgeburtsrecht an Jakob. Darauf gab Jakob dem Esau Brot und das Linsengericht; er aß und trank, stand auf und ging seines Weges. Vom Erstgeburtsrecht aber hielt Esau nichts.“ (Gen 25,29–34). Metaphorisch bezeichnet das bescheidene Linsengericht zwar eine momentan nötige, in Wahrheit aber geringwertige Gabe im Tausch für ein sehr viel höherwertiges Gut.

Das Linsengericht wird zur Metapher.

In einem Midrasch stellt Jakob Esau vor die Wahl: „Mein Bruder, zwei Welten sind vor uns; diese Welt und die kommende Welt. Diese Welt: in ihr gibt es Essen und Trinken, und Last und Gabe, um eine Frau zu heiraten und um Söhne und Töchter zu zeugen. Aber die kommende Welt: in ihr gibt es nicht all diese Maßgaben. Gefällt es dir, nimm du diese Welt und ich selbst nehme die kommende Welt.“ (Jalq Schim Ber 25,111). Das Linsengericht wird so zur Metapher des kleinen, mühseligen, aber sicheren Jetzt im Gegensatz zur großen, noch nicht näher festgelegten Zukunft. Andere jüdische Kommentare geben der Linsenspeise in der Jakob-Esau-Erzählung aber eine andere Bedeutung und sehen in ihr ein Zeichen der Trauer. Jakob kocht ein Linsengericht als Trauermahlzeit wegen seines kurz zuvor verstorbenen Großvaters Abraham (vgl. bBB 16b; GenR 36). Noch heute gehören im Judentum Linsen zu den traditionellen Gerichten der Schiwa, der siebentägigen Trauerzeit nach der Beerdigung, „weil sie rund sind, und die Trauer von der einen Person zur nächsten rollt. Und ferner: Wie Linsen keine Öffnung haben, so sollte jemand, der trauert, nicht über unnötige Dinge sprechen“ (Schlomo Jizchaki, genannt Raschi, 1040–1105). Die Kleinheit und Ungeformtheit der nur 3–6 mm großen Linsensamen ist zudem in einem weiteren Midrasch Bild für den Embryo im Mutterleib: „… die zwei Arme sind wie Seidenfäden, sein Mund wie ein Gerstenkorn, sein Leib ist wie eine Linse, die anderen Glieder sind zusammengepresst wie formlose Materie, und so wird es in Psalm 139,16 beschrieben“ (LevR 14). Winzig und ungestaltet beginnt für jeden Menschen das Dasein, aber nie ohne dass Gott darum weiß und sich kümmert.

Pflanzen der Bibel – ein Projekt des Instituts für Katholische Theologie der TU Dresden.

Die vielschichten Momente, die Pflanzen in sich vereinen, ihr Lebenszyklus, die notwendigen klimatischen Gegebenheiten, ihre Bedeutung für den Menschen und ihre deutende Rezeption in der Kulturgeschichte, greift das Projekt „Pflanzen der Bibel“ auf und bietet der Öffentlichkeit spannende Zugänge sowohl zum antiken vorderen Orient wie auch zu biblischen Texten, zu biblisch-theologischen Aussagen und zu jüdisch-christlichen Glaubensüberzeugungen und -praktiken. Da den Besucher*innen und Projektmitarbeiter*innen das Interesse an und die Liebe zu Pflanzen und schönen Gärten gemeinsam ist, spielen Befürchtungen und Ressentiments, wie es sie v.a. in areligiösen Kontexten gegenüber der Theologie geben mag, keine Rolle. Das Projekt lädt alle ein, Interessantes über die biblische, aber auch antike oder neuzeitliche Bedeutung der Pflanzen im Leben der Menschen zu erfahren und so Neues über die eigene und über fremde Kulturen zu lernen. Und manchmal sind Besucher*innen auch einfach neugierig darauf, die Pflanzen, die sie vielleicht aus der Bibel oder woanders her kennen, einmal in natura zu sehen. So ruft der Anblick einer Linsenpflanze öfter Erstaunen hervor, weil man sich darunter keine so zart-filigrane Kletterpflanze vorgestellt hat.

Befürchtungen und Ressentiments, wie es sie v.a. in areligiösen Kontexten gegenüber der Theologie geben mag, spielen hier keine Rolle.

Vor allem diese Momente machen das Projekt so besonders und erfolgreich. Im Schlosspark Pillnitz kann über die Sommermonate eine Auswahl von ca. 15–20 „biblischer Pflanzen“ besichtigt werden. Zu den ausgestellten Pflanzen werden zielgruppenorientierte Führungen angeboten, ein Angebot, das sowohl von Kindergärten, Schulklassen, Erwachsenengruppen und im Kontext der langen Nacht der Wissenschaft der TU Dresden gerne wahrgenommen wird. Dieser Teil des Projektes wurde über die vielen Jahre v.a. von Studierenden der Theologie getragen, die die Führungen mit Quizfragen, Mitmachaktionen und Verkostung von Speisen für die verschiedenen Alters- und Besucher*innengruppen aufbereitet haben. Ein großer gemeinsamer Erfolg ist außerdem das im letzten Jahr erschienene Begleitbuch.[1]


[1] M. Häusl, Vom Garten Eden bis zu Salomos Weinbergen, Pflanzen der Bibel, Stuttgart 2018.

Kontakt, Führungstermine und weitere Infos zum Projekt: https://tu-dresden.de/gsw/phil/ikt/biblisch/forschung/bibelpflanzen


Autorin: Prof. Dr. Maria Häusl ist Professorin für Biblische Theologie am Institut für Katholische Theologie der Technischen Universität Dresden. Sie leitet das Projekt „Pflanzen der Bibel“.

Autor: fr. Victor Lossau OSB M.A. ist Mitarbeiter an der Professur für Biblische Theologie am Institut für Katholische Theologie der Technischen Universität Dresden.

Bild: Foto einer Myrte – Ein Zweig der immergrünen, aromatisch duftenden Myrte symbolisiert nach rabbinischer Tradition den einfachen gläubigen Menschen, der ohne hohe Gelehrsamkeit die Tora befolgt.
Fotograph aller Fotos: fr. Victor Lossau OSB M.A.


Weiterhin von Maria Häusl bei feinschwarz.net erschienen: https://www.feinschwarz.net/mehr-professorinnen-in-der-katholischen-theologie-nur-ein-intermezzo/

 

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