„Die Prioritäten waren relativ klar: Frauen und Frieden“

Frauen und Frieden Marga Bührig (rechts) mit einer der Frauen für den Frieden

Das Friedensengagement der feministischen Theologin Marga Bührig ist gerade heute aktuell. Dolores Zoé Bertschinger stellt es vor.

1983 schrieb Petra Karin Kelly, Politikerin der Grünen und Friedenaktivistin: „Den Totentanz der Rüstungslobbies, der etablierten Politiker, der alten Herren im Weißen Haus und im Kreml machen wir nicht mit. Und darum werden wir zurückkehren zu unseren Schwestern aus vergangenen Jahren, zu Bertha von Suttner, Rosa Luxemburg, Käthe Kollwitz, Alexandra Kollontai, weil sie uns Orientierungshilfe geben können gegen Militarismus und Arroganz der Macht.“[1] Als sie dies schrieb, war Kelly (1947–1992) 34 Jahre alt.
Heute, 2022, bin ich 34 Jahre alt. Und angesichts des Krieges in der Ukraine und der verschärften atomaren Bedrohungslage kehre auch ich zu den Schwestern aus vergangenen Jahren zurück. Zur feministischen Theologin Marga Bührig (1915–2002) zum Beispiel, die in ihrer zweiten Lebenshälfte das Theologin-, Pazifistin- und Feministinwerden aufs engste verknüpfte.

Der Grundstein dafür, Ökumene, Feminismus und Frieden zusammenzudenken.

1965 war Bührig fünfzig, seit vielen Jahren aktiv in der ökumenischen Bewegung und auf dem Weg zum Feminismus, wie sie selber schreibt.[2] Als Vertreterin des ÖRK wurde sie Teil einer Gruppe von katholischen und reformierten Frauen, die sich anlässlich des 2. Vatikanischen Konzils in Vicarello zu einem ernsthaften Austausch über die Themen und Ziele des Konzils trafen. „Die gemeinsame Frauenerfahrung war schon damals stärker als alles, was uns trennte“, schreibt Bührig über dieses Treffen. 1968 wurde diese Gruppe als „Women’s Ecumenical Liaison Group“ (WELG) institutionalisiert, Bührig war eine der beiden Ko-Präsidentinnen. Rückblickend bezeichnet sie die WELG als „‚mein‘ Kind“. Sie bestand zwar auf Mandatsbasis nur vier Jahre, doch in dieser Zeit machte Bührig entscheidende Entdeckungen zur Verschiedenheit der Frauen, zu den Impulsen junger, radikalerer Feministinnen und zur Bedeutung schwarzer Frauen in der Kirche. Auch organisierte die WELG Tagungen zum „Bild der Frauen in den Massenmedien“ und zur „Rolle von Frauen in der Friedenserziehung“. Das war 1971. Bührig selbst macht in ihrer Autobiographie die Verbindung zu ihrem späteren Friedensengagement nicht, aber den Grundstein dafür, Ökumene, Feminismus und Frieden zusammenzudenken, legte sie wohl in eben dieser Zeit bei der WELG.

Friedensengagement und Frauenbewegung

1977, Bührig war mittlerweile Leiterin des Evangelischen Tagungszentrums Boldern, machte sie die Bekanntschaft mit Aline Boccardo-Zolondek. Boccardo hatte sich nach einer langen, traumatischen Flucht aus Polen in der Schweiz niedergelassen und war friedenspolitisch aktiv geworden.[3] In Genf gründete sie, inspiriert von den women for peace in Nordirland, eine Gruppe namens Frauen für den Frieden.[4] In Israel hatte sie Steine gefunden, deren Form sie an die Überreste von Lebewesen nach der Atomkatastrophe in Hiroshima und Nagasaki erinnerten; dazu hörte sie das Wort Jesu „Wenn die Menschen schweigen, werden die Steine schreien.“ (Lk 19,40) Mit den Fotografien dieser Steine sowie Texten namhafter Schweizer Autor:innen zu den Folgen eines Atomangriffs plante Boccardo eine Ausstellung. Der kirchliche Raum dazu in Zürich wurde ihr jedoch kurz vor Ausstellungsbeginn entzogen. Auf Anraten von Freundinnen wandte sie sich an Bührig. Eine Unterstützungsgruppe und damit der Kern der Frauen für den Frieden Zürich bildete sich: neben Bührig waren dies Beate Seefeld, Monika Stocker, Rosmarie Schmid und Ursula Guyer. Im November 1977 konnte die Ausstellung dann doch noch im Le Corbusier Haus im Zürcher Seefeld stattfinden.[5] Von nun an waren Bührigs Friedensengagement und ihre Suche in und nach der Frauenbewegung eng verwoben.

Ein weiterer Schritt der Politisierung und Radikalisierung

Ebenfalls 1977 war Marga Bührig zusammen mit ihren Freundinnen Else Kähler und Elsi Arnold zu ihrer ersten USA-Reise aufgebrochen. In Berkeley freundeten sie sich mit feministischen Theologinnen an und kehrten darum zwei Mal dahin zurück. Jeden dieser Besuche beschreibt Bührig als einen weiteren Schritt der Politisierung und Radikalisierung. So organisierte sie beispielsweise nach der ersten USA-Reise 1978 auf Boldern eine Tagung zum Thema „Frauenbewegung – Friedensbewegung – gemeinsame Anliegen, neue Wege und Ziele“. Die öffentliche Solidarisierung mit der Friedensbewegung und die Ausrichtung der Tagung auf Frauen führten zu heftigen Angriffen auf Bührigs Person. In diesem Zusammenhang beschreibt Bührig ihre dritte Berkeley-Reise direkt im Anschluss an ihre Pensionierung 1981 als turning point. Damals sei ihr bewusst geworden, dass sie nicht mehr auf das Tagungszentrum, die Kirche oder ihr öffentliches Ansehen Rücksicht nehmen musste. Konsequenterweise intensivierte sie danach ökumenisches, feministisches und friedenspolitisches Engagement. Ihr Weg in die Frauenbewegung sei eine „Bekehrung“ gewesen, so Bührig. Und: „Bekehrungen müssen Folgen haben. Sonst sind sie nicht echt.“ Die Folge ihrer Bekehrung zum Feminismus war eindeutig ihr Engagement für Abrüstung und Frieden: „Die Prioritäten waren relativ klar: Frauen und Frieden.“

„Frauen für den Frieden“ (FfF)

Im Zeitraum ihrer USA-Reisen war 1979 Bührigs friedenspolitisches Schlüsseljahr. Am 31. Januar 1979 gründeten 30 Frauen offiziell die Frauen für den Frieden Zürich, und zwar bei einer Sitzung im sogenannten Boldernhaus, dem städtischen Ableger des Tagungszentrums Boldern.[6] Seit Boccardos Impuls 1977 hatten sich schweizweit in kürzester Zeit zahlreiche Gruppen und Ableger der Frauen für den Frieden gebildet, die regional und je nach Zusammensetzung eine andere Ausrichtung hatten. Die Zürcher Gruppe, so erzählt Agnes Hohl, langjährige Friedensfrau und aktuelle Präsidentin der Frauen für den Frieden Schweiz, war geprägt von Boccardos Migrationsgeschichte, Bührigs feministisch-theologischem Engagement und Rosmarie Schmids Zugang von der Kunst her. Boccardo und auch Monika Stocker, eine FfF der ersten Stunde, seien beides ökumenisch bewegte Katholikinnen gewesen. So erhielt Bührigs ökumenische Haltung in dieser Gruppe nochmals schärfere, nämlich radikal friedenspolitische Konturen. Und sie machte mit den FfF ganz neue Erfahrungen im Umgang mit Macht und Autorität. Bei den FfF habe sie „herrschaftsfreie Formen“ kennengelernt, in denen es möglich gewesen sei, „daß Rollen wechselten. Natürliche Autorität und persönliche Kompetenz wurden selbstverständlich anerkannt, aber nicht institutionalisiert. Es gab auch die Möglichkeit, sich hier zu engagieren und dort zurückzunehmen, es war möglich, müde und schwach zu sein und das auch zu sagen und dabei sicher zu sein, daß andere, vielleicht auf ganz andere Art, in entstehende Lücken traten. So habe ich mir immer christliche Gemeinde vorgestellt.“

Protest gegen die Seethaler Wehrschau

Ebenfalls 1979 wehrten sich die FfF aktiv gegen die Seethaler Wehrschau, die in Zürich stattfinden sollte. Oberstdivsionär Seethaler hatte sich zu seinem Ausscheiden aus der Armee gewünscht, dass seine Panzerdivision zwei Tage mitten durch Zürich defilieren sollte. Die FfF protestierte in einem öffentlichen Brief gegen die Veranstaltung und plante Gegenaktionen. So erklärten sie den Paradeplatz für die zwei Tage der Wehrschau zur entmilitarisierten Zone.[7] Monika Stocker erinnert sich: „Wir Frauen für den Frieden standen da mit einem Transparent, auf dem stand: ‚Auch unsere Waffen töten!‘ Mein Gott, sind wir zusammengeschissen worden von den aufgeheizten Männern, die die Flugschau und die Bomben in den See und das alles genossen hatten… Also, es war für uns fast ein urwüchsiges Erlebnis, so dazustehen und zu merken, wie man sofort abgeurteilt wird, wenn man für den Frieden antritt.“ Für Bührig selbst waren die Reaktionen bei dieser Aktion erschütternd: „Es war das erste Mal in meinem Leben – auch reichlich spät –, daß ich mich an so einer Demonstration beteiligte, und die Verachtung der Mehrheit zu spüren, immer wieder das Angebot von Bahnbilletts ‚Moskau einfach‘ entgegenzunehmen, war ein Schock.“

„Kirchliche Arbeitsgemeinschaft für alternative Sicherheit“ (KAGAS)

Nach dem Schock der Wehrschau bot die „Kirchliche Arbeitsgemeinschaft für alternative Sicherheit“ (KAGAS), die sich 1979 gebildet hatte, Bührig eine Möglichkeit, ihr friedenspolitisches Engagement „wirklich zu durchdenken“. Während ihres dritten Aufenthalts in Berkeley spaltete sich die KAGAS: Die Frauen hatten entschieden, auszutreten und selbst herauszufinden, was ihre Ängste vor Bedrohungen und ihre Vorstellungen von Sicherheit und Frieden waren. Diese Frauengruppe gab 1982 die Arbeitsmappe „So kann es nicht weitergehen. Nachdenken über Unfrieden – Mutmachen zum Aufbruch“ heraus, ein wichtiger Impuls für die gesamtschweizerische Friedensbewegung. Hier begründeten Frauen ihre Vorstellungen und Praktiken des Friedensaktivismus während des Kalten Krieges mit einer dezidiert feministischen Haltung. So sagt auch Bührig selbst: Egal ob FfF oder KAGAS, ihre „starke Motivation war der in Berkeley entdeckte oder erst lebendig gewordene bewußte Feminismus.“

Auf Vorbilder wie Bührig zurückzukommen, ist bestärkend.

Marga Bührigs Lebensgeschichte ist eine Inspiration, weil sie zeigt, welche Kraft entsteht, wenn vermeintlich getrennte Denk-, Lebens- und Gesellschaftsbereiche zusammenwirken können. In einer ökumenischen Gruppe erkundete sie erstmals die Beziehung von Feminismus und Pazifismus. In einer friedenspolitisch motivierten Frauengruppe lernte sie Gemeinschaftsformen kennen, die ihre Vorstellungen christlicher Gemeinschaft inspirierten. Und die pazifistische Herrschaftskritik bestätigte sie in ihrer feministischen Patriarchats- und Kirchenkritik. Auf Vorbilder wie Bührig zurückzukommen, ist bestärkend: Die Frauen- und Friedensgeschichte gibt zahllose Anknüpfungspunkte, Ideen und Methoden, die Verbindung von Feminismus, Pazifismus und Religion weiter voranzutreiben und gerade angesichts von Militarisierung und Aufrüstung nicht nachzugeben.

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Dolores Zoé Bertschinger, MA, ist Promotionsstipendiatin der Rosa Luxemburg Stiftung und promoviert in der Religionswissenschaft an der LMU München über Buddhismus und Visualität. Sie lebt in Zürich und hat 2020 zusammen mit Evelyne Zinsstag das Buch „Aufbruch ist eines, und Weitergehen ist etwas anderes“ über Marga Bührig und die Schweizer Frauenbewegung geschrieben.

Bild: Fotoarchiv Lini Culetto, Frauen für den Frieden Schweiz


[1] Kelly, Petra Karin: Frauen-Friedenspolitik angesichts der drohenden Weltvernichtung, in: Pusch, Luise, F. (Hg.): Feminismus. Inspektionen der Herrenkultur. Ein Handbuch, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1983, 507–523; hier 523.
[2] Alle Angaben zu Bührigs Leben sowie ihre Zitate sind der Autobiographie entnommen; Bührig, Marga: Spät habe ich gelernt, gerne Frau zu sein, Stuttgart: Kreuz 1987.
[3] Zu ihrer Lebensgeschichte s. Boccardo, Aline: Frauen für den Frieden. Ein Lebensbericht, Freiburg: Paulusverlag 2003.
[4] Für die Geschichte der Frauen für den Frieden s. Brunner, Ursula/Culetto, Lini/Habicht, Helg/Hohl, Agnes/Müller-Berger, Helen/Müller vonder Mühll, Johanna/Stoll-Baur, Marie-Louise: Friedfertig und widerständig. Frauen für den Frieden Schweiz, Frauenfeld: Huber 2006. Die Gründung der FfF ist im Zusammenhang mit dem Kalten Krieg und Boccardos Fokus auf atomare Abrüstung zu verstehen; dies etwa im Gegensatz zur WILPF (oder IFFF: Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit), die in der Schweiz stets starke Gruppen hatte, aber seit ihrer Gründung 1915 eine thematisch breitere Ausrichtung.
[5] Initiantin, Finanzgeberin und Bauherrin des in den 1960er-Jahren entstandene Pavillon Le Corbusier war die Innenarchitektin, Kunstsammlerin, Galeristin und Mäzenin Heidi Weber. Die Verbindung zwischen Bührig und Weber müsste genauer untersucht werden.
[6] Das Boldernhaus an bester Lage in der Stadt Zürich war aus einem Studentinnenhaus entstanden, das Bührig 1945 gegründet und viele Jahrzehnte mit Else Kähler geleitet hat. Als sie beide ans Tagungszentrum Boldern wechselten, wurde aus dem Studentinnenhaus das Boldernhaus.
[7] Der Zürcher Paradeplatz ist das finanzielle Zentrum der Stadt; hier haben noch heute alle wichtigen Banken ihren Hauptsitz und Schweizer Goldreserven sind hier eingelagert. Entsprechend war und ist dieser Platz Ort zahlreicher politischer Aktionen, jüngst etwa der Klimabewegung Fridays for Future.

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