Rolf Zerfaß – ein pastoraltheologischer Lebemeister. Ein dankbarer Nachruf

Rolf Zerfaß, jahrzehntelag einer der prägenden Pastoraltheologen, ist verstorben. Auch im Bücherregal vieler Feinschwarz-Leser:innen dürften seine Bücher zu finden sein. Ottmar Fuchs und Christian Bauer erinnern an einen Großen der Theologie.

Rolf Zerfaß war einer der „bedeutsamsten Pastoraltheologen der Nachkonzilszeit“ (Maria Widl). Nicht nur katholische und evangelische Pastoraltheologie und Homiletik, sondern Theologie und Kirche insgesamt verdanken ihm unschätzbar viel. Mehr als vierzig Jahre hat er ihre Diskurse nicht nur mit seinen kreativen und innovativen Eingaben bereichert, sondern auch entscheidende Weichenstellungen angestoßen: Predigtpraxis, Handlungstheorie, Gemeindepastoral, Caritastheologie, Organisationsentwicklung und Exilsspiritualität – all das stand bei ihm stets unter dem Vorzeichen befreiender Subjektwerdung im Horizont der Gottesherrschaft. Kaum ein Schriftzitat findet sich bei ihm so häufig wie jenes der „wunderbaren Freiheit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21), die für ihn die Pointe von allem war. Wer selbst aus solcher Freiheit lebt, kann auch anderen ihre Freiheit lassen.

Im Folgenden erinnern zwei seiner Schüler:innen an ihn: Ottmar Fuchs als sein erster promovierter Doktorand und Christian Bauer als sein letzter graduierter Diplomand. Für Rolf Zerfaß haben sie bereits anlässlich seines 75. Geburtstag eine ausgewählte Textsammlung mit dem Titel „Ein paar Kieselsteine reichen“ herausgegeben. Nun hoffen sie, seine zutiefst menschenfreundliche Theologie demnächst unter dem Titel Zuerst das Reich Gottes. Umrisse einer neuen pastoralen Kultur für eine neue Generation von Theolog:innen zugänglich machen zu können:

1. Rolf Zerfaß – ein inspirierender theologischer Lehrer

Die äußeren Daten seines Lebensweges sind schnell erzählt[1]. 1934 wurde Rolf Zerfaß in Simmern im Hunsrück geboren. Abitur machte er in Würzburg (am selben Gymnasium wie der jüngere Autor dieses Nachrufs). Theologie studierte er in seinem Heimatbistum Trier, wo er auch zum Priester geweiht wurde, und in Innsbruck (unter anderem bei Karl Rahner). 1963 wurde er dort von Josef Andreas Jungmann promoviert, 1972 habilitierte er sich bei Adolf Exeler in Münster. Von 1972 bis 1999 war er dann Professor für Pastoraltheologie und Homiletik in Würzburg. Das Thema seiner Antrittsvorlesung lautete Herrschaftsfreie Kommunikation, das seiner Abschiedsvorlesung Das Volk Gottes auf dem Weg in die Minderheit.

Mit Karl Lehmann während der Würzburger Synode

Seine Theologie fand immer wieder Formulierungen, die nicht nur im Kopf bleiben, sondern auch zu Herzen gehen. Ihre kraftvolle und zugleich sensible Sprache wirkt noch immer frisch und unverbraucht, ist auch nach Jahrzehnten noch nicht abgestanden. Vielleicht liegt das an der hintersinnigen Leichtigkeit des unnachahmlichen Rolf-Zerfaß-Sounds, dessen versteckter Schalk so manches Mal zwischen den Zeilen hervorblitzt.

Mit seinen Vorlesungen und Seminaren lockte er Scharen von Studierenden zum Freijahr nach Würzburg. Um einen Platz in seinen legendären Predigtkursen zu ergattern, übernachtete man sogar in Schlafsäcken vor dem Lehrstuhl. Rolf Zerfaß war Vorsitzender der beiden Arbeitsgemeinschaften für Pastoraltheologie und Homiletik. Er verfasste die pastoraltheologischen Schlüsselartikel im neuen LThK – und sein 1974 entwickelter „Handlungstheoretischer Regelkreis“ dürfte wohl in kaum einer pastoraltheologischen Einführungsvorlesung fehlen:Seine Bücher Menschliche Seelsorge (1985), Grundkurs Predigt (1987/1992) und Lebensnerv Caritas (1992) waren pastoraltheologische Besteller, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden und noch immer in den Buchregalen zahlreicher pastoraler Akteur:innen stehen. Seine Schüler:innen, zu denen unter anderem auch Paul Zulehner und Maria Widl zählen, widmeten ihm drei Festschriften: zu seinem 50. Geburtstag („Theologie und Handeln“), zu seinem 60. Geburtstag („Was die Pastoral bewegt“) und zu seinem 65. Geburtstag („Ein Haus der Hoffnung“). Nach seiner Emeritierung erhielt Rolf Zerfaß zwei renommierte Preise, die mit seinen beiden Schwerpunkten Predigt und Caritas zusammenhängen: den Johann Hinrich Wichern-Preis der evangelischen Diakonie (2001) und den deutschen Predigtpreis für sein homiletisches Lebenswerk (2007).

Existenzielle Fragen

Allen akademischen Ehren zum Trotz, gilt auch für seinen persönlichen Weg das Eingangszitat der Menschlichen Seelsorge: „Ein Lebemeister ist mehr wert als tausend Lesemeister“ (Meister Eckhart). Rolf hat das Leben immer sehr geliebt. Darum hat er auch niemals nur „theologische Binnenschifffahrt“ betrieben, sondern zum Beispiel auch die „Würzburger Brücke e. V.“ mit ins Leben gerufen, um psychisch Erkrankten einen Weg zurück ins Leben zu bahnen. Spät hat er dann die Ärztin Dr. Johanna Röhrig, die Liebe seines Lebens, geheiratet und sich laisieren lassen.

Seine existenziellen Fragen galten auch immer ihm selbst: „Wo bin ich persönlich in den letzten zehn Jahren geblieben? Bin ich älter geworden oder jünger? Lebendiger oder toter? Und wenn sich einer sagen müsste: Ich bin fürchterlich ins Schleudern geraten, ich habe Seiten an mir entdeckt, die mich tief ängstigen, […] dann ist dies zwar eine traurige Geschichte, aber es ist immerhin eine Geschichte. Er ist lebendig geblieben. Und deshalb ist noch überhaupt nichts verloren.“

2. Erinnerungen von Ottmar Fuchs

Ich kann nicht in Worte fassen, was ich Rolf Zerfaß für mein Leben verdanke. Er hat mich geprägt wie kein anderer meiner theologischen Lehrer. Vieles kommt mir in Erinnerung. Nur wenige Blitzlichter kann ich hier aufleuchten lassen. Ein Leben lang bin ich stolz, ein Schüler von Rolf Zerfaß zu sein. Im ersten Gespräch mit Rolf Zerfaß im Sommer 1973 habe ich mein Anliegen etwa so formuliert: ich möchte zu der Frage arbeiten, wie in der Verkündigung, vor allem in der Predigt das Evangeliums so formuliert werden kann, dass es bei den Hörer:innen Bedeutung gewinnt.

Auf die Frage, was ich denn als nächstes zu lesen habe, verwies er mich, der ich sehr binnentheologisch angelegt war, auf die Lektüre von Eike von Savignys Die Philosophie der normalen Sprache. Natürlich hatte ich ein gutes theologisches Buch erwartet. Zerfaß hat mich dagegen erst mal in das humanwissenschaftliche Außen meiner Fragestellung hineingetrieben. Da habe ich begriffen, was es heißt, in der praktischen Theologie eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben.

Eine tiefe Empathie

Seine Vorlesungen, Predigten und Publikationen strahlen eine tiefe Empathie aus, mit einer Theologie, deren spirituelle Dimensionen ebenso unaufdringlich wie in ihrer Konkretheit präsent waren. Rolf Zerfaß war ein beeindruckender Priester, im Kampf gegen jeden Klerikalismus und im Kampf für die Rechte der Laien, und gerade darin das Besondere seiner priesterlichen Identität lebend, erlebbar in seinen vielen Gottesdiensten in caritativen Einrichtungen, und erfahrbar in den Eucharistiefeiern mit ihm.

Was meine Arbeit in der Universität anbelangt, hatte ich Rolf Zerfaß als unerreichbares Vorbild: ich wollte so lehren und forschen und so mit Studierenden umgehen, wie ich dies bei meinem Doktor- und Habilitationsvater Rolf Zerfaß wahrgenommen hatte: genau in der Forschung, kreativ im Weiterdenken, anerkennend mit den Studierenden und ihnen viel zutrauend. Es war für mich eine bleibende Erfahrung, wie er seine Oberseminare gestaltet hat, wie sensibel wachsam war er, dass jede/r zu Wort gekommen ist. Wie es heftige Auseinandersetzungen geben durfte, ohne sich gegenseitig zu verkleinern.

Jetzt sind wir beide Doktorväter

Nicht vergessen will ich auch seinen feinen Humor, nicht nur seinen eigenen, sondern auch seine Herzlichkeit, mit der er sich über den Humor anderer freuen konnte: Bei meiner Promotionsfeier war auch mein Vater dabei. Auf dem Weg zum Restaurant nahm mein Vater Rolf Zerfaß zur Seite und eröffnete ihm: „Jetzt sind wir beide Doktorväter!“ Richtig, freute sich Rolf, und sofort gaben sie sich das Du. Ich bin glücklich mit der Vorstellung, dass sie sich nun wieder begegnen.

Auf dem Herzen habe ich noch, den Menschen zu danken, die Rolf Zerfaß bis zu seinem Sterben nahe waren, ihn begleitet und für ihn gesorgt haben. Ihnen, vor allem seiner Frau Johanna, wünsche ich viel Kraft in der Trauer um diesen Mann, dem viele so viel verdanken.

3. Erinnerungen von Christian Bauer

Rolf Zerfaß war ein großartiger theologischer Lehrer – für mich selbst einer der wichtigsten überhaupt. Ich verdanke ihm sehr viel. Als ich mich während des Studiums in Würzburg aus fundamentaltheologischen Gründen der Pastoraltheologie zuwandte, begeisterte er mich nachhaltig für dieses Fach. Ich habe nicht nur alle seine Vorlesungen gehört, sondern auch Seminare zu den Themen „Methoden und Ansätze der Pastoraltheologie“ (inklusive evangelischer Autoren), „Selbsthilfegruppen“ (mit aktivem Feldkontakt) und „Biographie und Lebenswelt als Orte theologischer Kreativität“ (sein letztes Seminar) besucht – und natürlich auch den homiletischen Grund- und Aufbaukurs, bei dem ich meine spätere Frau näher kennenlernte (typisch sein Kommentar zu unserem Hochzeitsgeschenk: „Für die Anbahnung ehelicher Friedensverhandlungen“).

Rolf konnte bisweilen auch recht kompliziert sein. So hatte er einmal während eines Seminars eine Studentin sehr ungerecht behandelt – was ich in der abschließenden Blitzlichtrunde dann auch offen ansprach. Es spricht aus meiner Sicht jedoch sehr für ihn, dass er mich trotz (oder wegen?) dieser Kritik dann irgendwann fragte, ob ich nicht studentischer Mitarbeiter bei ihm werden möchte. Am Ende meines Studiums habe ich schließlich meine Diplomarbeit bei ihm geschrieben, ehe er mich für die Promotion an seinen Schüler und Freund Ottmar Fuchs weiterreichte.

Meinen weiteren Weg hat Rolf stets mit großer Aufmerksamkeit und kritischem Wohlwollen verfolgt. Einen solchen Mentor kann man sich nur wünschen. Seine Gutachten ebneten mir nicht nur den Weg in das Cusanuswerk, während meiner Promotion hat er mich in Paris besucht und mir im Musée d’Orsay die Impressionisten erschlossen. Es freute mich sehr, dass er dann auch 2013 mit Johanna Röhrig zu meiner Antrittsvorlesung nach Innsbruck kam. Als sich seine voranschreitende Erkrankung bemerkbar machte, schenkte er mir nicht nur seine Bücher – er vertraute mir auch seinen Vorlass an, den wir hoffentlich bald auf einer eigenen Website in digitaler Form zugänglich machen können.

Rolfs Tod macht mich traurig. Und zugleich aber auch sehr dankbar. Kraftvolle Bilder von schönen Erinnerungen steigen in mir auf  – vor allem die langen Spaziergänge mit den Hunden über die Hügel von Eisingen. Ich erinnere mich gerne an meine Besuche in seinem in kraftvollem provencalischem Rot gehaltenen Haus. Vor der Tür begrüßte den Gast ein selbstgehauener Stein-Uhu (nach seiner Emeritierung machte Rolf einen Steinmetz-Kurs), der voller Wärme und Weisheit lebensklug in die Welt blickte und heute in meinem Innsbrucker Dienstzimmer steht:

Rolfs Theologie war wie sein Arbeitszimmer tief im Mutterboden der Erde eingegraben: Von den Fenstern aus blickte man auf einen blühenden, von Leben strotzenden Garten. Und über das Geschehen im Arbeitszimmer wachte eine schöne Marienikone mit leicht asymmetrischen Gesichtszügen. Nobody is perfect. Nichts musste hier rein und makellos sein, um für das Geheimnis des Lebens durchlässig zu werden. Zu seiner Abschiedsvorlesung haben wir ihm vom Lehrstuhlteam einen seiner Lieblingssätze geschenkt: „Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt.“ (Joseph Beuys). Rolfs besondere Liebe galt der Sprache der Poesie – die folgenden Zeilen aus einem Gedicht von Hans Magnus Enzensberger notierte er einmal nach einem Besuch in das Kindergästebuch unseres Sohnes Frederik:

„Vielen Dank für die Wolken.
Vielen Dank für das Wohltemperierte Klavier
und, warum nicht, für die warmen Winterstiefel.
Vielen Dank für mein sonderbares Gehirn
und für allerhand andre verborgne Organe,
für die Luft, und natürlich für den Bordeaux.
Herzlichen Dank dafür, daß mir das Feuerzeug nicht ausgeht,
und die Begierde, und das Bedauern, das inständige Bedauern.
Vielen Dank für die vier Jahreszeiten,
für die Zahl e und für das Koffein,
und natürlich für die Erdbeeren auf dem Teller,
gemalt von Chardin, sowie für den Schlaf,
für den Schlaf ganz besonders,
und, damit ich es nicht vergesse,
für den Anfang und das Ende
und die paar Minuten dazwischen
inständigen Dank,
meinetwegen für die Wühlmäuse draußen im Garten auch.“

* * * * *

Fromme Phrasen wie „Er möge ruhen in Frieden“ verbieten sich bei einem Menschen wie Rolf Zerfaß von selbst – daher lautet unser letzter Wunsch für ihn auch:

Er möge leben in Fülle!


Ottmar Fuchs war Professor für Praktische Theologie an der Universität Tübingen, Christian Bauer ist Professor für Pastoraltheologie und Homiletik an der Universität Innsbruck.

Bildquellen: Privat

[1] Zur theologischen Innenseite dieses Weges siehe Rolf Zerfaß: „Der Mensch wird des Weges geführt, den er wählt“. Ein biographisches Interview von Christian Bauer, in: Johann Pock (Hg.): Dem Leben auf der Spur. Pastoraltheologie autobiographisch, Paderborn 2015, 311-338 sowie Christian Bauer: Am Anfang steht Erfahrung. Eine biographische Spurensuche bei Rolf Zerfaß, in: Ders., Ottmar Fuchs (Hg.): Ein paar Kieselsteine reichen. Pastoraltheologische Beiträge von Rolf Zerfaß, Ostfildern 2009, 11-64.

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