Synodaler Weg – auch in Österreich?

Auch die österreichische Kirche braucht einen synodalen Prozess, der interne Reformblockaden löst und entschlossen einen Weg der Selbstevangelisierung einschlägt – meint Christian Bauer.

Der Synodale Weg der deutschen katholischen Kirche hat vielversprechend begonnen. Ein gemeinsamer Weg („syn-odos“), der aus dem Entsetzen über die strukturelle Sünde[1] des sexuellen bzw. spirituellen Machtmissbrauchs innerhalb der Kirche initiiert wurde und gerade – wie jeder weiterführende geistliche Prozess – mit einem offenen und ehrlichen Blick in die kirchliche Wirklichkeit begonnen hat: offenbar ohne Diskussionsverbote, getragen von wechselseitigem Respekt und auf spürbarer Augenhöhe. Die einzigen Ausnahmen bildeten Bischof Voderholzer, der während eines Redebeitrags mehrfach wütend dazwischenrief, und Kardinal Woelki, der nach der ersten Synodalversammlung mit den Worten nachtrat, durch den gemeinsamen Einzug von Geweihten und Nichtgeweihten beim Eröffnungsgottesdienst, durch die alphabetische – und somit gewohnte Konstellationen aufbrechende – Sitzordnung und „viele andere kleine Zeichen“ sei die hierarchische Struktur der Kirche in Frage gestellt.

Längst überfällig

Auch die österreichische Kirche braucht einen Prozess der synodalen Selbstreinigung – das Motto lautet auch hier: Mehr Synodalität wagen! Denn wir brauchen auch hierzulande einen längst überfälligen Wechsel des gesamtpastoralen Referenzrahmens: weg von einem klerikalen, hin zu einem synodalen Frame kirchlicher Praxis. Papst Franziskus weist auch hier den jesusbewegten Weg einer „conversión pastoral“, welche die Kirche zur Umkehr aus evangeliumswidrigen Strukturen ruft und einen entschlossenen Weg der Selbstevangelisierung einschlägt. Dieser Weg kann und muss selbst realisieren, worauf er zielt: eine jesuanische Weggemeinschaft („Societas Jesu“[2]) im Innen und nach Außen.

Zeugnis für das Evangelium

Nur so lässt sich – um die vier Themenforen des deutschen Synodalen Weges aufzugreifen – eine wirklich teilhabegerechte, diversitätsfreundliche, postklerikale und geschlechtersensible Kirche realisieren, die missbrauchanfällige Machtstrukturen überwindet: Kirchenreform als Zeugnis für das Evangelium. Denn Strukturfragen reflektieren Glaubensinhalte – oder sie sind nicht evangeliumsgemäß. Das größte Missionshindernis überhaupt ist eine Kirche, deren äußere Gestalt permanent ein Zeugnis wider das Evangelium darstellt, weil sie der jesuanischen Frohbotschaft von der anbrechenden Gottesherrschaft (und eben nicht: Männer- oder Klerikerherrschaft) widerspricht.

Reflexive Selbstdifferenz

Dazu braucht es „synodale Vernunft“[3], die einer weiteren Tribalisierung auch der österreichischen Kirche wehrt und aus innerkirchlichen Filterblasen und Echokammern herausführt – und auf diese Weise überhaupt erst erfahrbar einlöst, was ‚katholisch’ im Wortsinn meint. Das ist auch in geistlichem Sinne höchst anspruchsvoll, denn es erfordert von allen Beteiligten die Fähigkeit zur reflexiven Selbstdifferenz in einem möglichst offen strukturierten Setting: „Ein Denken, das uns zusammenführt, das uns in den Streit um die Wahrheit bringt und das zu verbindlichen Resultaten kommen will – in der Welt und in der Kirche.“[4]

Dem Ruf des Geistes folgen

Die österreichischen Bischöfe, deren Konferenz nach Jahren großer kirchlicher Konflikte inzwischen viel homogener zusammengesetzt ist als die deutsche, können dabei jenem Heiligen Geist vertrauen, der die Kirche wieder einmal auf einen neuen Weg ruft.

Um zu wissen, wohin er führt, muss man ihn jedoch gehen.


Christian Bauer ist Professor für Pastoraltheologie und Homiletik in Innsbruck, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Pastoraltheologie und Mitglied der Redaktion von Feinschwarz.net.

Bildquelle: Pixabay

[1] Vgl. Christian Bauer: Macht in der Kirche. Für einen postklerikalen, synodalen Aufbruch, in: Stimmen der Zeit (2019), 531-543.

[2] Vgl. Christian Bauer: Kirche als Societas Jesu. Mit Papst Franziskus auf die Spur der Nachfolge, in: Paul M. Zulehner – Tomas Halik (Hg.): Rückenwind für den Papst. Warum wir Pro Pope Francis sind, Darmstadt 2018, 120-127.

[3] Karlheinz Ruhstorfer: Synodale Vernunft wagen, in: Herder Korrespondenz 11/2019, 47-50, hier: 50.

[4] Ebd.

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