Verwundbarkeit und die Präsenz des Lebens. Fünfzehn Jahre nach 9/11

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9/11 liegt fünfzehn Jahre zurück. Dem Schock über die Verwundbarkeit des eigenen Staates, der eigenen Gesellschaft folgten unterschiedliche Handlungsmuster. Hilflosigkeit und Überforderung halten angesichts der Toten allerdings noch immer an. Hildegund Keul geht der Frage nach, was die Erfahrung von Verwundbarkeit politisch bedeutet und was der Beitrag der Religionen sein könnte.

Was abwesend ist, kann von bedrängender Präsenz sein. Dies zeigt sich drastisch an Orten von Terroranschlägen. Gerade die Abwesenheit der Toten verleiht ihnen eine Anwesenheit, die persönlich, gesellschaftlich und religiös unerhört machtvoll wird. Das Leben der Trauernden, die einen geliebten Menschen verloren haben, ist von einer Wunde gezeichnet, die besonders tief ist, weil sie von Mitmenschen geschlagen wurde. „Das Schlimmste an diesen Leiden ist nicht der ertragene Schmerz, sondern der von anderen in ihrer Raserei gewollte Schmerz“, sagt der französische Philosoph Georges Bataille.

Gerade die Abwesenheit der Toten verleiht ihnen eine Anwesenheit.

Aber der Terror zielt nicht nur auf Einzelne, sondern er verwundet zugleich eine Gesellschaft, einen Staat oder eine Religion. Der Anschlag auf das World Trade Center vor fünfzehn Jahren führte der Welt vor Augen, dass selbst die mächtigen USA nicht unverwundbar sind. Auch Paris ist seit den Angriffen auf Charlie Hebdo und Bataclan eine verwundete Stadt. Wunden aber, die einem Staatskörper widerfahren, sind äußerst gefährlich. In ihnen verkörpert sich nicht nur die persönliche, sondern auch die gesellschaftliche Vulnerabilität. Selbst wenn die Wunde heilt, erinnert die Narbe weiterhin daran, dass sich eine solche Verletzung jederzeit wieder ereignen kann. Um dies zu verhindern, verstärken Staaten ihre Sicherheitsmaßnahmen. Diese aber schützen häufig das Eigene, indem sie Andere ihrer Verwundbarkeit aussetzen oder sie direkt mit Verwundung bedrohen. Als Verkörperung der Verwundbarkeit ist jede Wunde prekär. Sie birgt eine gewaltpotenzierende Macht und schwächt nicht nur das gegenwärtige Leben, sondern schreibt sich in die zukünftige Gestaltung der Gesellschaft ein.

Wunden aber, die einem Staatskörper widerfahren, sind äußerst gefährlich.

Als Verkörperung der Verwundbarkeit ist jede Wunde prekär.

Bei Terroranschlägen überschreitet die tödliche Verwundung den Lebensraum der Einzelnen und greift mit unerhörter Macht auf die Öffentlichkeit zu. Der Staat, die Stadt, die Gesellschaft werden in ihrer Verwundbarkeit bloßgestellt. Dies ist mit Scham verbunden, die Wut freisetzt; mit Ohnmacht, die nach Rache ruft; mit Schmerz, der nach Unverwundbarkeit verlangt. Nicht nur die Wunde selbst, sondern mehr noch die in ihr steckende Vulnerabilität birgt daher politische Sprengkraft. Das Abwesende tritt in prekäre Felder der Macht ein, die zudem religionspolitisch bestimmt sind. Welche Machtwirkungen die Präsenz der Toten in Gang zu setzen vermag, das haben die Kriege in Folge von Nine-Eleven gezeigt.

Auf die eindringliche Erfahrung von eigener Verwundbarkeit folgen Scham und Wut, Ohnmacht, Rache und Schmerz.

Potenzielle Machtwirkungen erfordern es, das Abwesende und die mit ihm verbundene Verwundbarkeit zu reflektieren. In New York hat der Architekt Michael Arad seinem Beitrag zum „9/11 Memorial“ den Titel „Reflecting Absence“ gegeben. An den Stellen der zerstörten Zwillingstürme markieren zwei Wasserbecken, Fußabdrücken gleich, das Fehlende. Nicht ein monumentales Gebäude ist für den Ground Zero signifikant, sondern dessen Abwesenheit; nicht ein lebendiges Treiben von dreitausend Menschen, sondern dessen unbeschreiblicher Verlust. Das Abwesende ist nicht sichtbar – es hinterlässt Leere; und es ist nicht hörbar – das ermordete Leben schweigt. Je verschwiegener das Fehlende jedoch ist, desto mehr wächst seine unerhörte Macht. An dieser Leerstelle des Vermissten kommt die Kunst ins Spiel. Sie ist in der Lage, das wahrnehmbar zu machen, was abwesend ist, aber als Fehlendes machtvoll präsent bleibt. Dies ist speziell an solchen Orten im öffentlichen Raum notwendig, die die Vulnerabilität einer Gesellschaft markieren.

An der Leerstelle des Vermissten kommt die Kunst ins Spiel.

2005, als die Auseinandersetzung um die Gestaltung des Ground Zero lief, plädierte der aktuelle Präsidentschaftskandidat Donald Trump vehement für einen Neubau der Twin Tower, stabiler und höher als die alten. Er setzte auf Unverwundbarkeit. Allerdings sind an dieser Utopie nicht nur Achill und Siegfried in der Mythologie, sondern bereits viele Diktatoren in der Realität gescheitert. Wer ausschließlich darauf setzt, die eigene Verwundbarkeit zu reduzieren, braucht immer engere Spitzelnetze, höhere Mauern und schärfere Waffen. Dies erzeugt neue Opfer und setzt Spiralen der Gewalt in Gang, die niemand mehr im Griff hat.

Aber was, so fragt Judith Butler, kann aus der Trauer um zerstörtes Leben Anderes entstehen als der Ruf nach Krieg? Diese Frage richtet sich an die Gesellschaft. Zugleich fordert sie die Religionen heraus, insbesondere Christentum und Islam, die in der globalen Gewaltproblematik von Verwundbarkeit ein entscheidender Machtfaktor sind. Was tragen sie dazu bei, dass die Gesellschaft Alternativen findet zu Abschottung, Militarisierung und Krieg? Welche Ressourcen stellen sie zur Verfügung, um drohende Gewaltspiralen zu durchbrechen? Inwiefern kann ihr Glaube die unerhörte Macht der Verwundbarkeit in neue Bahnen lenken?

Kann aus der Trauer um zerstörtes Leben Anderes entstehen als der Ruf nach Krieg?

Im Christentum gehört die Verwundbarkeit, die aus der Präsenz des Abwesenden entsteht, wesentlich zu seiner Gründungsgeschichte. Die bleibende Präsenz Jesu, der zuvor am Kreuz getötet worden war, setzte den Glauben der jungen Kirche in Gang. Nach seinem Tod bestand die Gemeinschaft Jesu aus Verwundeten, die in ihrer Trauer darum ringen mussten, ob aus diesem Tod etwas Anderes entstehen könne als ohnmächtiges Verstummen oder der lautstarke Ruf nach Krieg. Welche Antworten hat sie gefunden, die in der heutigen Herausforderung Perspektiven zu öffnen vermag? Was muss geschehen, damit sich die gefährliche, weil gewaltpotenzierende Anwesenheit der Toten zu einer „geistreichen“ Präsenz wandelt, die Kreativität eröffnet, tragfähige Zeichen der Hoffnung setzt und zu humanem Handeln befähigt?

Verwundbarkeit gehört zur Gründungsgeschichte des Christentums.

Als Maria Magdalena, von der das Johannesevangelium erzählt (Joh 20,11-18), weinend vor dem Grab Jesu steht, ist sie eine Verwundete und noch ganz im Bann des Todes. Ihre Hoffnungen sind gekreuzigt, ihre Liebe zerschlagen, ihr Leben erstickt. Aber am Grab, wo nur der Tod zu erwarten war, wird ihr das Leben neu eröffnet. Sie erkennt, dass Jesus über seinen Tod hinaus anwesend bleibt, aber nicht mit erstickendem, tödlichem Zugriff, sondern indem er freisetzt: „Halte mich nicht fest.“ Ein Machtwechsel vom Tod zum Leben geschieht.

Später entwickelte die christliche Mystik aus dieser Gründungserfahrung heraus ihre Lehre der Gelassenheit. Sie verfolgt das Ziel, sich das Leben nicht von dem vergällen zu lassen, was erst in der Zukunft kommt und vielleicht gar nicht eintrifft; und sich nicht fraglos das gegenwärtige Leben rauben zu lassen von dem, was in der Vergangenheit geschah. Die christliche, islamische und jüdische Mystik bieten Ressourcen, die in die heutige Auseinandersetzung um Angst vor Terror und Gewalt einzubringen sind. Mystik ist eine widerständige Kraft. Sie widersteht der unerhörten, weil gewaltpotenzierenden Macht der Vulnerabilität und setzt auf eine Andersmacht, die Menschen nicht zu den Waffen greifen lässt, sondern Kreativität freisetzt und beharrlich nach Alternativen sucht.

Die christliche, islamische und jüdische Mystik bieten Ressourcen für die Auseinandersetzung mit der Angst vor Terror und Gewalt.

Eine Antwort des frühen Christentums verkörperte sich in einem Ritual, das den Jüngerinnen und Jüngern auf ihren brüchigen Pfaden der Hoffnung alltäglich Orientierung, Beharrlichkeit und Mut verlieh. Um das Abwesende zu reflektieren, erinnerten sie sich an das letzte große Mahl, das Jesus mit ihnen gefeiert hatte. Damals saß der Tod mit am Tisch, denn der bevorstehende Leidensweg war bereits absehbar. Aber Jesus rief nicht dazu auf, zu seinem Gedächtnis zu den Waffen zu greifen und seinen Tod zu rächen. Vielmehr lud er in einer von Gewalt bedrohten Situation dazu ein, Brot miteinander zu teilen, miteinander Wein zu trinken und auf das Leben zu setzen.

Haben Münchner Bürgerinnen und Bürger nach dem Amoklauf am 22. Juli 2016 nicht Ähnliches getan, als sie umherirrende Menschen spontan aufnahmen? Sie wussten nicht, wer da vor ihrer Tür steht, und öffneten sie dennoch, boten Essen und Obdach an, Gastfreundschaft und die Präsenz des Lebens.


Prof. Dr. Hildegund Keul,
Universität Würzburg
www.verwundbarkeiten.de

Bild: Kunstsammlung NRW; mehr dazu hier.

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