Warum auf (relationale) Wahrheit nicht verzichtet werden kann

Wer Wahrheit sagt, ist ein Fundamentalist? Trump sagt, der Klimawandel sei keine Wahrheit, sondern eine Meinung. Julian Müller meint deshalb, auf die Vorstellung von Wahrheit darf man nicht verzichten.

„Niemand hat je bezweifelt, daß es um die Wahrheit in der Politik schlecht bestellt ist, niemand hat je die Wahrhaftigkeit zu den politischen Tugenden gerechnet. Lügen scheint zum Handwerk nicht nur des Demagogen, sondern auch des Politikers und sogar des Staatsmannes zu gehören. Ein bemerkenswerter und beunruhigender Tatbestand.[1]

Mit diesen Worten beginnt Hannah Arendt ihren Essay Wahrheit und Politik aus dem Jahr 1969 (engl. Truth and Politics, 1967). Neben dem altbekannten, machtpolitisch motivierten Instrumentarium des Lügens, beschäftigt Arendt das darüber hinausgehende Phänomen einer grundlegenden Bestreitung etwaiger Wahrheitskriterien.

Die gemeinsame Wirklichkeit steht auf dem Spiel

Vergegenwärtigt man sich zeitgenössische Verhältnisse des politischen Diskurses, so zeugt ihre Einschätzung und Befürchtung bezüglich eines wahrheitsfunktional kreativen „anything goes“ von einer geradezu prophetischen Kraft.

Ein Donald Trump bspw. stellt in seinem notorischen Lügen wohl bereits auf Grund des hierbei anzutreffenden unverhältnismäßigen Ausmaßes eine unrühmliche Ausnahme dar – offiziell spätestens seit die New York Times seine unwahren Äußerungen zu zählen und entsprechend aufzulisten begann –, viel bedenklicher jedoch stimmt sein Verhalten, welches empirische Tatbestände zur bloßen Ansichtssache degradiert.

Was tatsächlich auf dem Spiel steht, ist die geteilte, faktische Wirklichkeit selbst![2]

Weg in die Unfreiheit?

Detailliert wird man bspw. auch von Timothy Snyder in seinem neusten Werk Der Weg in die Unfreiheit[3] über den Siegeszug der alternativen Geschichtsschreibung und der sogenannten „Postfaktizität“, welche Ereignisse und Sachverhalte durch die Verwandlung in je individuell gewünschte Narrative und „gefühlte Wahrheiten“ destruiert, informiert – ein gutes, erhellendes und zugleich düsteres Werk. Spätestens nach seiner Lektüre wird der Leserschaft deutlich: Unsere freiheitliche Welt ist gefährdet! Das ist sie nicht zuletzt, weil der Begriff der Wahrheit dies nicht minder ist.

Die von Arendt getroffene Unterscheidung in Wahrheit(en) und bloße Meinung(en) im eingangs erwähnten Werk scheint mir heute noch genauso dienlich, wie ihre Ausdifferenzierung in verschiedene Formen der Wahrheit.

Über Meinung soll gestritten werden

Über Meinungen kann, darf, ja soll sogar gestritten werden, sie bilden letztlich den Raum des Politischen: nach Arendt also den Bereich des gemeinsamen Handelns bzw. der Gestaltung der  für alle Beteiligten gemeinsamen Welt. Wahrheiten jedoch unterscheiden sich von diesen durch ihren  Wahrheits- und Gültigkeitsanspruch: „Jede Wahrheit erhebt den Anspruch zwingender Gültigkeit […]“[4], eine erfolgende Diskussion und Zustimmung oder aber auch eine Verweigerung derselben kann diesen weder erhärten, noch erschüttern.[5]

Dabei weiß Arendt selbstverständlich um einen notwendig gegebenen Interpretationsspielraum und um die Tatsache, dass die sogenannte „nackte Wahrheit“ immer auch eine Frage der Perspektive ist. Der Umstand, dass es Wahrheit immer nur in Relation gibt, kann jedoch nicht dazu dienen, „[…] die Unterschiede zwischen Tatsachen, Meinungen und Interpretationen einfach zu verwischen […]“[6], „Wahrheit in Relation“ bedeutet also mit anderen Worten keineswegs Relativismus.

„Wahrheit in Relation“ statt Relativismus

Dabei differenziert Arendt unter Rückgriff auf Leibniz in verschiedene Kategorien von Wahrheit, wie bspw. in mathematische, philosophische und wissenschaftliche Wahrheit(en), die sie unter die Rubrik der Vernunftwahrheit subsumiert. Im Unterschied zu dieser Gruppe sieht sie die Tatsachenwahrheit, die sich auf historische Geschehnisse bezieht.[7]

Arendt sieht in ihrem Aufsatz vor allem die Tatsachenwahrheit als gefährdet an, da diese durch ZeugInnen ausgewiesen werden muss, deren Glaubwürdigkeit jedoch stets angezweifelt zu werden vermag. ZeugInnen „unliebsamer Botschaften“ können selbstverständlich auch entsprechend zum Schweigen gebracht werden und/-oder sie sterben eines schönen Tages auf natürliche Weise.

Lügen sind verführerisch

Abgesehen davon besitzen Tatsachenwahrheiten entgegen den Vernunftwahrheiten auch keine für den menschlichen Verstand zwingende Evidenz (deutlich wird diese bspw. in logischen Widersprüchen).[8] Es hätte schließlich auch stets anders sein können bzw. könnte anders sein, da sich die menschliche Geschichte und das menschliche Handeln durch Kontingenz und Freiheit auszeichnen. Ein weiterer wichtiger Grund für die Gefährdung liegt darin, dass die Lüge den Bedürfnissen und Wünschen der Menschen entgegenzukommen vermag, die Wirklichkeit hingegen kann von unangenehmer und zugleich unabänderlicher Gestalt sein. „Lügen erscheinen dem Verstand häufig viel einleuchtender und anziehender als die Wirklichkeit, weil der Lügner den großen Vorteil hat, im voraus zu wissen, was das Publikum zu hören wünscht.“[9]

Arendt nennt also eine Vielzahl an Gründen, weshalb Tatsachenwahrheiten keinen guten Stand haben. „Daraus folgt aber, daß Tatsachenwahrheiten genauso wenig evident sind wie Meinungen, und dies mag einer der Gründe sein, warum im Bereich der Meinungen es so leicht ist, Tatsachenwahrheiten dadurch zu diskreditieren, daß man behauptet, sie seien eben auch Ansichtssache.“[10]

Tatsachenwahrheiten sind keine Ansichtssache

Entgegen der Einteilung von Arendt (bzw. Leibniz) ist jedoch die wissenschaftliche Wahrheit nicht in allen ihren Aussagen der Vernunftwahrheit zuzuordnen. Entsprechend eruierte und anhand wissenschaftlicher Methodik verifizierte Erkenntnisse erscheinen der menschlichen Vernunft letztlich genauso wenig evident wie geschichtliche Geschehnisse.

Darum aber haben wissenschaftliche Wahrheiten mit denselben Gefährdungen zu kämpfen, wie Tatsachenwahrheiten; der zeitgenössische Anti-Intellektualismus hat unter anderem hier seine Wurzeln.

Z.B. mag es als nachgewiesen gelten, dass der Klimawandel auf von Menschen produzierte Emissionen zurückgeführt werden kann, eine Leugnung derartiger Erkenntnisse jedoch gerät keineswegs direkt mit der Vernunft in Konflikt (anders also, als wollte man bspw. behaupten es regne und es regne [an ein und demselben Ort] nicht)! Auch den persönlichen Interessen einer Vielzahl von Menschen kommt eine schlichte Leugnung dieses Prozesses entsprechend entgegen!

Wissenschaft als Meinung?

Wohl nicht zufällig kann man deshalb zur der globalen Erwärmung die Einschätzung vernehmen, es handle sich um eine bloße Erfindung der Chinesen. Wer hiergegen Stellung beziehen möchte und auf Zahlen, Daten und Fakten aufmerksam zu machen bemüht ist, erhält oft die Antwort: „Das ist deine Meinung – ich habe die meine.“ Das Ringen um Belege für die Stichhaltigkeit einer wissenschaftlichen Wahrheit wird zum Austausch von Meinungen und zur Ansichtssache umgeformt. Ergebnis? „We agree to disagree!

Das aber zeugt davon, dass die alte Frage des Pilatus in politischer Hinsicht von immenser Bedeutung und ihre massive Gefährdung von brennender Aktualität ist.

Wahrheit als notwendig Bezugsgröße

Wahrheit ist nach Arendt keine politische Kategorie, aber sie stellt eine notwendige Bezugsgröße, ein Korrektiv des politischen Diskurses dar. Wo sie grundsätzlich geleugnet wird, bricht der Realitätsbezug früher oder später in sich zusammen, wo sie dauerhaft ignoriert wird, teilt man keine gemeinsame Welt mehr.[11]

Latour denkt daher den amerikanischen Rückzieher vom Klimaabkommen nur konsequent zu Ende, wenn er schreibt: „Wir Amerikaner gehören nicht zu derselben Erde wie ihr. Eure mag bedroht sein, unsere nicht!“[12]

WissenschaftlerInnen und diesbezüglich eben auch TheologInnen kommt deshalb im 21. Jahrhundert die wichtige Aufgabe zu, als VerfechterInnen der (relationalen) Wahrheit(en) einer Nivellierung derselben zur bloßen Ansichtssache vehement entgegen zu treten.

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Julian Müller studiert in Tübingen Katholische Theologie und Philosophie.

Bild: geralt auf Pixabay

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[1]     Arendt, Hannah, Wahrheit und Politik, in: Arendt, Hannah, Wahrheit und Lüge in der Politik. Zwei Essays, München4 2017, S. 44. (künftig zitiert: Arendt, Wahrheit)

[2]     Vgl. Arendt, Wahrheit, S. 55.

[3]     Vgl. Snyder, Timothy, Der Weg in die Unfreiheit. Russland Europa Amerika, München 2018.

[4]     Arendt, Wahrheit, S. 59.

[5]     Vgl. Arendt, Wahrheit, S. 60.

[6]     Arendt, Wahrheit, S. 58.

[7]     Vgl. Arendt, Wahrheit, S. 48.

[8]     Vgl. Arendt, Wahrheit, S. 63.

[9]     Arendt, Hannah, Die Lüge in der Politik, in: Arendt, Hannah, Wahrheit und Lüge in der Politik. Zwei Essays, München4 2017, S. 10.

[10]   Arendt, Wahrheit, S. 65.

[11]   Vgl. Arendt, Wahrheit, S. 86f.

[12]   Latour, Bruno, Das terrestrische Manifest, Berlin 2018, S. 11.

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