Wie steht es um den Ruf und das Ansehen der katholischen Kirche? Eine Studie gibt Antwort

Was beeinflusst das Ansehen der katholischen Kirche in der Öffentlichkeit?  Welchen Beitrag kann dazu die „Reputationsforschung“ leisten? Urs Winter-Pfändler vom SPI St. Gallen bringt einige der zentralen Ergebnisse einer Studie zur „Kirchenreputation“ in der Schweiz.

Wem würden Sie lieber spenden: Greenpeace, dem WWF oder dem Schweizerischen Naturschutz? Die Antwort auf diese Frage hängt mit der Reputation der jeweiligen Organisation zusammen, d.h. je besser es um den Ruf einer Organisation steht, desto höher ist die Spende-Bereitschaft.

Seit längerer Zeit erforschen die Wirtschaftswissenschaften die Reputation von gewinnorientierten wie Non-Profit-Organisationen. Angefangen hat es mit einem Ranking der besten amerikanischen Firmen, d.h. „beste“ wurde mit der erfolgreichsten und derjenigen mit dem meisten Gewinn gleichgesetzt. Wer ist profitabler: Novartis, Pfizer oder Roche? Es folgten weitere Rankings: Welche Firma ist die beste Arbeitgeberin? Mit der Zeit merkte man, dass viele Faktoren mitspielen, will man die „Reputation“ einer Firma messen.

Lassen sich die gefundenen Ergebnisse auch auf religiöse Institutionen, d.h. die Kirchen, übertragen? Eine aktuelle Studie wagte den Versuch und knapp 950 Kantonsparlamentarier(innen) sowie 450 Studierende (360 PH- und 90 Theologiestudierende) gaben Auskunft zum Ruf und Ansehen der Kirchen. Sie benoteten beispielsweise den sonntäglichen Gottesdienst oder den persönlich erlebten Religionsunterricht. Oder sie gaben an, wie sie die Leitung der Kirche, ihren gesellschaftlichen Nutzen oder die Motivation und Kompetenz der kirchlichen Mitarbeitenden einschätzen. Doch auch zum Herzstück der Reputation, der emotionalen Einstellung gegenüber der Kirche, gaben die Befragten Auskunft: Haben Sie ein gutes Gefühl, wenn Sie an die katholische Kirche denken? Oder haben Sie Vertrauen in die katholische Kirche? Mit Hilfe all dieser Fragen wurde ein facettenreiches Bild zum Ruf und Ansehen der katholischen Kirche gewonnen. Im Folgenden werden einige Hauptergebnisse vorgestellt:

Die Qualität kirchlicher Angebote

Im Durchschnitt stehen die kirchlichen Angebote der katholischen Kirche mit der Note 4.5 in den Augen der Politiker(innen) ordentlich dar (wobei 1 = miserabel und 6 = sehr gut ist). Im besonderen Masse werden die Gottesdienste an den Hochfesten, die Kasualien (Taufe, Hochzeit, Beerdigung) sowie der Erhalt der Kirchengebäude geschätzt. So berichtet beispielsweise ein CVP-Politiker: „Gute Unterstützung durch Priester bei Todesfall“. Oder eine SP-Politikerin schreibt: „Bei der Beerdigung meines Vaters wurden wir sehr einfühlsam und kompetent behandelt. Es war sehr angenehm.“ Die PH-Studierenden stehen den kirchlichen Angeboten kritischer gegenüber. Insbesondere den sonntäglichen Gottesdiensten können sie nicht viel abgewinnen. Illustrieren lässt sich dies mit der Aussage einer PH-Studentin: „Die Gottesdienste wirken schwer und werden in die Länge gezogen. Es wäre schön und vor allem interessanter, wenn Frische in die Lesungen käme.“

Das wertvolle Gut der katholischen Kirche: Die kirchlichen Mitarbeitenden

Die Kirchen können sich auf motivierte und kompetente Mitarbeitende verlassen. Oder mit den Worten der Befragten: „Unser Pfarrer ist allgemein sehr beliebt, da er sich sehr angepasst und zeitgemäss verhält. Er leiht auch mal sein Tandem aus. (Ich wohne neben der Kirche.)“ (PH-Studentin). Oder: „Unser Pfarrer ist hoch motiviert, offen und umgänglich mit allen. Der Gottesdienst lebt, seit Pfr. NN in XX Seelsorger ist.“ (Grüne Partei-Politikerin). Gerade die letzte Feststellung macht auch deutlich, dass Personen und Angebote miteinander verwoben sind.

Unverständnis bei den Positionen der katholischen Kirche

Die Studie deckt auf, dass der Ruf der katholischen Kirche in den vergangenen Jahren gelitten hat. Gründe dafür sind unter anderem das Öffentlich-Werden von Missbrauchsfällen sowie die Positionen der katholischen Kirche zur Fragen der Sexualmoral, der Gleichstellung der Geschlechter oder das Festhalten am Zölibat. An diesen Fragen droht das Herzstück der Reputation, die emotionale Verbundenheit mit der Organisation zu zerbrechen. D.h. die Menschen verlieren ihr Vertrauen in die Kirche, sie erachten diese als unglaubwürdig oder haben ein ungutes Gefühl, wenn sie an die Kirche denken. Die Befragten finden klare Worte, wie folgende Kommentare zweier SP-Politikerinnen verdeutlichen: „Die konservativen Haltungen der Kirchenvertreter (Bischöfe etc.) sowie die offizielle Morallehre und die hierarchische/patriarchalische Organisationsform kritisiere ich.“ Oder: „Strukturelle Probleme der katholischen Kirche sind der Zölibat, Missbräuche, unter denen Kinder und Frauen zu leiden haben sowie die mangelnde Anerkennung der Frau.“

Der Einfluss der Reputation auf den Status-Quo der Kirche

Je schlechter es um die Reputation der Kirchen in den Augen der Befragten steht, desto eher befürworten sie eine Trennung von kirchlicher und staatlicher Sphäre und desto weniger scheint es ihnen attraktiv, sich in der Kirche freiwillig oder professionell zu engagieren. Zudem fördert ein schlechter Ruf die Wahrscheinlichkeit, aus der Kirche auszutreten.

Pfändler-Kirchenreputation-CoverFazit und Empfehlungen

Eines macht die Forschung zur Reputation klar: Reputation findet nicht auf dem Hochglanzprospekt statt. Reputation ist Ausdruck davon, wie Menschen die Organisation, d.h. die kirchliche Arbeit, die Sozialkompetenz und theologische Kompetenz der Mitarbeitenden sowie die Leitung der Kirche wahrnehmen. Aus der Reputationsliteratur kann entnommen werden, dass es nichts hilft, eine Werbekampagne zu starten, welche die Attraktivität der katholischen Kirche als Arbeitgeberin lobt, wenn dies in der Praxis nicht zutrifft. Es nützt nichts, wenn die Kirche auf ihre Glaubwürdigkeit verweist und um Vertrauen wirbt, wenn sich herausstellt, dass in gewissen Situationen der Erhalt der Organisation über Menschen und ihre körperliche und seelische Integrität gestellt wird. Hier beginnt die Arbeit an der Reputation. Mit anderen Worten: Vertrauen muss man sich zunächst erarbeiten; hier nützen Versprechen nur dann auch etwas, wenn sie eingehalten und gelebt werden. Wenn es Seelsorgenden gelingt, aus der Tiefe ihrer persönlichen Religiosität und dem Schatz der Kirche, heutige Menschen mit der Botschaft der Kirchen zu berühren und sie mit ihren Fragen abzuholen: professionell, auch „kundenorientiert“, qualitativ hochstehend und religiös-spirituell gehaltvoll. Das ist zugegeben anspruchsvoll. Doch ich glaube, dass die katholische Kirche nur so ihrer Vision näher kommt: Am Reich Gottes mit zu bauen, Gottes Liebe und Gnade den Menschen erfahrbar zu machen und tagtäglich für eine barmherzigere, solidarischere und gerechtere Welt einzustehen.

Zum Weiterlesen: Urs Winter-Pfändler: Kirchenreputation. Forschungsergebnisse zum Ansehen der Kirchen in der Schweiz und Impulse zum Reputationsmanagement. St. Gallen: Edition SPI, 2015.

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