Worte sind nicht unschuldig. Warum die Rede von „Gender-Ideologie“, „Genderismus“ und „Gender-Lobby“ in kirchlichen Kreisen tabu sein sollte

Wer genderfeindliche Begriffe verwendet, begibt sich in die Nähe von Radikalen. Sonja Angelika Strube deckt rechtsextremistische Denk- und Sprachmuster auf, die sich auch in theologischen oder kirchlichen Zusammenhängen finden lassen.

Eigentlich sollte die erwiesene Unkorrektheit von Begriffen dazu führen, dass sie in kirchlichen Diskussionen keinerlei Verwendung mehr finden. Erst recht, wenn sie – wie drei zeitgleich entstandene aktuelle Studien aufzeigen[1] – Vorurteile triggern, Verschwörungsmentalitäten fördern und Gewalt legitimieren. Längst ist die Rede von „Genderismus“, „Gender-Ideologie“ und „Gender-Lobby“ als „Gespensterdebatte“[2] und „Strohmanntaktik“ entlarvt.[3] Bekannt ist auch, dass Protagonist:innen des rechten politischen Spektrums den sich seit Mitte der 2000er Jahre formierenden Anti-Gender-Aktivismus/Anti-Genderismus zur Vernetzung in christliche Milieus nutzen.[4] Zünden können ihre gut durchdachten Desinformationsstrategien aber nur, wenn es gelingt, möglichst niederschwellig an möglichst weit verbreitete Einstellungen anzudocken und dabei möglichst starke negative Emotionen, allen voran Angst und Wut, zu aktivieren.

Ein Containerbegriff zur „Selbstverharmlosung“

Strategisches Kernelement antigenderistischer Agitation ist die bewusst irreführende Nutzung der wissenschaftlichen Analysekategorie ,Gender‘ als ein Containerbegriff, unter dem eine Vielzahl  divergierender Themenfelder – Geschlechtergerechtigkeit, sexuelle Orientierung, sexuelle Identität, sexuelle Bildung, sexualisierte Gewalt, Gender Studies, Lebensschutz – subsummiert wird.[5] Den unterschiedlichen in diesen Themenfeldern Engagierten (vom Gleichstellungsbeauftragten bis zur Genderforscherin) mit ihren divergierenden Positionen wird ein konzertiertes, ebenso machtvolles wie intransparent-konspiratives Weben an einer „totalitären Neuen Weltordnung“ unterstellt. Die breite Themenpalette, die dieser assoziativ-containernde Bezug auf den Begriff ‚Gender‘ möglich macht, dient rechtsintellektuellen Strateg*innen dazu, milieu-übergreifende Vernetzungen anzubahnen und sich selbst als harmlos-konservative, friedfertige Familien- und Lebensschützer zu gerieren. Mit dem neurechten Vordenker Götz Kubitschek gesprochen: Sie dient der „Selbstverharmlosung“[6] extrem rechter Gruppierungen und dazu, einen „Abbau emotionaler Barrieren“ im demokratisch gesinnten Teil der Bevölkerung zu bewirken. Möglich wird zudem die „Verzahnung“ (Kubitschek) eigener Aussagen mit denen anerkannter – beispielsweise kirchlicher – Autoritäten. Zugleich werden eigene autoritär-totalitäre Ansprüche verschleiert, derer man stattdessen alle liberaler Denkenden bezichtigt.

Anti-Genderismus als Vorurteilskonglomerat: Qualitative Beobachtungen[7]

Schau man (wie ich) durch qualitative Medienanalysen auf die zentralen Inhalte, Parolen und rhetorischen Strategien des Anti-Gender-Aktivismus, so lässt sich erkennen, dass seine assoziativ-containernd gewonnene Themenpalette nahezu alle der als gesellschaftlich grassierend beobachteten Symptome des Syndroms Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (Heitmeyer, Zick/Küpper)[8], unmittelbar bedient und triggert, ebenso wie mindestens vier der sechs Kategorien rechtsextremer Einstellungen (Decker/Brähler)[9]. Neben klassischen Sexismus, Antifeminismus und Frauenverachtung treten Ressentiments gegen homosexuell orientierte Menschen und Trans*Menschen Dadurch können Unwissenheit und Unsicherheiten auch da mobilisiert und instrumentalisiert werden, wo plumper Sexismus nicht verfängt. Zu Zielscheiben von Abwertung und Hetze werden Menschen, die sich aktiv für Geschlechtergerechtigkeit oder gegen Rollenklischees einsetzen, ebenso wie solche, die klassischen Bildern binärer Geschlechtsidentitäten aus unterschiedlichen Gründen schlichtweg nicht entsprechen. Denn sie alle unterminieren – gewollt oder ungewollt – die Konstrukte hegemonialer Männlichkeit (Connell) und männlicher Vorherrschaft, und der Zorn, der ihnen dafür entgegenschlägt, zeigt, dass es im Anti-Gender-Aktivismus wesentlich auch um die „Etabliertenvorrechte“ derer geht, die vom Erhalt einer patriarchalen Ordnung profitieren.

Selbst in sich christlich verstehenden Milieus wird Anti-Gender-Aktivismus mit antimuslimischen, rassistischen, fremden- und asylbewerberfeindlichen Ressentiments verwoben. Das – wahlweise kulturalisiert- oder biologistisch-rassistisch gewendete – projektive Vorurteilsmuster des ‚übersexualisierten‘ und (sexuell wie generell) ‚gewaltaffinen‘ ‚fremden Mannes‘ wird auf asylsuchende, schwarze oder muslimische Männer, männliche Sinti und Roma bezogen.

Verschwörungsrhetorik

Antisemitische Ressentiments ebenso wie Verschwörungsmentalitäten bedient der Anti-Gender-Aktivismus durchgängig, insofern Verschwörungsrhetorik (‚Gender-Ideologie‘ einer weltweiten Konspiration zur Schaffung einer totalitären ‚Neuen Weltordnung‘) seinen Markenkern ausmacht und als Basso continuo allen Inhalten unterlegt ist. So werden antisemitische Klischees reaktiviert, ohne dass immer explizit von ‚jüdischer‘ Weltverschwörung oder ‚Weltjudentum‘ gesprochen werden muss. Zudem ist dem (auch unter christlichen Lebensschützern) verbreiteten Vergleich von Abtreibungen mit der Shoah eine Relativierung des Nationalsozialismus inhärent.

Last, not least richtet sich der antigenderistische Kampf pauschal gegen jede Anti-Diskriminierungsgesetzgebung, tangiert damit u.a. auch die Rechte von Menschen mit Behinderungen, delegitimiert auch deren Gleichstellungsbestrebungen. Damit agiert er sozialdarwinistisch und stellt den menschenrechtsorientierten Schutz von Minderheiten und ihren Rechten in unserer Demokratie infrage.

„Wer antifeministisch ist, neigt zum Rechtsextremismus“[10]: Quantitative Studien zu Anti-Genderismus und Antifeminismus

Wie eine quantitative Prüfung der von mir soeben beschriebenen qualitativen Beobachtungen liest sich die von Nico Mokros, Maike Rump und Beate Küpper im Rahmen der Mitte-Studie 2020/2021 umgesetzte Untersuchung zu Antigenderismus[11]. Mit drei Items wurden antigenderistische Einstellungen abgefragt und ihre Korrelationen mit soziodemographischen Angaben und zahlreichen anderen Einstellungen gerechnet. Dabei zeigte sich, dass antigenderistische Einstellungen tatsächlich mit allen zwölf erfragten Elementen des GMF-Syndroms, ebenso mit allen sechs Elementen rechtsextremer Einstellungen – einschließlich Chauvinismus und Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur – signifikant positiv korrelieren (257f.). Zudem zeigte sich, dass Menschen, die zu Antigenderismus neigen, „eher an Verschwörungen der Politik, Medien und Wissenschaft“ (259) glauben und „auch eher politisch motivierte Gewalt billigen“ (260).

Im Rahmen der Leipziger Autoritarismus-Studie 2020 fokussieren Charlotte Höcker, Gert Pickel und Oliver Decker[12] insbesondere den Aspekt des Antifeminismus, den sie, Adorno folgend, als Ressentiment verstehen (253), und dessen „Vorstellungswelten sich freilich mit denen des Antigenderismus überschneiden“ (252f).  Angelehnt an Hedwig Dohm, die bereits 1902 unterschiedliche Trägerkreise von Antifeminismus herausarbeitete, formulieren Höcker, Pickel und Decker elf Items zu „konservativem“, „männerbündischem“ und „rechtsnationalem Antifeminismus“, dem davon zu unterscheidenden Sexismus sowie der positiven Dimension des Profeminismus (258-261). Auf diese Weise kann die Studie Sexismus als ein eher „individuelles und gruppenspezifisches Problem“ (270) von Antifeminismus als „ein in Teilen der deutschen Bevölkerung verankertes politisches Phänomen“ (276) unterscheiden.

Dimensionen des Rechtsextremismus

Als wesentliche Einflussfaktoren für antifeministische Einstellungen stechen in der Leipziger Studie der „Einflussfaktor Männlichkeit“ (269) sowie eine ausgeprägte soziale Dominanzorientierung hervor. Antifeminismus scheint wesentlich ein „Problem von Männern“ zu sein, „das aus der Angst vor Macht- und Kontrollverlust, aus Verunsicherung im Männerbild und der Projektion dieser Ängste auf den sie gefährdenden Feminismus erwächst“ (264). Ebenso erweisen sich autoritäre Einstellungen und Verschwörungsmentalitäten als „zentrale Triebkräfte für Antifeminismus“ (270).

Vor allem aber korrelieren alle erfragten Dimensionen des Rechtsextremismus inklusive Autoritarismus und Gewaltbereitschaft positiv mit Antifeminismus und Sexismus (275). Dies zeige, dass Antifeminismus „fundamentales Element rechtsradikalen und rechtsextremistischen Denkens“ (276) sei, dessen Affinitäten zu Verschwörungsmentalitäten und zur Gewaltbereitschaft in ihren gesellschaftlichen Gefährdungspotenzialen nicht zu unterschätzen sind. Die Zusammenhänge zwischen Antifeminismus und den verschiedenen Dimensionen des Rechtsextremismus seien so eng, dass „Antifeminismus […] nicht ohne seine Verschränkungen mit Antisemitismus und Rassismus verstanden werden könne“ (277) und dass gelten darf: „Wer rechtsextrem ist, neigt zu Antifeminismus, und wer antifeministisch ist, neigt zum Rechtsextremismus“ (276).

Fazit

Die Vielzahl getriggerter Vorurteile in Verbindung mit gewaltlegitimierenden Verschwörungsmentalitäten erklärt die Wucht der negativen Emotionen, die im Anti-Gender-Aktivismus sichtbar werden. Jede Verwendung der stets verschwörungsmythisch konnotierten Begriffe „Gender-Ideologie“, „Gender-Lobby“, „Genderismus“, „Gender-Diktatur“ im Raum der Kirchen triggert diese Vorurteilskomplexe und bestätigt Verschwörungsmentalitäten. Diese Beobachtung verbietet keinesfalls kontroverse theologische Diskussionen zu sämtlichen Themen der Sexualmoral. Sie gebietet aber dringend sachliche Debatten, differenzierende Argumentationen, angemessene Wortwahl und viel mehr noch: einfühlsames Einander-Zuhören. Gruppierungen, die sich nicht nur der Empathie mit Andersdenkenden, sondern sogar schon einer Versachlichung von Diskussion und Wortwahl verweigern, exkludieren sich selbst.


PD Dr. Sonja Angelika Strube ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Pastoraltheologie/Religionspädagogik und im Interdisziplinären Projekt „Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft“ an der Universität Osnabrück.

[1]  Im Frühjahr/Frühsommer 2020 entstand und im Januar 2021 erschien: Sonja Strube/Rita perintfalvi/Raphaela Hemet/Miriam Metze/Cicek Sahbaz (Hg.), Anti-Genderismus in Europa. Allianzen von Rechtspopulismus und religiösem Fundamentalismus. Mobilisierung – Vernetzung – Transformation, Bielefeld 2021; darin: Sonja Angelika Strube, Anti-Genderismus als rechtsintellektuelle Strategie und als Symptom-Konglomerat Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, 51-63 (https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5315-1/anti-genderismus-in-europa/?c=313000000&number=978-3-8394-5315-5).

Im November 2020 erschien: Oliver Decker/Elmar Brähler (Hg.), Autoritäre Dynamiken. Neue Radikalität – alte Ressentiments. Leipziger Autoritarismus Studie 2020, Gießen 2020, darin: Charlotte Höcker/Gert Pickel/Oliver Decker, Antifeminismus – das Geschlecht im Autoritarismus? Die Messung von Antifeminismus und Sexismus in Deutschland auf der Einstellungsebene, in: Decker/Brähler 2020, 249-282(https://www.boell.de/de/leipziger-autoritarismus-studie).

Im Juni 2021 erschien: Andreas Zick/Beate Küpper (Hg.), Die geforderte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2020/21, Bonn 2021; darin: Nico Mokros/Maike Rump/Beate Küpper, Antigenderismus. Ideologie einer ’natürlichen Ordnung‘ oder Verfolgungswahn?, 246-261 (https://www.fes.de/referat-demokratie-gesellschaft-und-innovation/gegen-rechtsextremismus/mitte-studie-2021).

[2]  Vgl. Arnd Bünker, Gespensterdebatte: Lichtmachen.

[3]  Vgl. Sonja Angelika Strube, Expertise zur Broschüre: „’Gender-Ideologie‘.

[4]  Vgl. Sonja Angelika Strube, Familienbild als Einflugschneise: Was Gläubige anfällig macht.

[5]     Zu Folgendem vgl. Strube, Anti-Genderismus, 52-55.

[6]     Vgl. Götz Kubitschek, Selbstverharmlosung, in: Sezession 76 (Feb. 2017).

[7]     Zu Folgendem vgl. Strube, Symptom-Konglomerat, 55-60.

[8]     Vgl. Andreas Zick/Beate Küpper/Wilhelm Berghan, Verlorene Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2018/19, Bonn 2019, 58, nennen: Etabliertenvorrechte, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit, Abwertung von Sinti und Roma, Abwertung asylsuchender Menschen, Sexismus, Abwertung von homosexuellen Menschen, von Trans*menschen, wohnungslosen, langzeitarbeitslosen und Menschen mit Behinderungen). Die letztgenannte Kategorie wurde 2020/21 nicht mehr berücksichtigt.

[9]     Vgl. Oliver Decker/Elmar Brähler, Vom Rand zur Mitte. Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland. Berlin 2006, 20: Befürwortung einer rechtsgerichteten Diktatur, Chauvinismus, Verharmlosung des Nationalsozialismus, Fremdenfeindlichkeit/Rassismus, Antisemitismus, Sozialdarwinismus.

[10]    Höcker/Pickel/Decker, Antifeminismus – das Geschlecht im Autoritarismus? Die Messung von Antifeminismus und Sexismus in Deutschland auf der Einstellungsebene, in: Decker/Brähler 2020, 249-282.

[11]    dies., Antigenderismus. Ideologie einer ’natürlichen Ordnung‘ oder Verfolgungswahn?, in: Zick/Küpper 2021, 246-261.

[12]    dies., Antifeminismus – das Geschlecht im Autoritarismus? Die Messung von Antifeminismus und Sexismus in Deutschland auf der Einstellungsebene, in: Decker/Brähler 2020, 249-282.

Bildquelle: Pixabay

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