Amoris laetitia. Anmerkungen zum Nachsynodalen Schreiben

Martin Lintner kommentiert für feinschwarz.net das neue Lehrschreiben von Papst Franziskus.

Gestern wurde in Rom das mit Spannung erwartete nachsynodale Schreiben von Papst Franziskus zu Ehe und Familie veröffentlicht und von den Kardinälen Christoph Schönborn und Lorenzo Baldisseri sowie einem italienischen Ehepaar vorgestellt. Es trägt den Titel „Amoris Laetitia – Über die Liebe in der Familie“. Schon der Titel kann als programmatisch angesehen werden, gibt er doch das Leitmotiv an, das sich durch das ganze Schreiben zieht. Papst Franziskus will die eheliche und familiäre Liebe in all ihren Dimensionen – von der sinnlich-erotischen Liebe bis hin zur Liebe der Eltern zu ihren Kindern – als eine Quelle der Freude und der Menschlichkeit darstellen, als eine zutiefst menschliche Erfahrung, die das Leben bereichert und schön macht.

Lebensnah, einfach und einprägsam

Das Dokument verdient es, aufmerksam gelesen zu werden. Wie bereits Evangelii Gaudium ist auch Amoris Laetitia relativ umfangreich. Das soll aber nicht abschrecken, denn der Schreibstil von Papst Franziskus ist lebensnah, einfach und einprägsam. Jeder und jede kann diesen Text verstehen, er liest sich leicht und die Lektüre lohnt sich. Kardinal Schönborn hat bei der Vorstellung auf die Gefahr hingewiesen, dass man gleich zu jenen Stellen springt, in denen die sogenannten „heißen Eisen“ behandelt werden. Auch wenn diese Abschnitte natürlich von großem Interesse sind, wäre es doch schade, wenn man sich nur darauf konzentrieren würde.

Wie gesagt: Das Dokument verdient eine eingehende Lektüre und Auseinandersetzung. So kurzfristig nach seiner Veröffentlichung ist es nicht möglich und wäre es auch unverantwortlich, an dieser Stelle eine umfassende kritische Würdigung vornehmen zu wollen. Deshalb sollen auch nur einige wenige erste Eindrücke wiedergegeben werden, die sich aus einem ersten Durchlesen ergeben.

Ein pastoraler Ansatz prägt das ganze Schreiben.

Papst Franziskus folgt ganz der Linie der beiden Bischofssynoden. Die beiden Schlussdokumente der Bischofssynode 2014 und 2015 werden an vielen Stellen und sehr ausführlich zitiert. Das macht deutlich, dass der Papst den synodalen Weg ernst nimmt und fortsetzen will (vgl. Nr. 4): Er hat gut zugehört, was die Bischöfe diskutiert und ihm schließlich geraten haben. Die Synode selbst hat gut hingehört auf das, was die Gläubigen den Bischöfen gesagt haben, sodass das „Ergebnis der Überlegungen der Synode nicht ein Stereotyp der Idealfamilie ist, sondern eine herausfordernde Collage aus vielen unterschiedlichen Wirklichkeiten voller Freuden, Dramen und Träume“ (Nr. 57). Ausgehend davon – und dieser pastorale Ansatz prägt das gesamte Schreiben – ist es ihm ein Anliegen, ein Wort der Hoffnung zu sagen und die Menschen zu ermutigen: „Die Realitäten, die uns Sorgen machen, sind Herausforderungen. Wir gehen nicht in die Falle, uns in Wehklagen der Selbstverteidigung zu verschleißen, anstatt eine missionarische Kreativität wachzurufen. In allen Situationen spürt die Kirche die Notwendigkeit, ein Wort der Wahrheit und der Hoffnung zu sagen“ (Nr. 57).

Der Papst macht es sich nicht leicht.

Der Papst macht es sich dabei nicht leicht: Einerseits lässt er keinen Zweifel an der Lehre der Kirche, die er zuallererst im Evangelium verankert sieht; andererseits scheut er es aber auch nicht, auf die Menschen zuzugehen, die in Formen von Partnerschaft und Familie leben, die den kirchlichen Normen nicht entsprechen. Er lehnt eine rigoristische Haltung, die nur moralische Gesetze anwenden will und Menschen verurteilt, ebenso ab wie die oberflächliche Entscheidung, einfach alles für gut zu heißen. Er äußert zwar Verständnis für diejenigen, „die eine unerbittlichere Pastoral vorziehen, die keinen Anlass zu irgendeiner Verwirrung gibt“ (Nr. 308), macht zugleich aber deutlich, dass er dieses Argument nicht als Vorwand akzeptiert, nicht auf Menschen zuzugehen und Verständnis für sie aufzubringen, die in Formen von Partnerschaft und Ehe leben, die der kirchlichen Lehre nicht entsprechen, oder die gescheitert sind. Er mahnt eine Haltung des Verstehens, des Mitleids und der Barmherzigkeit ein, wobei er betont, dass Barmherzigkeit „die Fülle der Gerechtigkeit und die leuchtendste Bekundung der Wahrheit Gottes ist“ (Nr. 311). Die Verpflichtung zur Wahrheit darf kein Vorwand sein, in manchen Situationen nicht eine verständnisvolle und barmherzige Haltung gegenüber Betroffenen zu haben. Vielmehr spricht er vom evangeliumgemäßen „Primat der Liebe“ und beklagt: „Manchmal fällt es uns schwer, der bedingungslosen Liebe in der Seelsorge Raum zu geben“ (ebd.).

Besonderer Akzent auf der Gewissensfrage

Im ganzen Schreiben wird ein besonderer Akzent auf die Gewissensfrage gesetzt. So bekennt der Papst offenmutig: „Wir tun uns […] schwer, dem Gewissen der Gläubigen Raum zu geben, die oftmals inmitten ihrer Begrenzungen, so gut es ihnen möglich ist, dem Evangelium entsprechen und ihr persönliches Unterscheidungsvermögen angesichts von Situationen entwickeln, in denen alle Schemata auseinanderbrechen. Wir sind berufen, die Gewissen zu bilden, nicht aber dazu, den Anspruch zu erheben, sie zu ersetzen“ (Nr. 37). Das sind wichtige und durchaus selbstkritische Aussagen, die an zentralen Stellen wieder aufgegriffen und vertieft werden, besonders im Kontext der verantworteten Elternschaft (vgl. Nr. 42, 222) und des Umgangs mit den schwierigen Situationen (vgl. Nr. 298, 300, 303). Der Papst macht deutlich, dass hier auch das Gewissen der Betroffenen gefragt ist: dass sie sich ihrer Situation vor Gott bewusst werden (vgl. Nr. 300). Er bringt sein Vertrauen in die Gewissenskompetenz der Gläubigen ebenso zum Ausdruck wie er mit Nachdruck auf die Aufgabe der Gewissensbildung insistiert. Selbst wenn auf der objektiven Ebene eine Situation nicht den kirchlichen Norm entspricht, ist sorgfältig zu differenzieren, ob es sich auch um eine sündhafte Situation handelt bzw. ob der Grad der persönlichen Verantwortung der Betroffenen und damit die Schwere der Sünde nicht gemindert sein kann (vgl. ebd.).

Der Papst schlägt einen neuen Weg ein.

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht erscheinen mag, schlägt der Papst hier seitens des römischen Lehramtes einen neuen Weg ein im Umgang mit betroffenen Menschen. Kardinal Schönborn hat in seiner Präsentation von einer „pastoralen Neuausrichtung der Kirche“ gesprochen.[1] In den Nummern 296–312, die eines vertieften Studiums bedürfen, bietet der Papst einen differenzierten Weg und eine ausgearbeitete Kriteriologie an, um die unterschiedlichen Situationen zu unterscheiden und die betroffenen Menschen, besonders die wiederverheirateten Geschiedenen, pastoral und auch geistlich zu begleiten. Es dürfte mehr sein, als die bloß lehramtliche Akzeptanz der mittlerweile vielerorts nicht nur praktizierten, sondern auch bewährten pastoralen Praxis. Die Akzentsetzung auf die geistliche Begleitung ist jedenfalls bemerkenswert, denn es macht deutlich, dass es im Letzten immer Auftrag der Kirche ist, Menschen auf ihrem Glaubensweg zu begleiten und sie immer näher zu Christus hinzuführen. Der Papst schreibt, dass „zwei Arten von Logik […] die gesamte Geschichte der Kirche durchziehen: ausgrenzen und wiedereingliedern“ (Nr. 296), und macht sich dann eindeutig die zweite Form zu eigen: „Die Logik der Integration ist der Schlüssel ihrer pastoralen Begleitung, damit sie nicht nur wissen, dass sie zum Leib Christi, der die Kirche ist, gehören, sondern dies als freudige und fruchtbare Erfahrung erleben können“ (Nr. 299).

„Schwarz-Weiß-Denken liegt dem Papst fern.“

An dieser Stelle ein Anmerkung: Es mag überraschen, dass der Papst im Unterschied zum Schlussdokument der Synode 2015 wieder von „irregulären“ Situationen spricht, nachdem er selber einmal gesagt hat, dass er diese Bezeichnung nicht mehr verwenden möchte. Sie würde nämlich zu sehr nahelegen, man könnte die vielen unterschiedlichen und oft komplexen Situationen, in denen Menschen Partnerschaft und Ehe leben – auch außerhalb der kirchlichen Idealform – einfach von der Norm her beurteilen. Auffallend ist aber, dass der Papsts im Dokument durchgehend von den „sogenannten“ irregulären Situationen spricht und damit diese Bezeichnung etwas relativiert. Ebenso wird im gesamten Dokument deutlich, dass auch die „regulären“ Situationen nicht einfach deshalb vollkommen sind, weil sie der Norm entsprechen. Dieses Schwarz-Weiß-Denken liegt dem Papst fern, weil er um den Weg- und Wachstumscharakter in der Ehe weiß. So beklagt er z.B.: „Wir haben Schwierigkeiten, die Ehe vorrangig als einen dynamischen Weg der Entwicklung und Verwirklichung darzustellen und nicht so sehr als eine Last, die das ganze Leben lang zu tragen ist“ (Nr. 36). Er möchte alle, in welcher Situation immer sie auch leben, auf ihrem Weg ermutigen, die Herausforderungen zu meistern und gemeinsam zu wachsen: „Wir können nicht zu einem Weg der Treue und der gegenseitigen Hingabe ermutigen, wenn wir nicht zum Wachstum, zur Festigung und zur Vertiefung der ehelichen und familiären Liebe anregen“ (Nr. 89).

Das Dokument birgt viele Schätze, die es zu heben gilt: etwa die differenzierten Aussagen über die ethische und die Sexualerziehung der Kinder und Jugendlichen, die Ehevorbereitung und Begleitung von jungen Ehepaaren, die positive Bedeutung von Erotik, Sexualität und Erleben von Lust in einer Beziehung, die Gleichwertigkeit von Ehe und Ehelosigkeit, eine Mentalität, die dem Leben offen und positiv gegenübersteht … Es sind nicht alles neue Inhalte, die uns der Papst unterbreitet. Er zitiert wiederholt die Katechesen des heiligen Papstes Johannes Paul II. zur „Theologie des Leibes“, die Enzyklika über die Liebe „Deus caritas est“ von Papst Benedikt XVI. und andere Texte des römischen Lehramtes. Auffallend ist, dass er – wie schon in der Enzyklika Laudato si – auch verschiedene Bischofskonferenzen zitiert, was deutlich macht, wie sehr der Papst im Dialog mit den Bischöfen stehen will, aber auch moderne Autoren wie Erich Fromm oder Gabriel Marcel.

Auch einige Schwachstellen

Freilich – auch das sei nicht verschwiegen – zeigen sich bei der ersten Lektüre auch einige Schwachstellen, über die ebenso vertiefend und weiterführend zu reflektieren sein wird: etwa die einseitigen Ausführungen zur Gender-Frage, die weder der Komplexität der Thematik noch den Grundanliegen der Gender-Studien gerecht werden (Nr. 56), oder die im Grunde genommen fehlende (oder aus praktischen Gründen ausgeblendete?) Berücksichtigung der Menschen mit anderen als heterosexuellen Neigungen und ihre Fragen, wie auch sie Partnerschaft verantwortungsvoll leben können (vgl. 250).

Papst Franziskus ist sichtlich darum bemüht, nicht nur „Altbekanntes“ zu wiederholen. sondern auch weitere Überlegungen und Besorgnisse aus seiner persönlichen Sicht hinzuzufügen (vgl. Nr. 31). Mit einem spürbaren persönlichen Engagement spricht er über Ehe, Familie, Liebe, Erotik, Sexualität usw. mit einer für lehramtliche Verhältnisse neuen und erfrischend direkten Sprache. Man spürt förmlich, dass es ihm Freude bereitet, über die Liebe in der Ehe und Familie zu reden, und dass er diese Freude vermitteln möchte. Und man spürt, dass er weiß, an wen er sich wendet: An Menschen, die sich in ihrem Alltag mit unterschiedlichen Herausforderungen und Problemen konfrontiert sehen. Diese Menschen will er erreichen, ihnen will er nahe sein, sie will er begleiten und immer mehr in die Gemeinschaft der Kirche integrieren.

Den pastoralen Stil, den der Papst der Kirche mit diesem Schreiben aufträgt, ist durch die Stichworte „differenzieren“, „begleiten“ und besonders „integrieren“ gekennzeichnet. Die Vertiefung und Umsetzung dieser drei Aspekte wird die Rezeption und Wirkung des Dokumentes zweifelsohne prägen.

[1] Vgl. http://kathpress.at/goto/meldung/1364199/schoenborn-papst-bekraeftigt-pastorale-neuausrichtung-der-kirche (08.04.2016).

Bildquelle: www.vatican.va

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