Auf Durchreise, irgendwie.

Die Autorin Felicitas Hoppe unternimmt mit dem Roman „Prawda“ einen Versuch mobiler Raumerschließung. Von Wolfgang Beck.

Sie ist auf der Durchreise: Eine kleine Gruppe um Felicitas Hoppe fährt auf den Spuren von zwei Russen, die vor 80 Jahren kreuz und quer durch die USA unterwegs waren. Im Auftrag der Prawda, als Tageszeitung das offizielle Organ der KPdSU und das große propagandistische Symbol der Sowjetunion, sollten sie nach ihrer Rückkehr einen Reisebericht schreiben. Sie wollten einen Eindruck vom technologisch fortschrittlichen Westen und der dortigen Vorstellung vom modernen Leben vermitteln. Wie diese zwei Russen Ilja Ilf und Jewgeni Petrow fährt Hoppe als Teil einer kleinen Künstler*innengruppe mit dem Auto von der Ostküste zur Westküste und wieder zurück. Und sie beschreibt dabei in manchmal kurioser Auswahl die Erlebnisse und Beobachtungen.

In der gegenwärtigen politischen Phase, in der vor allem mit Staunen und Unverständnis auf die US-amerikanische Gesellschaft geblickt wird, beschreibt Hoppe als „Frau Eckermann“ mit „Prawda“[1] ihre Fahrt an Orte der großen amerikanischen Mythen: Die Ausstellung des ersten „Elektrischen Stuhls“, die touristisch inszenierten Ford-Werke Detroits oder Springfield, die Wirkungsstätte Abraham Lincolns in Illinois.

Es sind Orte, die 80 Jahre zuvor als Inbegriff des technischen Fortschritts und des amerikanischen Lebensgefühls die Faszination der beiden russischen Autoren weckten. Es sind heute Orte, die einen verblassten Charme der Technikbegeisterung repräsentieren. Immer wieder kann dabei der Eindruck entstehen, dass es auch Besuche an „Nicht-Orten“[2] sind, wie sie von Marc Augé bestimmt worden sind.

Der Durchreise wird das Motel zum Symbol.

Allerdings, die Fahrt Hoppes kreuz und quer durch die USA ist keine Entdeckungsreise. Es ist auch keine Reise, wie sie Goethe durch Italien unternommen hat, um das Material für die bildungsbürgerlichen Idealisierungen seiner Nachahmer*innen anzuhäufen. Es ist auch kein hastiges Unterwegssein[3], dem das Ziel und die Ankunft in der Moderne zum dominierenden Anliegen wird und dem der Weg zur lästigen Zumutung degeneriert.  Es ist eher ein Durchreisen durch ein Land, in dem vordergründig alles bereits gesehen und bearbeitet ist. Diesem Durchreisen wurde im 20. Jahrhundert das Motel zum Symbol einer Kultur, in der sich das Reisen vollständig zur Alltäglichkeit entwickelt hat. Im Motel ist das Reisen jeglichen Glanzes beraubt.

Irgendwie unklare, diffuse Annäherungen anstelle exakter Beschreibungen.

In der Durchreise von Felicitas Hoppe lässt sich nicht immer ausmachen, wo es sich um reale Erlebnisse handelt, wo die Berichte der russischen Schriftsteller in die Wahrnehmungen einfließen und wo die Fantasie der Autorin auf der Rücksitzbank des Autos eigene Wege geht: Die museale Begegnung mit Abraham Lincoln geht über in Gespräche mit den Simpsons, die auch in Springfield ihren Wohnort haben. Dieser Verzicht auf Eindeutigkeit mag vielen Leser*innen als Herausforderung erscheinen. Denn mit dem Nebel des Uneindeutigen entstehen keine klaren Bilder, sondern diffuse Ahnungen von den möglichen Entdeckungen der Durchreise. Hoppe schafft damit einen Stil der besonderen Annäherung, ein unklares „Irgendwie“ der Durchreise. Dieser Stil scheint dem wenig glänzenden Mittleren Westen zu entsprechen. Mit diesem Stil entstehen in der Bewegung räumliche Entdeckungen anstelle exakter Vermessungen. Und so schreibt Hoppe: „Keine Zeit also, sich in irgendetwas oder irgendwen zu verlieben, um vielleicht doch noch etwas länger zu bleiben.“ (137).

Räume entstehenden durch Bewegung.

Erst durch Bewegung und Handlung werden aus Orten Räume. Diese Einsicht geht auf den französischen Theologen Michel de Certeau[4] zurück und ist Bestandteil des „Spatial turn“[5]. Der Ansatz von Michel de Certeau kann hilfreich sein, um die Durchreise Hoppes durch die USA zu erschließen. Dass bei der Bewegung zur Raumerschließung das Gehen eine besondere Funktion einnimmt, mögen alle Städtetouristen nachvollziehen, die in der Suche nach Orientierung, im Verlaufen[6] und in der Langsamkeit der Fortbewegung überraschende Entdeckungen erleben. Nun scheint das einfache Gehen der amerikanischen Alltagskultur sehr fremd zu sein. Dem Gehen in Certeaus Ansatz entspricht hier das Fahren.  Diese Bewegungen, das Gehen wie das Fahren sind grundlegende, gerade auch den urbanen Raum konstitutierende Wahrnehmungstechniken[7], eine „widerständige Alltagspraxis“[8], ein Element der Stadtethnologie.

Wenn bei Michel de Certeau durch die Betrachtung des Raumes und seiner Erschließung in der Bewegung Wahrnehmungskompetenzen entstehen[9], lässt sich dies für die Reise bei Felicitas Hoppe miterleben. Hoppe nimmt ihre Leser*innen auf sehr unprätentiöse Weise mit. Das ist wohltuend in einer Zeit, in der die Fremdheit der Kultur und des Lebensgefühls vieler US-amerikanischer Bürger*innen in Europa Verwunderungen und im Blick auf seinen derzeitigen Präsidenten samt seiner Anhänger*innenschaft Sprachlosigkeit verursacht. Ihr Blick in die Alltäglichkeit von Begegnungen wirkt geradezu deeskalierend. So praktiziert Hoppe literarisch, was Michel de Certeau philosophisch und ethnologisch reflektiert hat.[10]

Weshalb Hoppes Stil inspirierend sein kann.

Hoppes Durchreisen des fremden Kontinents mit den Entdeckungen des Banalen wird zu einem Bild für eine menschliche Existenz des Mobilen. Als solche wird die Durchreise im 21. Jahrhundert mit seinen vielfältigen Migrationserfahrungen auch zu einem religiösen Motiv[11]. Es beschreibt die Suche als Entdeckung im Fragment. Diese Suche wird repräsentiert von der endlosen Reihe von kleinen Kirchen an den Ausfallstraßen der Städte (291). Die Durchreise Hoppes steht für den Verzicht auf klärende Eindeutigkeit. Und von diesem Verzicht auf Eindeutigkeit ist auch das Ringen um Identitäts- und Religionsfragen in der Postmoderne bestimmt.  Dabei entstehen mehr Fragen (218) als Antworten. Für das Bemühen um diffuse Annäherung bei gleichzeitigem Verzicht auf eindeutige Bestimmung stellt das Buch „Prawda“ von Felicitas Hoppe ein faszinierendes Lehrstück dar: Prawda heißt Wahrheit – und die ist schwer zu greifen.

Wolfgang Beck ist Juniorprofessor für Pastoraltheologie und Homiletik an der PTH St. Georgen in Frankfurt am Main.

Foto/Coverbild: S. Fischer Verlag, Frankfurt

[1] Hoppe, Felicitas, PRAWDA. Eine amerikanische Reise, Frankfurt a.M. 2018 (S. Fischer Verlag, 20,00 €).

[2] Augé, Marc, Nicht-Orte, München 42014.

[3] Scharfe, Martin, „Verirrt auf der Straße. Zu einem Paradigma der Moderne“, in: Pöttler, Burkhard (Hg.), Innovation und Wandel (FS für Oskar Moser), Graz 1994, 358-376.

[4] De Certeau, Michel, Kunst des Handelns, Berlin 1988, 189: „Der Akt des Gehens ist für das urbane System das, was die Äußerung (der Sprechakt) für die Sprache oder für formulierte Aussagen ist.“

[5] Füssel, Marian, Zur Aktualität von Michel de Certeau. Einführung in sein Werk, Wiesbaden 2018, 114.

[6] De Certeau, Michel, Kunst des Handelns, Berlin 1988, 197: „Gehen bedeutet, den Ort zu verfehlen. Es ist der unendliche Prozeß, abwesend zu sein und nach einem Eigenen zu suchen. Das Herumirren, das die Stadt vervielfacht und verstärkt, macht daraus eine ungeheure gesellschaftliche Erfahrung des Fehlens eines Ortes.“

[7] Rolshoven, Johanna, Gehen in der Stadt, in: Winkler, Justin (Hg.), Gehen in der Stadt“. Ein Lesebuch zur Poetik und Rhetorik des städtischen Gehens, Weimar 2017, 95-111.

[8] Winkler, Justin, Zur Einführung. Gehen als widerständige Alltagspraxis, in: Ders. (Hg.), „Gehen in der Stadt“. Ein Lesebuch zur Poetik und Rhetorik des städtischen Gehens, Weimar 2017, 11-16.

[9] Zmy, Manfred, Orte des Eigenen – Räume des Anderen. Zugänge zum Werk von Michel de Certeau aus raumphilosophischer Perspektive, Göttingen 2014, bes. 253-265.

[10] Winter, Rainer, Das Geheimnis des Alltäglichen. Michel de Certeau und die Kulturanalyse, in: Füssel, Marian (Hg.), Michel de Certeau. Geschichte – Kultur – Religion, Konstanz 2007, 201-219.

[11] Stockinger, Claudia, Religion bei Felicitas Hoppe, in: Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur, 207 (2015), 78-92.

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