Aushandeln: Grenzen von Säkularität und Religion

Der Erziehungsbereich wird zur Kampfzone um die Deutungshoheit säkularer oder religiöser Vorstellungen. Das fortgesetzte Aushandeln der Grenzen von Säkularität und Religion ist eine Notwendigkeit.  (Arnd Bünker)

Medienempörung

Medienempörung funktioniert, wenn „grosse Themen“ und „heisse Fragen“ der Gesellschaft berührt werden. Die Frage des Einflusses religiöser Vorstellungen und Haltungen auf erzieherisches Handeln, insbesondere in professionellen Kontexten von Schule oder Sozialarbeit, gehört zu den heissen Eisen.

Ein Beispiel aus der Schweiz: Ein verbreitetes Boulevardblatt, 20 Minuten, berichtete im März 2015: „Fromme Studis kränken schwule Mitschüler“. An der Fachhochschule St. Gallen würden schwule Studierende durch „strenggläubige Kommilitonen“ gemobbt, klagten Studenten. Auch Themen wie Scheidung und sexuelle Aufklärung sorgten für Ärger.

Die Forderung zur Klärung der Mobbingsituation folgte kurz darauf in der St. Gallen Kultur-Zeitung Saiten: „Die Fachhochschule muss sich endlich mit strenggläubigen Studierenden auseinandersetzen.“ Die Schulleitung habe das Problem homophober Beleidigungen über Jahre nicht angepackt.

Auch das Internetforum jesus.ch nahm sich der Sache an: Freikirchliche Kollegen behandelten Mitstudierende abschätzig, so würde berichtet. Neben Sexualität und Scheidung werde auch Behinderung als Konfliktfall benannt: Ein Freikirchler habe gesagt: „Man müsse Behinderte nicht fördern, weil Behinderung von Gott gewollt sei.“

Markante Aussagen sind das und krasse Sprüche. Nicht, ob sie richtig sind, ist aus religionssoziologischer Sicht spannend, sondern was sie über Spannungen in der Gesellschaft sagen, die im Bereich der Erziehung, der Pädagogik und der sozialen Arbeit ausgetragen werden.

Die Presseschlagzeilen sind ein wiederkehrendes Phänomen der letzten Jahre. An Religion, insbesondere repräsentiert durch „Strenggläubige“ – diesmal nicht „strenggläubige Muslime“ sondern „Freikirchler“ – entzünden sich gegenwärtig Konflikte, die vor einiger Zeit noch kaum sichtbar waren.

Religiöse Deutungsmuster und professionelle Sozialarbeit

Zwei Untersuchungen aus der Schweiz bringen etwas Licht ins Dunkel: Die erste Studie „Hilfe für die Schwachen aus dem Geist des Göttlichen?“ (Schallberger et. al. 2010) fragt danach, wo und wie religiöse Deutungsmuster im Kontext sozialer Arbeit wirksam werden können. Die Studie zeigt ein differenziertes Bild: Es gibt Licht- und Schattenseiten, wenn religiöse Vorstellungen in sozialarbeiterisches Handeln einfliessen.

Deutlich wird, dass es vor allem freikirchliche religiöse Vorstellungen sind, die aktuell als konfliktträchtig gelten. Es scheint, dass freikirchliche Frömmigkeit weniger an den Grenzen gesellschaftlicher Teilbereiche Stopp macht, als z.B. die Frömmigkeit, die in den Grosskirchen gelernt und gelebt wird. Damit ist die zentrale Frage angedeutet: Wie steht es aktuell um die Grenzziehung zwischen den Sphären des Religiösen und denen der professionellen („säkularen“) Erziehung in Heimen oder Schulen?

Die Studie zeigt, dass insbesondere freikirchliche religiöse Vorstellungen nach wie vor (oder schon wieder) Einfluss nehmen auf die Konzeption und Praxis sozialer Arbeit und die möglichen Konsequenzen für die berufliche Tätigkeit.

Auf der Ebene pädagogischer Heimkonzepte beispielsweise zeigen sich entsprechende Auffälligkeiten. Hinsichtlich diagnostischer Einschätzungen finden sich z.B. moralisch geprägte Urteile über Familiensituationen und religiöse Semantiken bei der Situationsbeschreibung von Kindern, die als „verloren“ charakterisiert werden. Im Blick auf die Ziele der Heimerziehung taucht der Begriff der „Rettung“ auf, womit auch religiöse Erziehungsziele in sozialarbeiterisches Handeln und seine Konzeption einfliessen. Nicht zuletzt zeigt die Studie, dass die Berufsrollen Sozialarbeitender mit hoher religiöser Prägung zwischen professionsbezogenen Erwartungen und fachlichen Ansprüchen einerseits und religiösen Rollenkonzepten („Im Auftrag Gottes Handelnder“, „Zeuge“, „Berufungsförderer“) andererseits entwickelt werden.

Die Studie differenziert: Neben der Gefahr der Vermischung von religiösen und professionellen Standards und Selbstverständnissen gelingt es vielen hochreligiösen Berufspersonen gut, die Sphären zu unterscheiden und zu trennen. Hier wird Religion als persönliche aber private Handlungsmotivation verstanden: als Grundlage einer beruflichen Haltung, niemanden aufzugeben; als persönliche Letztbegründungsinstanz für Werte und Normen, die jedoch gelten lässt, dass sich andere Sozialarbeitende auf andere Begründungsformen stützen; als Kraft- und Entlastungsquelle bei schwierigen Situationen oder bei Misserfolgen.

Es lässt sich also zeigen, dass Religion insbesondere bei intensiv-religiös geprägten Professionellen in der sozialen Arbeit Einfluss auf die Gestalt erzieherischen Handelns nimmt. Ebenso wird deutlich, dass die Formen der religiösen Prägung vielfältig, deren Konsequenzen ambivalent und Konflikte über die Reichweite religiösen Einflusses auf professionelles Handeln von Sozialarbeitenden vorprogrammiert sind. Die Grenzen des Säkularen und des Religiösen werden neu verhandelt.

Darin spiegeln sich gesellschaftliche Verschiebungen hinsichtlich Religion: Die Bevölkerung der Schweiz wird an den Rändern grosskirchlicher Zugehörigkeiten einerseits rasant säkularer (mehr als ein Fünftel der Schweizer Bevölkerung hat keine Religionszugehörigkeit mehr – die „Religionslosen“ sind die mit Abstand am stärksten wachsende Teilgruppe in der Schweiz) und andererseits religiöser bzw. religiös vielfältiger (freikirchlich geprägte Interpretationen der christlichen Tradition in der Schweiz und andere Religionsgemeinschaften führen zu einer Belebung der religiösen Szenerie). Diese Spannungen „an den Polen“ wirken auf viele Bereiche des Lebens, insbesondere auf Bereiche der Erziehung, der Schulen, der Sozialarbeit. Hier (!), wo es am direktesten um die Prägung von Menschen geht, werden auch die Grenzen von Religion und Säkularität neu verhandelt, ebenso intensiv wie konfliktiv.

Religion, Säkularität und LehrerInnen-Ausbildung

Die zweite Studie stellt die Aushandlungsprozesse rund um Säkularität und Religion in einen Zusammenhang mit Neu-Ordnungen des ganzen Ausbildungsbereiches im Erziehungswesen. In der Schweiz wurde und wird insbesondere der Systemwechsel in der LehrerInnenausbildung – von der Seminar-Ausbildung zur Hochschul-Ausbildung – zu einer Herausforderung für die Studierenden, die sich über ihr eigenes Rollenverständnis als Lehrperson klar werden müssen. Der Systemwechsel in der Ausbildung geht nämlich einher mit einer veränderten Berufsrollenerwartung an Lehrerinnen und Lehrer, deren bisherige Berufsidentität damit teilweise in Frage gestellt ist. Das Ringen um Rollenverständnisse ist jedenfalls Anlass zu starken Auseinandersetzungen innerhalb der LehrerInnenausbildung.

Die Studie „Beruf oder Berufung? Deutungskonflikte in der Lehrerinnen und Lehrerausbildung“ (Stienen et. al. 2011) zeigt in diesem Zusammenhang, dass die bestehenden Deutungskonflikte nicht nur als Problem im Zusammenhang mit religiösen Bekenntnissen zu sehen sind. Zwar sind religiös konnotierte Konfliktlagen meistens medial am besten darzustellen. Diese Darstellungen verleiten aber dazu, einer Illusion klarer Parteilinien und Lager allein entlang von Religionsgrenzen aufzusitzen. Eine genauere Analyse stellt jedoch dar, dass religiöse Aspekte ein Ausgangsproblem nur sichtbarer machen, das als solches jedoch schon da ist – auch ohne religiöse Konfliktverstärkung.

Die Studie zeigt, dass Religion und Religiosität für sich genommen noch wenig über Positionierungen einzelner Menschen im LehrerInnenberuf aussagen. Auch hoch-religiöse Menschen mit „absoluter Glaubensgewissheit“ und gefestigter freikirchlicher Prägung können als LehrerInnen im Rahmen der modernisierten Ausbildungs- und Berufsrollenkonzeption erfolgreich arbeiten. Dies gelingt dann, wenn die eigenen Glaubensüberzeugungen mit den Reflexionsansprüchen der Ausbildung und im Blick auf die Berufsrolle in eine aktive Auseinandersetzung treten. Dann zeigen sich nämlich meistens Differenzierungsmöglichkeiten, die Freiräume für Religion und Professionalität schaffen, oder aber es zeigen sich Möglichkeiten zu einer Unterscheidung und Trennung der Geltungsbereiche der Glaubenslogik hier und der Professionslogik dort.

Konfliktkonstellationen

Zu Konflikten kommt es vor allem dann, wenn die Vorstellungen von der eigenen Berufsrolle als Lehrer oder als Lehrerin nicht mehr mit der heutigen Ausbildungs-Erwartung im Sinne eines „reflektierten Praktikers“ / einer „reflektierten Praktikerin“ in Verbindung zu bringen sind. Dies geschieht dann, wenn sich die Studierenden vor allem als „Lehrerpersönlichkeit mit Charisma“ verstehen. Dieses Selbstverständnis findet sich tatsächlich auch in Verbindung mit einer religiösen Aufladung – aber auch mit einer explizit säkularen Haltung.

Auf „religiöser Seite“ finden sich Studierende aus einem religiös indifferenten Elternhaus, die erst in der Jugend Kontakt zu einer Freikirche bekommen haben und hier religiös sozialisiert wurden. Freikirchliche Religiosität ist bei dieser Gruppe Ausdruck eines Jugend-Lifestyles. Er wird offensiv nach aussen gezeigt und hat die Funktion einer sichtbaren Abgrenzung von anderen. Darin liegt nicht zuletzt das hohe Potenzial für eine religiöse Markierung der Orientierungskämpfe im LehrerInnen-Ausbildungsbereich begründet.

Inhaltlich geht es bei diesem Typus um die Vorstellung einer charismatischen Lehrerpersönlichkeit, die als „väterliches oder mütterliches Vorbild“ Autorität geniesst. Die Rolle als Lehrer oder Lehrerin wird als göttliche Berufung interpretiert. Als Ziel der Lehrtätigkeit an der Schule wird die Vermittlung von Sinn angegeben.

Die säkulare Variante der charismatischen Lehrerpersönlichkeit grenzt sich und die LehrerInnentätigkeit stark von Religion ab. Zugleich überwiegt aber auch hier die Zustimmung zum Ideal der Lehrerpersönlichkeit, die sich jetzt jedoch nicht durch göttliche Berufung und spirituelle Führung auszeichnet, sondern durch Sach- und Fachkenntnisse, die den Lehrer als Meister oder als „Trainer“ erscheinen lassen.

Interessant ist, dass gerade diese beiden Typen in den Konflikten rund um Religion und Erziehung am sichtbarsten auftreten. Dahinter wird aber oft vergessen, dass beide Typen zugleich gegen die bestehende Zielrichtung der Ausbildungs opponieren, nach der Lehrer und Lehrerinnen weniger als „Persönlichkeiten“ gebildet werden, denn als „reflektierte Praktiker und Praktikerinnen“ – also mit einer stärker auf Wissenschaftlichkeit und Reflexion ausgerichteten Professionsvorstellung. Im Erziehungsalltag könnten somit die religiösen und säkularen Exponenten scheinbar entgegengesetzter Positionen durchaus auf die gleichen Probleme und Anpassungsschwierigkeiten stossen bezüglich der im Schulbereich erwarteten Berufsrolle.

Aushandeln notwendig – dauernd

Die Konflikte um Religion und Erziehung zeigen, dass die Grenzziehungen der Säkularität bzw. des Einflusses der Religion auf unterschiedliche Lebensbereiche andauernden Aushandlungsprozessen unterliegen. Säkularität und Religion haben kein „fixes“ Verhältnis, sondern stehen in einer dynamischen und teilweise konfliktträchtigen Spannung zueinander.

Nachweisbar sind heute deutliche religiöse (freikirchliche) Einflüsse hinsichtlich der Wahrnehmung und Ausübung von pädagogischen und sozialarbeiterischen Berufsrollen. Zugleich zeigen sich unterschiedliche Muster von und Lösungswege aus Deutungskonflikten zwischen Glaube und Professionsanforderungen. Freikirchliche Frömmigkeit und professionelles Handeln schliessen sich also keineswegs automatisch aus. Zudem übersieht die mediale Fokussierung auf „religiöse Störer“ im Kontext der professionellen sozialen Arbeit und der Pädagogik, dass es auch von säkularer Seite Widerspruchs- und Störpotenziale gibt.

Insgesamt kann die hohe gesellschaftliche Sensibilität für das Thema „Glaube und Erziehung“ als Hinweis darauf gewertet werden, dass das Ringen um die Grenzen der Säkularität bzw. um den Einfluss von Religion auf den Erziehungsbereich gesamtgesellschaftliche Veränderungen im religiös-säkularen Feld widerspiegelt, die mit Aufmerksamkeit, aber auch mit Sorge und Beunruhigung beobachtet werden.

Die Aushandlungsprozesse sind vielschichtig und unabgeschlossen. Die andauernde Notwendigkeit solcher Aushandlungsprozesse benötigt die Entwicklung und Etablierung einer gesellschaftlich verankerten Kultur des Dialogs und der ständigen Suche nach tragfähigen Kompromissen. Dies fordert vom religiös neutralen Staat ebenso viel Anstrengung wie von den verschiedenen Religionen und Religionsgemeinschaften einerseits und den säkular geprägten Weltanschauungsgruppen andererseits.

 (Arnd Bünker, St. Gallen; Bild: falsch! by BirgitH by pixelio.de)

 

 

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