Begleiten, unterscheiden und vor allem eingliedern. Ein erster Blick auf das Nachsynodale Schreiben „Amoris laetitia“

Eva-Maria Faber kommentiert für feinschwarz.net das Nachsynodale Schreiben Amoris laetitia.

Nicht hastig soll das Dokument gelesen werden, so wünscht es sich Papst Franziskus zu Beginn seines Nachsynodalen Schreibens. Mit seinen 325 Nummern bzw. 304 Seiten verlangt dieses in der Tat einige Ausdauer, und für ein in allen Hinsichten fruchtbares Lesen wird mehr Zeit eingeräumt werden müssen, als sie bis zum Schreiben dieser Zeilen verfügbar war. Ausdrücklich räumt Papst Franziskus jedoch zu Beginn seines Schreibens die Möglichkeit ein, sich auf einzelne Kapitel zu konzentrieren. Er wird dabei durchaus gewusst haben, dass in manchen Kontexten eine Frage mit besonderer Aufmerksamkeit beachtet werden wird: Was sagt das Dokument zu jenen Partnerschafts- und Familienformen, die nicht den kirchlichen Normen entsprechen?

Zerbrechlichkeit begleiten, unterscheiden und eingliedern

Als Papst Franziskus auf der Rückreise von Mexiko eine Pressekonferenz gab, fragte eine der anwesenden Journalistinnen nach dem Thema der Synoden, und zwar zugespitzt auf die Situation von nach Scheidung Wiederverheirateten: „Heiliger Vater, Sie haben auf dieser Reise viel über die Familien und über das Jahr der Barmherzigkeit gesprochen. Einige fragen sich, wie eine Kirche, die behauptet, ‚barmherzig‘ zu sein, leichter einem Mörder vergeben kann als vielmehr dem, der sich scheiden lässt und wieder heiratet …“. Die erste Antwort des Papstes lautete: „Die Frage gefällt mir! […] die Frage ist wahr, sie gefällt mir, denn Sie haben sie plastisch gut formuliert“1. Auch das Nachsynodale Schreiben äussert sogar die Erwartung, dass „alle sich am meisten durch das achte Kapitel angesprochen fühlen“ (Nr. 7) – jenes Kapitel, das sich mit dem Thema „Die Zerbrechlichkeit begleiten, unterscheiden und eingliedern“ befasst.

Auf die Frage, die Papst Franziskus gefällt, fokussiert auch die folgende Analyse, wohl wissend, dass andere Themenbereiche ebenfalls Aufmerksamkeit verdienen und deswegen dringend anderweitig aufzunehmen sind. Das ist hier nicht eine Floskel, wie ich am Schluss mit einem Ausblick noch andeuten möchte.

Mit dem konkreten Leben ernsthaft in Berührung kommen

Das Nachsynodale Schreiben, das in neun Kapitel gegliedert ist, will zwar nachdrücklich für den Wert und die Schönheit von Ehe und Familie einstehen und hierzu auch die christlichen Überzeugungen stark machen. Es weiss aber um die Gefahr, dass die christliche Lehre zur „blossen Verteidigung einer kalten und leblosen Doktrin“ geraten kann (Nr. 59). Deswegen bleibt Papst Franziskus seinem Prinzip treu, dass die Wirklichkeit wichtiger ist als die Idee (vgl. Evangelii Gaudium Nr. 231–233). Die Wirklichkeit von Ehe und Familie wird in der ganzen Palette von Freude und Genuss über die Notwendigkeit ständigen Lernens, Wachsens und Reifens bis hin zu den Schwierigkeiten und auch bis zur Realität der Zerbrechlichkeit von Partnerschaften und Familien aufgesucht. Die Pastoral darf nicht mit vorgefassten Urteilen gegenüber dem Kern menschlichen Leids (hier gemeint: in Partnerschaft und Familie) auf Distanz bleiben, sondern muss „akzeptieren, mit dem konkreten Leben der anderen ernsthaft in Berührung zu kommen und die Kraft der Zartheit kennen [zu] lernen. Wenn wir das tun, wird das Leben für uns wunderbar komplex‘“ (Nr. 308; Zitat aus Evangelii Gaudium Nr. 270).

Collage aus vielen unterschiedlichen Wirklichkeiten voller Freuden, Dramen und Träume

Die geradezu freudige Würdigung der Komplexheit des Lebens ist bemerkenswert, denn in der Sprache von Papst Franziskus wie schon der Synode sind im Rahmen der Thematik von Ehe und Familie mit komplexen Situationen jene partnerschaftlichen und familiären Situationen gemeint, die nicht der katholischen Lehre und dem Kirchenrecht entsprechen. Um zu einer solch würdigenden Haltung zu kommen, bedarf es der Unterscheidung und des Verzichts auf ungerechtfertigte und vorschnelle Urteile. Ohne Preisgabe des Ideals mahnt Papst Franziskus, dass Gesetze nicht Felsblöcke sind, die man auf das Leben von Menschen wirft (vgl. Nr. 305). Er deklariert es als „kleinlich, nur bei der Erwägung stehen zu bleiben, ob das Handeln einer Person einem Gesetz oder einer allgemeinen Norm entspricht oder nicht“ (Nr. 304). Die Synode habe sich nicht mit dem Stereotyp der Idealfamilie befasst, sondern mit einer herausfordernden „Collage aus vielen unterschiedlichen Wirklichkeiten voller Freuden, Dramen und Träume“ (Nr. 57). Diese Wirklichkeiten will Papst Franziskus anschauen; und er will es gewürdigt sehen, wenn in welchen Situationen auch immer Werte gelebt werden und Menschen einander Liebe erweisen, die in gläubiger Sicht die Liebe Gottes widerspiegelt (vgl. Nr. 291–294.308). In einer solchen Sicht wird erfreulich erkennbar, dass es nicht nur schwarz und weiss gibt (Nr. 305).

Diese Situationen lassen sich nicht „katalogisieren“ (Nr. 298), und deswegen müssen diese Situationen je konkret angeschaut werden, um nicht zu Unrecht zu verurteilen (davor wird mehrfach gewarnt). Daher sei es „nicht mehr [!] möglich“, all jene, die in den von der Kirche als „irregulär“ bezeichneten Situationen leben2, als solche anzusehen, die im Zustand schwerer Sünde leben (vgl. Nr. 297).

Notwendigkeit der Unterscheidung

Im Titel des 8. Kapitels wird deswegen die Notwendigkeit zu unterscheiden hervorgehoben. Dies ist zugleich ein Schlüsselbegriff ignatianischer Spiritualität – hier ist Papst Franziskus zuhause! Und darum geht er mit dieser Unterscheidung auch beherzt um. Sprach man bisher von Unterscheidung, um dann doch alle Menschen unter dasselbe Gesetz zu stellen, besteht der Papst darauf, dass Konsequenzen zu ziehen sind (vgl. Nr. 300). Damit ändert er die in den vergangenen Jahrzehnten offiziell zugelassene Umgangsweise mit Menschen in solchen Situationen.

In der diesbezüglich wichtigsten Stelle des Dokumentes (Nr. 300) begründet Papst Franziskus zuerst, warum er nicht eine „neue, auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelung kanonischer Art“ vorsieht – eben weil die Situationen so unterschiedlich sind, kann es das nicht geben (siehe auch Nr. 304). Vor allem will Papst Franziskus nicht mit einem Federstrich eine Vorgehensweise bestimmen und vorgeben, wenn es zum Wohl von Menschen vielmehr eine dialogische und je persönliche Begleitung geben muss. Ermutigen will er aber „zu einer verantwortungsvollen persönlichen und pastoralen Unterscheidung der je spezifischen Fälle“. Und diese Unterscheidung muss anerkennen, dass die Schuldfrage jeweils unterschiedlich zu beantworten ist und dass deswegen „die Konsequenzen oder Wirkungen einer Norm nicht notwendig immer dieselben sein müssen“. Ausdrücklich wird angefügt: „Auch nicht auf dem Gebiet der Sakramentenordnung, da die Unterscheidung erkennen kann, dass in einer besonderen Situation keine schwere Schuld vorliegt“ (Anm. 336; siehe auch Anm. 351). Zur Verdeutlichung wiederholt Papst Franziskus seine Aussage aus dem früheren Schreiben Evangelii Gaudium, dass die Eucharistie nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein grosszügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen ist (vgl. Anm. 351).

Keine kalte Schreibtisch-Moral

Vor diesem Hintergrund eröffnet Papst Franziskus den schon oft diskutierten und auch von der Bischofssynode 2015 vorgeschlagen Weg des Gesprächs mit einem Priester, bei dem die Situation der Menschen, auch im Blick auf ihre erste Beziehung und z.B. den Umgang mit dem früheren Partner und die Situation der Kinder, zum Thema werden soll. Zugleich soll gefragt werden, „was die Möglichkeit einer volleren Teilnahme am Leben der Kirche behindert“. Dabei liegt es in der Dynamik des gesamten Schreibens sowie insbesondere schon der Überschrift zum achten Kapitel, dass eine Logik der Eingliederung verfolgt werden soll: „Das verleiht uns einen Rahmen und ein Klima, die uns davon abhalten, im Reden über die heikelsten Themen eine kalte Schreibtisch-Moral zu entfalten, und uns vielmehr in den Zusammenhang einer pastoralen Unterscheidung voll barmherziger Liebe versetzen, die immer geneigt ist zu verstehen, zu verzeihen, zu begleiten, zu hoffen und vor allem einzugliedern“ (Nr. 312). Im Hintergrund steht das Votum der Bischofssynode 2015, es müsse geprüft werden, „welche der verschiedenen derzeit praktizierten Formen des Ausschlusses im liturgischen, pastoralen, erzieherischen und institutionellen Bereich überwunden werden können“ (zitiert in Nr. 299).

Gewissen bilden, nicht ersetzen

Ein wichtiger Punkt für die so beschriebenen Klärungsprozesse ist die Betonung des Gewissens: „Aufgrund der Erkenntnis, welches Gewicht die konkreten Bedingtheiten haben, können wir ergänzend sagen, dass das Gewissen der Menschen besser in den Umgang der Kirche mit manchen Situationen einbezogen werden muss, die objektiv unsere Auffassung der Ehe nicht verwirklichen“ (Nr. 303). Selbstkritisch bemerkt Papst Franziskus, die Kirche tue sich „schwer, dem Gewissen der Gläubigen Raum zu geben, die oftmals inmitten ihrer Begrenzungen, so gut es ihnen möglich ist, dem Evangelium entsprechen und ihr persönliches Unterscheidungsvermögen angesichts von Situationen entwickeln, in denen alle Schemata auseinanderbrechen. Wir sind berufen, die Gewissen zu bilden, nicht aber dazu, den Anspruch zu erheben, sie zu ersetzen“ (Nr. 37).

In bemerkenswerter Weise nimmt das Schreiben aus den langjährigen pastoralen und theologischen Diskussionen Einsichten auf, denen lehramtlich bisher zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Bei der Frage, wie Personen, die nach einer Scheidung wieder verheiratet sind, zu einer Bereinigung ihrer Situation kommen können, gab es kirchlicherseits bislang nur zwei Optionen: die Beendigung der neuen Partnerschaft oder eine sogenannte „Josefsehe“ ohne Geschlechtsverkehr. Das Nachsynodale Schreiben anerkennt hingegen, dass solche Personen ihre Situation nicht verändern können, „ohne eine neue Schuld auf sich zu laden“ (Nr. 301; vgl. Nr. 298), weil sie Verbindlichkeiten gegenüber ihrem neuen Partner und evtl. Kindern eingegangen sind. Für den Vorschlag der Möglichkeit, wie Geschwister zusammenzuleben, wird auf die Erfahrung von Paaren hingewiesen, dass damit wichtige Ausdrucksformen der Intimität fehlen (vgl. Anm. 329). Hier wird deutlich, was andere Textpassagen des Dokumentes vertiefen: Papst Franziskus weiss um die partnerschaftliche Bedeutung der Sexualität, die er als Teilhabe an der Fülle des Lebens in der Auferstehung Jesu bezeichnet (vgl. Nr. 317).

Was hier nun primär im Blick auf nach Scheidung Wiederverheiratete resümiert worden ist, gilt prinzipiell auch für andere Situationen, die nach Kirchenrecht irregulär sind: Zivilehen, Menschen die in nicht institutionalisierten Partnerschaften zusammenleben und homosexuelle Partnerschaften. Darauf geht Papst Franziskus abgesehen von den Rückgriffen auf die entsprechenden Synodentexte weniger ausführlich ein; jedoch bezieht er sich an zwei Stellen auf „alle, in welcher Situation auch immer sie sich befinden“ (Nr. 297) bzw. „alle, die in irgendeiner sogenannten ‚irregulären‘ Situation leben“ (Nr. 301).

Veränderung der bestehenden offiziellen Dokrin

Mit diesem Nachsynodalen Schreiben wird eine Veränderung der bestehenden offiziellen Disziplin vorgenommen, wie sie im Apostolischen Schreiben Familiaris Consortio Nr. 843 sowie im Schreiben der Kongregation für die Glaubenslehre an die Bischöfe der katholischen Kirche über den Kommunionempfang von wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen4 unter Ausschluss jeglicher Ausnahmen vorgeschrieben und eingeschärft wurde. Zugleich wird dafür gesorgt, dass die neue Offenheit nicht einer schnellen Ausnahme oder einem auf Gefälligkeiten hin erwiesenes sakramentales Privileg Vorschub gibt oder von Doppelmoral zeugt (vgl. Nr. 300).

Diese Analyse beleuchtet nur einen Ausschnitt des Nachsynodalen Schreibens, das schon im Titel auf die Freude abhebt, die partnerschaftliche und familiäre Liebe stiftet. Gleichzeitig wird ebenso lebensnah und einfühlsam von den notwendigen Wachstumsprozessen, von der Sorge um die Entschiedenheit und die Lebendigkeit der Beziehungen in Partnerschaften gesprochen. „Jeder der beiden geht einen Weg des Wachstums und der persönlichen Veränderung. Auf diesem Weg feiert die Liebe jeden Schritt und jede neue Etappe“. Mehrmals wird einer unrealistischen Idealisierung der Ehe – auch theologischer Art (vgl. Nr. 122!) – widersprochen, um dafür „gut ‚inkarnierte‘ Ratschläge“ zu geben, die Papst Franziskus auch der Pastoral anempfiehlt. Die Lektüre wird sich lohnen!

Bildquelle: http://w2.vatican.va/content/vatican/it.html

  1. https://w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2016/february/documents/papa-francesco_20160217_messico-conferenza-stampa.html (8.4.2016).
  2. Eine Formulierung, von der Papst Franziskus früher schon erklärte, dass sie ihm eigentlich nicht gefalle! Siehe die Generalaudienz vom 24. Juni 2015: http://w2.vatican.va/content/francesco/it/audiences/2015/documents/papa-francesco_20150624_udienza-generale.html (8.4.2016). Darum steht im Nachsynodalen Schreiben wie schon in der Relatio zum Abschluss der Bischofssynode 2015 parallel auch die Rede von „komplexen Situationen“.
  3. http://w2.vatican.va/content/john-paul-ii/de/apost_exhortations/documents/hf_jp-ii_exh_19811122_familiaris-consortio.html (8.4.2016).
  4. http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_14091994_rec-holy-comm-by-divorced_ge.html (8.4.2016).
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