Gespensterdebatte: Licht machen

Peter Franz, pixelio.de

Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des „Genderismus“. Im Namen Gottes, des Volkes oder der Natur wird gegen den „Genderismus“ gekämpft. Der Gebrauch des Wortes Gender gerät dabei unter Generalverdacht. (Arnd Bünker)

Die Konservativen in der katholischen Kirche – bzw. die, die sich nur so nennen, weil sie Altes für Richtiges halten und ängstliche Verweigerung gegenüber Neuem und Fremdem für ein mutiges Glaubenszeugnis – jubeln über Zwischenberichte aus der Bischofssynode. „Gender“ würde allenthalben abgelehnt. Das muss etwas sehr Schlimmes sein, dieses „Gender“, wenn es so unbedingt verurteilt und verdammt werden muss. Jüngst stellte sogar ein ausgewachsener Kardinal (Robert Sarah) „Gender“ und das Terror-Regime Islamischer Staat auf eine Stufe und skizzierte ein wahrhaft apokalyptisches Szenario. Gespenstisch.

Das muss etwas sehr Schlimmes sein, dieses „Gender“, wenn es so unbedingt verurteilt und verdammt werden muss.

Vor lauter Panik wird nicht genau hingeschaut, was die Synodenberichte genau sagen, wenn es um Kirche und Gender geht. Da ist nämlich neben der Rede von einer „Ideologie“, die es zu verurteilen gelte (Wer würde Ideologien nicht verurteilen? Man möchte nur genau wissen, wovon tatsächlich die Rede ist!), auch die Rede von einer notwendigen und ernsthaften Auseinandersetzung mit „Gender“. Eine solche Auseinandersetzung verlangt es, genau hinzusehen und zu differenzieren.

Das Gender-Thema ist ja tatsächlich komplex und nicht leicht zu überblicken. Demagogische Stimmen haben es hier leicht. Dumpfe Abscheu und starke Aggressionen gegen gesellschaftliche Entwicklungen wie gegen einzelne Menschengruppen lassen sich unter dem Angst-Wort „Gender“ problemlos salonfähig machen. Gerade deshalb ist dringend an der Zeit, die Gespensterdebatte zu beenden und mit Begriff und Bedeutung von „Gender“ genauer umzugehen.

Gender lässt sich mit Geschlechterrolle übersetzen. Der Begriff zeigt eine jüngere Beobachtung: Lange schienen die Vorstellungen davon, wie Männer und Frauen jeweils geschlechterspezifisch zu leben haben, unverrückbar. Ausnahmen wurden als „unnatürlich“ angesehen. Heute lassen sich jedoch klare männliche oder weibliche Rollen immer weniger feststellen. Was ehemals naturgegeben und unveränderlich schien, wird uns heute als kulturell geprägt und gesellschaftlich veränderbar bewusst. Frauen ergreifen auch Männerberufe und gehen in die Politik. Männer „weinen heimlich… und sind so verletzlich“, wie es Herbert Grönemeyer sang und fragte: „Wann ist ein Mann ein Mann?“

Auflösung alter Gewissheiten

Die Auflösung alter Gewissheiten geht noch weiter: Heute werden neben der Beziehung von Mann und Frau auch gleichgeschlechtliche Beziehungen weitgehend akzeptiert. Noch radikaler werden Gewissheiten über den Kern der Geschlechter in Frage gestellt, wenn Menschen angeben, „im falschen Geschlecht“ zu leben. Transmänner und Transfrauen irritieren viele Menschen. Oft entstehen daraus Abwehr und Aggression. Schliesslich gibt es noch einige Menschen, deren körperliche Geschlechtsmerkmale schon seit der Geburt „uneindeutig“ sind. Gerade sie und ihre Eltern erleben den Druck, sich für das eine oder andere Geschlecht entscheiden zu müssen, als Form von Gewalt.

Wissenschaftlich werden diese Phänomene seit kurzem untersucht. Hier wird der Begriff „Gender“ genutzt, um den Unterschied zwischen dem körperlichen Geschlecht (engl.: „sex“) und dem sozialen Geschlecht, der Geschlechterrolle (engl.: „gender“), zu bezeichnen. Die Genderwissenschaften sind noch jung und viele Fragen offen. So wird diskutiert, wie radikal der kulturelle Einfluss auf Geschlechterrollen tatsächlich ist. Ist gar jedes Geschlecht und jeder Geschlechterunterschied gesellschaftlich veränderlich? Die Frage mag man offen lassen.

Für den Alltag wichtiger ist eine andere Leistung der Genderwissenschaften. Sie können uns nämlich zeigen, wo und warum bestehende Geschlechterordnungen zur Frage von Gewalt und zur Ursache von Schmerz werden. Erst wenn solche ursächlichen gesellschaftlichen Zusammenhänge aufgedeckt werden, lassen sich Gewalt und Schmerz verhindern.

…zeigen, wo und warum die Geschlechterordnung zur Frage von Gewalt und zur Ursache von Schmerz wird.

Die Genderwissenschaften decken auf, was bei uns falsch läuft, wenn Frauen immer öfter an Magersucht oder Männer unter antrainierter Gefühlsarmut leiden. Genderwissenschaften zeigen die spezifischen Auswirkungen unserer Wirtschaftsordnung auf die Rollenmuster von Männern und Frauen. Sie entlarven die Moden, denen Männer und Frauen ihre Körper unterwerfen. Sie weisen den Einfluss der Religion(en) auf die Rollenmuster von Männern und Frauen nach. Sie zeigen aber auch, wie es Religion gelingen kann, angeblich „natürliche“ Rollenmuster zu durchbrechen: Das Zölibat der Priester steht auch für die Befreiung von Männern aus dem vermeintlich natürlichen Rollenzwang, Nachwuchs zu zeugen. Die Erinnerung an starke Frauen in Bibel und Kirchengeschichte beweist, dass Frauen keineswegs aus religiösen Gründen duldsam zu schweigen haben.

Veränderungen wecken Widerstände und sie lösen Ängste aus. Gerade in Geschlechterfragen sind alle Menschen betroffen. Angst und Abwehr sollten die Menschen nicht beraten. Der „Genderismus“-Vorwurf gegen jede offene Thematisierung von Genderfragen schafft zwar eine Alarmstimmung, ist aber hilflos. Der Vorwurf des „Genderismus“ bleibt ein leerer Ideologievorwurf. „Genderismus“ ist wie ein Gespenst, das sich Kinder im Dunklen ausdenken, um dann Angst vor ihm zu haben. Da gilt es, Licht zu machen und den Tatsachen ins Auge zu sehen. Licht zu machen, das wäre ein Auftrag für die Bischofssynode und es wäre ein brüderlicher Dienst für diejenigen, die im Dunklen sitzen und Angst haben.

(Arnd Bünker; Veröffentlichung des Textes in einer kürzeren Fassung in der Zeitschrift Pfarreiforum; Bild: Peter Franz, pixelio.de)

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