Hip-Hop ist nichts Neues – und Gottesdienst ist es auch nicht

Ist Hip-Hop, wie die jüngste Debatte um die Echo-Verleihung nahelegt, antisemitisch? Eine Ehrenrettung von Johannes Wiedecke.

Hip-Hop im Gottesdienst? Wenn man Hip-Hop sagt, denken die meisten Menschen an Gangster und gewaltverherrlichende Texte. Gerade die aktuelle Debatte um die Menschen verachtenden Texte von den Hip-Hop-Künstlern Farid Bang und Kollegah, welche für ihre Musik den deutschen Kultur- und Musikpreis Echo verliehen bekommen haben, zeigt, wie oft dieses Klischee leider bestätigt wird.

Die Ursprünge des Hip-Hop und die DNA seiner Kultur geben jedoch ganz andere Dinge vor und haben starke Anklänge an jüdisch-christliche Wertevorstellungen. Mit anderen Menschen gemeinsam Gottesdienst zu feiern, den Gottesdienst als Mittelpunkt des Lebens zu sehen, Gott zu loben und so Gott auch im alltäglichen Leben  spürbar werden zu lassen. Das sind Aspekte, die sowohl in der jüdisch-christlichen Entwicklung der Psalmen, wie auch in der afro-amerikanischen christlichen Kultur der Spirituals im Vordergrund stehen. Diese afro-amerikanische Kultur ist wiederum die Grundlage für die Entwicklung des Hip-Hops.

„Hip Hop hat mehr Menschen unterschiedlicher Hautfarben und Nationalitäten vereint als sämtliche Politiker der Welt zusammen.“ Afrika Bambaataa, (*10.4.1957, New York City)

Ursprünge in den 1970er Jahren

„Hip-Hop ist eine der am stärksten vertretenen Jugendkulturen  unserer Zeit.“[1] Dies ist im Besonderen beachtlich, wenn man bedenkt, dass die Ursprünge des Hip-Hop in den frühen 1970er Jahren liegen und die damaligen Protagonisten  der Anfangszeit wie Afrika Bambaataa heute schon über 60 Jahre alt sind. Es zeigt aber auch gleichzeitig, dass Hip-Hop nicht als neueste Jugendkultur gesehen werden kann, sondern auf eine eigene Tradition zurück blickt. Die Anfänge dieser Kultur waren stark geprägt durch die Bedürfnisse der afro-amerikanischen Bevölkerung, z.B. in der New Yorker Bronx, welche in meist schwierigen Verhältnissen lebte und täglich mit Armut und Gewalt zu kämpfen hatte.  Um die Not zu vergessen, versuchte man sich mit  „Double Dutch“ (Seilhüpfen), Tanzen und Partys abzulenken. Auf diesen Partys wurde vorwiegend Musik mit afro-amerikanischen Wurzeln wie Soul, Reggea, Jive, Funk und Jazz gespielt.[2]

Diese Musik hat wiederum seine eigenen Wurzeln in der Ur- Form der Musik der schwarzen Bevölkerung Amerikas, den Worksongs. Diese Worksongs entstanden auf den Baumwollplantagen der Südstaaten Amerikas im 19.Jahrhundert und hatten die Funktion die schwere Arbeit der Sklaven etwas zu erleichtern. Sie waren mit ihrer einfachen Struktur von Frage und Antwortgesängen (Call and Response) leicht zu erlernen, entwickelten sich Ende des 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts weiter und waren die Wegbereiter für Blues und die Negro- Spirituals. Durch die Negro-Spirituals hielt die afroamerikanische Musik Einzug in die amerikanischen christlich-kirchlichen Traditionen, welche den Priestervortrag und die Wortverkündigung des Evangeliums belebten (Gospel von engl.: Evangelium, Gute Nachricht).

Diese Tradition setzt sich im 20 Jahrhundert kontinuierlich fort und ebnet Gospel, Jazz, R&B, Funk und Hip-Hop den Weg sich zu entwickeln.  [3]

Auch Kulturforscher befassen sich heute mit dem Thema Hip-Hop und sind fasziniert von einer Pop-Kultur, die auf uralte Zeichensysteme der Menschen zurückgreift und diesen neue Bedeutung gibt.[4] Was man feststellen kann ist, dass wenn Rapper wie Bushido staatliche Integrationspreise  gewinnen oder Smudo von den Fanta4 als Referent an Musikhochschulen eingeladen wird, man einräumen muss, dass die Kultur des Hip-Hop große Teile der Gesellschaften beeinflusst, in Sub- und Hochkultur integriert worden ist und so bewusst und unbewusst Relevanz für eine große Anzahl von Menschen in unseren Gesellschaften hat und dass weiterhin Riten und Terminologie dieser Kultur für viele Menschen verständlich sind.

Unterschichtbewegung

„Anfangs war Hip-Hop eine Unterschichtbewegung: Die Kinder und Halbstarken in den Ghettos hatten sonst nicht viele Möglichkeiten, auf sich und ihre Lebenssituation aufmerksam zu machen. Heute ist auch Hip-Hop kommerzialisiert. Das ändert aber nichts daran, dass damit noch immer frühes Wissen und traditionelle Kulturtechniken transportiert werden. Die aufmüpfigen Rapper, DJs, B-Boys, Writer und Sprayer sind deshalb in Wahrheit Hüter einer uralten Tradition.“[5]

Dieser folgende  Bibelrap von der Pädagogin Stephanie Kager verdeutlicht in welcher Weise bewusste und unbewusste Verbindungen zwischen der Hip-Hop-Kultur und der christlichen „uralten“ Tradition  des Psalmengesangs bestehen.

In der Bibel zu lesen:

2x Gibt mir Kraft- Kraft

Mach mir Mut- Mut

Macht mich froh-froh

Tut mir gut-Gut

1x So öffne meine Ohren für Dein Wort- Wort

So öffne mein Herz für Dein Wort- Wort

So öffne meine Augen für Dein Wort- Wort

Für Dein kostbares Wort-Wort

Neben dem Umstand, dass der Begriff „Bibel“ und die Tätigkeit des Lesens in der Bibel mit positiven Worten wie Kraft, Mut, froh und gut eingeführt und dazu Tanzbewegung gemacht werden, die diese Begriffe assoziativ beschreiben, wird in der Form des Raps ein Schema von „Call& Response“ also Gesang und Antwortgesang benutzt, welches ebenfalls  in der jüdisch-christlichen Kultur  in Psalmengesängen und der amerikanisch-kirchlichen Tradition des Gospels zu finden ist. Weiterhin gibt es eine  Struktur von A und B-Teil, wobei beim B-Teil die Botschaft des „sich Öffnens“ mit dem Wort „Wort“ bestätigt wird und hierzu eine Bewegung gemacht wird, bei der die Fäuste vor dem Bauch zusammengeführt werden. Diese im Hip-Hop gebräuchliche Geste, die im Englischen mit dem Ausspruch „Word“ begleitet wird, würdigt den Inhalt der gemachten Aussage und unterstreicht deren Glaubwürdigkeit. Man könnte diese Geste vielleicht übersetzen mit „Ja, Mann so ist es!“ Die Struktur von A und B-Teil erinnert wiederum an Psalmengesänge und das Bestätigungswort „Word“, dessen Bedeutung sehr ähnlich dem christlichen Abschluss mit dem Wort „Amen“ und dessen möglicher Übersetzung „Ja, so sei es!“ ist.

[1]Zitiert nach Weissmann, Christoph, Lektion in Hip-Hop. Geschichtliches in: Großer, Achim/Hipp, Anita/Pfüller, Julia(Hrsg.), S.128.

[2]Vgl. Weissmann, Christoph, Lektion in Hip-Hop.Geschichtliches in: Großer, Achim/Hipp, Anita/Pfüller, Julia(Hrsg.), S.128.

[3] Vgl. Michels, Ulrich, dtv-Atlas Musik. Band 2 Musikgeschichte vom Barock bis zur Gegenwart, München: dtv 2000, S.541.

[4]Vgl. Kneissler, Michael, Viel mehr als Musik: Hip-Hop, URL:http://www.pm-magazin.de/a/viel-mehr-als-musik-hiphop 1.

[5] Vgl. ebd., 1

Johannes Wiedecke ist Pastoralassistent der Erzdiözese Salzburg und  mitverantwortlich für Projekte wie die Lange Nacht der Kirchen und den Offenen Himmel.

Bildquelle: Pixabay

 

  1. 3.2012
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