Im Spiegel der Anderen. Eine religiös-praktische Perspektive auf die Begegnung mit Muslimen

Die christlichen und muslimischen Traditionen haben viele Gemeinsamkeiten. Martin Klose sieht die Praxis von Gebet und Fasten im Islam als Spiegel und als Lernchance für teilweise verloren gegangene Traditionen im Christentum.

Viele grundlegende Elemente verbinden den christlichen Glauben mit dem muslimischen und dem jüdischen, und so können wir im Dialog und der Begegnung miteinander, der miteinander geteilten Praxis im Anderen einen Spiegel des Eigenen sehen.[1] Die eigene Überlieferung und Praxis kann und sollte durch den Spiegel der Praxis des Verwandten, aber eben doch Anderen neu sehen gelernt werden. Selbst in scheinbaren Detailfragen finden sich ähnliche oder praktisch gleiche Elemente, die je unterschiedlich ausgeformt sind und bei denen ein Blick hinüber zur Form der Anderen sehr bereichernd und anregend sein kann.

Der Gruß und das Bewusstsein in der Sprache

Friede sei mit euch! Die großen Fragen zur Ethik Jesu verstellen häufig die Sicht auf die Nachfolge in den kleinen Dingen, und diese sind wichtig, denn es steht geschrieben: „Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu; und wer im Geringsten ungerecht ist, der ist auch im Großen ungerecht.“ (Lk 16,10) Ein konkretes Beispiel für etwas, was nur zu leicht überlesen wird, ist der Gruß Jesu: „Als sie aber davon redeten, trat er selbst, Jesus, mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch!“ (Lk 24,36)[2] Uns ist der Friedensgruß aus dem Alten wie dem Neuen Testament überliefert. Aus der Praxis kennt man ihn als Teil der Liturgie, aber nicht als alltäglichen Gruß. Von unseren muslimischen Brüdern und Schwestern kennen wir diesen Gruß in seiner arabischen Variante, السلام علیكم – as-salāmu ʿalaikum, aus dem Alltag sehr wohl. Natürlich kann man argumentieren, dass die oben zitierte Stelle aus Lk 24 im Kontext der Erscheinung des Wiederauferstandenen steht und somit der dortige Gruß Jesu nicht unbedingt als Vorbild für den Alltag gedacht ist und daher so nicht praktiziert werden muss. Dennoch, es ist nun mal der Gruß Jesu, der uns überliefert ist und mehr noch, wir finden bei Lukas 10,5 eine unmittelbare Weisung Jesu zu einer Variation des Friedensgrußes: „Wenn ihr in ein Haus kommt, sprecht zuerst: Friede sei diesem Hause!“ (vgl. auch Mt 10,12).[3]

Das Beobachten der muslimischen Praxis kann die christliche heute bereichern.

Es bleibt nicht beim Gruß. Die Sprache des Religiösen im Alltag ist ein weites Feld, auf dem ein genaues Beobachten der muslimischen Praxis die christliche heutzutage sehr unmittelbar bereichern kann. Muslime folgen der Anweisung aus Sure 18,23f[4] gemeinhin recht konsequent und verwenden in Gesprächen, die um etwas Zukünftiges kreisen, die Formel „So Gott will“ – إن شاء لله – In schā’a llāh. Diese Formel ist im christlichen Bereich nicht unbekannt, aber weitgehend aus der Mode gekommen. Dabei hat sie unmittelbar biblische Fundamente.[5]

Diese Formeln gehen in ihrer Tiefe weit über den eigentlichen Sprechakt hinaus.[6] Daher wäre es auch nicht mit einer bloßen äußerlichen Revitalisierung christlicher Sprache getan. Es ist vielmehr das Verhältnis von Geschöpf und Schöpfer, das sich an dieser Stelle äußert und das für den religiösen Menschen seine zeitgemäße Form finden darf und soll, in seiner Essenz aber nicht der Mode unterliegen darf.

Das Gebet

Neben der Regelmäßigkeit des muslimischen Gebets, die für viele Christen sicherlich Vorbildcharakter haben kann, ist es die Beachtung der Körperlichkeit im Gebet, die sich im muslimischen Bereich stärker findet und im christlichen Bereich, häufig auch sehr bewusst, weitgehend übergangen wird. Eine typische Darstellung von Muslimen oder ein Bild, das schnell vor dem inneren Auge erscheint, wenn es um Muslime geht, ist die Niederwerfung als Teil des Ritualgebets.

Das Niederwerfen ist eine empfehlenswerte Haltung für die Christen.

Für Christen scheint es dagegen keine vorgeschriebene Gebetshaltung zu geben, denn Jesus ging bei seiner Antwort auf die Frage um das rechte Beten nicht auf die Körperhaltung ein. Dennoch scheint mir auch für Christen die Niederwerfung wenn auch keine verpflichtende, so doch eine sehr empfehlenswerte Haltung im Gebet zu sein, denn auch den Christen ist überliefert: „Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!“ (Mt 26,39) Auch hier kann auf die Dramatik der Situation verwiesen werden und gesagt werden, dass Jesus sich in dieser heilsgeschichtlich wichtigen Szene nun eben niederwirft. Aber es ist eine der wenigen Stellen, die wir haben, die uns etwas über Jesu Körperlichkeit beim Gebet überliefern, und es ist nicht gänzlich undenkbar, dass wir vielleicht deswegen im Abschnitt ‚Vom Beten‘ nichts über die Körperhaltung lesen, weil es im Kontext der Zeit Jesu möglicherweise weitgehend selbstverständlich war zu wissen, in welcher Haltung gebetet wird, beziehungsweise, dass Jesus an dieser Stelle schlichtweg keinen Korrekturbedarf zur bisherigen jüdischen Tradition sah.[7]

Dieser Abschnitt zum Gebet soll abgeschlossen werden durch eine sprachliche Beobachtung im griechischen Original des Neuen Testaments. Das Wort „proskyneo“ (προσκυνέω) im Matthäusevangelium wird in der Lutherübersetzung (1984) mit ‚beten‘ wie mit ’niederfallen‘ übersetzt.[8] Es ist also nicht ganz falsch zu sagen: Beten heißt sich niederwerfen (sich niederknien), und es steht geschrieben in den Briefen: „Beugt euch tief vor dem Herrn, dann wird er euch hoch erheben!“ (Jak 4,10)

Das Fasten

Bei Mt 9,14f lesen wir: „Da kamen die Jünger des Johannes zu ihm und sprachen: Warum fasten wir und die Pharisäer so viel und deine Jünger fasten nicht? | Jesus antwortete ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste Leid tragen, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten.“ Wir haben also keinen im Imperativ formulierten Fastenbefehl, aber doch eine deutliche Fasten-Erwartung Jesu an seine Gemeinde, die über einen Befehl durch die Selbstverständlichkeit der Formulierung sogar hinausgeht: Sie werden fasten.

In der Praxis ist das nicht so klar. Im evangelischen Bereich wird die Frage nach dem Fasten und dessen Form komplett dem Individuum überlassen. Das hat natürlich Vorteile und kann den Bewusstseinsgrad des Fastens durchaus erhöhen, wenn eben nicht aus dem Gefühl der Verpflichtung heraus gefastet wird. In der Breite ist die Folge jedoch eher, dass das Fasten nicht sonderlich weit verbreitet ist und in Form und Konsequenz sehr stark der Mode unterliegt.[9] Die katholische Kirche kennt an dieser Stelle noch verbindlichere Regelungen.[10] Für Muslime gilt das Fasten im Ramadan gemeinhin als eine der 5 Säulen, also bis auf bestimmte geregelte Ausnahmen als unverhandelbar und ist so für praktisch jeden Muslim und jede Muslima Pflicht. Auch dieser Punkt kann Anregung für Christen sein, Mt 9,15 ernster zu nehmen.

Ein Nebeneinander der Möglichkeiten, interkonfessionell und interreligiös

Auch der Islam kennt konfessionelle Spaltung. Jedoch kennt er zumindest innerhalb des sunnitischen Islams das interessante Konzept der Rechtsschulen, die als vier gleichberechtigt nebeneinander stehende Lesarten des Glaubens existieren. Im christlichen Kontext überwiegt das Konzept der Konfession, das häufig mit einem absoluten Wahrheitsanspruch einhergeht. Abweichende Deutungen können im Idealfall toleriert werden. Dabei ist der Gedanke des gleichberechtigten Nebeneinanders verschiedener Lesarten des Glaubens in der christlichen Überlieferung strukturell fest verankert. Interessanterweise begegnet uns an dieser Stelle in beiden Religionen die Zahl „4“. Es sind vier sunnitische Rechtsschulen, die nebeneinander existieren, wie auch uns vier inhaltlich verschiedene Evangelien überliefert sind, die gleichberechtigt nebeneinander stehen. Die Evangelien zeigen uns sehr schön, dass verschiedene und teils sogar widersprüchliche Traditionen miteinander existieren können und offenbar sogar sollen. Ein absoluter Wahrheitsanspruch eines Evangeliums scheitert an der Überlieferung der Anderen. Vielmehr eröffnet sich zwischen den Evangelien ein Spannungsfeld gleichberechtigter Überlieferung, dass es auszuhalten, zu deuten und vor allem wertzuschätzen gilt.

„Für jeden von euch … haben wir … einen eigenen Weg bestimmt.“

Ähnliches gilt auch für den interreligiösen Bereich, und es ist ein Koranvers (5,48), in dem uns dieses Prinzip so wunderbar erklärt wird: „[…] Für jeden von euch (die ihr verschiedenen Bekenntnissen angehört) haben wir ein (eigenes) Brauchtum (?) und einen (eigenen) Weg bestimmt. Und wenn Gott gewollt hätte, hätte er euch zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Aber er (teilte euch in verschiedene Gemeinschaften auf und) wollte euch (so) in dem, was er euch (d.h. jeder Gruppe von euch) (von der Offenbarung) gegeben hat, auf die Probe stellen. Wetteifert nun nach den guten Dingen! Zu Gott werdet ihr (dereinst) allesamt zurückkehren. Und dann wird er euch Kunde geben über das, worüber ihr (im Diesseits) uneins waret.“ (Übers. R. Paret.).
Ich möchte noch erwähnen, dass ein ähnlicher Artikel aus muslimischer Perspektive auf christliche Überlieferung, Praxis und Theologie für mich von großen Interesse wäre. Zum Abschluss dieser Zeilen soll noch etwas Leichtes stehen. Es gehört zur Sunna Muhammads, zu lächeln, und auch uns ist überliefert: „Ein freundliches Antlitz erfreut das Herz; eine gute Botschaft labt das Gebein.“ (Spr 15,30) An dieser Stelle haben sicherlich alle gleichermaßen ebenso zielstrebig wie unverkrampft sich zu üben.

[1] Einen herzlichen Dank an dieser Stelle an Herrn Tarek El-Sourani, von dem ich dieses Bild übernommen habe.

[2] Andere Stellen sind beispielsweise: Joh 20,19: „[…] kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!“ (kurz darauf noch mal in Joh 20,21 und 26). Und schon David ließ auf diese Weise grüßen: „Und sprecht zu meinem Bruder: Friede sei mit dir und deinem Hause und mit allem, was du hast!“ (1Sam 25,6)

[3] Ob der Friedensgruß gegenüber allen Menschen oder nur bestimmten Gruppen angemessen wäre, ist ein Thema für sich.

[4] „Und sag ja nicht im Hinblick auf etwas (was du vorhast): Ich werde dies morgen tun | ohne (hinzuzufügen) wenn Gott will ! Und gedenke deines Herrn, wenn du vergißt (oder: vergessen hast?) (dies hinzuzufügen?) und sag: Vielleicht wird mich mein Herr (künftig) zu etwas leiten, was eher richtig ist als dies (d.h. als meine vorherige Handlungsweise)!“ (Übers. R.Paret).

[5] Hier ist vor allem Jak 4,13ff zu nennen: „Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen -, | und wisst nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet. | Dagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“

[6] Weitere Beispiele in diese Richtung wären ‚Vergelt‘s Gott!‘ oder ‚Gott sei Dank!‘.

[7] Unsere Überlieferung von Jesus wiederholt ja auch nicht das komplette Gesetz, sondern sagt uns nur, was sich ändern soll beziehungsweise wie das Gesetz zu verstehen ist.

[8] Beispiele für die verschiedenen Übersetzungen des Wortes ‚προσκυνέω‘ sind: Mt 4,8-10: „Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit | und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest [προσκυνησης]. | Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13): »Du sollst anbeten [προσκυνησεις] den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.«“ Mt 20,20: „Da trat zu ihm die Mutter der Söhne des Zebedäus mit ihren Söhnen, fiel vor ihm nieder [προσκυνουσα] und wollte ihn um etwas bitten.“

[9] „Heutzutage ist Fasten durchaus im Trend, wenngleich sich heute damit die Überlegung verbindet, bewusst auf Annehmlichkeiten des täglichen Lebens zu verzichten. In der evangelischen Kirche verzeichnet die Fastenaktion „7 Wochen ohne“ alljährlich mehr Zulauf. Dabei geht es um den zeitweisen Verzicht auf Alkohol, Fernsehen, Süßigkeiten, Rauchen, Autofahren, Sex u. a. m.“ https://www.ekd.de/glauben/abc/fasten.html (25.05.2016 20:20)

[10] Mein Einblick in die katholische Praxis allerdings ist als Protestant im Osten Deutschlands mit weitgehend säkularem Umfeld nur sehr begrenzt.

Autor: Martin Klose studiert Theologie und Ethnologie, sowie Hörfunk im Master in Halle und Leipzig

Beitragsbild: http://www.schweiklberg.de/images/2014-04-18-karfreitag/2014-04-18-pater-matthias-abt-rhabanus-pater-matthus-bei-der-prostratio-3.jpg

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