Leserbrief: zu Anneliese Hecht, „Vom Brotbrechen zum Steh-Imbiss?“

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Anneliese Hecht bezeichnet den Kommunionempfang bei feinschwarz.net als einen Steh-Imbiss. Jiri Georg Kohl schließt eine Response an: Solange der Kommunionempfang als eine intime, private Vereinigung mit Jesus Christus betrachtet wird, wird sich daran nichts ändern können.

Eucharistiefeier ist nicht nur Herrenmahl

Leserbrief zu:

Vom Brotbrechen zum Steh-Imbiss?

Der Kommuniongang und die Kommunionausteilung in der jetzigen katholischen Eucharistiefeier sind von der Ausgestaltung her unterentwickelt und sie laufen deshalb meist unwürdig ab. Der Ablauf entspricht mehr einer Kundenabfertigung am kalten Buffet als einem gemeinsamen Mahl. Die Art ‚Schlange stehen‘ ist aber erst nach der Liturgiereform in späten 1960er Jahren entstanden. Davor kniete man an der Kommunionbank. Beides entspricht sicher nicht einem feierlichen Mahl, was die Kommunion sein sollte.

Es ist jedoch zu bedenken, dass die Eucharistiefeier heute – nach einer zweitausendjährigen Geschichte – neben der Deutung ‚Herrenmahl‘ noch weitere Deutungen und Ausrichtungen besitzt. Diese wurden in verschiedenen Epochen der Vergangenheit unterschiedlich betont und dementsprechend dazu wurden auch weitere Hochgebetsteile formuliert.

Herrenmahl im antiken römischen Reich

Schon in apostolischer Zeit wurde ein Unterschied zwischen einem gemeinsamen Mahl als Sättigungsmahl und dem Herrenmahl gemacht. Das bezeugt uns Apostel Paulus im ersten Korintherbrief (1 Kor 11,17-34).

Nach der Konstantinischen Wende im 4. Jahrhundert wurde das Herrenmahl nicht mehr als Brotbrechen in den privaten Räumen der vermögenden Christinnen oder Christen sondern in den öffentlichen Räumen gehalten. Das bedeutete, die christliche gottesdienstliche Versammlung auch einen öffentlichen Charakter und eine feste Ordnung mit offiziellen Gebeten bekommen hat. Nachdem das Christentum in antikem römischem Reich zur Staatsreligion geworden ist, war der christliche Gottesdienst zu einem das Reich stützenden Zeremoniell geworden. Konsequenterweise enthielt solcher Gottesdienst dann auch eine Opferdarbringung, mindestens ansatzweise, und einen Opferdarbringer, das heißt einen Priester.

Mit der Ausbreitung des Christentums in West- und Mitteleuropa kam die gesellschaftliche Strukturierung in das Adel und die Gemeine einher. Innerhalb der Kirche entsprach dem die Unterscheidung zwischen Klerus und Laien. Der Gottesdienst – im kirchlichen Latein gehalten – war Sache der Kleriker, die Laien hörten nur zu. Die romanischen und gotischen Kirchen verfügten über einen Lettner, der den Klerus und die Laien voneinander trennte. Klerus hat die Liturgie hinter dem Lettner vollzogen, die Laien haben dem Geschehen vor dem Lettner – so gut es nur ging – zugehört und – soweit es irgendwie möglich war – auch zugeschaut.

Eucharistiefeier im Mittelalter

Im Mittelalter wurde auf die Frage: „Wann wird aus dem Brot der Leib und aus dem Wein das Blut Christi?“ die eindeutige Antwort gegeben: Während der Zelebrierende (Priester, Bischof) die Einsetzungsworte spricht. Seit dem wird dieser Teil der Liturgie als die Wandlung bezeichnet und dem Leib und Blut Christi eine besondere Verehrung gewidmet. Mit dieser eucharistischen Frömmigkeit kam jedoch ein Umdenken einher. Die Wandlung wurde als der Kern und die wichtigste Sache betrachtet, zumal es im mittelalterlichen Denken mit einer fast materialistischen Vorstellung von der dabei reichlich sprießenden Gnade Gottes verbunden war. Die Kommunion und die Teilnahme daran haben in Augen der mittelalterlichen Christen an Bedeutung verloren. Außerdem haben sich viele als unwürdig gesehen, den Leib Christi zu empfangen und zu essen. Weil das Blut Christi schon längere Zeit nur der Priester kommunizierte, hat man auch den Leib nur ihm überlassen. Dadurch wurde das Verständnis für Eucharistie verändert. Man sah es nicht mehr als Herrenmahl sondern als fromme Zeremonie, in der eine Begegnung mit Wort und Sakrament geschieht und bei der die Gnade Gottes reichlich sprudelt. Die konnte man auch Nichtanwesenden widmen.

Reformation und Tridentinum

Mit der Reformation kam einerseits die Wiedereinführung des Kelches in den Gottesdienst und anderseits die Neueinführung des Volksgesangs. Die Trennung in Klerus und Laien wurde abgeschafft. Damit war aber auch verbunden, dass man für jeden Sonn- und Feiertag den Wortgottesdienst veranstaltet hat, während das Herrenmahl viel seltener gefeiert wurde. In jeder reformatorischen Landeskirche ist die Gestaltung des Gottesdienstes ein wenig anders, aber sie wird getragen von dem allgemeinen und gemeinsamen Priestertums aller Glaubenden.

Nachreformatorische Katholische Kirche hat die Liturgie nach dem Konzil zu Trident neu geordnet und mit absolut verbindlichen Vorschriften ausgestattet. Die sog. tridentinische Liturgie prägte das Erscheinungsbild der katholischen Kirche bis in die späten 1960er Jahre. Für die Eucharistiefeier wurde die Bezeichnung ‚Heilige Messe‘ benutzt und die Bedeutung von Kommunion der versammelten Gottesdienstgemeinde ist derart abgeschwächt worden, dass daraus nur eine Option geworden ist. Das Herrenmahl mit Brot und Kelch fand nur im Kreis der Kleriker statt.

Seit 1555 gibt es unter den Kirchengeboten auch die Verpflichtung, am Sonntag und kirchlichen Feiertag einer ‚Heiligen Messe‘ beizuwohnen („Sonntagsgebot“). Das war Anlass zum Nachfragen, bei welchem Teil der Messe dieses ‚Beiwohnen‘ unbedingt beginnen muss und bei welchem es beendet werden kann, damit man das Sonntagsgebot als erfüllt gelte. Es bestand die Vorstellung, die Anwesenheit ab der Gabenbereitung bis zur Kommunion des Priesters dafür ausreichend wäre.

Die inhaltliche Erinnerung an das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern wurde in der tridentinischen Messe sehr stark von der mittelalterlichen Deutung des gewaltsamen Todes Jesu als des riesigen Opfers zur Erlösung der Menschheit von Sünden verdeckt. Die entsprechenden Hinweise für solche Deutung sind übrigens ebenfalls in den Einsetzungsworten enthalten.

Liturgiereform des Zweiten Vatikanum

Die Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil bedeutet vor allen Dingen eine geänderte Deutung der Anwesenheit von Nichtklerikern dabei. Die Laien sollen zusammen mit dem Klerus an der Eucharistiefeier teilnehmen und dabei auch Teilaufgaben übernehmen. Das wurde als „tätige Teilnahme“ treffend bezeichnet. Dazu wurde das Latein als allein mögliche Gottesdienstsprache zugunsten von Nationalsprachen aufgegeben. Aus der tridentinischen Messe ist die Eucharistiefeier geworden, in der neben dem Presbyter auch die Lektoren, Kommunionhelfern und Kantoren beiderlei Geschlechts ihre Dienste verrichten.

Der Ablauf der in der Liturgiereform veränderten Eucharistiefeier ist jedoch im Wesentlichen unverändert geblieben. Die tätige Teilnahme aller Anwesenden sollte den Teil der Verkündigung – den Wortgottesdienst – genauso betreffen wie den Teil, in dem es um die Erinnerung an das Leben, den Tod und die Auferstehung Jesu Christi geht. Dieser Teil gruppiert sich um die Einsetzung der Eucharistie, des Herrenmahls. Das bedeutet, dass zwischen den Einsetzungsworten und der Kommunion sehr wertvolle alte Gebete gesprochen werden, die unter anderem die Gemeinschaft der Jüngerinnen und Jünger Christi in der ganzen Welt und deren Verbundenheit mit der anwesenden Gemeindeversammlung heraufbeschwören.

In dieser kurzen Übersicht wurde es dazustellen versucht, dass das apostolische Herrenmahl im Laufe der Zeit um weitere Deutungen angereichert wurde:

  • Opferdarbringung für den Staat und die staatliche Gemeinschaft in der Erinnerung an die Hingabe Jesu Christi.
  • Pflichtübung des Katholiken, der die kirchliche Anordnung erfüllt: An Sonntag und kirchlichem Feiertag die heilige Messe besuchen.
  • Teilnahme an der Verwandlung des vorgelegten Brotes und des Weines im Kelch in Leib und Blut des Herrn, was mit der Ausgießung der unendlichen Gnade Gottes einhergeht.
  • Verehrung und Anbetung hauptsächlich des zum Leib verwandelten Brotes verbunden mit der entsprechenden Sorgfalt bei der Aufbewahrung der bei der gottesdienstlicher Feier nicht verbrauchten Reste davon.
  • Verzehren des Leibes Christi bzw. Trinken des Blutes Christi und damit verbundene Teilhabe sowohl am Schicksal als auch am Auferstehung Jesu. Diese Deutung wurde jedoch überwiegend individuell und privat gesehen und nicht mehr als die Gemeinschaft derjenigen, die Teil des gebrochenen Brotes zu sich nehmen und ein Schluck Wein aus dem gemeinsamen Kelch trinken, mit dem Herren des Mahles und untereinander verstanden und wahrgenommen wird. Es wird dagegen betont, der Herr Jesus sei bei dem Kommunikanten individuell anwesend.

Das führte jedoch zu dem heutigen Stand der Dinge, bei dem die Kommunion des Volkes nicht mehr als der Gipfel der Feier versanden und praktiziert wird, sondern als ein Abschluss, der schnell über die Bühne gebracht werden muss. Dieser Zustand soll sich ändern, zumal es nicht nur unwürdig sei, sondern auch der „tätigen Teilnahme“ nicht entspreche.

Wiedereinführung des würdigen Herrenmahls

Das Herrenmahl, die Kommunion ist eine Vereinigung mit Jesus Christus und das Bilden einer Gemeinschaft mit ihm, aber auch der Gemeinschaft der Mahl- oder Kommunion-Teilnehmer untereinander. Bei unbefriedigendem Ablauf der ‚Kommunionausteilung‘ fehlt vermutlich bei den Eucharistieteilnehmern dieses Herrenmahlverständnis. Anneliese Hecht bezeichnet den Kommunionempfang als ein Steh-Imbiss, wo man nach einem ‚Schlange stehen‘ schnell abgefertigt wird. Vergeblich sucht man beim Betrachten solchen Szenarios eine Verbindung zu dem biblisch bezeugten Brotbrechen und zum Herrenmahl der ersten Christen.

Sollte sich bei dem Ablauf der Kommunion innerhalb der Eucharistiefeier etwas ändern, müsste das Verständnis dafür modifiziert werden. Solange der Kommunionempfang als eine intime, private Vereinigung mit Jesus Christus betrachtet wird, wird sich nichts ändern können. Jesus selbst hat eine große Bedeutung dem gemeinsamen Essen des einen geteilten Brotes und dem Trinken aus einem gemeinsamen Kelch gegeben. Das war für ihn wirksames Zeichen der Gemeinschaft. Somit ist die Vereinigung des einen Kommunizierenden mit Jesus Christus notwendigerweise auch eine Vereinigung mit den anderen Kommunizierenden. Die ganze Gemeinde wird dadurch zu Leib und Blut, das heißt zu dem ganzen Herrn. Das ist die Gegenwart Jesu Christi, die bei jedem Herrenmahl immer neu geschieht. Also nicht nur die eucharistischen Gaben sondern auch die versammelte Gemeinde sind der vergegenwärtigte Christus. Das kann und soll bei der Kommunionausteilung sichtbar und erlebbar machen.

Dieses „Sichtbar-und-erlebbar-Machen“ soll jedoch die jeweils versammelte Gottesdienstgemeinde mittragen. Das setzt also eine gründliche theologische Bildung voraus. Die praktische Durchführung einer gemeinschaftlichen Kommunionausteilung muss auch die Anzahl der Gottesdienstteilnehmer berücksichtigen. Denn nur eine überschaubare Gruppe ermöglicht das erwähnte „Sichtbar-und-erlebbar-Machen“.

Konkretes Beispiel

Aus eigener Erfahrung und eigenem Erleben berichte ich hier, wie ich das Abendmahl in den Gemeinden der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau erleben dürfte. Nach den Einsetzungsworten und dem Gebet „Lamm Gottes“ lädt die liturgieleitende Person die Gottesdienstteilnehmer dazu, sich im Altarraum aufzustellen und einen Kreis zu bilden. In diesem Kreis wird erst das Brot verteilt – jedem auf die Hand gegeben. Dann wird auch der Wein jedem aus einem Kelch zum Trinken gegeben. (Je nach Anzahl der Gottesdienstteilnehmer werden mehrerer Kelche gefüllt und verwendet.) Anschließend fassen sich alle im Kreis an den Händen und die liturgieleitende Person, die auch in diesem Menschenkreis ist, entlässt die Runde mit einem biblischen Spruch. Dabei schaut sich jeder in der Runde seinen Nachbarn links und rechts an, um sich der Gemeinschaft bewusst zu werden. Danach wird die nächste Runde – je nach der Gesamtzahl der Gottesdienstteilnehmer – im Altarraum gebildet. Mit jeder Runde erfolgt das Gleiche. Nachdem alle am Abendmahl teilgenommen haben, wird ein Dankgebet gesprochen.

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Leserbrief von Jiri Georg Kohl (*1940), Mathematiker, Informatiker und kath. Theologe.

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