Maria stirbt. Und was daraus geworden ist.

Der Tod eines nahen Menschen macht sprachlos. Bilder und Legenden können helfen, wieder Worte zu finden. Franziska Loretan-Saladin versucht die Legende vom Sterben Mariens und das Fest Maria Himmelfahrt daraufhin zu lesen.

Eines meiner liebsten Altarbilder in der Luzerner Kirche St. Leodegar im Hof („Hofkirche“) ist das Relief des Maria-End-Altars. Um das Sterben und den Tod Mariens bildeten sich schon bald Legenden, und immer wieder wählten Künstler das Motiv für ihre Werke. Dass um das Jahr 1500 ein solches Bild entstand, verwundert nicht. In dieser Zeit war der Tod durch Pest und Erdbeben, durch Krankheiten und Hexenprozesse fast allgegenwärtig.

Die Darstellung des Marientodes lehnt sich an folgende Erzählung an:

Der einsam wohnenden Maria erscheint ein Engel mit leuchtendem Palmzweig und verkündet ihr den Tod. Sie bittet, dass die Apostel zugegen sein möchten. Von Wolken herbeigetragen, einem innerlichen Rufe gefolgt, umstehen sie das Lager der Sterbenden; Christus nimmt die kleine Seelengestalt der Entschlafenen in den Arm.[1]

Der Elsässer Künstler Martin Schongauer hat 1475 in einem Kupferstich die „Dormitio“-Szene mit liturgischen Elementen bereichert. Die Apostel haben viel zu tun: Einer hält eine Sterbekerze, ein anderer schwingt das Weihrauchfass, ein dritter liest aus einem aufgeschlagenen Buch die Sterbegebete.

 christliche Sterbebegleitung

Dies alles ist auch auf dem Altarbild der Hofkirche dargestellt: Beinahe festlich wirkt die Szene, da Künstler und Stifter mit Gold nicht gespart haben. Aufrecht, bildschön, noch recht jugendlich liegt, ja, sitzt Maria vielmehr mit geschlossenen Augen auf ihrem üppig mit goldenen Decken und gestreiften Kissen ausgestatteten Lager. Um sie herum vor einem goldenen Vorhang mit kostbaren Quasten stehen und knien die 12 Apostel mit Kerze, Kreuz, Weihrauch, Weihwasser und Gebetbüchern. 20160728_190219_resized_2 (2)Auch hier liest einer der Apostel aus einem aufgeschlagenen Buch – sogar ein Zwicker ist zu entdecken. Die andern haben die Augen andächtig geschlossen oder blicken in innerer Versenkung in die Weite. Einer von ihnen – ich denke es ist Johannes – hält Maria liebevoll die Hand.
Was hier so menschlich und durchaus sehr kirchlich kunstvoll gestaltet wurde, sollte wohl auch als Beispiel dienen, wie christliche Sterbebegleitung aussehen könnte. Der Tod von Maria wird quasi in das eigene Sterbezimmer hereingeholt und mit ihm die Hoffnung, auch die oder der Sterbende hier werde von den Armen Christi umfangen. Wenn uns auch die vielen liturgischen Rituale am Sterbebett irritieren mögen, dass die Familie oder die engsten Freunde versammelt sind in dieser Stunde, berührt mich.

 zur Königin des Himmels erhoben

Mit dem Tod Mariens ist ihre Karriere in der katholischen Kirche aber nicht zu Ende. Schon in früher Zeit konkretisierte die Kirche den Glauben an die Auferstehung Christi auf Maria hin. Was Glaubende für alle Verstorbenen und einmal für sich selbst erhofften[2], liess sich von Maria beispielhaft aussagen. In manchen Darstellungen der Dormitio kommt Christus, von Engeln begleitet, Maria aus den Himmelsräumen entgegen und nimmt ihre „Seele“ – dargestellt als kleine Marienfigur – in Empfang. Seit früher Zeit geglaubt und vielfältig dargestellt, wurde „Mariä Aufnahme in den Himmel“ im Jahr 1950 von Papst Pius XII. zum Dogma erklärt. Die Hintergründe und Absichten dieses letzten Mariendogmas sind vielfältig. Biblisch und theologisch steht das Dogma auf wackeligen Beinen. Die protestantische Welt war schockiert. Und es ist tatsächlich ein abenteuerlicher Weg, den Maria, die als junge Frau in einem Stall ein Kind zur Welt brachte, zurückgelegt hatte, bis sie zur Königin des Himmels erhoben wurde.

jüdisches Sterbegebet

Näher als die dogmatische Vorstellung der Himmelskönigin ist mir eine jüdische Tradition, die eine erstaunliche Nähe zur Marientod-Legende hat. Im jüdischen Gebetbuch „Sefer Hachajim“ findet sich ein Sterbegebet, das Maria vor ihrem Tod selber gesprochen haben könnte.

Gott Israels, in deiner Hand ist der Atem aller Lebendigen und der Geist jedes Menschen. Nun ist der Augenblick gekommen, in welchem ich meine Seele, die du mir gegeben, dir wieder zurückgeben soll. Nimm du selbst sie von mir, dass sie wie vom Kusse reiner Liebe berührt, heiter dahinscheide und die Vorstellung von einem Todesengel mich nicht ängstige, nicht schrecke. Nimm mich auf im Schutze deiner Allmacht, dass ich im Schatten deiner Flügel geborgen sei. Lass meinen Leib und meine Seele stets deine Gnade und deine Treue erfahren. Engel der Barmherzigkeit sollen meine Seele aufnehmen und begleitet von den verklärten Seelen der Frommen, sie ins himmlische Eden bringen. Meinem Leibe werde ungestörte Ruhe im Grabe, bis dein Ruf ihn zur Auferstehung erwecken wird.[3]

In der Zeit nach dem Tod meiner Mutter vor 15 Jahren, war mir dieser Text sehr nahe. Und auch jetzt, wenn ich an einem offenen Grab stehe, wird mein Glaube an ein Leben nach dem Tod je neu auf die Probe gestellt. Die Texte der Beerdigungsliturgie mögen Trost schenken, die gemeinsam gesungenen Lieder in diesem Moment tragen. Doch die unumkehrbare Realität, dass der Leib dieses geliebten Menschen nun in die Erde sinkt, nie mehr gehalten und liebkost werden kann, bleibt eine offene Wunde. Das Lachen und Weinen, die Träume und der besondere Charakter eines Menschen sind nur durch dessen leibliche Anwesenheit erfahrbar. Erinnerungen mögen das eine und andere wachhalten, verbinden sich aber mehr und mehr mit der eigenen Biografie und Identitätsbildung.

Maria wird wohl staunen darüber, was aus ihr im Laufe der Jahre und Jahrhunderte nach ihrem Tod geworden ist, was ihr zugeschrieben und angedichtet wurde, mit welchen Interessen von glaubenden Menschen und kirchlichen Machthabern. Ihr erhabenes Thronen im Himmel beisst sich für mich mit dem revolutionären Lied, das die junge schwangere Frau gesungen hat: „Gott hat Mächtige von den Thronen gestürzt und Erniedrigte erhöht, Hungernde mit Gutem gefüllt und Reiche leer weggeschickt.“ (Lk 1,52f) Dass dieser prophetische Ton auch im Himmel erklingt, gefällt mir aber sehr. Möge er weitherum in den Ohren und Herzen nachhallen, allem voran hier auf der Erde.

[1] Legende vom Hinübergang der Jungfrau Maria, Bischof Melito von Sardes († um 180) als Verfasser zugeschrieben. Zusammenfassung nach: Reclams Lexikon der Heiligen und biblischen Gestalten, Stuttgart, 6. Aufl. 1987, 399-400.

[2] Vgl. Eph 2,5-6: „Gott aber, reich an Erbarmen, wegen ihrer grossen Liebe, mit der sie uns liebte, hat uns, auch als wir durch Übertretungen tot waren, mit Christus lebendig gemacht. Durch Gnade seid ihr gerettet. Gott hat uns mit ihm auferweckt und in die Himmelsräume bei Christus Jesus eingesetzt.“ (Übersetzung: BigS)

[3] Zitat bei Christa Schaffer, Aufgenommen ist Maria in den Himmel. Vom Heimgang der Gottesmutter in Legende, Theologie und liturgischer Kunst der Frühzeit, Regensburg 1985, 11.

Text und Fotos:
Franziska Loretan-Saladin, Theologin und Mitglied des Redaktionsteams von feinschwarz.net. Sie arbeitet u.a. als Lehrbeauftragte für Homiletik an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern

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