Minimalistisch glauben. Eine Spiritualität für das 21. Jahrhundert

Sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, ist ein Merkmal der Kunst. In der minimalistischen Spiritualität der Wüstenväter und -mütter findet Uwe Habenicht Impulse für einen sorgsamen Lebensstil.[0]

So ganz genau kann ich nicht sagen, wann mich diese Faszination gepackt hat. Wahrscheinlich als ich noch Jugendlicher war. Und doch erinnere ich mich noch genau an die erste Begegnung: Plötzlich stand ich vor ihr und konnte den Blick gar nicht mehr abwenden. Wie ist es möglich, fast alles wegzulassen und dennoch das Wesentliche zu zeigen? Oder ist es gerade andersherum: Das Wesentliche zeigt sich erst, wenn man fast alles andere weglässt?

Diese Fragen stellen sich mir seit meiner damaligen Begegnung mit einer Skulptur von Alberto Giacometti, dem im Paris arbeitenden Künstler, der seine stehenden und schreitenden Skulpturen immer mehr und immer mehr aufs Minimum reduzierte und ihnen damit eine Faszination verlieh, der sich auch heutige Betrachtende kaum entziehen können.

Zeigt sich das Wesentliche durch Weglassen?

Zeigt sich das Wesentliche, verstanden als das Elementare und Tragende, wirklich erst durch Weglassen und Aussparen? Und gilt das ebenso für den Glauben und alle Glaubenspraxis? Ist minimalistische Spiritualität ein Weg, das Überflüssige, den materiellen Speck von den Schultern und den immateriellen Speck von der Seele zu bekommen, damit sich das darunter Verborgene zeigen kann?

Wer sich auf die Suche nach Modellen und Beispielen begibt, die Hinweise auf die Beantwortung dieser Fragen geben könnten, muss ziemlich tief in die Geschichte der christlichen Glaubensbewegungen eintauchen. Bis zurück ins IV. Jahrhundert müsste die Spurensuche gehen und schliesslich bei den Wüstenvätern und -müttern in der abgelegenen ägyptischen Wüste ans Ziel kommen. Diese Männer und Frauen hatten den Städten und Dörfern den Rücken gekehrt und waren in die ungastliche Wüste gezogen, um mit Gott allein zu sein. Sie verkörpern meines Erachtens das, was wir heute unter Minimalisten und Minimalistinnen verstehen, und zwar in materieller und in geistlicher Hinsicht.
«Ich und Gott allein»[1] – dieses Motto aus einem Väterspruch könnte wohl als Überschrift für die Bewegung der Wüsteneremiten fungieren. Denn nichts zeichnet diese Bewegung so sehr aus wie ihre radikale Suche nach der Gottesgegenwart, die sie durch die Reduzierung auf das Notwendigste erstrebten.

„Ich und Gott allein.“

«Geh in dein Kellion und dein Kellion wird dich alles lehren.»[2] Das von einer kleinen Mauer umgebene kleine Gärtchen mit dem Kellion, eine Art Lehmhütte, bildete das Zentrum dieser Lebensform. Hier arbeiteten die Wüstenmütter und -väter, flochten Seile und Körbe, bearbeiteten ihre kleinen Gemüsegärten, hier übten sie sich aber vor allem in der «Gottesruhe» und im meditierenden Sitzen. Die «Melete», das Meditieren kurzer einfacher Worte aus der Heiligen Schrift, bildete ihre Hauptbeschäftigung. Der Sammlung der Sprüche der Väter (Apophthegmata patrum) ist als grundlegendes Muster eine Begebenheit aus dem Leben des Heiligen Antonius vorangestellt, in der die Haupttätigkeiten der Eremiten beispielhaft dargestellt ist:

«Er sass da und arbeitete, stand dann von der Arbeit auf und betete, setzte sich wieder und flocht an einem Seil, erhob sich dann abermals zum Beten.» (Antonius 1)[3]

Minimalistisch waren die Wüstenväter- und -mütter aber nicht nur in materieller Hinsicht. Auch ihre Art zu beten spiegelt einen minimalistischen Grundansatz, denn sie meditierten nicht ganze biblische Geschichten, sondern nur einzelne kurze biblische Sätze, die sie immer wieder wiederholten. Im Kleinsten suchten sie das Ganze zu fassen.

Minmalistisch beten

Selbst in ihrer Bereitschaft, anderen einen Weg zum Heil zu zeigen, waren sie minimalistisch, so die Apophthegmata. Immer wieder wird davon berichtet, wie Hilfesuchende von den Vätern und Müttern abgewiesen wurden: «Ein Bruder sagte zum Abbas Theodor: ’Sag mir ein Wort, weil ich (sonst) zu grunde gehe!’ Mit Mühe erwiderte er ihm: ’Ich bin selbst in Gefahr, was kann ich dir sagen?’» (Theodor 287)[4]

Der Wunsch nach Reduktion auf das Essenzielle betraf also auch das Weitergeben von Wissen und Erkenntnis. Missionarische Impulse waren ihnen gänzlich fremd. Sie wollten und mussten niemanden von etwas überzeugen. Unterschiedliches durfte nebeneinander stehen. Vielmehr zeichnen sich die Wüsteneremiten durch eine ungeheure innere Freiheit und Autonomie aus. Zwar traf man sich wöchentlich zum gemeinsamen Gottesdienst mit Eucharistie und Agapemahl, zwar kümmerte man sich auch um die Kranken und tauschte sonntags Erfahrungen aus, aber in ihrem Alltag und ihrer Glaubenspraxis waren die einzelnen frei und autonom. Keine kirchlichen Dogmen oder andere Vorschriften und Gebote schoben sich zwischen sie und ihren je eigenen Glaubensstil.[5] Die Wüstenväter und -mütter waren heilige Akrobaten, bei denen sich Glaube und Glaubenspraxis zu einem unverwechselbaren und selbstverantworteten minimalistischen Glaubensstil verbanden.

heilige Akrobaten

Wenn wir heute danach fragen, wie eine tragfähige Spiritualität für das 21. Jahrhundert aussehen könnte, fallen mir zuerst diese kauzigen Minimalistinnen und Minimalisten ein. Gerade ihr reduktiver Lebensstil könnte für die heutige Zeit Modell stehen. Denn wir wissen ja, dass unser expansiver Lebensstil keine Zukunft hat und wir eine neue Kultur im Umgang mit den Dingen entwickeln müssen.[6] Der Minimalismus als Lebensstil liefert dafür hilfreiche Anregungen, verliert sich allerdings leicht im blossen Zählen nach dem Motto: Je weniger Dinge ich besitze, desto besser.
In der minimalistischen Spiritualität bilden die Fülle des Festes und die Gastfreundschaft ein Gegengewicht zum blossen Reduzieren. Minimalistische Spiritualität als Lebensstil verwandelt das Leben (wieder?) in ein Abenteuer, verleiht durch Geduld, Disziplin und Leidenschaft der Sehnsucht Form und Tiefe.

Üben, Experimentieren

Besonders der Übung kommt innerhalb der minimalistischen Spiritualität eine wichtige Rolle zu. Täglich zum Beispiel einen Ort in der Natur aufsuchen und sich dort darin üben, zu hören und zu sehen, was drumherum geschieht, und Worte dafür zu finden. Oder auch gehend einzelne Verse aus der Bibel meditieren, indem diese variiert, verkürzt oder auch mit ganz anderen Worten ausgedrückt werden. Martin Luther hat eine – leider in Vergessenheit geratene – tägliche Meditationsform vorgeschlagen, in der Einzelstücke aus der Tradition in vierfacher Weise meditiert werden können.[7] Der Langeweile und dem Überdruss am Zuviel setzt das Üben die Aufmerksamkeit entgegen, den einzelnen Dingen Wert und Zeit zu schenken. Dinge, die achtlos gebraucht und dann weggeworfen werden, bekommen wieder eine Geschichte, die sich mit unserer Lebensgeschichte verbindet.[8] So kommt minimalistische Spiritualität dem spätmodernen Wunsch nach einem singulären und unverwechselbaren Lebensstil entgegen, der durch einen bestimmten Umgang mit den Dingen entsteht.[9]  Das Experimentieren, das Versuchen und Ausprobieren[10], wie es mit weniger besser und gastlicher zugehen könnte, wird zum erfüllenden Abenteuer, in dessen Nischen Gott uns entgegen lacht.

[0] Vgl. zum Folgenden: Uwe Habenicht, Leben mit leichtem Gepäck. Eine minimalistsiche Spiritualität, Würzburg 2018.

[1] «Der Altvater Alonius sagte: «Wenn der Mensch nicht in seinem Herzen spricht: Ich und Gott allein sind in der Welt – dann kommt er nicht zur Ruhe.» (Abbas Alonius 144) zit. Nach: Weisung der Väter. Apophthegmata patrum, übersetzt von Bonifanz Miller, 3. Auflage,  Trier 1986, 60.

[2] «Ein Bruder kam in die Sketis zum Altvater Moses und begehrte ein Wort von ihm. Der Greis sagte zu ihm: Fort, geh in dein Kellion und setzt dich nieder, und das Kellion wird dich alles lehren.» (Abbas Moses 500), a.a.O., 180.

[3] A.a.O., 15.

[4] A.a.O., 105.

[5] «Der Abbas Theodor von Pherme sprach: ’Ein Mensch, der in der Umkehr (Busse) steht, ist an kein Gebot gebunden.’» (Theodor 279), a.a.O., 104.

[6] Dass nichts so schwierig ist wie der richtige Umgang mit den Dingen, zeigt die umfangreiche Studie von Frank Trentmann, Die Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute, München 2017.

[7] Vgl. dazu die konkreten Hinweise: Uwe Habenicht, Leben mit leichtem Gepäck, 135ff.

[8] Vgl. dazu: Bernd Sommer/Harald Welzer: Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne, München 2017.

[9] «Es steht ausser Frage, dass sich dieses Selbst nicht im Rückzug auf ein Innen oder gegen die Welt, sondern erst im Umgang mit der Welt verwirklicht: Was ich eigentlich bin und wirklich will, erweist sich erst in meinen alltäglichen Praktiken, in dem, was ich für mich ausprobiere und gerne oder mit Leidenschaft tue.» Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, 5. Aufl. Berlin 2018, 291.

[10] «Das für die nachhaltige Moderne notwendige Wissen entsteht und erprobt sich im Entwerfen, Ausprobieren, Experimentieren, Prüfen, Austauschen, Generalisieren, erneut ansetzten usf. …» Harald Welzer, Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand, Frankfurt a.M. 2014.

Uwe Habenicht, Jahrgang 1969, verheiratet, 3 Kinder, tätig als Pfarrer in einer reformierten Kirchengemeinde in St. Gallen mit Schwerpunkt Jugendarbeit.
www.minimalistisch-unterwegs.jimdo.com. Hier findet sich auch eine Geschichte zum Leben mit leichtem Gepäck.

Bild: Alberto Giacometti, Skulpturen (Lousiana Art Museum) fotografiert von Luis Antonio Carrasco Gil [CreativeCommons-Lizenz unter: CC BY-SA 4.0]

Zum Weiterlesen:

Askese: Sühneritual der Konsumgesellschaft?

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