Mission als Krisenphänomen

Arnd Bünker interpretiert „Mission“ als Krisenphänomen. Missionarische Hochkonjunkturen stehen im Zusammenhang mit Modernisierungskrisen und zeigen die Kirchen als wandlungsfähige Akteurinnen.

Modernisierungsprozesse verändern die Spielregeln, nach denen eine Gesellschaft funktioniert. Veränderte Machtverhältnisse, neue technologische Möglichkeiten und Gewichtsverschiebungen bei Normen und Werten gehören dazu. Die Kirchen waren und sind durch solche Veränderungs- bzw. Modernisierungsprozesse ganz besonders herausgefordert. Einerseits sind sie nämlich selbst Handelnde im gesellschaftlichen Zusammenspiel. Auch die Kirchen müssen sich auf die neuen Regeln einlassen. Andererseits sahen oder sehen sie sich aber auch als Spielleiterinnen oder zumindest als Garantinnen für die Spielregeln, die sich jedoch mehr und mehr ihrer Macht und Deutungshoheit entziehen.

Modernisierungsprozesse verändern die Spielregeln, nach denen eine Gesellschaft funktioniert.

Die Kirchen begegnen der Modernisierung nicht nur passiv. Längst gibt es eine Geschichte ihrer aktiven Auseinandersetzung mit den verschiedenen Phasen der Moderne. Die Kirchen haben stets neue Strategien entwickelt, um sich in den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu behaupten. Nicht zufällig taucht dabei der Begriff der „Mission“ immer gerade dann auf, wenn die Zumutungen der Moderne für die Kirchen zu massiven Krisen ihres Selbstverständnisses und ihrer Rolle führten. Mission und Moderne gehören zusammen.

 

Frühmoderne, Reformation, Weltentdeckung

Im 16. Jahrhundert ereignete sich eine erste Megakrise der katholischen Kirche. Die Reformation(en) Luthers, Calvins und Zwinglis haben vielerorts und in kurzer Zeit eine offenbar innerlich marode Form des Christentums ersetzt, die bis dahin unhinterfragt und konkurrenzlos katholisch war.

Mission und Moderne gehören zusammen.

Damals hatten sich die gesellschaftlichen Spielregeln fundamental verändert. Gesellschaftliche Machtverhältnisse verschoben sich angesichts eines erstarkten Bürgertums, der Buchdruck führte zu einer beginnenden Demokratisierung des Wissens (gerade auch des religiösen Wissens) und die aus dem Mittelalter ererbten Formen der Frömmigkeit verloren an Glaubwürdigkeit. In der Folge haben Städte und Landesherren den „Wechsel der Religion“ oft schon nach kurzer Zeit des Wirkens evangelischer Prediger beschlossen. Offensichtlich passten die religiösen Spielregeln der Reformation besser in die neue Zeit, die man später „Frühmoderne“ nennen sollte.

Mission: katholische Antwort auf die Reformation

Erst die anschliessende katholische Reform bzw. die Gegenreformation beendete die Schockstarre der katholischen Kirche. Angesichts der Krise, die sie durchgemacht hatte, legte sie nun einen bemerkenswerten Neustart hin. Hier liegt die Geburtsstunde der Mission. Die Jesuiten, Spezialeinheit der katholischen Reform, wurde vom Papst mit der „Mission“ zur Rückgewinnung ehemals katholischer und nun an die Reformation verlorener Gebiete beauftragt. Die ersten „Missionsgebiete“ der Kirchengeschichte waren deutschsprachig. Mission sollte zur Krisenbewältigung beitragen: Begrenzung der Reformation und, wo möglich, Rückführung zum katholischen Glauben. Rückeroberung und Restauration haben sich seit seiner Geburtsstunde mit dem Missionsbegriff verbunden – ebenso wie der Hintergrund einer kirchlichen Krisenerfahrung.

Die ersten „Missionsgebiete“ der Kirchengeschichte waren deutschsprachig.

Ein zweiter Sitz im Leben war die „Welteroberung“, die durch modernisierte Formen der Seefahrt und der Navigation möglich wurde. Im 15. und im 16. Jahrhundert wuchs die bekannte Welt um ein Vielfaches: Amerika, Afrika und Asien kamen in den Blick und erschütterten das bis dahin noch europäisch gedachte Weltbild. Deutlich wurde: anders als seit altkirchlicher Zeit angenommen war ein grösserer Teil der Welt noch gar nicht christianisiert. In der Folge wurde so ziemlich jedes Mittel eingesetzt, um diesen Umstand zu verändern, den man im Übrigen schlicht für illegitim hielt. Die gewaltträchtige Mentalität der Reconquista, mit der die iberische Halbinsel gerade erst gegen Muslime und Juden (wieder) christianisiert wurde, setzte sich – Ausnahmen bestätigen die Regel – als Conquista in Amerika fort. Hier liegt die zweite Stossrichtung von Mission: Welteroberung mit allen Mitteln.

 

Industrielle Modernisierung, Kulturkampf, Fortschrittsdenken

„Evangelisation der Welt in dieser Generation“ hiess das Motto der später so genannten ersten Weltmissionskonferenz 1910 in Edinburgh. Diese Konferenz fand auf dem Höhepunkt der zweiten Hochkonjunkturphase der Mission statt, die mittlerweile Sache und Anliegen vieler Kirchen geworden war. Der Beginn dieser Phase liegt im 19. Jahrhundert.

Aus kirchlicher Sicht war das 19. Jahrhundert jedoch wiederum ein Jahrhundert der Krise. Die industrielle Modernisierung, das Aufkommen von Emanzipationsbewegungen, die Säkularisierung durch technischen Fortschritt, neue Formen sozialen Zusammenlebens, Urbanisierung und Bildung, die Gründung von Nationalstaaten, die Einführung demokratischer Herrschaftssysteme und all die Entwicklungen der Moderne führten die Kirchen Europas in Krisen. Kulturell wie politisch wurden ihre Geltungsansprüche zurückgestutzt.

Aus kirchlicher Sicht war das 19. Jahrhundert ein Jahrhundert der Krise – und ein Jahrhundert der Mission.

Sehr gelegen kamen hier die imperialistischen Bestrebungen europäischer Länder. Aus europäischer Sicht waren diese kolonialen Expansionsbestrebungen damals positiv besetzt und boten den Kirchen eine Möglichkeit, durch Kooperation mit dem Kolonialwesen auf der Höhe der Zeit zu sein. Dies galt zunächst für die evangelischen Kirchen und – in Deutschland – nach dem Kulturkampf auch für die katholische Kirche, die endlich durch ihre Beteiligung am Missionswerk ihren eigenen Beitrag zum kolonial ambitionierten Kaiserreich leisten konnte.

Mission: Schauplatz der Versöhnung von Kirche und Moderne

Die Missionsbewegung des 19. Jahrhunderts wurde schliesslich sogar zur ersten grossen Laienbewegung der katholischen Kirche. Sie hatte riesigen Erfolg und ein lang anhaltendes Echo. Noch bis in die letzten Jahrzehnte hinein hatte fast jede katholische Familie mindestens eine Missionszeitschrift abonniert. Der Missionsgedanke bot dem ansonsten modernitätsfeindlich eingestellten katholischen Milieu eine seltene Möglichkeit, einmal an der Spitze der industriell-imperialistischen Moderne zu stehen. Katholisch-Sein liess sich auf dem Ticket der Missionsbewegung mit der modernen Welt versöhnen.

 

Spätmoderne, Individualisierung, Ende des konfessionellen Zeitalters

Im 20. Jahrhundert geriet der Missionsgedanke zunehmend in die Kritik. Die Erfahrung zweier Weltkriege, die Entkolonialisierung, die Entkirchlichungsprozesse in Europa und die grössere Offenheit und Wertschätzung für fremde Kulturen und andere Religionen stürzten die Missionsbewegung in eine tiefe Krise. Der evangelische Missionswissenschaftler Walter Freytag sagte Ende der 1950er Jahre treffend: „Damals hatte die Mission Probleme, heute ist sie selbst zum Problem geworden“.

Heute: neue Aufmerksamkeit für Mission

Nach einer Phase der kirchlichen Distanz vom Missionsbegriff zeigte sich zur Jahrtausendwende wiederum ein – verhaltener – Anstieg der Rede von Mission, keine grosse Konjunktur, aber doch eine neue Aufmerksamkeit.

In Deutschland wurde zunächst nach der Wiedervereinigung neu über Mission nachgedacht. Vielfach waren es Initiativen aus dem angelsächsischen Bereich, die in der ehemaligen DDR ein neues Missionsgebiet ausmachten. Auch die westdeutschen Grosskirchen schauten eine kurze Zeit optimistisch gen Osten, wurden aber bald mit den harten Fakten einer stabilen und tief verinnerlichten Konfessionslosigkeit konfrontiert.

Erst mit dem allgemeinen Bewusstwerden eines nochmals verstärkten Kirchen-Erosionsschubs Ende des 20. Jahrhunderts (und bis in die Gegenwart) und im Zuge der Notwendigkeit zu strukturellen Anpassungen der Kirchen an eine weitgehend kirchlich entfremdete Gesellschaft und an grösstenteils distanzierte Kirchenmitglieder wird der Missionsbegriff heute wieder neu bemüht.

Kirchlicherseits von Mission zu sprechen bedeutet, die Krisensituation der Kirche anzuerkennen.

Der neuerliche Bezug auf den Missionsbegriff signalisiert, dass die Kirchen anerkennen, in einer massiv veränderten gesellschaftlichen und religiös-kulturellen Situation zu sein. Es gilt, neue Antworten zu suchen, die von den Kirchen mehr verlangen als nur kosmetische Retuschen. „Mission“ steht in dieser Situation für die Einsicht in den Ernst der Lage und für ein Bewusstsein von der Grösse  und Radikalität der Herausforderungen. Zugleich fehlt aber jedoch noch weitgehend eine inhaltliche Füllung dessen, was konkret mit „missionarischer Kirche“ gemeint sein könnte. So sehr eine missionarische Situation der Kirchen anerkannt wird, so unbestimmt sind bislang noch die konkreten Antworten auf diese fundamentale Herausforderung.

Krisendiagnose ja – aber Ratlosigkeit über Auswege aus der jüngsten Modernisierungskrise der Kirchen

Als deutliches Zeichen für die Hilflosigkeit der Kirchen fällt auf, dass Mission oft lediglich als Kontrastbegriff zu den zahlreichen Abbruch- und Untergangsszenarien der Kirche ins Spiel gebracht wird. „Mission“ wird zu einem Ermutigungs- und Motivationsbegriff, der den Verlusterfahrungen bei den bestehenden Kirchengestalt(en) entgegengesetzt wird. „Nach vorne schauen“ lautet die Botschaft, welche die Ratlosigkeit der Kirchen bezüglich ihrer neuen Rolle in der Spätmoderne kaum verbergen kann.

Manches spricht dafür, dass das Ausmass heutiger kirchlicher Krisenerfahrungen denen des 16. Jahrhunderts vergleichbar ist. Die Erneuerungsansprüche an die Kirchen sind jedenfalls immens. Einiges spricht dafür, dass mit der aktuellen Krise auch ein europäisch geprägtes Kirchen-Zeitalter an sein Ende gelangt, das konfessionelle Zeitalter, wie es in der Frühmoderne entstanden ist. Hier darf die missionarische Kreativität in der heutigen Zeit jedenfalls ebenso mit kritischem Geist wie mit Spannung erwartet werden.

Arnd Bünker, St. Gallen

(Bild: Petra-Dirscherl / pixelio.de)

 

 

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