Oscars können Vorurteile gefährden

Entgegen einem weit verbreiteten Vorurteil geht es bei den Oscar-Verleihungen nicht nur um «Big Business». Die 90. Verleihung hat gezeigt, dass es vor allem um Diversität, Einstehen für Werte und filmisch herausragende Leistungen geht. Von Charles Martig.

Unter diesen Zeichen stehen sowohl der phantastische Film «The Shape of Water» als auch das Transgender-Drama «Una mujer fantástica» aus Chile. Auch die Auszeichnung der 60jährigen Frances McDormand als beste Darstellerin ist ein Ereignis, das aufhorchen lässt.

Es gibt herausragende Filme, die auf den ersten Blick nicht als solche erscheinen. Ein solcher ist «The Shape of Water» (Das Flüstern des Wassers, USA 2017) von Guillermo del Toro. Das Genre-Gemisch einer «Fantasy-Romance» geht eigentlich zurück auf die B-Movies, die zweite Garde der amerikanischen Genre-Produktion. So stand zum Beispiel «Der Schrecken vom Amazonas» (USA, 1954) Pate für die Filmidee. Guillermo del Toro gelingt es mit einer feinfühligen Erzählweise und einem wunderbaren Blick fürs Detail, das B-Movie-Sujet des bedrohlichen Fischmannes zu einem herausragenden Film zu veredeln.

„The Shape of Water“: feinfühlige Erzählweise und ein wunderbarer Blick fürs Detail

Im Zentrum steht das Schicksal der alleinstehenden Elisa (Sally Hawkins), die im Baltimore der 1960er-Jahre lebt. Sie wurde am Ufer eines Flusses ausgesetzt und wuchs als Waise auf. Als stumme Frau kommuniziert sie mit Gebärdensprache und schlägt sich mit Putzarbeiten in den Labors der NASA durch. In diesem Umfeld trifft sie auf ein Wasser-Monster aus dem Amazonas, das von bösartigen Geheimdienstlern gefangen gehalten und gefoltert wird. Elisa befreit das Monster und verliebt sich in das Wasserwesen.

«Monster» und «Gott» zugleich

Der Film fächert das Grundmotiv in verschiedene Dimensionen auf. Die Hauptfigur lebt in der Wohnung über einem Kino, das als mythischer Raum der Träume inszeniert wird. Im Kino läuft «Das Buch Ruth», ein Hollywood-Bibelfilm von Henry Koster aus dem Jahr 1960. Hier wird vielschichtig mit Filmzitaten gespielt und ein eigener Erzählkosmos entwickelt, der auch biblisch konnotiert ist.

Kino, das als mythischer Raum der Träume inszeniert wird

Der Traum wird zum Leitmotiv im ganzen Film. Mittels einer durchgehenden Ästhetisierung des Alltags gewinnt die Filmerzählung eine märchenhafte Dimension. Musik und Ambiance geben dem Film etwas Verträumtes, das bis in Elemente des magischen Realismus hineinreichen. So wird das «Monster» bis zuletzt auch zu einem «Gott», der heilen kann und den Aufbruch der Hauptfigur in eine neue Dimension ermöglicht. Durch Tod und Auferstehung geht Elisa in einen Prozess der Transzendenz, der ganz und gar innerweltlich geerdet bleibt.

Wasser als «Medium der Diversität»

«The Shape of Water» ist auch ein Film über Solidarität zwischen Minoritäten. Die Kollegin Zelda im Reinigungsteam ist als Afroamerikanerin ebenso am Rand der Gesellschaft angesiedelt wie die stumme Elisa und ihr Nachbar, ein arbeitsloser Werbegrafiker in fortgeschrittenem Alter. Wie die Allianz dieser «Marginalisierten» zu einer wundersamen Flucht des «Monster-Gottes» aus der Gefangenschaft führt, ist beinahe nebensächlich und mit grosser Leichtigkeit erzählt. Denn eigentlich geht es um existentielle Befindlichkeiten: die Verlorenheit in der Welt, die Rettung aus den Fängen des Bösen, die Überwindung des epochalen Kalten Krieges, den Rassismus und die Gewalt gegenüber Frauen in einer männerdominierten Gesellschaft.

Eigentlich geht es um existentielle Befindlichkeiten.

Philipp Stadelmaier hat in der Süddeutschen Zeitung darauf hingewiesen, dass das titelgebende Wasser als Medium für die fundamentale Diversität des Lebens zu deuten sei. (Süddeutsche Zeitung, 15.2.2018) So verwebt der Regisseur die Assoziation von Liebe, Kraft des Lebens und Diversität zu einer spirituellen Kinoerfahrung.

Bester ausländischer Film zum Thema «Transgender»

Nachdem «Una mujer fantástica» (Chile 2017) bereits an der Berlinale 2017 für Furore sorgte und dort den silbernen Bären für die beste Hauptdarstellerin, Daniela Vega, gewann, hat er es auch auf die Nominationsliste für den besten ausländischen Film geschafft. Den Oscar in dieser Kategorie hat der chilenische Regisseur, Sebastián Lelio, verdient gewonnen. Er wendet sich der Diskriminierung einer Transgender-Frau zu und zeigt einen sozialkritischen Blick auf die Gesellschaft in Lateinamerika.

 

Marinas Lebensgefährte Orlando bricht eines Nachts unerwartet zusammen. Im Krankenhaus können die Ärzte nur noch den Tod Orlandos feststellen. Es ist ein starker Moment der Trauer, aber auch eine Geschichte der Diskriminierung, die nun anhebt. Die Verwandten versuchen mit allen Mitteln, die Transgender-Frau Marina aus der gemeinsamen Wohnung zu drängen und ihr den Zugang zur Abdankung zu verweigern.

Starkes Kino mit Bildern von Trauer und Befreiung

Besonders stark ist die schauspielerische Leistung von Daniela Vega, die die Transgender-Frau verkörpert. In dieser Geschichte wird das Drama einer Beziehung deutlich, die nicht existieren darf. Da Marina nicht in einer eingetragenen Partnerschaft mit Orlando lebt, droht sie im Moment des Verlustes alles zu verlieren. Neben dem Schock des Todes sind es vor allem die starren, gesellschaftlichen Konventionen, die Ablehnung und der Hass der Angehörigen, die ihr schwer zu schaffen machen.

Das Drama einer Beziehung, die nicht existieren darf.

Lelio geht diese Geschichte mit einer engagierten Haltung an, zeigt Alltag und Gefühle der Transgender-Frau im Moment ihrer Betroffenheit und ihres Kampfes um das Recht auf Trauer. Dabei gibt der Film einen Blick auf die Befindlichkeit von Transmenschen frei, der sich in poetischen und unvergesslichen Bildern manifestiert. Starkes Gefühlskino mit Bildern von Trauer und Befreiung.

Die Wahl der «Academy of Motion Picture Arts and Sciences» mit ihren rund 8300 Mitgliedern aus den verschiedensten Sparten der Filmproduktion zeigt hervorragend, dass es bei den Oscars vor allem auch um Wertdiskurse geht. Die Fraktion der «Genderismus-Kritiker» wird es zwar nicht gerne lesen: Das Thema «Transgender» ist im Mainstream angekommen und hat im Umfeld von Hollywood durchaus Chancen auf Gehör. Und auch die Kirchen sollten sich dem Thema vermehrt annehmen, statt moraltheologische Rückzugsgefechte zu betreiben.

Rolle der «verletzten Frau» neu interpretieren, auch wenn es weh tut

Im Umfeld der «MeToo-Debatte» und der Ausbeutung von Frauen im Produktionssystem der US-amerikanischen Filmindustrie wurde die Oscar-Verleihung ausserdem als Gradmesser für die Selbstreflexion der Oscar-Academy gelesen. Ein starkes Signal hat hier sicher der Oscar für die beste Hauptdarstellerin an Frances McDormand gegeben.

Die verzweifelte Mutter Mildred Hayes (Frances McDormand) und Polizeichef William Willoughby (Woody Harrelson) |© Twentieth Century Fox

Für ihre Rolle als alleinerziehende Mutter Mildred Hayes, die in Missouri einen Feldzug gegen die örtliche Polizei durchführt, kann man die Schauspielerin bewundern oder auch hassen. Als Überlebende eines brutalen Vergewaltigungsmordes an ihrer Tochter erscheinen ihre teilweise haarsträubenden Methoden, auf eigene Faust Gerechtigkeit herzustellen, nachvollziehbar und gerechtfertigt. Aber es bleibt stets ein Zweifel an der Integrität der Figuren und ihren Motivationen bestehen; eine Qualität, die man von einem Film mit Oscar-Ehren nicht auf Anhieb erwarten würde.

Es bleibt stets ein Zweifel an der Integrität der Figuren und ihren Motivationen bestehen.

«Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» (USA 2017) ist ein durch und durch politisch unkorrekter Film. Die Hauptdarstellerin hat einen derart trockenen Humor, dass einem das Lachen im Hals steckenbleibt. Aussergewöhnlich ist dabei überdies, dass die zutiefst verletzte Frau selbst einen Hang zur Gewaltanwendung hat. Das Motiv der Rache wird jedoch immer wieder gebrochen und durch unvorhersehbare Wendungen in der Filmerzählung unterlaufen. Die bösen Rassisten sind bis zuletzt eben nicht mehr, was sie einmal schienen; die testosteronhaltigen Suprematisten verlieren ihre Eindimensionalität, die psychische und physische Gewalt wird in ein soziales Netzwerk einer Gesellschaft im Süden der USA eingebettet.

Achtung: Dieser Film kann ihre Vorurteile gefährden!

Und so wird dieser Film viel mehr als nur eine Versuchung zur Selbstjustiz. Er gefährdet Vorurteile nachhaltig und ist deshalb im Kern zutiefst aufklärerisch. Mit einem offenen Schluss entlässt Regisseur Martin McDonagh die Zuschauenden in ein moralisches Dilemma, dem sich wohl jede und jeder gerne entziehen möchte. Und doch bleibt der Stachel hängen. Zurück bleibt der Eindruck, einer herausragenden Schauspielerin in ihrem 60sten Lebensjahr zuzuschauen, die uns in die abgründige Verstrickung des Lebens hineinführt und uns einfache Antworten auf das Frausein in Gewaltstrukturen verwehrt.

Charles Martig ist Direktor des Katholischen Medienzentrums und Filmjournalist der Redaktion kath.ch.
Beitragsbild: Filmstill aus «Una mujer fantástica» | © Pathé Films AG Zürich

 

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