Raus aus der Defizitorientierung! Zur Zukunft ländlicher Räume und dem Beitrag der Kirche

Sie gelten als Prototypen des Heimatverlustes und der Krise – strukturschwache Räume Ostdeutschlands. Auch der Diskurs in der Kirche sieht hier oft nur Probleme. Kerstin Menzel schaut genauer hin und nennt Herausforderungen und Ressourcen beim Namen.

Die Wahlerfolge der AfD bei der Bundestagswahl haben die Schwierigkeiten peripherer ländlicher Räume neu in den Blick gerückt, die von Abwanderung zumeist junger Menschen, fehlenden Arbeitsplätzen und Infrastrukturrückbau geprägt sind. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsförderung hat nun Hinweise darauf gegeben, dass die Vermutung richtig sein könnte: Viele Stimmen für die AfD seien Ausdruck der Perspektivlosigkeit in Regionen, die von solchen Entwicklungen betroffen sind.[1]

Folklore oder Förderung ländlicher Infrastruktur?

Da passt es gut, dass die große Koalition mit der Neuaufteilung der Ressorts die ländliche Strukturentwicklung noch stärker in den Fokus rücken will – wobei die Neubenennung des Innenministeriums mit dem konservativ bis antimodern konnotierten Heimatbegriff diesem Anliegen eher keinen Dienst erweist. Sollte die neue Bundesregierung jedoch die Ankündigung einlösen, dass es mit der neuen Schwerpunktsetzung um die Förderung ländlicher Infrastruktur und nicht um Folklore gehen soll, dann könnte das gelingen, was die alljährlichen Berichte der Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Länder nicht geschafft haben – einen Politikwechsel zugunsten strukturschwacher ländlicher Räume.

Wie sieht jedoch die Förderung guter, gleichwertiger Lebensverhältnisse in Gebieten aus, in denen eher Abriss als Bau angeraten scheint?

Interessant ist allerdings, dass in der Diskussion um die Neubenennung des Innenministeriums die ländlichen Räume wieder einmal in den Hintergrund getreten sind und es fast ausschließlich um Heimatverlust im Zuge von Gentrifizierung, Wohnungsknappheit und Verdrängung geht, die Aufgabenbestimmung sich also mit dem Baubereich im neuen Titel verknüpft. Wie sieht jedoch die Förderung guter, gleichwertiger Lebensverhältnisse in Gebieten aus, in denen eher Abriss als Bau angeraten scheint? Diese Fragen sind nicht neu, bereits 2010 fand in Sachsen-Anhalt eine ganze Internationale Bauausstellung zu diesem Thema statt. Angesichts des Drucks, unter den die demokratische Kultur zu geraten scheint, stellen sich diese Fragen jedoch mit neuer Dringlichkeit.

Im Folgenden will ich mich auf ostdeutsche ländliche Räume fokussieren, auch wenn etliche Dimensionen in westdeutschen strukturschwachen Regionen ebenso zutreffen. In meiner gerade abgeschlossenen Dissertation habe ich mich mit dem Pfarrberuf und der evangelischen Kirche in diesem Kontext beschäftigt. Ausgehend von den aktuellen Diskussionen will ich fragen, wie ein differenziertes Bild der Entwicklungen aussehen kann, was das für die kirchliche Situation bedeutet und welche Aufgaben sich in dieser Situation für kirchliches Handeln ergeben.

Prozess der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Abkopplung

Peripher oder peripherisiert?

Seit einigen Jahren hat sich in den Sozialwissenschaften die Einsicht durchgesetzt, dass man „Stadt“ und „Land“ nicht mehr einfach gegeneinander setzen könne, sondern dass man von einem Stadt-Land-Kontinuum auszugehen hat. Der Raumordnungsbericht des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung 2005 etwa differenziert Zentral-, Zwischen- und Peripherräumen, untergliedert jeweils nach vorhandenen Verdichtungsansätzen.[2] „Peripher“ ist hier zunächst ein beschreibender Begriff, der auf Lage und Besiedelungsdichte abhebt. In der Diskussion um ostdeutsche ländliche Räume werden damit jedoch sehr schnell Prozesse der „Peripherisierung“ verbunden. Dieser Begriff bezeichnet einen „dynamischen Prozess der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Abkopplung, der mit Funktions- und Machtverlusten für die betroffenen Regionen einhergeht“.[3] Mit diesem Begriff wird also auf die problematischen Folgen von Abwanderung und Überalterung, Reduzierung von Verkehrs- und medizinischer Infrastruktur, Schließung von Schulen, Läden und öffentlichen Einrichtungen hingewiesen.

Zweifelsohne betreffen diese Entwicklungen einen großen Teil der ländlichen Räume Ostdeutschlands. Eine Gleichsetzung von „peripher“ und „peripherisiert“ macht jedoch zum einen Unterschiede in der wirtschaftlichen Dynamik wie Pendler*innenbewegungen, Tourismus oder lokale Entwicklungsträger*innen unsichtbar, sowie bereits vorhandene Anpassungsprozesse. Land ist eben nicht Land, sondern „ländliche Räume“.

„Raumpionier*innen“: Menschen, die konkrete Veränderungen vor Ort anstoßen

Eine Gleichsetzung von „peripher“ und „peripherisiert“ führt zum anderen zu einer ausgesprochenen Defizitorientierung. So verschwinden die ansonsten idyllisierend in auflagenstarken Zeitschriften wie „Landlust“ und „LandIDEE“ gepriesenen Natur- und Erholungsqualitäten ländlicher Räume im Blick auf ostdeutsche ländliche Räume fast völlig, obwohl gerade strukturschwache ländliche Räume wie die Prignitz oder das Oderbruch davon einiges zu bieten haben. Mit einer Orientierung an den Ressourcen würde auch vorhandenes Sozialkapital stärker in den Blick kommen, ebenso wie Innovationsträger, sog. „Raumpionier*innen“: Menschen, die konkrete Veränderungen vor Ort anstoßen, Lebensqualität und Infrastruktur neu denken – alternative Wohnformen, flexible Mobilität, integrative Arbeitsplätze, Bündelung von Angeboten des täglichen Bedarfs, Kunst und Kultur.

Und die Kirchen?

Die evangelischen Kirchen sind zunächst auch Betroffene des Strukturwandels in ländlichen Räumen. Eine im Vergleich zur Bevölkerung noch stärkere Überalterung der Kirchenmitglieder und die Abwanderung v.a. jüngerer Menschen setzen die Schrumpfung der Mitgliedschaft fort, die zu DDR-Zeiten durch gezielte Konfliktinszenierung des Staates gegenüber den religiösen Institutionen begonnen wurde.[4] Seit Mitte der 1990er hat die Schrumpfung zu einem fortgesetzten kirchlichen Strukturrückbau geführt. Gemeindeverbünde wurden gebildet, Pfarrsprengel umfassen immer größere Bereiche. Diese Reaktionen ähneln kommunalen und politischen Strategien ebenso wie die Forderungen nach Zentralisierung und Fokus auf Wachstumskerne oder dem Ruf nach Ehrenamtlichen.[5] Immer wieder galt es für die Menschen vor Ort Abschied zu nehmen – vom bewohnten Pfarrhaus, vom regelmäßigen Gottesdienst im eigenen Dorf, von langjährigen kirchlichen Angeboten. Dieser kirchliche Rückbau verbindet sich in der Wahrnehmung der Menschen mit der Reduktion der allgemeinen Infrastruktur und führt zu Wut, Ängsten sowie Trauer und löst massive Beharrungskräfte in kirchlichen Veränderungsprozessen aus.

Seit den 1990ern: Immer wieder Abschied nehmen.

Trotz der Minorisierung und der strukturellen Schwäche werden die Kirchen von politischer und gesellschaftlicher Seite als wichtige Partnerinnen im Strukturwandel in Anspruch genommen. Kirchenmitglieder sind vielfältig ehrenamtlich engagiert, Pfarrer*innen vernetzen Menschen vor Ort und in der Region. Neben den Kirchengemeinden mit der Breite ihrer gottesdienstlichen, seelsorgerlichen, musikalischen, gemeinschaftsstiftenden und pädagogischen Angebote sind darüber hinaus auch andere kirchliche Akteure in den Blick zu nehmen: kirchliche Kindertagesstätten und evangelische Schulen, Tagungshäuser und Klöster, diakonische Einrichtungen etc. Kirchliche Angebote bieten Raum für Diskussion und Gemeinschaft, Bildung und Kultur auch da, wo andere soziale Akteure und öffentliche Räume nicht mehr vorhanden sind. Die in den letzten Jahrzehnten mit breitem gesellschaftlichem und kirchlichem Engagement erhaltenen Kirchengebäude bieten dafür Raum und werden an vielen Orten auch multifunktional genutzt. Auch hier ist eine Defizitorientierung also auszugleichen und manches an Ressourcen neu in den Blick zu nehmen.

Die Kirchen: Partnerinnen im Strukturwandel

Aufgaben für kirchliches Handeln

Welche theologischen, seelsorgerlichen und diakonischen Aufgaben stellen sich? Zunächst, die Veränderungen zu begleiten, Trauerprozesse wahrzunehmen und zuzulassen sowie mit den Menschen nach Deutungen ihres Lebens in dieser sich verändernden Lebenswelt zu suchen. Darüber hinaus kann Kirche wichtige Beiträge zum sozialen Leben leisten, z.B. im gezielten Engagement für sozial Schwache oder mit armutssensibler Praxis wie einem Essensangebot bei Veranstaltungen oder gebührenfreien Angeboten.[6] Kirchliche Akteure beteiligen sich an Initiativen der Sozialraumentwicklung: einem Haus der Begegnung (Globig), einer Pilger- oder Labyrinthkirche (Malchow), einer Kleinst-Dorfschule oder einem Bürgerbus. Kirchenvertreter*innen moderieren oder vermitteln in gesellschaftlichen Konflikten. All das ist nicht etwas Zusätzliches zum „eigentlichen“ Auftrag der Kirche, sondern eine Form der Konvivenz, der Suche nach dem Besten des eigenen Lebensumfelds (Jer 29,7) und ein Ausdruck der Nächstenliebe.

Es geht um eine Form der Konvivenz, der Suche nach dem Besten des eigenen Lebensumfelds (Jer 29,7)

Es ist keine einfache Aufgabe, denn zukunftsfähige Strukturen und passende, einladende Gottesdienstkonzepte gilt es ja auch zu gestalten. Für Mitarbeitende in ausgedehnten Verantwortungsbereichen ist es nicht leicht, sich dafür Freiräume zu schaffen, die Trauer und die Wut auszuhalten, ebenso die Kränkung der Schrumpfung. Es wird nur in Vernetzung unter Gemeinden und mit anderen kirchlichen und gesellschaftlichen Institutionen gehen und sicher auch seine Zeit brauchen. Manches wird nur exemplarisch möglich sein.

Aus den politischen Diskussionen des letzten Jahrzehnts zur Sicherung gleichwertiger Lebensverhältnisse im Kontext von Peripherisierungsprozessen könnte man lernen, dass es nicht um eine gleichmäßige Zuteilung der überall gleichen Infrastruktur geht, sondern um die Sicherung von Zugang und Teilhabe, nicht um ein Zurück zu einer idealisierten früheren Situation, sondern um neue Gestaltungen. Dann wäre Heimat auch nicht ein Ort der Nostalgik, sondern eine Zukunft, in der alle gut leben können.

Kerstin Menzel ist Pfarrerin im Entsendungsdienst und Landeskirchliche Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Praktischen Theologie an der Humboldt Universität zu Berlin.

Foto: Paco-S., www.unsplash.com

[1] Christian Franz, Marcel Fratzscher und Alexander S. Kritikos, AfD in dünn besiedelten Räumen mit Überalterungsproblemen stärker, in: DIW-Wochenbericht 8/2018. Hohe Ergebnisse erzielte die AfD in ostdeutschen Wahlkreisen, in denen eine starke Überalterung zu konstatieren war und eine hohe Dichte von Handwerksbetrieben, was zumeist in ländlichen Räumen der Fall ist.

[2] Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, Raumordnungsbericht 2005. (Berichte des BBR 21). Bonn 2005, 21f.

[3] Claudia Neu, Daseinsvorsorge und territoriale Ungleichheit. In: Dies. (Hg.): Daseinsvorsorge. Eine gesellschaftswissenschaftliche Annäherung. Wiesbaden 2009, S. 80–96, hier 82.

[4] Monika Wohlrab-Sahr; Uta Karstein; Thomas Schmidt-Lux, Forcierte Säkularität. Religiöser Wandel und Generationendynamik im Osten Deutschlands. Frankfurt/M. 2009.

[5] Claudia Neu; Thomas Schlegel, Anders und doch so ähnlich: Kirche und Staat als Akteure im ländlichen Raum. In: Kunst und Kirche 74 (2011) 1, S. 9–14.

[6] Susanne Jenichen, Sensibel für Armut: Kirchengemeinden in der Uckermark. Ergebnisse einer sozialwissenschaftlichen Studie in Brandenburg (hg. Vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD). 2. Aufl. Leipzig 2015.

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