Reformation: 500 Jahre lokal, global, glokal

Luther als Spielfigur, Esther Stosch, pixelio.de

Fast 500 Jahre liegen die Hammerschläge zurück, mit denen Luther seine Thesen in Wittenberg an die Kirchentüre geschlagen haben soll. Auch wenn der Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 kaum historisch ist, so ist er doch Geschichte geworden, die lokal, global und glokal nachhallt. (Arnd Bünker)

Wittenberg, Zürich, Genf

Die Reformation lässt an Wittenberg denken, ebenso an Zürich und Genf. Fans lokaler Kirchengeschichte erinnern sich auch an Basel, an St. Gallen, an Münster und die vielen anderen Städte, die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, in wenigen Jahren, eine der reformierten Lehren annahmen. Das Bild der Reformationsgeschichte ist eng verknüpft mit den lokalen Entscheidungen von Stadträten und lokalen Landesherren. Zugleich zeigt das Bild Spuren einer geistigen und geistlichen Bewegung, die schon im 15. Jahrhundert bestand und die ihrerseits im Strom einer langen „Reformations-Geschichte“ des europäischen Christentums verankert ist. Waldenser und Jan Hus grüssen daher die Reformation des 16. Jahrhunderts als Ahnen und Ur-Ahnen.

Europa: Provinz einer globalisierten Welt

Oft bleibt allerdings die Reformation als mitteleuropäisches Geschichtsereignis des 16. Jahrhunderts in Erinnerung. Das Reformationsjubiläum 2017 könnte dann gut in Form von Stadtfesten begangen werden: in Wittenberg, in Zürich, in Genf usw. Allerdings mehren sich die Stimmen, die einer solchen lokalen oder bestenfalls regionalen Sicht widersprechen. Längst haben sich die Kirchen der Reformation und die zahlreichen Kirchen, die im Laufe der Jahrhunderte aus ihnen hervorgegangen sind, weltweit etabliert. Auf der ganzen Welt beziehen sie sich auf die Grundeinsichten der Altvorderen, auf die Prinzipien Sola Scriptura (allein die Schrift), Sola Gratia (allein durch Gnade), Solus Christus (Christus allein) und Sola Fide (allein durch Glauben). Die Reformation hat sich längst globalisiert und es wäre 2017 ein grosser Fehler, „die Welt von einem vermeintlich historischen Zentrum aus zu betrachten, den Stätten der Reformation, während diese faktisch zur Provinz einer globalisierten Welt geworden sind.“ (Michael Biehl/Wilhelm Richebächer)

So ist es richtig, dass die EKD, die Evangelische Kirche in Deutschland, das Jubiläum auch in seiner globalen Dimension würdigt, als „Ereignis von Weltrang“. Es heisst:

„Die Reformation ist zu einer Weltbürgerin geworden.“

Dieser Slogan bringt etwas auf den Punkt – aber es ist nur teilweise richtig.
Von nur „einer“ Weltbürgerin zu sprechen, erweckt den Anschein einer homogenen Bewegung. Davon kann keine Rede sein.
Von einer „Weltbürgerin“ zu sprechen, erweckt den Eindruck bürgerlich-selbstverständlicher Beheimatung auf der ganzen Welt. Dies mag hier und da der Fall sein, aber „bürgerlich-weltbürgerlich“ geht es nicht überall zu.
Die Globalisierung der Reformation ist vielfältig und facettenreich. Sie ist auch nicht frei von inneren Widersprüchen und Zerreissproben.

Globalisierung der Reformation durch ihre verstossenen Kinder

Schon ein oberflächlicher Blick auf die geschichtlichen Vorgänge der Globalisierung der Reformation zeigt deren innere Spannungen. Es waren ja zuerst die religiösen Abweichler, Schwärmer, Täufer und Pietisten, die aus reformierten Gebieten vertrieben wurden. Diese Gruppierungen repräsentieren die ersten Globalisierungsbewegungen de Reformation. Gerade die „super-reformierten“ Gemeinschaften mussten vielerorts einer je nach Sichtweise gebändigten oder gemässigten Reformation weichen. Diese war meist durch einen mehr oder weniger faulen Burgfrieden mit der weltlichen Herrschaft geprägt. Heute mit den Reformierten und den frühen Abweichlern gemeinsam auf das 500-Jahr-Jubiläum zu schauen, setzt einen Akt der Versöhnung voraus. Zudem sind die reformierten Kirchen Mitteleuropas herausgefordert, sich mit den unterschiedlichen Geschwistern, Kindern, Stiefkindern und Enkeln der Reformation ins Verhältnis zu setzen. Es sind nicht unbedingt einfache Familienverhältnisse. Nur einige Facetten der globalisierten Reformation(en) seien hier skizziert:

Afrika

In weiten Teilen Afrikas haben sich im Zuge der europäischen Missionsbewegung zahlreiche europäische Kirchen-Ableger etabliert. Insbesondere die Bibelübersetzungen führten schon bald zu spezifisch afrikanischen Aneignungen der christlichen Tradition. Afrikanische unabhängige Kirchen verknüpften traditionelle Elemente afrikanischer Religion mit der biblischen Botschaft und sie gewannen Kraft aus dieser Mischung. Darin lag oft genug Sprengstoff für das Kolonialsystem, dem die europäischen Kirchen und Missionare in der Regel loyal verbunden waren. Das Entstehen afrikanischer Kirchen war ein schmerzhafter Emanzipationsprozess – und diese Emanzipationsgeschichte ist bis heute keine einfache.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart prägte und prägt eine zunehmende Charismatisierung und Verpfingstkirchlichung das Bild. Heute wird von einer nahezu durchgängigen „Pentekostalisierung“ fast aller Kirchen in Afrika gesprochen. Wer noch in lutherischer Tradition und Frömmigkeit geprägt wurde, möchte „seine“ Kirche kaum wiedererkennen, wenn neopentekostale Extase die strenge Gottesdienstordnung alter Tage ersetzt. Auch der Erfolgsprotz des prosperity gospels (der Verkündigung einer Botschaft mit Wohlstands-Versprechen) stösst Gläubige vor den Kopf, die in lutherisch-frommer Selbstbescheidung geübt waren. Theologisch könnte man versucht sein, den traditionellen „Sola“ eine weitere hinzuzufügen: „Sola Experientia“: Nur die eigene Erfahrung gibt Sicherheit über den rechten Glauben und dessen Kraft. Willkommen in der weltweiten religiösen Individualisierung!

Grenzen theologischer Definitionsmacht

Hier könnte doch die hohe Theologie deutschsprachiger theologischer Fakultäten zur Klärung beitragen? Der Eindruck täuscht. Die Kirchen des globalen Südens haben längst ihre eigenen theologischen Ausbildungen und Denkfabriken hervorgebracht. Die deutschsprachige Universitätstheologie wird zwar immer noch geschätzt und bewundert – aber oft genug als ein wertvoller Schatz von früher und weniger als Hilfe bei der Bewältigung aktueller Fragen, welche die Kirchen an den verschiedenen Orten der Welt bewegen. Ein weltweiter Exportschlager sind die theologischen Wälzer aus dem deutschsprachigen Raum schon lange nicht mehr. Damit lässt sich auch das Erbe der Reformation nicht mehr in deren Herkunftsländern definieren. Reformation dauert an und führt zu Konflikten – damals wie heute.

„reverse mission“

Keineswegs einfacher wird diese Situation durch die weltweiten Migrationsströme, mit denen die ganz anders reformierten Kirchen heute auch in Europa präsent sind. Die Erfahrung der „reverse mission“, der „umgekehrten Mission“, stellt eine Herausforderung für die hiesigen Kirchen dar. Reverse mission meint den Anspruch von nicht-europäischen Kirchen oder einzelnen christlichen Migrantinnen und Migranten, das Christentum in Europa neu zu beleben. Man habe selbst den Glauben von europäischen Missionaren erhalten und möchte ihn nun umgekehrt wieder in Europa zum Leben bringen, wo der Glaube oft schon tot sei. Ein Reformationsjubiläum zu feiern, bei denen Teile der Feiernden von anderen Teilen als tot, als lebensbedrohlich krank und fremder Hilfe bedürftig gesehen werden, macht die weltweite Öffnung des Fest-Horizontes nicht bei allen beliebt.

Hier staatstragend und dort marginal

Seit fast 500 Jahren verbreitet sich reformierte Frömmigkeit weltweit. Oft waren es europäische Migrantinnen und Migranten, die kleine Gemeinden in der Fremde gegründet haben. An manchen Orten leben diese bis heute fort. In Georgien oder Kirgisien beispielsweise stellen sie eine verschwindende Minderheit dar und repräsentieren oft einen markanten Gegenentwurf zu den grossen und mächtigen (Staats-)Kirchen oder dominanten Religionsgemeinschaften. Ohne eine starke Bindung an die reformierten Kirchen in Mitteleuropa und ohne deren Solidarität sind sie kaum überlebensfähig. Zugleich sind die Lebensverhältnisse der Kirchen so unterschiedlich, dass eine Begegnung auf Augenhöhe kaum machbar ist ohne den guten Willen beider Partner.

Mittelamerika

Spezifisch zeigt sich auch die Luther-Rezeption in Mittelamerika. In Mexiko, wo christliche Kirchen jenseits der katholischen Kirche lange verboten waren, konnten sich kleine evangelische Kirchen nur mit grosser Mühe entwickeln. Deren Erinnerung an Luther und ihr Bezug auf ihn sind nicht zu trennen von der Erfahrung der massiven Verurteilung und Verteufelung Luthers durch die katholische Kirche. Luther wurde über lange Zeit als Erz-Ketzer verunglimpft – und sein Name damit zum Symbol des Konflikts mit und der Abgrenzung von der katholischen Kirche.

„Für Pfingstler ist Luther ein Held“

bringt es der mexikanische Theologe Daniel Chiquete auf den Punkt – und räumt ein, dass der Heldenstatus problemlos ohne genauere Kenntnis Luthers, seines Lebens und seiner Theologie, funktioniert.

Emerging Churches

Aus den USA und aus England kommt gegenwärtig eine neue Welle der Reformation auf das europäische Festland zu. „Emerging Churches“ sind ein jüngeres Phänomen in der reformierten Welt – und bis hinein in die katholische Kirche. Emerging Churches bringen die anhaltende und kreative Dynamik der Reformation gut zum Ausdruck. In einem säkularisierten Umfeld vermeintlich sterbender Kirchen wachsen unerwartet neue Formen von Kirche mit neuer Frömmigkeit und rundum erneuerter Ästhetik. Die Haltung lautet: Wer soll Kirche-Sein, wenn nicht wir selbst – hier und jetzt und auf unsere eigene Art und Weise. So sieht typisches Selbstbewusstsein aus reformiertem Geist aus, der nicht auf Erlaubnis von oben setzt, sondern auf die Ermächtigung eines jedes Menschen, die ihm mit dem Glauben gegeben ist.

Nach 500 Jahren hallen die imaginierten Wittenberger Hammerschläge noch immer nach. Die Wurzeln der Reformation haben sich mittlerweile tief in die ganze Welt eingegraben. Im dichten Wurzelgeflecht lassen sich einzelne Stränge kaum noch genau identifizieren. Es ist ein Durcheinander – aber die Wurzeln haben noch Kraft.

(Arnd Bünker; Bild: Esther Stosch / pixelio.de)

Literaturtipp: Reformation: global. Eine Botschaft bewegt die Welt (hg. vom Evangelischen Missionwerk in Deutschland und dem Verband evangelischer Missionskonferenzen), Hamburg 2015

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