Seelsorge im Spital – integriert oder fremd?

SpitalseelsorgerInnen sind Kirche in der Welt, bleiben dieser jedoch auch fremd. Am Ort vielfältiger, teils technisierter und multidisziplinärer Abläufe halten sie einen Spalt offen für das Nichtmachbare und Nichtberechenbare, für das Aufscheinen von Reich Gottes. Von Karin Klemm.

  1. Kirche in der Welt sein

Im Gesundheitswesen in der Schweiz ist die Klinik-, Heim- und Spitalseelsorge[1] heute gut integriert. In den allermeisten Institutionen gibt es multidisziplinäre und ökumenische Zusammenarbeit zum Wohle der PatientInnen, der BewohnerInnen, der Angehörigen und der Mitarbeitenden.
Das zeigt sich u.a. daran, dass wir Spitalseelsorgende in vielen Gremien selbstverständlich einsitzen: interne Careteams, Ethikforen usw. Um den Anforderungen gewachsen zu sein, bilden wir uns weiter in Notfallpsychologie, Ethik, Palliative Care, usw. Wir entziehen uns diesem Spezialisierungsdruck nicht und werden/bleiben sprachfähig in den jeweiligen Fachgebieten[2].

Spezialisierungsdruck

Die Abläufe in einem Spital sind engmaschig. Viele Dienste und noch mehr Menschen sind beteiligt, das verlangt von allen Rücksicht, Verständnis für die je andere Profession. Dabei nicht die Bedürfnisse einer Patientin aus den Augen zu verlieren, kann der Suche nach einer eierlegenden Wollmilchsau gleichen.
Zum Beispiel dann, wenn im Spitalalltag keinerlei Rücksicht auf religiöse Bedürfnisse einer Patientin genommen wird, weil eine wichtige Untersuchung der anderen folgt und weder Zeit noch Raum für ein seelsorgerliches Gespräch möglich scheint. Wenn der dritte und vierte Anlauf auf Station vergeblich war, weil es trotz der Zusage des zuständigen Pflegenden nicht möglich war, mit der nächsten Untersuchung noch zu warten, oft aus gutem Grund.

Vorgehensweisen für multidisziplinäre Zusammenarbeit

Die Sprache an Sitzungen ist oft geprägt von der Sprache der Pflegenden und ÄrztInnen. Damit sind weniger die fachspezifischen Begrifflichkeiten gemeint als die Vorgehensweise: Bei Round Tables z.B.: Beschreibung des Zustands einer Patientin, Prognose, neue Zielsetzung und dafür geeignete  Interventionen… Diese Vorgehensweise ermöglicht innert nützlicher Zeit multidisziplinäre Zusammenarbeit. Meistens ist die Spitalseelsorge mit am Tisch.

  1. Der Welt ein Stück weit fremd bleiben

Ein Beispiel:  Die Seelsorgerin sagt am Runden Tisch über eine Patientin «Ich glaube Frau XY hat rational verstanden, dass sie sterben wird. Aber im Herzen kann sie noch nicht einwilligen [3]. Mein Impuls lautet: «Ich sitze im Anschluss an diese Sitzung mindestens 50 Minuten an ihr Bett.» Vielleicht sagt darauf ein Pflegender zu seinem Kollegen «So viel Zeit möchte ich auch mal haben». Und dann fragt ein Arzt «mit welchem Ziel?». Die Antwort tönt dann fremd in der Spitalsprache, das Vokabular speist sich aus anderen Quellen: «Ohne Ziel, aber mit dem Wunsch, dass die Patientin spürt, dass jemand bei ihr ist, die für möglich hält, dass sie ins Einwilligen kommen kann». «Einwilligen» ist nicht die Zustimmung, die mit einem Nicken und einer Unterschrift zum Ausdruck kommt. Einwilligung wird woanders geboren. Nicht jenseits vom Verstand, eher mit Hilfe des Verstandes, genauso aber mit Hilfe der Intuition.

ins Einwilligen kommen

Ein solcher Prozess kann kein Ziel sein von mir als Seelsorgerin, aber ein inniger Wunsch für die Patientin. Ich kann es nicht machen, kann es im Sinne von Dorothee Sölle nur erbitten, die sagt «Beten heisst für möglich halten, dass es anders wird».

Kirche in der Welt sein bedeutet, dass wir uns verständlich machen, dem Sprachgebrauch, der vorherrschenden Sprechkultur anpassen, ohne die eigene zu verlieren. Und dabei nicht aufgeben, dass wir auf Gnade angewiesen sind. Professionelle Spitalseelsorge muss täglich den Spagat machen zwischen Machbarkeit, Berechenbarkeit auf der einen Seite und der Gnade und der Erfahrung aufgehoben zu sein wie des schmerzlichen Vermissens auf der anderen Seite.

Spagat zwischen Machbarkeit und Aufgehobensein oder Vermissen

Dabei sind niederschwellige Angebote der Seelsorge, die für PatientInnen eine Pause vom Spitalalltag bedeuten, hilfreich. Sie bestehen unabhängig vom Versicherungsstatus, der Konfession oder der Schwere der Diagnose. Angebote, weil da Menschen sind: Ein Musikalisches Fenster auf einer Palliativstation, eine Meditation in Bewegung in einer Psychiatrischen Klinik sind solche niederschwelligen Angebote. Es braucht Mut dazu einzuladen, ohne dem Zwang zu unterliegen, Heilungsfortschritte für PatientInnen nachweisen zu können.

Sich integrieren und dabei aushalten, dass wir nicht ganz integrierbar sein dürfen, bleibt ein Spagat. Wir brauchen dringend eine gewisse Portion Fremdheit in einem Gesundheitswesen, in dem es Menschen gibt, die für mehr Zuwendung mehr bezahlen, in dem unsere seelsorgerliche Zuwendung aber nicht berechenbar bleibt.

  1. Der Welt Fremdheit zumuten

a. Mit Gnade rechnen
Die Aufforderung zum Fremdbleiben darf aber nicht als Ausrede dafür benutzt werden, sich nicht verständlich machen zu müssen. Gnade kann ich im Angesicht von grausamen Diagnosen nicht allgemeingültig definieren. Aber ich kann in einer multidisziplinären Nachbesprechung wagen von Gnade zu stottern, die ich empfinde, wenn eine junge Frau nach einer schmerzhaften Geburt ihr totes Kind im Arm hält und mir von seiner Schönheit erzählt.

b. Schönheit suchen[4]
Schönheit suchen ist auch eine fremde Bewegung innerhalb unseres Gesundheitswesens. Ich empfinde diese Suchbewegung als dringlich für uns Spitalseelsorgende. Sie schärft meine Wahrnehmung für die Menschen ohne schön zu färben. Sie hilft mir, Menschen ein Ansehen zu geben, geleitet von meinem Glauben, dass mein Gegenüber bei GOTT ein Ansehen hat. So wie ich es auch habe. In dieser Bewegung und Haltung bin ich – wenn es gelingt – auf Augenhöhe.

c. Begegnungen auf Augenhöhe suchen
Begegnungen auf Augenhöhe machen kranke Menschen im Gesundheitswesen selten. Das liegt nicht an den arroganten Halbgöttern in Weiss und auch nicht an besserwisserischen Pflegenden, sondern daran, dass viele Menschen (immer noch!) geknickt und niedergeschlagen durch eine Erkrankung oder einen Unfall ins Spital eintreten. Das Gefälle, weil die Profis gesünder sind, mehr Fachwissen und viel Entscheidungsbefugnis über den Tagesablauf u.a. haben, wirkt immer noch.

Begegnungen auf Augenhöhe richten geknickte Menschen nachhaltig auf.

  1. Fremd, weil die Welt nicht so bleiben soll, wie sie ist

Ja, ich glaube, dass wir verändernd wirken, wenn wir uns auf der einen Seite ein Stück Fremdheit bewahren können, und auf der anderen Seite integrationsfähig werden und bleiben, also den Spagat im Alltag üben. Und wir können regelmässig entdecken:

a. Es gibt im Gesundheitswesen ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass der Mensch ein vieldimensionales Wesen ist, mit körperlichen, seelischen, sozialen und spirituellen Bedürfnissen[5].

b. Es gibt bei vielen Professionen im Gesundheitswesen einen Schmerz über die Folgen des Kostendrucks. Es gibt eine Trauer darüber, dass bürokratische Anforderungen die Zeit für kranke Menschen immer reduzieren.

Hier werden unsere BündnispartnerInnen sichtbar, für ein Gesundheitswesen, das mehr will als reparieren und schwarze Zahlen schreiben, sondern wirklich im Dienst von kranken Menschen und ihren Angehörigen steht.

  1. Ein besseres Gesundheitswesen, eine bessere Welt, mehr Reich Gottes unter uns

Strukturell haben wir in den meisten Gesundheitsinstitutionen auf Leitungsebene nichts zu melden. Wir sind ohne Entscheidungsbefugnis und doch nicht ohnmächtig [6]. Wir gestalten in vielen Gesundheitsinstitutionen auf zwei Weisen mit: Zum einen beratend durch Mitarbeit in vielen Gremien, wie im ersten Kapitel erläutert, zum andern durch die tägliche Präsenz auf Station, im Krankenzimmer, in der Cafeteria, beim Personalfest und beim Bleiben in schweren Situationen. Beiden Weisen muss nicht nur themenbezogene Fachkompetenz, sondern auch professionelle Beziehungsarbeit innerhalb der Gesundheitsinstitution vorausgehen und innewohnen. Die Errungenschaft der selbstverständlichen Mitarbeit in vielen Gremien will gepflegt werden.

Ich plädiere für eine verschwenderische Spitalseelsorge

Diese ständige Beziehungspflege – ist das nicht Ressourcenverschwendung? Das tönt wie der Ausruf der pharisäischen Männer über die Frau, die Jesus salbte: «Wozu diese Verschwendung»[7].

Ich plädiere für eine verschwenderische Spitalseelsorge und hoffe, dass sich Gesundheitsinstitutionen, Landeskirchen und Stadtverbände noch lange und immer mehr eine qualifizierte Spitalseelsorge leisten, die kompetent in Fachfragen und professionellen Beziehungsangeboten[8] engagiert ist und entscheidende Akzente mitprägt indem sie

  • Personal unterstützt, das mit Herzblut und Hingabe seinen Dienst tut,
  • Verantwortliche ermutigt an heilsameren Strukturen zu arbeiten und sich nicht allein den schwarzen Zahlen zu verpflichten,
  • kranken und pflegebedürftigen Menschen Ansehen gibt und von unserem treuen Gott erzählt und bleibt, wenn alles zum Davonlaufen ist.

Verschwendung als Programm, das tönt fremd. Auf diese Fremdheit sollten wir nicht verzichten!

[1] Im Folgenden zusammengefasst unter Spitalseelsorge

[2] Siehe auch im Positionspapier der deutschschweizerischen katholischen und der reformiertenSpitalseelsorgevereinigung, gültig seit Januar 2015.

[3] Der Begriff des Einwilligens im Kontext vom Sterben wird von Gabriel Looser eingeführt, Im Sterben die Fülle des Lebens erfahren, Solothurn 1994.

[4] Inspiriert von Pascal Mösli und Steffen Eychmüller, Chancen der Zusammenarbeit…, in: Isabelle Noth und Claudia Kohli Reichenbach, Palliative und Spiritual Care, Zürich 2014, S. 152/153.

[5] Siehe bei der WHO im Zuge der Palliative Care (1984), sowie in zahlreichen Angeboten wie Musiktherapie, Psychoonkologie u.v.a.

[6] Traugott Roser, Transformation in Raum und Zeit, in: Pastoraltheologie 106. Jg., S.443, Göttingen, 2017.

[7] Markusevangelium, 14,4.

[8] Als Kompetenz zu vertiefen in berufsbegleitenden Kursen des Clinical-Pastoral-Trainings, CPT, für deren Finanzierung die Anstellungsbehörden weiterhin und noch mehr einstehen müssen.

Karin Klemm, Dipl. Theologin, Präsidentin der Kath. Spitalseelsorgevereinigung, CPT-Supervisorin, ehem. Spitalseelsorgerin im Akutspital, ab Mai Klinikseelsorgerin in der  Psychiatrie, Dozentin für die Einführung ins Seelsorgegespräch an der Universität Luzern, Familienfrau.

Die Autorin dankt Lucia Hauser, ehem. Spitalseelsorgerin aus Basel, ehem. langjährige Präsidentin der Spitalseelsorgevereinigung, und Nico Derksen, Dr. theol., Kaiserstuhl, für das kritische und inspirierende Gegenlesen.

Bild: R_K_by_Verena-N. / pixelio.de

Print Friendly, PDF & Email