Vor den Bildern sterben die Worte: Ende des Lebens

In Todesnähe tritt das hervor, was auch sonst das Leben kennzeichnet – und das Bildhafte überlebt das Worthafte. Der Theologe und Ethiker Markus Zimmermann kommentiert einige Resultate des großen Schweizer Forschungsverbundprojektes zum Lebensende.

In der Einführung zu dem von ihm herausgegeben Sammelband „Bilder als Vertrauensbrücken. Die Symbolsprache Sterbender verstehen“ schreibt der Zürcher Theologe Simon Peng-Keller: „In Todesnähe tritt hervor, was zu den Kennzeichen menschlichen Lebens überhaupt gehört: dass unser Sprechen, Denken und Erleben imaginativ durchformt ist. Nach Christa Wolfs Kassandra zeigt sich am Lebensende, dass das Bildhafte das Worthafte überlebt: ‚Das letzte wird ein Bild sein, kein Wort. Vor den Bildern sterben die Worte.‘“ [1] Der Autor ist seit drei Jahren Inhaber des ersten Schweizer Lehrstuhls für Spiritual Care an der Universität Zürich. Im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms NFP 67 hat er zusammen mit Kolleginnen und Kollegen und unter der Leitung von Pierre Bühler ein Forschungsprojekt durchgeführt, das sich mit der symbolischen Kommunikation im Horizont visionären Erlebens in Todesnähe beschäftigte.

Symbolische Kommunikation beim visionären Erleben von Todesnähe

Im Projekt ging es darum, den Blick zu schärfen für bislang weitgehend Unbeachtetes im Sterben. Methodisch hat sich das Forschungsteam mit Nahtoderfahrungen, oneiroidem (traumhaftem) Erleben, Traumvisionen und Wachvisionen auseinandergesetzt. [2] Ein für die klinische Praxis wichtiges Ergebnis besteht darin, dass Bedeutung und Funktion von bildhaften Erfahrungen in der Regel unterschätzt werden. Nicht selten werden seltsame Äußerungen Sterbender pathologisiert, als Zeichen eines Deliriums gedeutet und ihre persönliche Bedeutung entsprechend übergangen. Visionen oder Wachträume können Sterbenden dagegen dazu verhelfen, sich (indirekt) mitzuteilen, ihr entgleitendes Selbst narrativ zusammenzuhalten und unter Umständen auch zu transzendieren. [3]

Wer fragt danach, wie sich das Selbst in Todesnähe zusammenhalten lässt?

Die Bedeutung der Spiritualität am Lebensende stand auch im Zentrum zweier weiterer Projekte des Forschungsprogramms: Zum einen haben klinisch tätige Ärztinnen und Ärzte aus den drei Landesteilen der Schweiz rund 200 Sterbende befragt, um herauszufinden, ob, und wenn ja, inwieweit ihnen spirituelle und existenzielle Aspekte in ihrer Lebenssituation wichtig sind (Projekt Borasio); zum andern haben Religionswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler im Alltag von Institutionen, in denen heute zumeist gestorben wird – rund 80 Prozent der Sterbenden in der Schweiz verbringen ihre letzte Lebensphase in einem Spital oder einem Pflegeheim –, mit Sterbenden, Pflegefachkräften, Ärzten, Psychologen und Seelsorgerinnen Interviews geführt, um der Bedeutung so genannter alternativer religiöser Praktiken im Sterben auf die Spur zu kommen (Projekt Lüddeckens). [4]

Spiritualität ist Antwort, Reaktion und Existenzerfahrung

Diese beiden Forschungsprojekte zeigen unter anderem, dass Spiritual Care heute nicht nur in einem religiösen, sondern auch in einem existenziellen Sinn verstanden und entsprechend auch nicht nur von Seelsorgenden praktiziert wird. „Spiritualität ist eine Antwort, eine Reaktion auf Existenzerfahrung“, schreibt Erhard Weiher im eingangs erwähnten Sammelband von Peng-Keller, und weiter: „Wenn das medizinisch Machbare und Mechanische ausgereizt ist, werden im Modus der symbolischen Kommunikation Ressourcen als Sinn- und Krafträume erschlossen, mit denen das Schwere und Unvermeidliche besser getragen werden kann.“ [5]

Ein interdisziplinäres Großprojekt

Fünf Jahre lang, von 2012 bis 2017, wurde im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms NFP 67 zum Thema „Lebensende“ geforscht. Beteiligt waren rund 200 Forscherinnen und Forscher aus unterschiedlichen Disziplinen, darunter neben den erwähnten Bereichen auch Fachleute der Rechts-, Gesundheits- und Pflegewissenschaft, zudem der Soziologie, Ökonomie, Heilpädagogik, Sozialarbeit sowie der Hebammenkunde. Die Ergebnisse aus insgesamt 33 Forschungsprojekten wurden in einem Synthesebericht zusammengefasst, der online in drei Sprachen zugänglich ist.[6] Ein rascher Blick auf die Ergebnisse zeigt: für Theologie und Kirchen ist nicht nur die Spiritual Care von Bedeutung, sondern eine Vielzahl weiterer Fragestellungen und Resultate, die im Rahmen des Programms untersucht bzw. erarbeitet wurden.

Sind beispielsweise pflegende Angehörige aufgrund der alltäglichen Aufgaben, die sie zu bewältigen haben, überfordert und führt dies zu unnötigen Spitaleinweisungen (Projekt Sottas) oder lässt sich die Pflege der Angehörigen nicht mit einer Berufstätigkeit vereinbaren (Projekt Berthod), ist eine profundere Kenntnis der Zusammenhänge auch für die Seelsorge von Bedeutung. Einblicke in den Sterbealltag von Personen mit geistiger Behinderung (Projekt Wicki), von Menschen in Haft (Projekt Hostettler), von Menschen, die unter einer Demenz leiden (Projekt Wolf), von extrem Frühgeborenen an der Grenze zur Lebensfähigkeit (Projekte Berger und Fauchère) oder von Kindern mit lebensbedrohlichen Erkrankungen (Projekt Elger) können ebenfalls für die Seelsorge wichtig sein: Sei dies, weil Seelsorgerinnen und Seelsorger in ihrer Arbeit den Genannten und ihren Angehörigen begegnen, sei es, dass sie aufgrund der Beschäftigung mit den Forschungsergebnissen besondere Aufgabenbereiche für die Seelsorge entdecken. Dass Menschen in Haft heute durchaus ein hohes Alter erreichen und im Gefängnis sterben können, ist beispielsweise ein neues Phänomen, auf das die Haftanstalten noch weitgehend unvorbereitet sind.

Was können wir aus den Sterbenarrativen für die Seelsorge lernen?

Von Bedeutung für die Begleitung Sterbender sind zudem Erkenntnisse, die sich aus der Erforschung von Sterbewünschen von Menschen am Lebensende ergeben haben (Projekte Monod und Gudat). Die Erkundung von Sterbenarrativen hat gezeigt, dass zwei Aspekte besonders häufig erwähnt werden: zum einen das Ideal, das eigene Sterben akzeptieren zu können, zum andern das negative Gefühl, für andere eine Belastung zu sein. Die hermeneutische Analyse dieser Erzählelemente zeigt, dass diese je nach Situation von den Betroffenen sehr unterschiedlich verstanden werden. Das Ideal, das eigene Sterben zu akzeptieren, kann Teil einer Bewältigungsstrategie sein, Ausdruck einer moralischen oder spirituellen Vorstellung, oder auch einfach Ausdruck einer persönlichen Einstellung zum Leben und Schicksal. Das Gefühl, für andere eine Last zu sein, kann ebenfalls sehr Verschiedenes zum Ausdruck bringen. Meist sind Gefühle wie Scham, Ärger und Selbsthass damit verbunden, aber durchaus auch die Sorge um das Wohl der anderen Menschen, die vielleicht überfordert sind mit der Pflege ihrer sterbenden Angehörigen. Sterbewünsche können zwar, sind aber meist nicht mit dem Wunsch verbunden, das Sterben zu beschleunigen.

Die letzte Lebensphase ist ein eigener Teil der Normalbiografie

Die Forschung reichte von der Untersuchung des Zugangs zur Basisversorgung über das Spektrum der Entscheidungsfindung am Lebensende bis hin zur ganzheitlichen Begleitung am Lebensende. Damit ist in der Wissenschaftswelt angekommen, was sich in den letzten Jahren auch in anderen gesellschaftlichen Teilbereichen verändert hat: die Wahrnehmung der letzten Lebensphase als eines eigenständigen Teils einer Normalbiographie. Ob sich das heute etablierte Ideal eines kontrollierten und selbstbestimmten Sterbens gesellschaftlich halten wird oder von neuen Leitbildern ergänzt oder ersetzt werden wird, wäre aus soziologischer respektive ethischer Perspektive eine spannende Fragestellung für ein nächstes Forschungsprogramm.

 

[1] Peng-Keller, Simon (Hg.) (2017): Bilder als Vertrauensbrücken. Die Symbolsprache Sterbender verstehen, Berlin/Boston: De Gruyter (Studies in Spiritual Care, Vol. 2), 11; für das Zitat im Zitat sowie im Titel dieses Beitrags siehe: Wolf, Christa (1983): Kassandra, Darmstadt: Luchterhand, 26.

[2] Ebd., 10f. Vgl. dazu auch die Monographie Peng-Keller, Simon (2017): Sinnereignisse in Todesnähe. Traum- und Wachvisionen Sterbender und Nahtoderfahrungen im Horizont von Spiritual Care, Berlin/Boston: De Gruyter (Studies in Spiritual Care, Vol. 1).

[3] Ebd. (Anm. [1]), 14–16.

[4] Detaillierte Angaben zu diesen sowie allen weiteren Projekten sind online unter www.nfp67.ch zu finden.

[5] Weiher, Erhard (2017), Symbolische Kommunikation in Seelsorge und Spiritual Care, in: Peng-Keller, Simon (Hg.) (2017): Bilder als Vertrauensbrücken. Die Symbolsprache Sterbender verstehen, Berlin/Boston: De Gruyter, 17–34, hier: 21 und 34.

[6] Vgl. www.nfp67.ch.

Dr. Markus Zimmermann, Titularprofessor, Lehr- und Forschungsrat für Christliche Sozialethik an der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg, Schweiz. Er ist Präsident der Leitungsgruppe des Forschungsprogramms.

Das Bild zeigt die Abschlussveranstaltung des NFP zur Vorstellung des Syntheseberichts (Eventfabrik Bern) mit dem Autor (ganz links). Rechte: SNF

 

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